And the Nobel Prize goes to…

von romantischverklaert

Ein Songtext kann genauso Literatur darstellen wie ein gemeines Gedicht, Drama oder Prosawerk. Die Grenzen von Literatur und Musik sind fließend. Ein guter Text bzw. eine gelungene Sprache fußt stets auf musikalischen Grundlagen wie Ton, Rhythmus usf.
Das belegt bereits die Historie, wie die herzerwärmende Nora Gomringer unlängst in einem Artikel in der NZZ.ch  festgehalten hat.

Vergessen scheinen die Aoiden der vorhomerischen und homerischen Zeit, die die Odyssee bei Gastgelagen sangen und denen der Dichter Homer lauschte, dann – die Wissenschaft ist sich beinahe sicher, dass es so gewesen sein muss – die besten Vortragsversionen verband und den Text schuf, der uns mit seinen 24 Gesängen über die Irrfahrten des Listenreichen zur Weltlektüre wurde.

Homer hätten die meisten Menschen den Nobelpreis für Literatur wohl ohne Zögern gegönnt, Bob Dylan bekommt heftigen Gegenwind.

Das Komitee hat gezeigt bzw. zeigen wollen, dass es in der Gegenwart angekommen ist – ist es tatsächlich natürlich immer noch nicht, weil Dylan als Repräsentant der Popkultur einfach nicht mehr zeitgemäß ist.
Das ist einerseits eine wichtige, andererseits aber auch eine unglückliche Geste.
Im Fokus des Literaturnobelpreises sollten nicht zuletzt – aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung – außerordentliche literarische Qualität sowie auch poetische Innovationen gewürdigt werden. Wäre es allein nach diesen Maßstäben gegangen, hätte Dylan nicht Autor_innen wie Thomas Pynchon, Don DeLillo, Elena Ferrante etc. vorgezogen werden dürfen: Denn zwischen ihm – wenngleich er zweifelsohne ein guter Songwriter ist – und den Genannten liegen einfach noch ein paar Sternensysteme.
Bei der Entscheidung der Akademie ging es vor allem darum, ihr eigenes Innovationsbedürfnis zu befriedigen. Sie haben dieses literarischen Maßstäben vorgezogen. Letztlich wurde der Verbreitungsweg prämiert. Was dumm ist, weil man durchaus zwei Fliegen mit einer Klappe hätte schlagen können. Preisfrage: Warum wurde keine Songwriterin*/kein Songwriter* ausgezeichnet, die/der in puncto literarischer Qualität und Originalität Großschriftsteller_innen wie Philip Roth, Margaret Atwood, Thomas Pynchon usf. in nichts nachsteht?
Arbeitshypothese: weil das Komitee niemanden bis auf Bob Dylan kennt, der irgendwas mit Popkultur zu tun hat.

Was ich eigentlich nur sagen will: Die Nase zu rümpfen, weil ein vermeintlich Genrefremder den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat, ist genauso bescheuert, wie den Einzug der Popkultur in die Literatur für ausreichend zu befinden, um sich den Literaturnobelpreis zu verdienen.

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