Ich schließe jetzt. Vielleicht findest Du in den Mülltonnen etwas Essbares.

von romantischverklaert

Normalerweise mag ich die Kolumnen von Sibylle Berg sehr. Die akuelle jedoch betrachte ich als Entgleisung. In ihrem Text ruft Frau Berg dazu auf, Ungerechtigkeit, Beleidigungen, Herablassung usw. mit Humor zu nehmen und es, wie sie sagt, besser zu machen, weil sie dies als erhabene Haltung wähnt. Unvermittelt kamen mir folgende, aus den Zusammenhang gerissenen Zeilen von Shakespeare in den Sinn.

Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?
Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?
Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?

Ich weiß nicht, woher diese Einstellung rührt,  wilde Emotionen, egal in welchem Kontext, seien unschicklich und mithin unangebracht. Wenn einem jemand ins Gesicht spuckt, ist es für meine Begriffe jedenfalls kein Zeichen der Größe, seine Wut hinunterzuschlucken und mit einem Lächeln zu reagieren, statt seine Missbilligung darüber kundzutun und sich ggf. zu wehren. Über den Dingen zu stehen, indem man sich nichts anmerken lässt, ist reine Schimäre und fußt auf nichts weiter als ein christliches Dogma. Wut ist nicht gleich nörgeln oder gar armselig, sondern in vielerlei Hinsicht adäquat und notwendig als Motor für Veränderungen. Keine Bewegung, sei es die feministische, die queere, die der Afroamerikaner usf., hätte etwas bewirkt, wenn sie mit vermeintlicher Coolness und Emotionslosigkeit auf die Straßen gegangen wäre.

Das Ausagieren von Wut gilt in unserer Gesellschaft als unsexy. Mal ganz abgesehen davon, dass ich eine solche Geisteshaltung weitaus unattraktiver finde, als emotional auf haarsträubende Gegebenheiten zu reagieren, wäre es womöglich keine schlechte Idee, sich von dem überholten Anspruch zu verabschieden, jederzeit sexy zu sein. Wer immer nur darauf bedacht ist, sich unantastbar zu geben, versäumt es, selbst anzugreifen und gegen Misstände vorzugehen.

Das eine übereifrige taz-Journalistin einen schlechten Artikel über Thomas Fischer geschrieben – und dem Feminismus keinen Gefallen damit getan- hat, kann kein Anlass zum zweifelhaften Aufruf sein, sich Dinge gefallen zu lassen (indem man in resignatives Gelächter ausbricht), die unmöglich sind. Denn, nein, Frau Berg: Humor ist zwar unerlässlich zum Überleben angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit, nicht aber das Mittel der Wahl, um sich dagegen zu Wehr zu setzen und einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. So sehe ich das zumindest.

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