Ich bin ein Neidhammel und neidisch auf mich

von romantischverklaert

Ja ja. Kein Jahr, nicht einmal 1939, wurde jemals so gebashed wie 2016. Das liegt aber nicht nur daran, dass die halbe Popmusikelite einschließlich Carrie Fischer gestorben und Affenfresse Trump Präsident geworden ist – seriously?!! ; sondern auch daran, dass etliche Menschen privat immer wieder in Scheiße getreten sind. Meine Wenigkeit nicht ausgenommen. Fast ein dreiviertel Jahr quasi-obdachlos, Verlust meines Kiezes, herbe Misserfolge in der Schule sowie beim Schreiben und die Erkenntnis, dass Die Große Glocke, diese Seelenangelegnheit, die 4 Jahre von mir gefordert hat, durch die Bank weg verschmäht wird – um nur ein paar der dramaturgischen Tiefpunkte meines Jahres zu nennen.

Da die Welt aber ein riesen Kübel Scheiße ist, aus der hin und wieder ein paar Blümchen wachsen, gab es auch bei mir kleine Ereignisse und Entwicklungen, die schön waren. Zum Beispiel wurde ich zweimal für einen Literaturpreis nominiert – wobei ich doppelt leer ausging und mithin erfahren durfte, wie DiCaprio sich all die Jahre gefühlt haben musste (ultra frustriert). Dann bin ich nach Wien geflogen, ja geflogen, anlässlich einer Lesung. Für die meisten wäre das keine große Sache, für mich allerdings war das ein riesen Happening; nicht nur, weil ich das erste Mal überhaupt ein Flugzeug in Anspruch genommen habe und dazu noch allein, sondern auch, weil ich mir während all der Vorlaufzeit nicht zugetraut hätte, dieses Abenteuer wirklich anzutreten. Was noch? Ach ja, mein Fame wächst so allmählich und merklich. Es gibt immer mehr Leute, sogar mehr oder weniger bekannte, die entweder verfolgen möchten, was ich mache, oder sich bei mir anbiedern, weil ich Herausgeberin bei SuKuLTuR bin. Leute, denen ich vorher zu uncool war. Leute, die mich vorher nicht ernst genommen haben. Was daran schön ist? Ich kann die meisten getrost abblitzen lassen, weil ich keinen Pfifferling darauf gebe, im Literaturszenenpuff gemocht zu werden oder gar dazuzugehören.  Wer mich mag, mag mich deshalb, weil ich eine rüde, prollige, intersektionelle Post-Feministin bin, die sich öffentlich am Schritt kratzt, auf Seriosität einigermaßen defäkiert und sich nicht selbst die Klitoris poliert, wenn sie über Literatur schwadroniert.

Aber nu, kommen wir zu den lächerlich wenigen Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe.

Anna SeghersDas siebte Kreuz

Damals mehrere Male angefangen und immer wieder nach ein paar Seiten abgebrochen. Und heute: Ich las das Buch immer in dem Wissen, dass ich ganz große Literatur in den Händen halte. Bis zum Schluss durchzuhalten, fiel mir dennoch sehr schwer. Ich kann nicht genau sagen, woran es lag. Es wollte sich bei mir kein rechtes Interesse an den Figuren und der Handlung auftun. Allein das Handwerk hat mir imponiert, das für mich ans Meisterliche grenzt. „Nur“ um das aber festzustellen, hätte ich nicht das ganze Buch lesen müssen. Ob’s ich trotzdem empfehlen würde? Ja, unbedingt.

 

Joshua GroßMagische Rosinen

Bei Dr. Peng reingelesen und für so aufregend befunden, dass ich Verleger Manfred Rothenberger anschrieb und um das Buch bat. Das Schöne am gleichzeitigen Herausgeber*in- und Schrifsteller*insein: Man ist in einer Position, auf der man am Geben-und-nehmen-Prinzip partizipieren kann. Ich bekomme also ein kostenloses Exemplar von Magische Rosinen und Rothenberger mein Sachenhausen-Heft.
Zum Buch: Musikfetischist und Zitat Deutsche Rapphoffnung Zitatende Mascarpone und Politikerin Sahra Wagenknecht begegnen und verlieben sich. Wagenknecht schickt den Rapper schließlich nach New York, um die sog. Magischen Rosinen zu finden, ein Zitat Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins Zitatende, das Aliens seinerzeit auf der Erde hinterlassen haben – alles für den Weltfrieden.
Nicht nur, dass mich der trashige Plott begeistert hat; ich war auch von den zahlreichen popkulturellen Bezügen ganz angetan sowie vom sattelfesten und originellen Erzählstil – es las sich wunderbar. Ein Versuch, der, schaut man sich so um in der zetgenössischen Literatur, benkenlos als eigensinnig bezeichnet werden könnte. Einzige Schwachstelle: Der überfrachtete Plott. Jede schrille Idee soll, ja muss rein. Daher ist es – zumindest teilweise – vom verzückenden Trash zum Klamauk nicht weit.
Lesen? Ja, bitte.

Lisa Kränzler Nachhinein

BÄM! Als ich im Sommer die ersten Seiten angelesen habe, stellte ich das Buch flugs wieder in mein Buchrregal. Meine Fresse, wie anstrengend, was für ’ne artifizielle, verbastelte Sprache, sagte ich in mich hinein. Nach einiger Zeit allerdings nahm ich es wieder zur Hand – wegen der täglichen Pendelei bot es sich an -, um es dann nur noch zur Seite zu legen, wenn ich irgendwelchen Pflichten nachgehen musste. Oh my, wie lange hatte ich das schon nicht mehr, es dürften Jahre sein!
Ein durch und durch grandioses Buch! Erzählt wird die Geschichte zweier Mädchen, die unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen und freundschaftlich miteinander verbunden sind. Während die eine gut situiert und wohl behütet lebt, erfährt die andere psychischen sowie sexuellen Missbrauch.
Ein Einstieg in das Buch fällt nicht leicht. Statt reduziert und parataktisch zu erzählen – was sich gegenwärtig ja großer Beliebtheit erfreut -, malt Kränzler mit Hypotaxen und  Metaphern ein gewaltiges expressionistisches Bild, das einen sofort catched.
Besonders beeindruckend und großartig fand ich, zumal als Nostalgikerin, wie Kränzler aus dem Super-Nintendo-Klassiker Street Fighter 2 ein tragendes Handlungsalement macht, mit dem sie die Sehnsüchte des benachteiligten Mädchens, deren Flucht in eine andere Welt sowie deren sexuellen Missbrauch auf schmerzhafte Weise verbildlicht. Aus einem harmlosen Konsenspiel wird eine zweite Welt, eine Welt mit der sich die Gepeinigte von der Realität, den uneträglichen Zuständen abspalten und ihr eigenes Leid ertragen kann. Es ist schrecklich beklemmend und gerade deshalb ein verdammt guter Roman.
Wenn man dann auch noch Sätze liest wie „Er ist nicht länger ihr Vater. Er ist genauso wenig ihr Vater, wie das Stück Stoff, das hinter ihm zu Boden fällt, ein Bademantel ist.“ und „[…]Später befühlt sie das Cape. Erschlafft hängt es am Haken. Gibt sich harmlos, frotteeflauschig. Ein Meister im Täuschen und Tarnen. Einer, der weiß, wie man sich vor Müttern versteckt. Müttern, die nichts ahnen wollen. Müttern, die an den Bademantel glauben.“, dann wird einem anders. Das tut weh, und weil es weh tut, ist das nicht mehr und nicht weniger ein Beweis dafür, dass uns hier jemand etwas ganz stark erzählt.
Gemeinhin wird das Buch als Coming-of-Age gelabelt. Ums Aufwachsen geht’s durchaus; doch nicht ums Erwachsenwerden. Das Thema des Buches, es ist ein ganz anderes.
Unbedingt lesen, unbedingt, unbedingt.

Anneliese MackintoshSo bin ich nicht

Dass ich das Buch gelesen habe, war dem Zufall geschuldet, dass ich einem Lektor des Aufbau-Verlags bei einer Party begegnet bin. Wir befreundeten uns bei Facebook, und er schickte mir die Lektüre zu. Eine Beurteilung fällt mir schwer, weil ich außerstande bin, das Buch lediglich auf Grundlage literarischer Kriterien zu bewerten. Beschränke ich mich allein darauf, gibt es nichts zu bemängeln. Die Geschichten sind souverän erzählt, unterhalten gut und brachten mich nicht selten sogar zum Lachen. Mein Problem: Es ist für mich diese Art Schreiben-als-Psychohygiene/-therapie, die als typisch für Frauen gilt, ja vielleicht bloß eine gehobenere, neue (?) Spielart darstellt unter dem sexistischen Label namens Frauenliteratur. Mackintosh macht sich, fragt man mich, selbst zum Klischee, sie erfüllt die Erwartungen, die man an schreibende Frauen hat: Sie müssen sich selbst therapieren, das ist der Grund, warum sie in die Tastatur hauen und sonst nichts (Inga-Maria Mahlke hat dazu mal etwas sehr Treffendes geschrieben, leider finde ich die entsprechende FB-Statusmeldung nicht mehr). Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Neues zu lesen, vielmehr war es mir gar zu vertraut. Interessanter hätte ich gefunden, wäre der Verfasser ein Mann, hätte ein Mann derart blank gezogen und sich so fragil, so anfreifbar gezeigt. Ein Aufbrechen von gelebten Rollenklischees, eine männliche Emanzipation – nicht von den Frauen, sondern von klassischen Erwartungen, mit denen sich Männer konfrontiert sehen. Ob ich es dem Buch aber „zum Vorwurf machen“ möchte, weiß ich nicht. Eigentlich wäre es unfair, weil das Problem die Klischees und deren Ursprünge sind und nicht diejenigen, die ihnen (zufällig) entsprechen.

Wolfang Herrndorf – Sand

Hat mir besser gefallen als Tschick, wobei ein Vergleich im Grunde kaum möglich ist. Während Tschick ein Feel-Good-Buch mit Feel-Good-Ende ist, stellt Sand eine satirische Agentenklamotte dar mit schwer verdaulichem Ausgang. Ursprünglich habe ich, anlässlich der Rezensionen, die von einem verschachtelten, schwierig zu folgenden Roman sprachen, davor zurückgeschreckt, mir das Buch zu besorgen. Als ich allerdings mal ein paar Payback-Punkte zuviel hatte, fasste ich mir ein Herz. Es hat sich nachgerade amortisiert. Sand ist ein herrlich intelligenter und brillant erzählter Roman, wenngleich die ein oder andere Länge nicht abzustreiten ist. Die Einführung der Figur Helen Gliese ist für mich das persönliche Highlight des Buches; bisher bin ich noch keiner großartigeren Personeninstruktion begegnet. Auch an den sarkastischen Passagen konnte ich mich laben, insbesondere an der schrulligen Kartenlegerin Michelle, die Herrndorf mit großer Leidenschaft durch den Kakao zieht. Die Liebe zum Detail sowie das Ausmaß der Beschreibung der Tarot-Sessions erscheint mir nicht zuletzt bemerkenswert, machte doch WH in seinem Blog Arbeit und Struktur keinen Hehl daraus, was er von allem, was sich der Wissenschaft entzieht, hielt. Als Irre hätte er eine Michelle bezeichnet, wäre er ihr begegnet. Aber nun –
Sand gehört zu den wenigen Büchern, bei denen mich die Auflösung der Geschichte interessiert hat. Sehr überrascht war ich am Ende nicht, was allerdings nicht gegen das Buch spricht. Es ist, like I said, erzählerisch, sprachlich und kompositorisch auf höchstem Niveau, und noch dazu spannend und zuweilen wahnsinnig amüsant. Diese Elemente zusammenzubringen, erachte ich als wahres Kunststück.

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Wenn ich mir David Foster Wallace zu Gemüte führe, fühle ich immer eine geistige und emotionale Nähe. Das ist unheimlich wohltuend und gleichzeitig ausgesprochen traurig, weil ich ihn immer in dem Wissen lese, dass er, dessen Blick auf die Dinge den meinen ähnlich ist, tot ist; dass uns eine Welt trennt. Es dürfte niemanden geben, der eine Fahrt auf einem Luxuskreuzfahrtschiff so intelligent und komisch beobachten und analysieren kann wie DFW. Es ist die reinste Freude, dieses Buch zu lesen.

Robert Merle Der Tod ist mein Beruf

Mit großer Vorfreude und mithin hohen Erwartungen bin ich an den Roman rangegangen, der die Geschichte des Lagerkommandaten von Auschwitz, Rudolf Höß (im Buch Rudolf Lang) erzählt. Es ist der Versuch, anhand einer Biografie unfassbar erscheinendes Verhalten zu erklären. Bezüge zu Hannah Arendts Bericht Eichmann in Jerusalem, der die sog. Banalität des Bösen thematisiert, erschienen nicht zufällig, müssen es allerdings sein, weil Merles Werk fast ein Jahrzehnt früher erschienen ist. Überzeugte mich das Buch? Nein, leider nicht. In erster Linie dürfte es daran liegen, dass mich der Protagonist völlig kalt gelassen hat. Die Figurenzeichnung wirkte auf mich erschreckend eindimensional und klischeebeladen. So sehr ich mich auch bemühte, es gelang mir nicht, Rudolf Lang seinem im Buch dargstellten Charakter abzukaufen. Darüber hinaus fand ich den Roman sprachlich wie erzählerisch recht limitiert, um nicht zu sagen dürftig, was dazu führte, dass sich keinerlei Spannung beim Lesen auftun wollte. Dass es obendrein grobe faktische Schnitzer gab („Auschwitz sollte die jüdischen Häftlinge aufnehmen und Birkenau die Kriegsgefangenen“ S.185. Nein,  genau umgekehrt wird ein Schuh draus.) – geschenkt. Insgesamt hat mich das Buch sehr unbefriedigt zurückgelassen.

Einen guten Rutsch, ihr Muschis!

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