Für die Schlampe ist alles ein Kinderspiel

von romantischverklaert

Lesungshonorare für Kurzprosa. Ich weiß, ich stehe mit dieser Ansicht einsam da. Allerdings habe ich es als Schreibende weder früher noch heute für selbstverständlich und zwingend befunden, 100 Euro oder mehr für den Vortrag eines zehnminütigen Textes zu verlangen. Letztes Jahr in Österreich, als ich anlässlich der Lockstoff-Lesung in Wien war, berichtete ich anderen Autor_innen, dass es für mich, angesichts der mangelnden Zahlungskraft von Literaturzeitschriften und Lesebühnen, etwas Besonderes darstelle, ein Honorar zu erhalten, und ich große Dankbarkeit empfände, wann immer mir eines gezahlt werde. Ein Bekenntnis, das auf Fassungslosigkeit und Unverständnis stieß, denn  für meine Gesprächspartner_innen selbst kam es überhaupt nicht mehr infrage, unentgeltlich noch irgendwo aufzutreten. Mich befremdete diese Haltung. Bares zu erwarten, unabhängig davon, wie lange man liest und die finanzielle Situation einer Zeitschrift/eines Leseungsformats/whatever beschaffen ist, erscheint mir – drücke ich es so aus – sehr anspruchsvoll.
Zu schreiben ist für mich ein Privileg, das ich mir selbst herausnehme. Herausnehme, weil das gesellschaftliche Setting mir die Möglichkeit hierfür bietet. Früher, zu Grundschulzeiten, hat man das, was ich heute tue bzw. getan habe, Freiarbeit genannt. Das bedeutete, sich unter flexiblen und entspannten Bedingungen auf einer spielerischen Ebene auszuprobieren und im Idealfall etwas hevorzubringen, das gefällt; bedeutete, dass wir Verantwortung übernahmen und selbst entschieden, womit wir uns wie beschäftigten. Und genau das ist für mich Schreiben: ein Hobby, eine Freiarbeit, dem/der ich mich eigenverantwortlich zuwende; ein Luxus, wenn ich bedenke, dass man als Autor_in dank Sozialfürsorge immer weiterschreiben kann, ja keine existenziellen Ängste ausstehen muss, selbst wenn es mit der Schriftstellerkarriere nicht so läuft, wie erhofft.
Lädt mich eine Literaturzeitschrift, die meinen Text abgedruckt hat, ein, einen Text in der Länge von 10-15 Minuten vorzutragen, mithin also an Präsenz zu gewinnen, erscheint es mir vermessen, Geld von dieser zu verlangen. Viele Autor_innen argumentieren damit, dass auch eine Lesung Arbeit sei. Mir selbst hingegen kommt diese Aussage, sofern bloß von einem Kurzauftritt die Rede ist, ein wenig hochtrabend vor. Manchmal frage ich mich, ob ich die einzige bin, die keinen Kraftakt, geschweige denn Arbeit darin sieht, einen zehn- bis fünzehnminütigen Text – selbst wenn es der eigene ist – vorzulesen (ist es für mich einfach nicht. Null.), und welche Finanzstrategie schreibende Mütter und Väter wohl verfolgen, wenn sie ihren Sprösslingen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. 100, 200 Euro für zehn Minuten irgendwo lesen – Himmelarsch: ’ne Reinigungskraft träumt davon, so viel nach an einem Tag putzen zu verdienen.
Ich verstehe das Bedürfnis, vom eigenen Schreiben leben zu können. Zuweilen allerdings kommt es mir so vor, dass einige vergessen, wie groß und vor allen Dingen fordernd dieser Wunsch ist. Nicht wenige Autor_innen tendieren gar zu gerne zur Selbstgefälligkeit und vergessen infolgedessen, dass nicht nur die Literaturzeitschriften, Lesereihen, ja selbst Verlage diejenigen sind, die in den Genuss eines Privilegs kommen,  nämlich ihre Texte zu publizieren, sondern auch sie, die Autor_innen selbst, indem ihnen zu einer Leserschaft, Präsenz und Reichweite verholfen wird. Ich persönlich sehe darin bereits einen wahnsinnigen hohen Wert; einen nicht selbstverständlichen Wert, der aber sehr häufig verkannt wird. Die Kohle ist für mich daher nicht nur eine geile Zugabe für den Luxus, mich einer Freiarbeit, dem Schreiben, hingeben zu können, sondern darüber hinaus nichts, womit ich bei den ärmsten der Armen, den Zeitschriften und Lesereihen, ansetzen wollte. Die Verantwortung, das Verbreiten der eigenen Gedanken und Geschichten zu bezahlen, sehe ich vielmehr bei jenen, die daran auch verdienen, namentlich die Verlags- und Literaturhäuser.

Nicht selten beschleicht mich das Gefühl, dass Autor_innen in einem Honorar weniger eine Form der Anerkennung  sehen, als eine Art Schmerzensgeld für das Schreiben. Das ist verständlich, doch nicht unproblematisch, denn: Niemand zwingt einen, sich dem Leid des Schöpferischen auszusetzen. Es gibt keine_n Arbeitgeber_in, keine finanzielle Not im Nacken, der/die einem keine andere Wahl ließen. Für meine eigene innere Notwendigkeit, die ich empfinde, kann ich niemanden zur Verantwortung ziehen. Wie jemand, der selbstständig ist, bin ich allein dafür verantwortlich, mit dem auszukommen, was ich tue. Selbstfürsorge kann man nicht an andere delegieren. Wird nicht funktionieren.

PS – weil damit einfach zu rechnen ist: Ich sage nicht, dass Schreiben und Lesungen grundsätzlich keine Honoration bekommen sollten.

Advertisements