romantisch verklärt

Kategorie: Literatur

Jeder Pinselstrich ist erfüllt von dem bitteren Gefühl, dass dieses Gebäude eine unerträgliche Zumutung für die Realität ist

Ich bin nicht unglücklich, dass dieses Jahr endlich vorbei ist, denn: Es war ein Jahr zum Vergessen. Ein Jahr, das ich fast nicht überlebt hätte. Ein Jahr exorbitanten Scheiterns und der schlimmsten Krise, die ich jemals hatte. Ein Jahr, in dem ich nach langer Sterbebegleitung erstmals den Tod einer mir nahestehenden Person verkraften musste. Ein Jahr, in dem mehrere wichtige Beziehung zu bröseln angefangen haben oder mit einem Mal eingestürzt sind. Ein Jahr, in dem meine Oase, die Alpen, durch grenzüberschreitendes Verhalten mit schrecklichen Erinnerungen besetzt wurde. Ein Jahr, in dem das, was ich geschaffen habe, lediglich abgelehnt wurde. Ein Jahr, in dem meine Hypochrondrie, meine Depressionen und meine psychosomatischen Symptome Überhand genommen haben. Ein Jahr, das mir jede Hoffnung genommen hat. Ob man ohne Hoffnung leben kann oder nicht, werde ich 2019 sehen.
Da es aber auch kleine Blümchen gab, denen es gelungen ist, sich durch die Scheiße, unter der sie wachsen mussten, Bahn zu brechen, soll auf sie der Vollständigkeit halber ebenso gedeutet werden. 1. Ich habe das Abi endlich nachgeholt, den Vollsatz Bafög zugesprochen bekommen und endlich das zu studieren begonnen, was mich tatsächlich interessiert: Germanistische Linguistik und Gender Studies. 2. Mich hat es dank glücklicher Umstände nach Georgien verschlagen (ein ausführlicher Bericht dazu hier), wo ich wunderbare Menschen kennengelernt und zwei Personen besonders ins Herz geschlossen habe. 3. Bei SUKULTUR ist es mir gelungen, zwei Beitragende zu gewinnen, die für verlagsinterne Bestseller gesorgt haben (siehe Webseite). 4. Nachdem ich meinen Mac durch einen üblen Unfall geschrottet und eine Crowdfundingcampagne zur Datenrettung und Laptopbeschaffung (siehe Dankesvideo) gestartet habe, habe ich eine überwältigende Welle der Solidarität erfahren. Diese Solidarität war es schließlich auch, die mir ein gebrauchtes Macbook für lau bescherte (Liebe für dich, Steffi), sowie eine kostspielige Datenrettung abwenden konnte (Liebe für dich, Torsten). Ich konnte allen das gespendete Geld zurücküberweisen.

Zu guter Letzt: Ich habe dieses Jahr ein wenig mehr gelesen als die vergangenen Jahre zuvor. Meinem Anspruch, mir ein Jahr lang ausschließlich Autorinnen zu Gemüte zu führen, bin ich sogar beinahe gerecht geworden. Habe noch nie innerhalb eines Jahres so viele gute Bücher gelesen. Insofern: Noch so eine Blümchen, das sich durch den Scheißhaufen gekämpft hat.

Wie immer kopiere ich einfach bloß meine FB-Rezensionen hier rein. Los geht’s.

Theresia EnzensbergerBlaupause

Von meinem Bruder zu Weihnachten geschenkt bekommen. Hatte zunächst nicht vor, es zu lesen, das Buch allerdings doch aufgeschlagen, weil sich keine ansprechenden Lektüren im Hause meiner Eltern mehr befanden. Ein gelungenes Debüt, das wegen seiner feministischen Kritik bei mir offene Türen einrennt und sich gut liest. Nichts Überragendes, aber mein Gott, warum muss auch alles bis zum Erbrechen optimiert sein. Bücher wie diese, die weder bahnbrechend noch trivial sein wollen, tun einfach gut.

Yann MartelEin Hemd des 20. Jahrhunderts

Wieder ein Buch über den Holocaust? Ja – aber eins, das es so noch nie gegeben haben dürfte. Yann Martels Roman verhandelt die Frage, wie über den Holocaust geschrieben werden bzw. von ihm erzählt werden kann; und das in einer Weise, die so ungewöhnlich, tieftraurig und beklemmend ist, das ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Vorbehaltlose Empfehlung.

BEATRICE: Gräuel, das ist noch besser. Die Gräuel. Mehrzahl. Gräuel, das klingt wie ein Schöpflöffel, der eine Suppe aus der Hölle löffelt, der das Undenkbare und Unvorstellbare aufkellt, die Katastrophe, die Feuersbrunst, den Schrecken und das Tohuwabohu.
VERGIL: Dann wollen wir es die Gräuel nennen.
BEATRICE: Gut.
(Pause.)
BEATRICE: Und wir reden wir nun über die Gräuel?

Ruth Klügerweiter leben

Warum zum Henker hat mir niemand von euch Ruth Klüger schon früher ans Herz gelegt? Wozu habe ich ’ne fucking Friendlist? Am liebsten würde ich euch alle dafür rausschmeißen, wenn mir das nicht zu aufwändig wäre. Von daher bloß folgende Aufforderung: Lest einfach dieses Buch. Es ist ein wahrer Genuss, den Reflexionen dieser Frau zu folgen. Und die Sprache, die Sprache, hach.

Svenja FlaßpöhlerDie potente Frau 

Einen ausführlichen Verriss zum Essay findet ihr hier.

Margaret AtwoodDer Report der Magd

Margaret Atwood ist so eine Autorin, deren literarische Qualitäten einem verdeutlichen, dass zwischen ihrem und dem eigenen Schreiben Dimensionen liegen. Ist auf der einen Seite natürlich deprimierend, auf der anderen Seite aber auch schön: nicht nur, weil man von ihr lernen, sondern sie auch bewundern kann.
Was ich am Roman beindrucken fand, war, dass er sich wie ein biografischer Text liest. Lässt Atwood ihre Erzählerin Desfred reflektieren und/oder das eigene Befinden auseinandersetzen, kommt es einem so vor, als sei das alles tatsächlich geschehen, so nachvollziehbar, so naheliegend beschreibt sie das, was in ihrer Protagonistin vorgeht. Es ist kein Buch, dass man einfach so wegliest — zumindest für mich nicht –, sondern die Aufmerksamkeit der Leser*innen einfordert. Zuweilen ist es sogar anstrengend; nichtsdestotrotz aber unbedingt lesenswert.

Jane AustenStolz und Vorurteil

Lange hat mich eine Lektüre nicht mehr so gefesselt wie „Stolz und Vorurteil“. Und es dürfte wohl das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, dass ich ein Buch quasi wegen des ersten Satzes gekauft habe.
(„Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines gewissen Vermögens auf der Suche nach einer Frau sein muss.“ Fischer-Ausgabe.) Ein erster Satz, der nicht, wie die meisten anderen, die ich gelesen habe, ein leeres Versprechen ist, sondern noch viel mehr bietet, als er in Aussicht stellt.
Austen kann so spektakulär unterhaltsam und einnehmend erzählen, dass ich mir beim Lesen immer wieder dachte „Scheiße man, ja, das ist Literatur, allergrößte Erzähl- und Beobachtungskunst. Genau da will ich später einmal selbst hin!“ Bisher die beste Liebesgeschichte, die ich gelesen habe. Und an die betont maskulinen Männer ringsherum: Da auch ihr Menschen seid und als solche ein Bedürfnis nach erfüllter Liebe habt, ist es keine Schande, das Buch nicht nur wegen seiner sprachlichen Perfektion und seiner großen Gesellschaftskritik zu mögen, sondern auch und vor allem wegen der Beziehung zwischen Lizzy und Mr. Darcy.
Nachtrag: Ich hab übrigens die Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié gelesen. Mir hat sie sehr gut gefallen!

Christa WolfKein Ort. Nirgends

Bildungslücke geschlossen und endlich etwas von Christa Wolf gelesen. Ein fiktives Treffen zwischen Günderode und Kleist. Sehr viele schöne Stellen, die ich mir habe makieren müssen. Wegen des teilweise assoziativen Stils, manieriert altmodischen Duktus und der Perpektivenwechsel, die nicht nur bei den Figuren, sondern auch hinsichtlich Innen und Außen stattfinden, ist das Buch allerdings nichts, was man mal eben schnell wegliest, obwohl es nur plus/minus hundert Seiten hat. Keine Angst: Die Mühe, die man beim Lesen eventuell empfindet, amortisiert sich. Daher: lesen.

Annemarie SchwarzenbachEine Frau zu sehen

Meist bin ich nicht unglücklich darüber, wenn ein Buch zu Ende ist, selbst wenn es mir gefallen hat. Bei Annemarie Schwarzenbach dachte ich mir allerdings, NEEIN, WIESO?!!1!
Queere, zumal lesbische, Literatur ist ja in der (deutschen) Bücherlandschaft nach wie vor extrem selten (wohl bemerkt: im Jahr 2018. Wie erbärmlich). Und es ist ja nicht so, dass, hat man mal eine Lektüre gefunden, literarische Qualität automatisch garantiert ist. Daher schmerzt es natürlich, dass „Eine Frau zu sehen“ so unfassbar kurz ist… denn es ist literarisch nicht nur ein Kleinod, sondern nachgerade mitreißend und magisch. Wer etwas zu Themen wie Sehnsucht lesen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Eine menschliche Regung so gut zu versprachlichen, dass selbst einigermaßen empathielose Personen sich in die Figur, die diese schildert, einfühlen können, kann ja nun beleibe nicht jede*r. Lesen!

Margarete StokowskiUntenrum frei 

Dazu muss ich eigentlich nicht viel sagen. Für mich das deutschsprachige Standardwerk des Feminismus. Eines meiner Highlights dieses Jahr.

Peet ThesingFeministische Psychiatriekritik

Eine ausgesprochen empfehlenswerte Lektüre, obwohl ich nicht in allen Punkten beipflichte. Manche Vergleiche erschienen mir schief, einzelne Aussagen undifferenziert, ein, zwei Gedanken nicht zu ende gedacht. Insgesamt jedoch überwiegt die geistige Bereicherung, die mir dieses schmale Buch beschert hat. Es gibt einem zahlreiche wertvolle Denkanstöße sowie einen Einblick in eine herrschaftskritische Perspektive auf die Institution Psychiatrie und all das, was diese hervorbringt.

Bettina WilpertNichts, was uns passiert

Weiß nicht, wann ich zuletzt einen Roman an einem Tag durchgelesen habe. Ist zumindest einigermaßen lange her. Sehr gelungenes Buch darüber, welche Dynamiken sich innerhalb des sozialen Umfelds auftun, sobald Vergewaltigungsvorwüfe im Raum stehen. Vor allem literarisch überzeugt das Buch. Die Wiedergabe mündlicher Berichte war imho nicht nur sehr lesbar ausgeführt, sondern auch ästhetisch ansprechend. Inwiefern die Sprache daher sperrig oder holprig sein soll, wie einige Kritiker*innen dem Roman vorwerfen, erschließt sich mir nicht. Aber nu, Kunst ist ja dafür da, um sich darübr uneins sein zu können.
Von meiner Seite zumindest vorbehaltlose Leseempfehlung.

Goran Vojnović — Unterm Feigenbaum

Hab’s angelegentlich eines Abend der slowenischen Literatur, der in der Lettrétage stattfand, gelesen. Ein Familiengeschichten-Roman, der das große Thema Trennug verhandelt. Liest sich gut weg, aber zu viele Längen und teilweise so stark darum bemüht, große Literatur zu sein, dass es ins Pathetische geht. Männlich heterosexuelles Erzählen. Hätte darauf verzichten können.

Toni MorrisonGott, hilf dem Kind

Die zweite Lektüre dieses Jahr, die ich mir wegen des ersten Satzes gekauft habe („Ich kann nichts dafür.“ Und weiter: „Mir könnt ihr nicht die Schuld geben.“). Es ist mein erstes Buch von Morrison, und eine ganze Weile wurde mir nicht klar, worauf der Text hinauslaufen soll. Letztlich allerdings fügen sich die Teile passgenau zusammen, und man erkennt, dass man eine Geschichte über Kinder vor sich hat, die tiefe Verletzungen (sexueller Missbrauch, Rassismus, Verwahrlosung, Demütigungen etc.) erfahren mussten, und wie schwer es ist, selbst oder gerade als Erwachsene*r damit fertig zu werden. Leseempfehlung.

Johanna MoosdorfDie Freundinnen

Hatte mich sehr auf das Buch gefreut, weil es mit dem Label „lesbische Literatur“ beworben wurde. Eine lesbische Beziehung gibt es dann auch tatsächlich; allerdings geht es im Großen und Ganzen weniger um Homosexualität als um Herrschaftskritik. Eine Liebe, die sich widerständig gegen das Patriarchat zu behaupten versucht, auf Augenhöhe stattfinden soll, losgelöst von Geschlechterrollen und ihren damit verbundenen gewaltvollen Dynamiken. Klingt super, und eins vorweg: Wann immer Moosdorf zur konkreten gesellschaftlichen Analyse ansetzt, habe ich das Buch gerne gelesen (Fun Fact: Es muss wahrscheinlich nicht erwähnt werden, dass das Buch lange keinen Verlag gefunden hat.) Insgesamt aber habe ich mich mit dem Durchlesen schwer getan. Möglicherweise lag es an den großen erzählerischen Sprüngen, dem Hin und Her zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit, wieder Gegenwart usw; oder an der Beziehung, die mir mehr als ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis psychisch labiler Protagonistinnen erschien denn als Liebe; oder an der sperrigen Sprache, die mir zu häufig pathetisch und gleichzeitig oberarmstreichlerisch war; oder an den Ausflügen in die Mystik, für dich ich nie zu haben sein werde; oder who knows. Ich hoffe ja, es trifft alles zu. Mein Buch war es nicht. Wegen der gelungenen Kritik am Patriarchat bin ich dennoch nicht unglücklich, es gelesen zu haben.

Das war’s. Einen guten Rutsch!

 

 

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Auf zum Atem

Normalerweise komme ich nicht raus. Besser gesagt, nicht über das hinaus, was ich kenne. Deutschland, Österreich, Schweiz, Norditalien. Mehr kannte ich bisher noch nicht. Mehr brauchte ich auch nicht. Und da ich noch nie zu denjenigen gehört habe — ich nehme es zumindest an –, die das vermissen, was sie nicht gesehen haben, hat mir nichts gefehlt. In ein Flugzeug bin ich das erste Mal 2016 gestiegen: Da war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Ein guter Freund von mir meinte, unfreiwillig onkelhaft, er fände es süß, dass ich erst so spät mein Flugdebüt gehabt habe. Berücksichtigt man jedoch meine soziale Herkunft, ist es bloß eine logische Konsequenz, dass es bei mir etwas länger gedauert hat als bei Freund*innen. Ich komme aus einem ostdeutschen Working-Class-Haushalt. Meine Eltern sind keine AkerdemikerInnen, haben nicht einmal Abitur und sind in einem Repressiosstaat aufgewachsen. Einem Repressionsstaat, in dem sie eingesperrt waren. Die Ostsee galt ebenda bereits als Happening, mit dem man sich in Erlebniserzählungen profilieren konnte.
Wir waren nicht arm, aber weit von einem Lifestyle entfernt, bei dem weite Reisen mit dem Flugzeug ein Thema gewesen wären. Der Urlaub im Ausland war, ausgehend von meiner damaligen Kinderperspektive, den anderen, vermögenden Personen vorbehalten: den Sprösslingen von Rechtsanwält*innen, Ärzt*innen, Firmenchef*innen etc. Und es war ja auch Realität: eine Realität, die ich nicht nur beobachtet, sondern selbst erfahren habe. Ging es mir schlecht damit? Gewiss nicht. Das Ausland stellte für mich etwas Entferntes und mithin ganz und gar Abstraktes dar, dass ich kaum an seine organische Existenz glauben konnte. Skirurlaub in Tirol, Faulenzen in Spanien, Flanieren durch Rom stellten nicht mehr als Erzählungen dar — etwas also, das — sofern nicht selbst gesehen und erlebt — nicht mehr und nicht weniger als Fiktion ist.

Erst als ich nach Berlin zog, fiel mir auf, dass ich mit meinem Mangel an Auslandserfahrung — wie so oft — als Außenseiterin da stand, als Exotin, deren Lebensweg mein weitgereistes Umfeld schwerlich nachvollziehen und -empfinden konnte, insofern es irritierte. Als hätte man ganz vergessen, dass es Hintergründe wie den meinen gibt. Als wäre mein Backround genauso eine Erzählung respektive Fiktion für sie wie ihre Urlaubsberichte für mich. Aber außen vor und für die meisten einigermaßen uninteressant zu sein, stellt für mich keine Situation dar, an die ich nicht bereits gewöhnt gewesen wäre; also mach(t)e ich hieraus mal wieder eine trotzige Tugend. Wenn ich gesagt hätte Ich will euch nicht, wäre es glatt gelogen gewesen. Ehrlicher hingegen: Ich brauche euch nicht. Genau diese Diskrepanz stellt seit jeher eine der großen Redundanzen in mein Leben dar. Ich will die ganze Welt, obwohl ich nur einen kleinen Teil von ihr mag, obwohl ich nicht auf sie angewiesen bin. Bei genauerer Betrachtung liest sich das wie ein archetypisch kapitalistisches Bedürfnis.

Im Mai allerdings, einem Monat, in dem es mir dank körperlicher Beschwerden und einer Hypochondrie pathologischen Ausmaßes sensationell schlecht ging, kontaktierte mich Zoë Beck nach einem schönen Treffen mit Elisabeth Botros, kaum dass ich zur Haustür hereingekommen bin, via FB und machte mich auf einen Wettbewerb aufmerksam, der mit einer Reise nach Georgien verbunden war. Ich hatte bis dato noch nie etwas von ihm gehört, nicht zuletzt deshalb, weil er erst dieses Jahr international ausgerichtet wurde: Der Pen-Marathon. Die, nenne ich’s: Qualifikationsphase dauerte genau vierundzwanzig Stunden. Aufgabe war, einen Twittertext bzw. Text in Twitterlänge — optional etwas darüber hinaus — zu schreiben, der die politische Flucht einer Person nach Georgien verhandeln sollte. Ich war skeptisch und gab Zoë zu bedenken, dass ich angelegentlich meines Schreibens noch nie für irgendetwas Größeres nominiert worden und mein marodes Englisch mir viel zu peinlich sei. Zoë indes entzog mir jede Berechtigung zum Hadern, als sie mir versicherte, dass es DolmetscherInnen geben würde.  Da hatte ich den Salat. In sechs Stunden musste ich aufstehen wegen eines vermaledeiten Jobcenter-Termins, und jetzt, mitten in der Nacht, sollte ich auch noch einen wettbewerbstauglichen Text verfassen unter einem Themenschwerpunkt, der mir alles andere als lag. Jetzt musste es mal wieder der Feminismus richten — wie so oft.

Mein Erzeugnis kam mir einigermaßen platt vor, trotz Kill-Bill-Referenz, doch zu mehr war ich in der Kürze der Zeit außerstande. Nur zwei Tage später allerdings — die Texte wurden von den drei JurorInnen innerhalb von vierundzwandzig Stunden gelesen — erfuhr ich, dass ich als Finalistin ausgewählt wurde. Das war ergreifend. So ergreifend wie überfordernd. Georgien war keine Fiktion mehr, keine Aussicht, an die ich ohnedies nicht glaubte, sondern nahende Realität. Das Schreiben, Herausgeben und, damit einhergehend, Selbstinszenieren hatte mir schon viele  Privilegien verschafft. Dieses hier ist das bisher größte von allen.

Natürlich zweifelte ich prompt an meiner Nominierung; glaubte, ich hätte sie mir erschlichen durch das Wohlwollen eine der JurorInnen. Das Imposter-Phänomen ließ grüßen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Frauen unter den Nominierten. Bei der Unfähigkeit, Erfolge zu internalisieren, kann angesichts der großen Verbreitung unter Frauen eigentlich keine Rede mehr von einem Phänomen sein. Da ich es aber gar nicht anders kenne, sann ich weniger darüber nach, inwieweit mein Text gut oder schlecht war, als mich über die einmalige Chance zu freuen, in den Kaukasus für umme zu reisen.

Doch so sehr ich mich auch über die Reise freute, so stark trieben mich auch meine Ängste um. Anlässlich meines übertriebenen Sicherheitsbedürfnisses sowie den sich daraus speisenden Neurosen war ich bereits vor der Reise derart unter Strom, dass ich eine ansonsten harmlose Infektion, auf die tiefer einzugehen ich an dieser Stelle verzichten möchte, aller hochdosierter medikamentöser Behandlungen zum Trutze nicht los wurde. Die Zeit wurde knapp und knapper, die Infektion und Beschwerden proportional dazu schlimmer, sodass ich am Sonntag, den 17. Juni, bereits fest davon ausging, nicht nach Georgien reisen zu können, ohne ein sehr großes gesundheitliches Risiko auf mich zu nehmen. Ein Risiko, das ich nicht eingehen wollte. Niedergeschlagen warnte ich daher einen der deutschen Organisatoren vor, daheim zu bleiben; es sei denn, der Arzt, den ich am Tag der Abreise noch einmal aufsuchen wollte, gäbe mir grünes Licht. Und was schreibe ich hier im Irreales, er hat es ja schließlich getan, also grünes Licht gegeben, es sei keine Infektion mehr zu sehen, weiß Gott, warum ich noch Beschwerden hätte. Also rannte ich glücklich nach Hause, packte schnell meine sieben Sachen zusammen und spurtete zum Flughafen, derweil ich einen Anruf von der Redakteurin von Wer wird Millionär beantwortete, die mir mitteilte, dass ich als Kandidatin ausgewählt wurde — doch das ist eine andere Geschichte.

18. 06. 2018: Die Anreise

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Ich treffe mich mit Sarah Berger am Flughafen Tegel. Ein wenig konsterniert suchen wir nach dem Check-In-Schalter und wissen nicht so recht, wie wir unsere Flugtickets erlangen können, waren es doch nicht wir selbst, die die Reisebuchung vorgenommen haben, sondern die georgischen Veranstalter*innen. In einer unerfreulichen langen Schlange, abseits der unseren, erkenne ich Lasse Kohlmeyer, der ebenfalls zu den FinalistInnen gehört. Sarah eilt zu ihm und erkundigt sich, ob wir richtig stünden. Wie sich herausstellt, hat alles seine Richtigkeit. Entnervt von der Länge der Schlange beschließen Sarah und ich noch eine zu rauchen und lassen uns über die langweiligen sowie politisch kalkulierten Texte aus, die bevorzugt bei großen Wettbewerben nominiert werden. Als wir wieder reinkommen, sehen wir auch schon Sophie Sumburane anstehen, ebenfalls Finalistin. Wir finden schnell ein Draht zueinander und kommen flugs auf das Thema Neuruosen zu sprechen, da nicht nur ich unter ihnen leide, wenn auch — vermutlich — mit Abstand am stärksten. Derweil ich mich unterhalte, mache ich mir immer wieder über meine Blase sorge, die zwickt, und versuche katastrophisierenden Vorstellungen mit beruhigenden Phrasen beizukommen. Klappt nur bedingt, die darauf folgenden Tage sogar noch schlechter.
Die Angst, dass vor Ort, also in Georgien selbst, etwas passieren könnte, ist ungleich größer als meine Angst vor dem Fliegen, und so erlebe ich nicht nur einen stressfreien, sondern halbwegs erbaulichen Flug mit Turkish Airlines, an deren Service ich mich labe, gibt es doch nicht nur für einen läppischen zweieinhalb Stundenflug bereits Fernsehen, sondern auch Essen. Essen, das essbar ist. Wir können den Service kaum glauben, und ich bin wild entschlossen, noch im Flughafen Istanbul, wo uns ein fünfstündiger Aufenthalt bevorsteht, die Airline über alle Social-Media-Kanäle zu verklären.
Am Flughafen angekommen, versuchen wir alle verzweifelt, kaum dass wir ausgestiegen sind, mit unseren Handys ins Internet zu kommen. Etwas, das nach einigen Anlaufschwierigkeiten funktioniert, allerdings mit dem Haken verbunden ist, dass man lediglich ein Kontingent von zwei Stunden zugesprochen bekommt, das eine ganze Woche lang gilt. Zwei Stunden sind bei einem fünfstündigen Aufenthalt drei zu wenig, und so grasen wir die Hallen nach einem Restaurant mit WiFi und Eurobezahloption ab. Gibt es tatsächlich, und der Kellner, der uns bedient, kann sogar Deutsch. Überhaupt bin ich während der ganzen Reise immer wieder überrascht, wieviele Menschen Deutsch zu sprechen vermögen, während die Fremdsprachenkenntnisse von uns FinalistInnen nicht über das Englische hinausgehen. Derweil wir zusammen im Restaurant sitzen, sind wir ungleich mehr mit unserer Social-Media-Präsenz beschäftigt, als miteinander, die wir fünf Tage zusammen verbringen sollen. Etwas, das wir natürlich schnell bemerken und uns einigermaßen amüsiert.
Nach und nach stoßen die anderen dazu, erst Jana Vollkmann (Wien), dann Thilo Dierkes (F.a.M.), dann Simona Harmeinecke (Bremen) und zuletzt Martin Spieß (Hannover). Daniel Stähr begegnen wir erst am Flughafen Tiflis. Nach Tiflis fliegen neben der deutschen Delegation obendrein das georgische Rugby-Team, das bei seiner Ankunft, mitten in der Nacht, bereits von zahlreichen Fans und Reporter*innen erwartet wird. Und wir dachten zunächst noch, bei den jolenden sowie singenden Männern handelte es sich um Hobbyfußballer, die ein Spiel in der hiesigen Kreisliga für sich entschieden haben! In Tiflis werden wir schließlich von Zaza Shengelia abgeholt, der uns im Auftrag des Diogene Verlags (größtes Verlagshaus Georgiens) während der gesamten Reise betreut. Nachdem uns bei einem Drink die Modalitäten des Wettbewerbs auseinandergesetzt werden, verlassen wir endlich den Flughafen und steigen in einen Transporter, der uns zum Hotel abseits der Stadt bringen soll. Wenn ich sage abseits der Stadt, klingt es, als gäbe es trotz aller Abseitigkeit noch irgendeine räumliche Beziehung zwischen Hotel und Hauptstadt. Tatsächlich allerdings ist die einzige Anbindung zwischen beidem lediglich eine neunzig kilometerlange Straße. Eine neunzig kilometerlange, mit Schlaglöchern übersähte Straße, über die unser Fahrer so heizt, dass uns ganz anders wird. Nach der Sprache identifiziere ich prompt den zweiten kulturellen Unterschied zwischen Deutschland und Georgien: das Fahrverhalten der Verkehrsteilnehmenden. Und ein dritter gesellt sich gleich dazu: der Zustand der auf dem Land befindlichen und singulär an den Straßen angesiedelten Häuser. Ein Zustand, der mich so faszniert wie erschreckt. In erster Linie natürlich deshalb, weil das bröckelige Gemäuer, der abfallende Putz, die verblassten Farben, die maroden Holzfenster, die instabil und zusammengebastelt anmutenden Balkone ein Epitom dessen darstellen, was in West-und Mitteleuropa zumindest nicht äußerlich zum Tragen kommt: die ausgesprochene Limitation, die begrenzten Mittel, die westliche Vergangenheit, die hier am Kaukasus noch Gegenwart ist. Armut. Eine Armut, die mich unsicher macht. Mich mit meinem exorbitanten Sicherheitsbedürfnis. Irgendwo in Timbuktu, umgeben von latent an Favelahütten erinnernden Häusern — ich will mir nicht vorstellen, wie es um die medizinische Versorgung bestellt ist. Und ich bitte zum lieben Gott, als wäre ich wieder acht Jahre alt, dass mich während der Reise kein Unstern heimsucht.

Anders als kommuniziert werden wir nicht in Tsinandali bzw. im Tsinandali Resort untergebracht, sondern im Hotel Marosheni, das im Dorf Bakurts’ikhe liegt. Als wir an den ärmlichen Häusern mit ihrer eigentümlichen Ästhetik des Verfalls vorbeifahren und im Dorf eintreffen — ich bin von einer kleinen Stadt ausgegangen –, versuche ich, nicht in Panik auszubrechen. Das Auto hält an, wir steigen aus, es ist etwa sieben Uhr Ortszeit, und wir schießen unverzüglich Fotos vom Kaukasuspanorama, das sich hinter dem Tal wie eine Illusion auftut.

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#caucasus #kaukasus #penmarathon

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19.06.2018: Tag 1

Ohne wirklich geschlafen zu haben, dusche ich und gehe hinunter zu den anderen, die bereits am Tisch sitzen mit Maja Badridse (literarische Übersetzerin, während unseres Aufenthalts aber in der Funktion der Dolmetscherin), Judith Hoffmann (mediacampus frankfurt) und Christiane Schmidt (Lektorin). Wir stellen einander vor und diskutieren unter anderem über Sexismus und Rassismus. Eine einsame Stimme tadelt, inzwischen wünsche sie sich weniger politische Korrektheit unter jungen Menschen, womit der überwiegende Teil der Gruppe fremdelt. Anschließend geht es zum Essen, das in Georgien von außerordentlicher Beudeutung ist und fernerhin eine gustatorische Freude. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber aus Angst, die Georger*innen vor den Kopf zu stoßen, nehme ich trotzdem ein paar Bissen zu mir.  In Georgien schließen sich, zumindest was das Essen betrifft, Qualität und Quantität einander nicht aus. Ist der Tisch vollgestellt, werden auf den Speisen einfach weitere Speisen gestapelt. Ferner tritt mehrmals ein/e Kellner/in zu einem heran, um den benutzten Teller durch einen frischen zu ersetzen. Ich schaue in die so bescheidenen wie pflichterfüllten Mienen der KellnerInnen, und bin vor allem vom Antlitz desjenigen Kellners ergriffen, der Geschirr und Essen hinstellt, als seien sie fragile und kostbare Dinge, die man vorsichtig und würdevoll behandeln müsse. Wir essen und essen, doch die KellnerInnen hören nicht auf, weitere Speisen aufzutafeln. Als wir nach anderthalb Stunden endlich fertig sind, wird uns Angst und Bange vor dem Abendessen.
Nach dem Essen begeben wir uns zu einem von Christiane Schmidt initiierten Schreibworkshop, der weniger Workshop ist als ein Experiment zur Verständigung zwischen Autor*innen mit unterschiedlichem Sprachhintergrund. Maja Badridse wächst über sich hinaus und dolmetscht, wie sie vermutlich noch nie in ihrem Leben gedolmetscht hat. Und dennoch, eine gewisse Behäbig- und Zähigkeit, die sich wie Kaugummi durch die dreistündige Veranstaltung ziehen, lassen sich nicht vermeiden und setzen mir körperlich wie psychisch zu. Erschöpft gehe ich in mein Zimmer und ringe mit Wahrnehmungsstörungen. Wahrnehmungsstörungen, die in hypochondrischen Ängsten münden. Um mich runterzubringen und abzulenken, öffne ich auf Youtube eine Doku über Oliver Kahn, ohne dass sie die gewünschte Wirkung erzielt. Also stehe ich auf und gehe hinunter, um nicht meinem Psychoterror bzw. mir selbst ausgeliefert zu sein. Die Gesellschaft mit der anderen tut mir gut, es gelingt mir, mich zu regulieren, und ich genieße das Essen.
Danach findet das erste Saufgelage statt. Ein Saufgelage, dem ich zwar beiwohne, an dem ich aber nicht partizipiere. Mich sollte während des gesamten Aufenthalts die Trinkfestigkeit meiner lieben MitstreiterInnen beeindrucken, die pro Kopf und Abend minimum eine Flasche Wein tranken, teilweise sogar schon am Mittag mit dem Trinken begannen. Noch nie habe ich übelste Autor*innenklischees derart bestätigt sehen. Und noch nie habe ich sie so sehr Lügen strafen gesehen wie durch mich, die an keinem Tag einen Schluck Alkohol angerührt hat.
Mit der Zeit wird es lauter, bis die Leute, inzwischen besoffen, im Sekundentakt in lärmendes, anstrengendes Gelächter ausbrechen, einander nicht ausreden lassen und mithin versuchen, durch Brüllen das, was sie auszusprechen wünschen, auszusprechen. Typisch Besoffene eben, die sich untereinander gut verstehen. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, nicht nur weil ich nüchtern bin, konstatiere, dass es nicht nur ein Gefühl ist, und ziehe mich nach einer Weile in mein Zimmer zurück, nachdem ich meine Ängste, einen Apoplex zu bekommen, soweit reguliert habe, dass ich der Anwesenheit anderer nicht mehr zwingend bedarf. Schon jetzt sehne ich die Heimreise herbei, meine Ängste sind in der Kontuniutät und Intensität nur schwer auszuhalten.
Als Sarah und ich endlich schlafen wollen, dringt unvermittelt ein besoffener georgischer Teilnehmer in unser Zimmer ein. Ein #metoo-Moment, auf den ich schon wegen der unmenschlichen Uhrzeit hätte verzichten können. Wir kriegen Angst, scheuchen ihn wieder raus, und Sarah schließt die Tür ab. Nur wenige Minuten später schlägt und rüttelt er wie wild an unserer Tür. Schnell schlüpfe ich in meine Hose, gehe zum Balkon hinaus, der alle anderen in der ersten Etage befindlichen Zimmer miteinander verbindet, und klopfe beharrlich an Thilos und Daniels Balkontür. Zunächst öffnet mir niemand, dann kommt Thilo hinaus und berichtet mir, dass auch er vom Teilnehmer belästigt wurde. Wir beschließen, uns gemeinsam mit unseren Notebooks auf den Sitzsetzsäcken des Balkons niederzulassen. Als dann aber der übergriffige Autor plötzlich in Unterhose und in einer Decke gehüllt vor uns steht, um uns zuzusülzen, konstatieren wir, dass sein Zimmer direkt neben meinem und Sarahs liegt. Seelenruhiges Schlafen erschien mir nunmehr unmöglich. Nachdem der stockbesoffene Autor von seinem Zimmergenossen hineingerufen wurde, kommen Sophie und Jana aufgelöst zu uns heraus, denen gleichermaßen mit Klopfen und Türrütteln Angst gemacht wurde. So verbringen wir eine Weile gemeinsam auf den Balkon und unterhalten uns. Obwohl der Anlass, der uns zusammengeführt hat, ein unerfreulicher, ja beängstigender ist, empfinde ich die Situation, die daraus entstanden ist, als sehr angenehm. Die Solidarität innerhalb der deutschen Delegation ist schön und schafft eine familiäre Atmosphäre.

20.06.2018: Tag 2

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#penmarathon #marosheni #georgia

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Am Mittwoch beginnt der Wettbewerb. Da der Pen-Marathon zu den wichtigsten Literaturpreisen Georgiens gehört, erscheint das Fernsehen und dreht einen Bericht.  Die Initiator*innen halten eine Eröffnungsrede und laden uns sowie die Presse schließlich in den Konferenzraum ein, wo die deutsche und georgische Delegation die Aufgabe des Wettbewerbs erfahren soll. Sodann erhalten wir Tüten mit Schreibblock, Klemmbrett und Kugelschreiber und müssen unsere Laptops und Smartphones abgeben. Für vierundzwanzig Stunden sind wir von der Außenwelt abgeschnitten. Bis zum nächsten Tag soll ein Text entstanden sein, der ein Hamlet-Zitat („Der Lüge Köder fängt den Karpfen Wahrheit“) zur Grundlage hat. Alles per Hand geschrieben. Erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Pen-Marathon, Pen, Kugelschreiber, na klar! nicht P.E.N.. Dass ich nicht einen Augenblick an den Kugelschreiber gedacht habe, sagt viel über gegenwärtige Schreibgewohnheiten aus.
Natürlich leiden wir Social-Media-Opfer sehr unter den Wettbewerbskonditionen. Wahrscheinlich kann sich keine/r von uns mehr daran erinnern, wann er/sie im Erwachsenenalter zuletzt einen ganzen Tag lang weder Handy noch PC/Laptop angerührt hat. So sehr mich die Herausforderung reizt, so sehr stresst mich der Gedanke, kein Medium zur Verfügung zu haben, mit dem ich mich ablenken kann bei eventueller Übelkeit (leide unter Emetophobie, remember). Allerdings schaffe ich es, mich nicht von dem Gedanken vereinnahmen zu lassen, und mache mich sofort an die Arbeit. Den Tag des Schreibens habe ich von allen am meisten gemocht. Das einsame Schreiben, die Ruhe, das Bei-sich-sein, die Auflösung der Gruppe, der Austausch bar jeden kollektiven Spektakels, die Unterhaltungen über die eigene Textproduktion sind eine Wohltat.
Ich werfe mich in die Hängematte, um meinen begonnenen Text weiterzuschreiben, merke allerdings, dass ich angelegentlich meines Schlafdefizits außerstande bin, mich zu konzentrieren, und lege mich für zwei, drei Stunden in mein Bett. Zwei, drei Stunden, die mir wirklich gut tun. Als ich aufstehe, prokrastiniere ich das Schreiben und unterhalte mich mit den anderen, die es teilweise ähnlich handhaben. Dann mache ich mich wieder ans Werk, bis ich es plötzlich mit meiner Verdauung zu tun bekomme und Durchfälle habe, wie ich sie nur von Abführmitteln oder Magen-Darm-Infekten her kenne. Als ich die anderen mit meiner Angst vor dem Kotzen konfrontiere sowie mit meiner Befürchtung, mir einen Infekt der Hölle eingefangen zu haben — habe ich nicht, war leider dem köstlichen georgischen Essen geschuldet –, erklären sie sich rührenderweise dazu bereit, mir auf dem Balkon Gesellschaft zu leisten. Das war überhaupt etwas, das unsere Gruppe ausgemacht hat: die gegenseitige Fürsorge, das Aufeinanderaufpassen.
Unter widrigsten physischen und psychischen Bedingungen stelle ich in der Nacht schließlich meinen Text fertig. Mein Text, dessen Vorzug es ist, etwas zu wollen, sein Manko allerdings, dass es zuviel ist, als dass alle darin befindlichen rhetorischen Kniffe, Motive, Referenzen, angerissen Themen etc. miteinander hätten korrespondieren können. Aber drauf geschissen; hätte ich mir doch noch vor ein paar Stunden nicht einmal vorstellen können, einen Text zu beenden.

21.06.2018: Tag 3

Nach einer kurzen Nacht geben wir unsere Erzeugnisse ab. Unsere Erzeugnisse, bei denen wir nicht so recht wissen, was wir von ihnen halten sollen. Dann bekommen wir endlich Handy und Laptop wieder und stürzen uns ins Internet. Bis auf Thilo, der dreiundneunzig ungelesene Nachrichten erhalten hat, sind alle davon enttäuscht, der Welt nicht nennenswert gefehlt zu haben.
Am frühen Nachmittag schaue ich mir die in der Nähe befindlichen afrikanischen  (sic!) — tatsächlichen stammen sie aus Pakistan — Beetal-Ziegen an, die sensationell hässlich und anschmiegsam sind.

Danach schließe ich mich einem Ausflug nach Sighnaghi an. Sighnaghi, unter den Georgier*innen auch bekannt als Love City, liegt etwa über zweitausend Kilometer über dem Meeresspiegel und erinnert ähnlich wie Tiflis, wenn man von den zahlreichen Ladas absieht, an eine südeuropäische Stadt. So schön die Lage Sighnaghis aber auch ist, so enervierend ist es, die steilen Straßen auf und ab zu laufen, inbesondere bei über dreißig Grad Außentemperatur. Kopfschmerzen tun sich auf, Kopfschmerzen, die sich als ibu-resistent erwiesen. Ich will wieder ins Hotel, die anderen dagegen noch ein Bier in einem Restaurant kippen.

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#sighnaghi #penmarathon

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Zurück in Marosheni feiern wir zusammen mit den GeorgerInnen den letzten gemeinsamen Abend mit, wie sollte es anders sein, Alkohol und Musik. Doch auch an diesem Abend sind meine Kapazitäten hinsichtlich lauter, feuchtfröhlicher Gesellschaft schnell überschritten, und ich will mich ins Bett begeben; täte sich da nicht wieder meine Angst vor einem Apoplex auf. Überall meine ich taube Stellen zu spüren, Fingerspitzen, Zehen, Wange, unermüdlich bin ich damit beschäfigt, die Sensibilität meiner Extremitäten zu untersuchen. Das würde mir jetzt noch fehlen, kurz vor der Abreise einen Schlaganfall zu bekommen und dann in ein Krankenhaus zu landen, das mitteleuropäischen Standards nicht annähernd gerecht wird, während die anderen nach Hause reisen, ich also allein bleibe, tausende Kilometer von meiner vertrauten Umgebung entfernt.
Würde ich nicht derlei katastrophisierende Ängste hegen, hätte ich mich wohl auch nicht dem nächtlichen Spaziergang zu einem in der Nähe gelegenen Friedhof angeschlossen. Ebendort wird natürlich auch gesoffen. Ich mag Trinkgelage, nicht allerdings in montoner Tagtäglichkeit. Doch das war mein Problem.
Bald allerdings bin ich dem Krach und Gruppending derart überdrüssig, dass mir selbst ein eventueller Apoplex scheiß egal ist und ich mich mal wieder als erste schlafen lege, die Stille auskostend.

22.06.2018: Tag 4

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#georgia #cows #penmarathon

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An unserem letzten Tag haben die georgischen Veranstalter*innen etwas Besonderes für uns vorgesehen. Das Problem ist nur: Es bleibt nicht bloß bei Etwas.
Nachdem wir neuerlich eine waghalsige Busfahrt überstanden und an ausgebüchsten Kühen und ausgestrockneten Flüssen vorbeigefahren sind, werden wir in Tiflis ausgesetzt, um uns vier Stunden lang die Stadt anzuschauen. Sengende Hitze begleitet uns während unserer gemächlichen Sight-Seeing-Tour, und wir halten an jeder Ecke an, an denen Souvernirs und Plunder verkauft werden. Die Stadt ist nicht belebter als Berlin, aber um ein Vielfaches so laut angelegentlich der Fahrpolitik der Verkehrsteilnehmenden, die in einer Tour hupen.
Wieder treiben mich meine Apoplex-Wahnvorstellungen um: in Deutschland meinetwegen fünf Schlaganfälle hintereinander, hier aber bitte keinen, nicht in den letzten Stunden, idealerweise auch nicht im Flugzeug.
Das wirklich Traurige an der Stadt: Es gibt zahlreiche Straßenhunde, ebenso Bettler*innen, zumal alte Frauen, die sich teilweise mit schwersten gesundheitlichen Problemen herumplagen. Am erschütterndsten für mich ist die betagte Dame, die einen Säugling im Arm hält und um Geld fleht. Hätte ich auch nur einen Lari, würde ich ihr wohl sämtliches Bargeld geben. Ich fühle mich zerrissen.
In der Altstadt macht sich eine Frau einen Spaß daraus, ihren Hundewelpen wieder und wieder durch die Balustrade schlüpfen und auf dem Dach herumflitzen zu lassen. Etwas, womit sie gezielt Aufmerksamkeit zu erregen versucht. Mit Erfolg. Alle fotografieren und filmen den armen Hund für ein lächerliches Instagrampicture, mich eingeschlossen.

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#georgia #tiflis #tbilisi #penmarathon #dog

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Als wir wieder im Hotel ankommen, wo wir unsere Koffer und Taschen zwischengelagert haben, fahren wir entkräftet mit dem Bus nach Mzcheta, dem religiösen Hotspot Georgiens.  Ich habe Lust auf Nichts, von meiner vollkommen erschöpften Aufnahmefähigkeit ganz zu schweigen. Genervt und erschöpft schleppe ich mich in die Swetizchoweli-Kathedrale, durch die uns eine ältere, schwarzbekleidete und -behutete Frau führt, die in jedem Satz mindestens eine Jahreszahl nennt und das Wort Fresko benutzt. Ich sehne das Ende herbei. Was mich beinahe erleichtert, ist, dass nicht nur ich mich unangenehm berührt fühle von den Menschen, die mit gefalteten Händen vor einem Heiligenbild stehen oder sich gleich auf den Boden werfen. Mein Unbehagen ist unabhängig von Konfession und religiöser Zugehörgkeit zu verstehen. Grundsätzlich ist es mir ja einerlei, woran Menschen glauben; wenn es jedoch in eine Art Unterwürfigkeit kulminiert, schreckt es mich ab. Will man tatsächlich jemanden anhimmeln, der von einem Devotion erwartet?
Nach einer halbstündigen Bootstour, die sich anlässlich der fast vollständig untergegangenen Sonne nicht wirklich amortisiert hat, werden wir bei einem Restaurant abgesetzt, das wie ein Robin-Hood-Filmset anmutet. Es ist in einer Bergspalte gebaut. Brücken und Treppen verbinden Tanzfläche, Tischecken, Pavillons etc., umrahmt von Granit, Geäst und Blattwerk. Vergleichbares habe ich noch nie gesehen. Natürlich gibt es wieder Essen bis zum Umfallen, und in einem Toast spreche in Namen aller deutschen TeilnehmerInnen unsere tiefe Dankbarkeit aus. Denn tatsächlich: Die georgische Gastfreundschaft ist einmalig. Und wir alle haben eine Erfahrung fürs Leben gesammelt. Eine Erfahrung, die ich den Angehörigen meiner Working-Class-Familie nun voraus habe. Und dennoch: Die Welt zu sehen, wird für mich niemals selbstverständlich sein.

 

PS: Wer noch mehr Impressionen zum PenMarathon lesen möchte:

Sophie Sumburane und ihr #metoo-Erlebnis in Marosheni
Jana Vollkmanns Georgien-Tagebuch
Martin Spieß‘ Post-PenMarathon-Blues

Moment, ich muss meine Chromatiden zusammenbauen

Es ist ja bereits viel über die Entfernung von avenidas an der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin gesagt worden. Meist wurde das Unbehagen der Student*innen abgeschmettert mit Gedichtsinterpretationen, die die Unverfänglichkeit des Textes sowie die vermeintliche Mimosen- und Banusenhaftigkeit der Kritiker*innen belegen sollten. Glücklicherweise aber gab es nicht wenige, die über die polemischen Anfeindungen gegenüber dem AStA entsetzt waren. Daher hat Max Wallenhorst zu einer Solidaritätsaktion mit dem AStA aufgerufen. Schaut selbst (Den danzugehörigen Text könnt ihr auf Youtube in der Box unter dem Video nachlesen)

Für die Schlampe ist alles ein Kinderspiel

Lesungshonorare für Kurzprosa. Ich weiß, ich stehe mit dieser Ansicht einsam da. Allerdings habe ich es als Schreibende weder früher noch heute für selbstverständlich und zwingend befunden, 100 Euro oder mehr für den Vortrag eines zehnminütigen Textes zu verlangen. Letztes Jahr in Österreich, als ich anlässlich der Lockstoff-Lesung in Wien war, berichtete ich anderen Autor_innen, dass es für mich, angesichts der mangelnden Zahlungskraft von Literaturzeitschriften und Lesebühnen, etwas Besonderes darstelle, ein Honorar zu erhalten, und ich große Dankbarkeit empfände, wann immer mir eines gezahlt werde. Ein Bekenntnis, das auf Fassungslosigkeit und Unverständnis stieß, denn  für meine Gesprächspartner_innen selbst kam es überhaupt nicht mehr infrage, unentgeltlich noch irgendwo aufzutreten. Mich befremdete diese Haltung. Bares zu erwarten, unabhängig davon, wie lange man liest und die finanzielle Situation einer Zeitschrift/eines Leseungsformats/whatever beschaffen ist, erscheint mir – drücke ich es so aus – sehr anspruchsvoll.
Zu schreiben ist für mich ein Privileg, das ich mir selbst herausnehme. Herausnehme, weil das gesellschaftliche Setting mir die Möglichkeit hierfür bietet. Früher, zu Grundschulzeiten, hat man das, was ich heute tue bzw. getan habe, Freiarbeit genannt. Das bedeutete, sich unter flexiblen und entspannten Bedingungen auf einer spielerischen Ebene auszuprobieren und im Idealfall etwas hevorzubringen, das gefällt; bedeutete, dass wir Verantwortung übernahmen und selbst entschieden, womit wir uns wie beschäftigten. Und genau das ist für mich Schreiben: ein Hobby, eine Freiarbeit, dem/der ich mich eigenverantwortlich zuwende; ein Luxus, wenn ich bedenke, dass man als Autor_in dank Sozialfürsorge immer weiterschreiben kann, ja keine existenziellen Ängste ausstehen muss, selbst wenn es mit der Schriftstellerkarriere nicht so läuft, wie erhofft.
Lädt mich eine Literaturzeitschrift, die meinen Text abgedruckt hat, ein, einen Text in der Länge von 10-15 Minuten vorzutragen, mithin also an Präsenz zu gewinnen, erscheint es mir vermessen, Geld von dieser zu verlangen. Viele Autor_innen argumentieren damit, dass auch eine Lesung Arbeit sei. Mir selbst hingegen kommt diese Aussage, sofern bloß von einem Kurzauftritt die Rede ist, ein wenig hochtrabend vor. Manchmal frage ich mich, ob ich die einzige bin, die keinen Kraftakt, geschweige denn Arbeit darin sieht, einen zehn- bis fünzehnminütigen Text – selbst wenn es der eigene ist – vorzulesen (ist es für mich einfach nicht. Null.), und welche Finanzstrategie schreibende Mütter und Väter wohl verfolgen, wenn sie ihren Sprösslingen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. 100, 200 Euro für zehn Minuten irgendwo lesen – Himmelarsch: ’ne Reinigungskraft träumt davon, so viel nach an einem Tag putzen zu verdienen.
Ich verstehe das Bedürfnis, vom eigenen Schreiben leben zu können. Zuweilen allerdings kommt es mir so vor, dass einige vergessen, wie groß und vor allen Dingen fordernd dieser Wunsch ist. Nicht wenige Autor_innen tendieren gar zu gerne zur Selbstgefälligkeit und vergessen infolgedessen, dass nicht nur die Literaturzeitschriften, Lesereihen, ja selbst Verlage diejenigen sind, die in den Genuss eines Privilegs kommen,  nämlich ihre Texte zu publizieren, sondern auch sie, die Autor_innen selbst, indem ihnen zu einer Leserschaft, Präsenz und Reichweite verholfen wird. Ich persönlich sehe darin bereits einen wahnsinnigen hohen Wert; einen nicht selbstverständlichen Wert, der aber sehr häufig verkannt wird. Die Kohle ist für mich daher nicht nur eine geile Zugabe für den Luxus, mich einer Freiarbeit, dem Schreiben, hingeben zu können, sondern darüber hinaus nichts, womit ich bei den ärmsten der Armen, den Zeitschriften und Lesereihen, ansetzen wollte. Die Verantwortung, das Verbreiten der eigenen Gedanken und Geschichten zu bezahlen, sehe ich vielmehr bei jenen, die daran auch verdienen, namentlich die Verlags- und Literaturhäuser.

Nicht selten beschleicht mich das Gefühl, dass Autor_innen in einem Honorar weniger eine Form der Anerkennung  sehen, als eine Art Schmerzensgeld für das Schreiben. Das ist verständlich, doch nicht unproblematisch, denn: Niemand zwingt einen, sich dem Leid des Schöpferischen auszusetzen. Es gibt keine_n Arbeitgeber_in, keine finanzielle Not im Nacken, der/die einem keine andere Wahl ließen. Für meine eigene innere Notwendigkeit, die ich empfinde, kann ich niemanden zur Verantwortung ziehen. Wie jemand, der selbstständig ist, bin ich allein dafür verantwortlich, mit dem auszukommen, was ich tue. Selbstfürsorge kann man nicht an andere delegieren. Wird nicht funktionieren.

PS – weil damit einfach zu rechnen ist: Ich sage nicht, dass Schreiben und Lesungen grundsätzlich keine Honoration bekommen sollten.

Ich bin ein Neidhammel und neidisch auf mich

Ja ja. Kein Jahr, nicht einmal 1939, wurde jemals so gebashed wie 2016. Das liegt aber nicht nur daran, dass die halbe Popmusikelite einschließlich Carrie Fischer gestorben und Affenfresse Trump Präsident geworden ist – seriously?!! ; sondern auch daran, dass etliche Menschen privat immer wieder in Scheiße getreten sind. Meine Wenigkeit nicht ausgenommen. Fast ein dreiviertel Jahr quasi-obdachlos, Verlust meines Kiezes, herbe Misserfolge in der Schule sowie beim Schreiben und die Erkenntnis, dass Die Große Glocke, diese Seelenangelegnheit, die 4 Jahre von mir gefordert hat, durch die Bank weg verschmäht wird – um nur ein paar der dramaturgischen Tiefpunkte meines Jahres zu nennen.

Da die Welt aber ein riesen Kübel Scheiße ist, aus der hin und wieder ein paar Blümchen wachsen, gab es auch bei mir kleine Ereignisse und Entwicklungen, die schön waren. Zum Beispiel wurde ich zweimal für einen Literaturpreis nominiert – wobei ich doppelt leer ausging und mithin erfahren durfte, wie DiCaprio sich all die Jahre gefühlt haben musste (ultra frustriert). Dann bin ich nach Wien geflogen, ja geflogen, anlässlich einer Lesung. Für die meisten wäre das keine große Sache, für mich allerdings war das ein riesen Happening; nicht nur, weil ich das erste Mal überhaupt ein Flugzeug in Anspruch genommen habe und dazu noch allein, sondern auch, weil ich mir während all der Vorlaufzeit nicht zugetraut hätte, dieses Abenteuer wirklich anzutreten. Was noch? Ach ja, mein Fame wächst so allmählich und merklich. Es gibt immer mehr Leute, sogar mehr oder weniger bekannte, die entweder verfolgen möchten, was ich mache, oder sich bei mir anbiedern, weil ich Herausgeberin bei SuKuLTuR bin. Leute, denen ich vorher zu uncool war. Leute, die mich vorher nicht ernst genommen haben. Was daran schön ist? Ich kann die meisten getrost abblitzen lassen, weil ich keinen Pfifferling darauf gebe, im Literaturszenenpuff gemocht zu werden oder gar dazuzugehören.  Wer mich mag, mag mich deshalb, weil ich eine rüde, prollige, intersektionelle Post-Feministin bin, die sich öffentlich am Schritt kratzt, auf Seriosität einigermaßen defäkiert und sich nicht selbst die Klitoris poliert, wenn sie über Literatur schwadroniert.

Aber nu, kommen wir zu den lächerlich wenigen Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe.

Anna SeghersDas siebte Kreuz

Damals mehrere Male angefangen und immer wieder nach ein paar Seiten abgebrochen. Und heute: Ich las das Buch immer in dem Wissen, dass ich ganz große Literatur in den Händen halte. Bis zum Schluss durchzuhalten, fiel mir dennoch sehr schwer. Ich kann nicht genau sagen, woran es lag. Es wollte sich bei mir kein rechtes Interesse an den Figuren und der Handlung auftun. Allein das Handwerk hat mir imponiert, das für mich ans Meisterliche grenzt. „Nur“ um das aber festzustellen, hätte ich nicht das ganze Buch lesen müssen. Ob’s ich trotzdem empfehlen würde? Ja, unbedingt.

 

Joshua GroßMagische Rosinen

Bei Dr. Peng reingelesen und für so aufregend befunden, dass ich Verleger Manfred Rothenberger anschrieb und um das Buch bat. Das Schöne am gleichzeitigen Herausgeber*in- und Schrifsteller*insein: Man ist in einer Position, auf der man am Geben-und-nehmen-Prinzip partizipieren kann. Ich bekomme also ein kostenloses Exemplar von Magische Rosinen und Rothenberger mein Sachenhausen-Heft.
Zum Buch: Musikfetischist und Zitat Deutsche Rapphoffnung Zitatende Mascarpone und Politikerin Sahra Wagenknecht begegnen und verlieben sich. Wagenknecht schickt den Rapper schließlich nach New York, um die sog. Magischen Rosinen zu finden, ein Zitat Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins Zitatende, das Aliens seinerzeit auf der Erde hinterlassen haben – alles für den Weltfrieden.
Nicht nur, dass mich der trashige Plott begeistert hat; ich war auch von den zahlreichen popkulturellen Bezügen ganz angetan sowie vom sattelfesten und originellen Erzählstil – es las sich wunderbar. Ein Versuch, der, schaut man sich so um in der zetgenössischen Literatur, benkenlos als eigensinnig bezeichnet werden könnte. Einzige Schwachstelle: Der überfrachtete Plott. Jede schrille Idee soll, ja muss rein. Daher ist es – zumindest teilweise – vom verzückenden Trash zum Klamauk nicht weit.
Lesen? Ja, bitte.

Lisa Kränzler Nachhinein

BÄM! Als ich im Sommer die ersten Seiten angelesen habe, stellte ich das Buch flugs wieder in mein Buchrregal. Meine Fresse, wie anstrengend, was für ’ne artifizielle, verbastelte Sprache, sagte ich in mich hinein. Nach einiger Zeit allerdings nahm ich es wieder zur Hand – wegen der täglichen Pendelei bot es sich an -, um es dann nur noch zur Seite zu legen, wenn ich irgendwelchen Pflichten nachgehen musste. Oh my, wie lange hatte ich das schon nicht mehr, es dürften Jahre sein!
Ein durch und durch grandioses Buch! Erzählt wird die Geschichte zweier Mädchen, die unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen und freundschaftlich miteinander verbunden sind. Während die eine gut situiert und wohl behütet lebt, erfährt die andere psychischen sowie sexuellen Missbrauch.
Ein Einstieg in das Buch fällt nicht leicht. Statt reduziert und parataktisch zu erzählen – was sich gegenwärtig ja großer Beliebtheit erfreut -, malt Kränzler mit Hypotaxen und  Metaphern ein gewaltiges expressionistisches Bild, das einen sofort catched.
Besonders beeindruckend und großartig fand ich, zumal als Nostalgikerin, wie Kränzler aus dem Super-Nintendo-Klassiker Street Fighter 2 ein tragendes Handlungsalement macht, mit dem sie die Sehnsüchte des benachteiligten Mädchens, deren Flucht in eine andere Welt sowie deren sexuellen Missbrauch auf schmerzhafte Weise verbildlicht. Aus einem harmlosen Konsenspiel wird eine zweite Welt, eine Welt mit der sich die Gepeinigte von der Realität, den uneträglichen Zuständen abspalten und ihr eigenes Leid ertragen kann. Es ist schrecklich beklemmend und gerade deshalb ein verdammt guter Roman.
Wenn man dann auch noch Sätze liest wie „Er ist nicht länger ihr Vater. Er ist genauso wenig ihr Vater, wie das Stück Stoff, das hinter ihm zu Boden fällt, ein Bademantel ist.“ und „[…]Später befühlt sie das Cape. Erschlafft hängt es am Haken. Gibt sich harmlos, frotteeflauschig. Ein Meister im Täuschen und Tarnen. Einer, der weiß, wie man sich vor Müttern versteckt. Müttern, die nichts ahnen wollen. Müttern, die an den Bademantel glauben.“, dann wird einem anders. Das tut weh, und weil es weh tut, ist das nicht mehr und nicht weniger ein Beweis dafür, dass uns hier jemand etwas ganz stark erzählt.
Gemeinhin wird das Buch als Coming-of-Age gelabelt. Ums Aufwachsen geht’s durchaus; doch nicht ums Erwachsenwerden. Das Thema des Buches, es ist ein ganz anderes.
Unbedingt lesen, unbedingt, unbedingt.

Anneliese MackintoshSo bin ich nicht

Dass ich das Buch gelesen habe, war dem Zufall geschuldet, dass ich einem Lektor des Aufbau-Verlags bei einer Party begegnet bin. Wir befreundeten uns bei Facebook, und er schickte mir die Lektüre zu. Eine Beurteilung fällt mir schwer, weil ich außerstande bin, das Buch lediglich auf Grundlage literarischer Kriterien zu bewerten. Beschränke ich mich allein darauf, gibt es nichts zu bemängeln. Die Geschichten sind souverän erzählt, unterhalten gut und brachten mich nicht selten sogar zum Lachen. Mein Problem: Es ist für mich diese Art Schreiben-als-Psychohygiene/-therapie, die als typisch für Frauen gilt, ja vielleicht bloß eine gehobenere, neue (?) Spielart darstellt unter dem sexistischen Label namens Frauenliteratur. Mackintosh macht sich, fragt man mich, selbst zum Klischee, sie erfüllt die Erwartungen, die man an schreibende Frauen hat: Sie müssen sich selbst therapieren, das ist der Grund, warum sie in die Tastatur hauen und sonst nichts (Inga-Maria Mahlke hat dazu mal etwas sehr Treffendes geschrieben, leider finde ich die entsprechende FB-Statusmeldung nicht mehr). Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Neues zu lesen, vielmehr war es mir gar zu vertraut. Interessanter hätte ich gefunden, wäre der Verfasser ein Mann, hätte ein Mann derart blank gezogen und sich so fragil, so anfreifbar gezeigt. Ein Aufbrechen von gelebten Rollenklischees, eine männliche Emanzipation – nicht von den Frauen, sondern von klassischen Erwartungen, mit denen sich Männer konfrontiert sehen. Ob ich es dem Buch aber „zum Vorwurf machen“ möchte, weiß ich nicht. Eigentlich wäre es unfair, weil das Problem die Klischees und deren Ursprünge sind und nicht diejenigen, die ihnen (zufällig) entsprechen.

Wolfang Herrndorf – Sand

Hat mir besser gefallen als Tschick, wobei ein Vergleich im Grunde kaum möglich ist. Während Tschick ein Feel-Good-Buch mit Feel-Good-Ende ist, stellt Sand eine satirische Agentenklamotte dar mit schwer verdaulichem Ausgang. Ursprünglich habe ich, anlässlich der Rezensionen, die von einem verschachtelten, schwierig zu folgenden Roman sprachen, davor zurückgeschreckt, mir das Buch zu besorgen. Als ich allerdings mal ein paar Payback-Punkte zuviel hatte, fasste ich mir ein Herz. Es hat sich nachgerade amortisiert. Sand ist ein herrlich intelligenter und brillant erzählter Roman, wenngleich die ein oder andere Länge nicht abzustreiten ist. Die Einführung der Figur Helen Gliese ist für mich das persönliche Highlight des Buches; bisher bin ich noch keiner großartigeren Personeninstruktion begegnet. Auch an den sarkastischen Passagen konnte ich mich laben, insbesondere an der schrulligen Kartenlegerin Michelle, die Herrndorf mit großer Leidenschaft durch den Kakao zieht. Die Liebe zum Detail sowie das Ausmaß der Beschreibung der Tarot-Sessions erscheint mir nicht zuletzt bemerkenswert, machte doch WH in seinem Blog Arbeit und Struktur keinen Hehl daraus, was er von allem, was sich der Wissenschaft entzieht, hielt. Als Irre hätte er eine Michelle bezeichnet, wäre er ihr begegnet. Aber nun –
Sand gehört zu den wenigen Büchern, bei denen mich die Auflösung der Geschichte interessiert hat. Sehr überrascht war ich am Ende nicht, was allerdings nicht gegen das Buch spricht. Es ist, like I said, erzählerisch, sprachlich und kompositorisch auf höchstem Niveau, und noch dazu spannend und zuweilen wahnsinnig amüsant. Diese Elemente zusammenzubringen, erachte ich als wahres Kunststück.

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Wenn ich mir David Foster Wallace zu Gemüte führe, fühle ich immer eine geistige und emotionale Nähe. Das ist unheimlich wohltuend und gleichzeitig ausgesprochen traurig, weil ich ihn immer in dem Wissen lese, dass er, dessen Blick auf die Dinge den meinen ähnlich ist, tot ist; dass uns eine Welt trennt. Es dürfte niemanden geben, der eine Fahrt auf einem Luxuskreuzfahrtschiff so intelligent und komisch beobachten und analysieren kann wie DFW. Es ist die reinste Freude, dieses Buch zu lesen.

Robert Merle Der Tod ist mein Beruf

Mit großer Vorfreude und mithin hohen Erwartungen bin ich an den Roman rangegangen, der die Geschichte des Lagerkommandaten von Auschwitz, Rudolf Höß (im Buch Rudolf Lang) erzählt. Es ist der Versuch, anhand einer Biografie unfassbar erscheinendes Verhalten zu erklären. Bezüge zu Hannah Arendts Bericht Eichmann in Jerusalem, der die sog. Banalität des Bösen thematisiert, erschienen nicht zufällig, müssen es allerdings sein, weil Merles Werk fast ein Jahrzehnt früher erschienen ist. Überzeugte mich das Buch? Nein, leider nicht. In erster Linie dürfte es daran liegen, dass mich der Protagonist völlig kalt gelassen hat. Die Figurenzeichnung wirkte auf mich erschreckend eindimensional und klischeebeladen. So sehr ich mich auch bemühte, es gelang mir nicht, Rudolf Lang seinem im Buch dargstellten Charakter abzukaufen. Darüber hinaus fand ich den Roman sprachlich wie erzählerisch recht limitiert, um nicht zu sagen dürftig, was dazu führte, dass sich keinerlei Spannung beim Lesen auftun wollte. Dass es obendrein grobe faktische Schnitzer gab („Auschwitz sollte die jüdischen Häftlinge aufnehmen und Birkenau die Kriegsgefangenen“ S.185. Nein,  genau umgekehrt wird ein Schuh draus.) – geschenkt. Insgesamt hat mich das Buch sehr unbefriedigt zurückgelassen.

Einen guten Rutsch, ihr Muschis!