Auf zum Atem

von romantischverklaert

Normalerweise komme ich nicht raus. Besser gesagt, nicht über das hinaus, was ich kenne. Deutschland, Österreich, Schweiz, Norditalien. Mehr kannte ich bisher noch nicht. Mehr brauchte ich auch nicht. Und da ich noch nie zu denjenigen gehört habe — ich nehme es zumindest an –, die das vermissen, was sie nicht gesehen haben, hat mir nichts gefehlt. In ein Flugzeug bin ich das erste Mal 2016 gestiegen: Da war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Ein guter Freund von mir meinte, unfreiwillig onkelhaft, er fände es süß, dass ich erst so spät mein Flugdebüt gehabt habe. Berücksichtigt man jedoch meine soziale Herkunft, ist es bloß eine logische Konsequenz, dass es bei mir etwas länger gedauert hat als bei Freund*innen. Ich komme aus einem ostdeutschen Working-Class-Haushalt. Meine Eltern sind keine AkerdemikerInnen, haben nicht einmal Abitur und sind in einem Repressiosstaat aufgewachsen. Einem Repressionsstaat, in dem sie eingesperrt waren. Die Ostsee galt ebenda bereits als Happening, mit dem man sich in Erlebniserzählungen profilieren konnte.
Wir waren nicht arm, aber weit von einem Lifestyle entfernt, bei dem weite Reisen mit dem Flugzeug ein Thema gewesen wären. Der Urlaub im Ausland war, ausgehend von meiner damaligen Kinderperspektive, den anderen, vermögenden Personen vorbehalten: den Sprösslingen von Rechtsanwält*innen, Ärzt*innen, Firmenchef*innen etc. Und es war ja auch Realität: eine Realität, die ich nicht nur beobachtet, sondern selbst erfahren habe. Ging es mir schlecht damit? Gewiss nicht. Das Ausland stellte für mich etwas Entferntes und mithin ganz und gar Abstraktes dar, dass ich kaum an seine organische Existenz glauben konnte. Skirurlaub in Tirol, Faulenzen in Spanien, Flanieren durch Rom stellten nicht mehr als Erzählungen dar — etwas also, das — sofern nicht selbst gesehen und erlebt — nicht mehr und nicht weniger als Fiktion ist.

Erst als ich nach Berlin zog, fiel mir auf, dass ich mit meinem Mangel an Auslandserfahrung — wie so oft — als Außenseiterin da stand, als Exotin, deren Lebensweg mein weitgereistes Umfeld schwerlich nachvollziehen und -empfinden konnte, insofern es irritierte. Als hätte man ganz vergessen, dass es Hintergründe wie den meinen gibt. Als wäre mein Backround genauso eine Erzählung respektive Fiktion für sie wie ihre Urlaubsberichte für mich. Aber außen vor und für die meisten einigermaßen uninteressant zu sein, stellt für mich keine Situation dar, an die ich nicht bereits gewöhnt gewesen wäre; also mach(t)e ich hieraus mal wieder eine trotzige Tugend. Wenn ich gesagt hätte Ich will euch nicht, wäre es glatt gelogen gewesen. Ehrlicher hingegen: Ich brauche euch nicht. Genau diese Diskrepanz stellt seit jeher eine der großen Redundanzen in mein Leben dar. Ich will die ganze Welt, obwohl ich nur einen kleinen Teil von ihr mag, obwohl ich nicht auf sie angewiesen bin. Bei genauerer Betrachtung liest sich das wie ein archetypisch kapitalistisches Bedürfnis.

Im Mai allerdings, einem Monat, in dem es mir dank körperlicher Beschwerden und einer Hypochondrie pathologischen Ausmaßes sensationell schlecht ging, kontaktierte mich Zoë Beck nach einem schönen Treffen mit Elisabeth Botros, kaum dass ich zur Haustür hereingekommen bin, via FB und machte mich auf einen Wettbewerb aufmerksam, der mit einer Reise nach Georgien verbunden war. Ich hatte bis dato noch nie etwas von ihm gehört, nicht zuletzt deshalb, weil er erst dieses Jahr international ausgerichtet wurde: Der Pen-Marathon. Die, nenne ich’s: Qualifikationsphase dauerte genau vierundzwanzig Stunden. Aufgabe war, einen Twittertext bzw. Text in Twitterlänge — optional etwas darüber hinaus — zu schreiben, der die politische Flucht einer Person nach Georgien verhandeln sollte. Ich war skeptisch und gab Zoë zu bedenken, dass ich angelegentlich meines Schreibens noch nie für irgendetwas Größeres nominiert worden und mein marodes Englisch mir viel zu peinlich sei. Zoë indes entzog mir jede Berechtigung zum Hadern, als sie mir versicherte, dass es DolmetscherInnen geben würde.  Da hatte ich den Salat. In sechs Stunden musste ich aufstehen wegen eines vermaledeiten Jobcenter-Termins, und jetzt, mitten in der Nacht, sollte ich auch noch einen wettbewerbstauglichen Text verfassen unter einem Themenschwerpunkt, der mir alles andere als lag. Jetzt musste es mal wieder der Feminismus richten — wie so oft.

Mein Erzeugnis kam mir einigermaßen platt vor, trotz Kill-Bill-Referenz, doch zu mehr war ich in der Kürze der Zeit außerstande. Nur zwei Tage später allerdings — die Texte wurden von den drei JurorInnen innerhalb von vierundzwandzig Stunden gelesen — erfuhr ich, dass ich als Finalistin ausgewählt wurde. Das war ergreifend. So ergreifend wie überfordernd. Georgien war keine Fiktion mehr, keine Aussicht, an die ich ohnedies nicht glaubte, sondern nahende Realität. Das Schreiben, Herausgeben und, damit einhergehend, Selbstinszenieren hatte mir schon viele  Privilegien verschafft. Dieses hier ist das bisher größte von allen.

Natürlich zweifelte ich prompt an meiner Nominierung; glaubte, ich hätte sie mir erschlichen durch das Wohlwollen eine der JurorInnen. Das Imposter-Phänomen ließ grüßen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Frauen unter den Nominierten. Bei der Unfähigkeit, Erfolge zu internalisieren, kann angesichts der großen Verbreitung unter Frauen eigentlich keine Rede mehr von einem Phänomen sein. Da ich es aber gar nicht anders kenne, sann ich weniger darüber nach, inwieweit mein Text gut oder schlecht war, als mich über die einmalige Chance zu freuen, in den Kaukasus für umme zu reisen.

Doch so sehr ich mich auch über die Reise freute, so stark trieben mich auch meine Ängste um. Anlässlich meines übertriebenen Sicherheitsbedürfnisses sowie den sich daraus speisenden Neurosen war ich bereits vor der Reise derart unter Strom, dass ich eine ansonsten harmlose Infektion, auf die tiefer einzugehen ich an dieser Stelle verzichten möchte, aller hochdosierter medikamentöser Behandlungen zum Trutze nicht los wurde. Die Zeit wurde knapp und knapper, die Infektion und Beschwerden proportional dazu schlimmer, sodass ich am Sonntag, den 17. Juni, bereits fest davon ausging, nicht nach Georgien reisen zu können, ohne ein sehr großes gesundheitliches Risiko auf mich zu nehmen. Ein Risiko, das ich nicht eingehen wollte. Niedergeschlagen warnte ich daher einen der deutschen Organisatoren vor, daheim zu bleiben; es sei denn, der Arzt, den ich am Tag der Abreise noch einmal aufsuchen wollte, gäbe mir grünes Licht. Und was schreibe ich hier im Irreales, er hat es ja schließlich getan, also grünes Licht gegeben, es sei keine Infektion mehr zu sehen, weiß Gott, warum ich noch Beschwerden hätte. Also rannte ich glücklich nach Hause, packte schnell meine sieben Sachen zusammen und spurtete zum Flughafen, derweil ich einen Anruf von der Redakteurin von Wer wird Millionär beantwortete, die mir mitteilte, dass ich als Kandidatin ausgewählt wurde — doch das ist eine andere Geschichte.

18. 06. 2018: Die Anreise

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#penmarathon

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Ich treffe mich mit Sarah Berger am Flughafen Tegel. Ein wenig konsterniert suchen wir nach dem Check-In-Schalter und wissen nicht so recht, wie wir unsere Flugtickets erlangen können, waren es doch nicht wir selbst, die die Reisebuchung vorgenommen haben, sondern die georgischen Veranstalter*innen. In einer unerfreulichen langen Schlange, abseits der unseren, erkenne ich Lasse Kohlmeyer, der ebenfalls zu den FinalistInnen gehört. Sarah eilt zu ihm und erkundigt sich, ob wir richtig stünden. Wie sich herausstellt, hat alles seine Richtigkeit. Entnervt von der Länge der Schlange beschließen Sarah und ich noch eine zu rauchen und lassen uns über die langweiligen sowie politisch kalkulierten Texte aus, die bevorzugt bei großen Wettbewerben nominiert werden. Als wir wieder reinkommen, sehen wir auch schon Sophie Sumburane anstehen, ebenfalls Finalistin. Wir finden schnell ein Draht zueinander und kommen flugs auf das Thema Neuruosen zu sprechen, da nicht nur ich unter ihnen leide, wenn auch — vermutlich — mit Abstand am stärksten. Derweil ich mich unterhalte, mache ich mir immer wieder über meine Blase sorge, die zwickt, und versuche katastrophisierenden Vorstellungen mit beruhigenden Phrasen beizukommen. Klappt nur bedingt, die darauf folgenden Tage sogar noch schlechter.
Die Angst, dass vor Ort, also in Georgien selbst, etwas passieren könnte, ist ungleich größer als meine Angst vor dem Fliegen, und so erlebe ich nicht nur einen stressfreien, sondern halbwegs erbaulichen Flug mit Turkish Airlines, an deren Service ich mich labe, gibt es doch nicht nur für einen läppischen zweieinhalb Stundenflug bereits Fernsehen, sondern auch Essen. Essen, das essbar ist. Wir können den Service kaum glauben, und ich bin wild entschlossen, noch im Flughafen Istanbul, wo uns ein fünfstündiger Aufenthalt bevorsteht, die Airline über alle Social-Media-Kanäle zu verklären.
Am Flughafen angekommen, versuchen wir alle verzweifelt, kaum dass wir ausgestiegen sind, mit unseren Handys ins Internet zu kommen. Etwas, das nach einigen Anlaufschwierigkeiten funktioniert, allerdings mit dem Haken verbunden ist, dass man lediglich ein Kontingent von zwei Stunden zugesprochen bekommt, das eine ganze Woche lang gilt. Zwei Stunden sind bei einem fünfstündigen Aufenthalt drei zu wenig, und so grasen wir die Hallen nach einem Restaurant mit WiFi und Eurobezahloption ab. Gibt es tatsächlich, und der Kellner, der uns bedient, kann sogar Deutsch. Überhaupt bin ich während der ganzen Reise immer wieder überrascht, wieviele Menschen Deutsch zu sprechen vermögen, während die Fremdsprachenkenntnisse von uns FinalistInnen nicht über das Englische hinausgehen. Derweil wir zusammen im Restaurant sitzen, sind wir ungleich mehr mit unserer Social-Media-Präsenz beschäftigt, als miteinander, die wir fünf Tage zusammen verbringen sollen. Etwas, das wir natürlich schnell bemerken und uns einigermaßen amüsiert.
Nach und nach stoßen die anderen dazu, erst Jana Vollkmann (Wien), dann Thilo Dierkes (F.a.M.), dann Simona Harmeinecke (Bremen) und zuletzt Martin Spieß (Hannover). Daniel Stähr begegnen wir erst am Flughafen Tiflis. Nach Tiflis fliegen neben der deutschen Delegation obendrein das georgische Rugby-Team, das bei seiner Ankunft, mitten in der Nacht, bereits von zahlreichen Fans und Reporter*innen erwartet wird. Und wir dachten zunächst noch, bei den jolenden sowie singenden Männern handelte es sich um Hobbyfußballer, die ein Spiel in der hiesigen Kreisliga für sich entschieden haben! In Tiflis werden wir schließlich von Zaza Shengelia abgeholt, der uns im Auftrag des Diogene Verlags (größtes Verlagshaus Georgiens) während der gesamten Reise betreut. Nachdem uns bei einem Drink die Modalitäten des Wettbewerbs auseinandergesetzt werden, verlassen wir endlich den Flughafen und steigen in einen Transporter, der uns zum Hotel abseits der Stadt bringen soll. Wenn ich sage abseits der Stadt, klingt es, als gäbe es trotz aller Abseitigkeit noch irgendeine räumliche Beziehung zwischen Hotel und Hauptstadt. Tatsächlich allerdings ist die einzige Anbindung zwischen beidem lediglich eine neunzig kilometerlange Straße. Eine neunzig kilometerlange, mit Schlaglöchern übersähte Straße, über die unser Fahrer so heizt, dass uns ganz anders wird. Nach der Sprache identifiziere ich prompt den zweiten kulturellen Unterschied zwischen Deutschland und Georgien: das Fahrverhalten der Verkehrsteilnehmenden. Und ein dritter gesellt sich gleich dazu: der Zustand der auf dem Land befindlichen und singulär an den Straßen angesiedelten Häuser. Ein Zustand, der mich so faszniert wie erschreckt. In erster Linie natürlich deshalb, weil das bröckelige Gemäuer, der abfallende Putz, die verblassten Farben, die maroden Holzfenster, die instabil und zusammengebastelt anmutenden Balkone ein Epitom dessen darstellen, was in West-und Mitteleuropa zumindest nicht äußerlich zum Tragen kommt: die ausgesprochene Limitation, die begrenzten Mittel, die westliche Vergangenheit, die hier am Kaukasus noch Gegenwart ist. Armut. Eine Armut, die mich unsicher macht. Mich mit meinem exorbitanten Sicherheitsbedürfnis. Irgendwo in Timbuktu, umgeben von latent an Favelahütten erinnernden Häusern — ich will mir nicht vorstellen, wie es um die medizinische Versorgung bestellt ist. Und ich bitte zum lieben Gott, als wäre ich wieder acht Jahre alt, dass mich während der Reise kein Unstern heimsucht.

Anders als kommuniziert werden wir nicht in Tsinandali bzw. im Tsinandali Resort untergebracht, sondern im Hotel Marosheni, das im Dorf Bakurts’ikhe liegt. Als wir an den ärmlichen Häusern mit ihrer eigentümlichen Ästhetik des Verfalls vorbeifahren und im Dorf eintreffen — ich bin von einer kleinen Stadt ausgegangen –, versuche ich, nicht in Panik auszubrechen. Das Auto hält an, wir steigen aus, es ist etwa sieben Uhr Ortszeit, und wir schießen unverzüglich Fotos vom Kaukasuspanorama, das sich hinter dem Tal wie eine Illusion auftut.

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#caucasus #kaukasus #penmarathon

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19.06.2018: Tag 1

Ohne wirklich geschlafen zu haben, dusche ich und gehe hinunter zu den anderen, die bereits am Tisch sitzen mit Maja Badridse (literarische Übersetzerin, während unseres Aufenthalts aber in der Funktion der Dolmetscherin), Judith Hoffmann (mediacampus frankfurt) und Christiane Schmidt (Lektorin). Wir stellen einander vor und diskutieren unter anderem über Sexismus und Rassismus. Eine einsame Stimme tadelt, inzwischen wünsche sie sich weniger politische Korrektheit unter jungen Menschen, womit der überwiegende Teil der Gruppe fremdelt. Anschließend geht es zum Essen, das in Georgien von außerordentlicher Beudeutung ist und fernerhin eine gustatorische Freude. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber aus Angst, die Georger*innen vor den Kopf zu stoßen, nehme ich trotzdem ein paar Bissen zu mir.  In Georgien schließen sich, zumindest was das Essen betrifft, Qualität und Quantität einander nicht aus. Ist der Tisch vollgestellt, werden auf den Speisen einfach weitere Speisen gestapelt. Ferner tritt mehrmals ein/e Kellner/in zu einem heran, um den benutzten Teller durch einen frischen zu ersetzen. Ich schaue in die so bescheidenen wie pflichterfüllten Mienen der KellnerInnen, und bin vor allem vom Antlitz desjenigen Kellners ergriffen, der Geschirr und Essen hinstellt, als seien sie fragile und kostbare Dinge, die man vorsichtig und würdevoll behandeln müsse. Wir essen und essen, doch die KellnerInnen hören nicht auf, weitere Speisen aufzutafeln. Als wir nach anderthalb Stunden endlich fertig sind, wird uns Angst und Bange vor dem Abendessen.
Nach dem Essen begeben wir uns zu einem von Christiane Schmidt initiierten Schreibworkshop, der weniger Workshop ist als ein Experiment zur Verständigung zwischen Autor*innen mit unterschiedlichem Sprachhintergrund. Maja Badridse wächst über sich hinaus und dolmetscht, wie sie vermutlich noch nie in ihrem Leben gedolmetscht hat. Und dennoch, eine gewisse Behäbig- und Zähigkeit, die sich wie Kaugummi durch die dreistündige Veranstaltung ziehen, lassen sich nicht vermeiden und setzen mir körperlich wie psychisch zu. Erschöpft gehe ich in mein Zimmer und ringe mit Wahrnehmungsstörungen. Wahrnehmungsstörungen, die in hypochondrischen Ängsten münden. Um mich runterzubringen und abzulenken, öffne ich auf Youtube eine Doku über Oliver Kahn, ohne dass sie die gewünschte Wirkung erzielt. Also stehe ich auf und gehe hinunter, um nicht meinem Psychoterror bzw. mir selbst ausgeliefert zu sein. Die Gesellschaft mit der anderen tut mir gut, es gelingt mir, mich zu regulieren, und ich genieße das Essen.
Danach findet das erste Saufgelage statt. Ein Saufgelage, dem ich zwar beiwohne, an dem ich aber nicht partizipiere. Mich sollte während des gesamten Aufenthalts die Trinkfestigkeit meiner lieben MitstreiterInnen beeindrucken, die pro Kopf und Abend minimum eine Flasche Wein tranken, teilweise sogar schon am Mittag mit dem Trinken begannen. Noch nie habe ich übelste Autor*innenklischees derart bestätigt sehen. Und noch nie habe ich sie so sehr Lügen strafen gesehen wie durch mich, die an keinem Tag einen Schluck Alkohol angerührt hat.
Mit der Zeit wird es lauter, bis die Leute, inzwischen besoffen, im Sekundentakt in lärmendes, anstrengendes Gelächter ausbrechen, einander nicht ausreden lassen und mithin versuchen, durch Brüllen das, was sie auszusprechen wünschen, auszusprechen. Typisch Besoffene eben, die sich untereinander gut verstehen. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, nicht nur weil ich nüchtern bin, konstatiere, dass es nicht nur ein Gefühl ist, und ziehe mich nach einer Weile in mein Zimmer zurück, nachdem ich meine Ängste, einen Apoplex zu bekommen, soweit reguliert habe, dass ich der Anwesenheit anderer nicht mehr zwingend bedarf. Schon jetzt sehne ich die Heimreise herbei, meine Ängste sind in der Kontuniutät und Intensität nur schwer auszuhalten.
Als Sarah und ich endlich schlafen wollen, dringt unvermittelt ein besoffener georgischer Teilnehmer in unser Zimmer ein. Ein #metoo-Moment, auf den ich schon wegen der unmenschlichen Uhrzeit hätte verzichten können. Wir kriegen Angst, scheuchen ihn wieder raus, und Sarah schließt die Tür ab. Nur wenige Minuten später schlägt und rüttelt er wie wild an unserer Tür. Schnell schlüpfe ich in meine Hose, gehe zum Balkon hinaus, der alle anderen in der ersten Etage befindlichen Zimmer miteinander verbindet, und klopfe beharrlich an Thilos und Daniels Balkontür. Zunächst öffnet mir niemand, dann kommt Thilo hinaus und berichtet mir, dass auch er vom Teilnehmer belästigt wurde. Wir beschließen, uns gemeinsam mit unseren Notebooks auf den Sitzsetzsäcken des Balkons niederzulassen. Als dann aber der übergriffige Autor plötzlich in Unterhose und in einer Decke gehüllt vor uns steht, um uns zuzusülzen, konstatieren wir, dass sein Zimmer direkt neben meinem und Sarahs liegt. Seelenruhiges Schlafen erschien mir nunmehr unmöglich. Nachdem der stockbesoffene Autor von seinem Zimmergenossen hineingerufen wurde, kommen Sophie und Jana aufgelöst zu uns heraus, denen gleichermaßen mit Klopfen und Türrütteln Angst gemacht wurde. So verbringen wir eine Weile gemeinsam auf den Balkon und unterhalten uns. Obwohl der Anlass, der uns zusammengeführt hat, ein unerfreulicher, ja beängstigender ist, empfinde ich die Situation, die daraus entstanden ist, als sehr angenehm. Die Solidarität innerhalb der deutschen Delegation ist schön und schafft eine familiäre Atmosphäre.

20.06.2018: Tag 2

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#penmarathon #marosheni #georgia

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Am Mittwoch beginnt der Wettbewerb. Da der Pen-Marathon zu den wichtigsten Literaturpreisen Georgiens gehört, erscheint das Fernsehen und dreht einen Bericht.  Die Initiator*innen halten eine Eröffnungsrede und laden uns sowie die Presse schließlich in den Konferenzraum ein, wo die deutsche und georgische Delegation die Aufgabe des Wettbewerbs erfahren soll. Sodann erhalten wir Tüten mit Schreibblock, Klemmbrett und Kugelschreiber und müssen unsere Laptops und Smartphones abgeben. Für vierundzwanzig Stunden sind wir von der Außenwelt abgeschnitten. Bis zum nächsten Tag soll ein Text entstanden sein, der ein Hamlet-Zitat („Der Lüge Köder fängt den Karpfen Wahrheit“) zur Grundlage hat. Alles per Hand geschrieben. Erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Pen-Marathon, Pen, Kugelschreiber, na klar! nicht P.E.N.. Dass ich nicht einen Augenblick an den Kugelschreiber gedacht habe, sagt viel über gegenwärtige Schreibgewohnheiten aus.
Natürlich leiden wir Social-Media-Opfer sehr unter den Wettbewerbskonditionen. Wahrscheinlich kann sich keine/r von uns mehr daran erinnern, wann er/sie im Erwachsenenalter zuletzt einen ganzen Tag lang weder Handy noch PC/Laptop angerührt hat. So sehr mich die Herausforderung reizt, so sehr stresst mich der Gedanke, kein Medium zur Verfügung zu haben, mit dem ich mich ablenken kann bei eventueller Übelkeit (leide unter Emetophobie, remember). Allerdings schaffe ich es, mich nicht von dem Gedanken vereinnahmen zu lassen, und mache mich sofort an die Arbeit. Den Tag des Schreibens habe ich von allen am meisten gemocht. Das einsame Schreiben, die Ruhe, das Bei-sich-sein, die Auflösung der Gruppe, der Austausch bar jeden kollektiven Spektakels, die Unterhaltungen über die eigene Textproduktion sind eine Wohltat.
Ich werfe mich in die Hängematte, um meinen begonnenen Text weiterzuschreiben, merke allerdings, dass ich angelegentlich meines Schlafdefizits außerstande bin, mich zu konzentrieren, und lege mich für zwei, drei Stunden in mein Bett. Zwei, drei Stunden, die mir wirklich gut tun. Als ich aufstehe, prokrastiniere ich das Schreiben und unterhalte mich mit den anderen, die es teilweise ähnlich handhaben. Dann mache ich mich wieder ans Werk, bis ich es plötzlich mit meiner Verdauung zu tun bekomme und Durchfälle habe, wie ich sie nur von Abführmitteln oder Magen-Darm-Infekten her kenne. Als ich die anderen mit meiner Angst vor dem Kotzen konfrontiere sowie mit meiner Befürchtung, mir einen Infekt der Hölle eingefangen zu haben — habe ich nicht, war leider dem köstlichen georgischen Essen geschuldet –, erklären sie sich rührenderweise dazu bereit, mir auf dem Balkon Gesellschaft zu leisten. Das war überhaupt etwas, das unsere Gruppe ausgemacht hat: die gegenseitige Fürsorge, das Aufeinanderaufpassen.
Unter widrigsten physischen und psychischen Bedingungen stelle ich in der Nacht schließlich meinen Text fertig. Mein Text, dessen Vorzug es ist, etwas zu wollen, sein Manko allerdings, dass es zuviel ist, als dass alle darin befindlichen rhetorischen Kniffe, Motive, Referenzen, angerissen Themen etc. miteinander hätten korrespondieren können. Aber drauf geschissen; hätte ich mir doch noch vor ein paar Stunden nicht einmal vorstellen können, einen Text zu beenden.

21.06.2018: Tag 3

Nach einer kurzen Nacht geben wir unsere Erzeugnisse ab. Unsere Erzeugnisse, bei denen wir nicht so recht wissen, was wir von ihnen halten sollen. Dann bekommen wir endlich Handy und Laptop wieder und stürzen uns ins Internet. Bis auf Thilo, der dreiundneunzig ungelesene Nachrichten erhalten hat, sind alle davon enttäuscht, der Welt nicht nennenswert gefehlt zu haben.
Am frühen Nachmittag schaue ich mir die in der Nähe befindlichen afrikanischen  (sic!) — tatsächlichen stammen sie aus Pakistan — Beetal-Ziegen an, die sensationell hässlich und anschmiegsam sind.

Danach schließe ich mich einem Ausflug nach Sighnaghi an. Sighnaghi, unter den Georgier*innen auch bekannt als Love City, liegt etwa über zweitausend Kilometer über dem Meeresspiegel und erinnert ähnlich wie Tiflis, wenn man von den zahlreichen Ladas absieht, an eine südeuropäische Stadt. So schön die Lage Sighnaghis aber auch ist, so enervierend ist es, die steilen Straßen auf und ab zu laufen, inbesondere bei über dreißig Grad Außentemperatur. Kopfschmerzen tun sich auf, Kopfschmerzen, die sich als ibu-resistent erwiesen. Ich will wieder ins Hotel, die anderen dagegen noch ein Bier in einem Restaurant kippen.

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#sighnaghi #penmarathon

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Zurück in Marosheni feiern wir zusammen mit den GeorgerInnen den letzten gemeinsamen Abend mit, wie sollte es anders sein, Alkohol und Musik. Doch auch an diesem Abend sind meine Kapazitäten hinsichtlich lauter, feuchtfröhlicher Gesellschaft schnell überschritten, und ich will mich ins Bett begeben; täte sich da nicht wieder meine Angst vor einem Apoplex auf. Überall meine ich taube Stellen zu spüren, Fingerspitzen, Zehen, Wange, unermüdlich bin ich damit beschäfigt, die Sensibilität meiner Extremitäten zu untersuchen. Das würde mir jetzt noch fehlen, kurz vor der Abreise einen Schlaganfall zu bekommen und dann in ein Krankenhaus zu landen, das mitteleuropäischen Standards nicht annähernd gerecht wird, während die anderen nach Hause reisen, ich also allein bleibe, tausende Kilometer von meiner vertrauten Umgebung entfernt.
Würde ich nicht derlei katastrophisierende Ängste hegen, hätte ich mich wohl auch nicht dem nächtlichen Spaziergang zu einem in der Nähe gelegenen Friedhof angeschlossen. Ebendort wird natürlich auch gesoffen. Ich mag Trinkgelage, nicht allerdings in montoner Tagtäglichkeit. Doch das war mein Problem.
Bald allerdings bin ich dem Krach und Gruppending derart überdrüssig, dass mir selbst ein eventueller Apoplex scheiß egal ist und ich mich mal wieder als erste schlafen lege, die Stille auskostend.

22.06.2018: Tag 4

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#georgia #cows #penmarathon

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An unserem letzten Tag haben die georgischen Veranstalter*innen etwas Besonderes für uns vorgesehen. Das Problem ist nur: Es bleibt nicht bloß bei Etwas.
Nachdem wir neuerlich eine waghalsige Busfahrt überstanden und an ausgebüchsten Kühen und ausgestrockneten Flüssen vorbeigefahren sind, werden wir in Tiflis ausgesetzt, um uns vier Stunden lang die Stadt anzuschauen. Sengende Hitze begleitet uns während unserer gemächlichen Sight-Seeing-Tour, und wir halten an jeder Ecke an, an denen Souvernirs und Plunder verkauft werden. Die Stadt ist nicht belebter als Berlin, aber um ein Vielfaches so laut angelegentlich der Fahrpolitik der Verkehrsteilnehmenden, die in einer Tour hupen.
Wieder treiben mich meine Apoplex-Wahnvorstellungen um: in Deutschland meinetwegen fünf Schlaganfälle hintereinander, hier aber bitte keinen, nicht in den letzten Stunden, idealerweise auch nicht im Flugzeug.
Das wirklich Traurige an der Stadt: Es gibt zahlreiche Straßenhunde, ebenso Bettler*innen, zumal alte Frauen, die sich teilweise mit schwersten gesundheitlichen Problemen herumplagen. Am erschütterndsten für mich ist die betagte Dame, die einen Säugling im Arm hält und um Geld fleht. Hätte ich auch nur einen Lari, würde ich ihr wohl sämtliches Bargeld geben. Ich fühle mich zerrissen.
In der Altstadt macht sich eine Frau einen Spaß daraus, ihren Hundewelpen wieder und wieder durch die Balustrade schlüpfen und auf dem Dach herumflitzen zu lassen. Etwas, womit sie gezielt Aufmerksamkeit zu erregen versucht. Mit Erfolg. Alle fotografieren und filmen den armen Hund für ein lächerliches Instagrampicture, mich eingeschlossen.

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#georgia #tiflis #tbilisi #penmarathon #dog

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Als wir wieder im Hotel ankommen, wo wir unsere Koffer und Taschen zwischengelagert haben, fahren wir entkräftet mit dem Bus nach Mzcheta, dem religiösen Hotspot Georgiens.  Ich habe Lust auf Nichts, von meiner vollkommen erschöpften Aufnahmefähigkeit ganz zu schweigen. Genervt und erschöpft schleppe ich mich in die Swetizchoweli-Kathedrale, durch die uns eine ältere, schwarzbekleidete und -behutete Frau führt, die in jedem Satz mindestens eine Jahreszahl nennt und das Wort Fresko benutzt. Ich sehne das Ende herbei. Was mich beinahe erleichtert, ist, dass nicht nur ich mich unangenehm berührt fühle von den Menschen, die mit gefalteten Händen vor einem Heiligenbild stehen oder sich gleich auf den Boden werfen. Mein Unbehagen ist unabhängig von Konfession und religiöser Zugehörgkeit zu verstehen. Grundsätzlich ist es mir ja einerlei, woran Menschen glauben; wenn es jedoch in eine Art Unterwürfigkeit kulminiert, schreckt es mich ab. Will man tatsächlich jemanden anhimmeln, der von einem Devotion erwartet?
Nach einer halbstündigen Bootstour, die sich anlässlich der fast vollständig untergegangenen Sonne nicht wirklich amortisiert hat, werden wir bei einem Restaurant abgesetzt, das wie ein Robin-Hood-Filmset anmutet. Es ist in einer Bergspalte gebaut. Brücken und Treppen verbinden Tanzfläche, Tischecken, Pavillons etc., umrahmt von Granit, Geäst und Blattwerk. Vergleichbares habe ich noch nie gesehen. Natürlich gibt es wieder Essen bis zum Umfallen, und in einem Toast spreche in Namen aller deutschen TeilnehmerInnen unsere tiefe Dankbarkeit aus. Denn tatsächlich: Die georgische Gastfreundschaft ist einmalig. Und wir alle haben eine Erfahrung fürs Leben gesammelt. Eine Erfahrung, die ich den Angehörigen meiner Working-Class-Familie nun voraus habe. Und dennoch: Die Welt zu sehen, wird für mich niemals selbstverständlich sein.

 

PS: Wer noch mehr Impressionen zum PenMarathon lesen möchte:

Sophie Sumburane und ihr #metoo-Erlebnis in Marosheni
Jana Vollkmanns Georgien-Tagebuch
Martin Spieß‘ Post-PenMarathon-Blues

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