„Besteht der Außerirdische aus Kohlenstoff oder Silikon?“, „Eh, das zweite… Xyliphon.“

von romantischverklaert

Wie ich gestern bereits erwähnt habe (das betrifft diejenigen, die in meiner Facebook-Friendlist sind), habe ich das erste mal seit 14 Jahren kotzen müssen. Die meisten werden denken, dass das kein Grund ist, um es mit einem Post zu bedenken und mit Bedeutung aufzublähen, stellt doch Kotzen für sich genommen nichts Außergewöhnliches dar. Das stimmt, allerdings nur insofern, als man kein Emetophobiker ist. Wer unter Emetophobie leidet, kriegt spontane Atemnot, sobald ihm mal etwas unwohl ist – oder seinen in unmittelbarer nähe befindlichen Mitmenschen. Wer unter Emetophobie leidet, möchte vor dem Kotzen weggrennen. Wer unter Emetophobie leidet, kann eine pathologische Angst vor dem Essen haben oder entwickeln.
Es ist nicht so, dass ich in all den Jahren keinen Brechreiz gehabt hätte. Den bekam ich sogar häufiger mal aus unterschiedlichen Gründen. Gleichwohl blieb es immer nur beim Würgen. Nie ist es mir tatsächlich aus dem Mund gekommen. Je häufiger ich diese Erfahrung machte, desto weniger Panik empfand ich beim Würgen. Irgendwann war sie sogar ganz weg; weil ich mich darauf verlassen konnte, dass mein Mageninhalt letzten Endes doch nicht hervorkommt; und weil ich darauf vertraute, dass man mit der Psyche, mit aboluten Willen bzw. Widerwillen, steuern kann, mit welchen Reaktionen der Körper einer Krankheit begegnet.
Seit dem ich Herrendorfs Blog gelesen und mich mithin mit Glioblastomen beschäftigt habe, macht mir der Gedanke schwer zu schaffen, wie abhängig unser Geist, unser Bewusstsein, unsere Klarheit von einem Klumpen Materie, dem Hirn, ist; wie ohnmächtig wir eigentlich sind; wie ausgeliefert. Es geschehen soviele Prozesse im Gehirn, von denen wir nicht das Geringste mitbekommen. Es hat uns ganz in der Hand. Es kontrolliert uns, nicht wir es. Und wehe, wehe, dieses fragile System ist irgendwelchen Erschütterungen ausgesetzt. Dann verlieren wir entweder unsere Sprache, unser Gleichgewicht, unser Sehvermögen, unser Gefühl, unsere Körperkontrolle, unsere Persönlichkeit, uns selbst.
In meiner vorletzten Kurzgeschichte Die Suche nach Satelliten, in der es um den Zusammneschluss von Deutschland und Österreich geht, schrieb ich einmal:

Ich schlürfe meinen Drink aus und bestell noch einen. Egal, wieviel ich heute bechern werde: Ich werde immer die Kontrolle behalten. Mit der Kraft des Willens werde ich mich gegen mein sich gehen lassendes Hirn auflehnen. Es kann nichts passieren, solange ich kein grünes Licht gebe. Wenn ich nicht will, dass Hypothalamus, Hypophyse und Eierstöcke meinen Ovarialzyklus vollkommen unbemerkt steuern, werde ich künftig nicht mehr menstruieren; wenn ich meiner Medulla oblongata Einhalt gebiete, werde ich nicht kotzen. Wenn ich nur will, werde ich nicht torkeln. Egal, wieviel ich trinke. Ich bin stärker als mein Hirn. Ich bin mehr als Materie.

Ich habe wirklich geglaubt oder zumindest gehofft, dass dieses möglich wäre oder zumindest in weiten Teilen; dass ich mit Willenskraft mich aus der Ohnmacht der Abhängigkeit von und der Kontrolle des Gehirns befreien könnte. Und so hatte ich auch, als ich letzte Nach die ersten Symptome bekam, als ich minütlich zum Klo rennen musste wie jemand, der zehn Einläufe auf einmal verpasst bekommen hat, zunächst keine Angst. Ja, okay, scheint ein härterer Infekt zu sein, dachte ich, aber hej, ich habe 14 Jahre lang nein gesagt, ohne dass mein Hirn dem etwas entgegensetzen konnte.
Als ich aber schließlich würgen musste, wusste ich auf einmal, dass es dieses Mal nicht dabei bleiben würde; dass ich dieses Mal wirklich kotzen müsste. Und so geschah es schließlich auch. Nicht einmal so viel, dass ich danach eine Erleichterung verspürt hatte, aber doch genug, um es aus dem Mund laufen zu lassen und die Säure im Rachen zu schmecken. Während ich kotzte, kippte ich mir einen Becher kalten Wassers über den Hinterkopf, um nicht vor der Schüssel zusammenzubrechen (war schon vollkommen dehydriert und einen Tag ohne Schlaf). Und nachdem ich die Schüssel ausgekippt und ausgespült hatte, legte ich mich wieder hin und dachte über das eben Erlebte nach. Mein erster Gedanke: Mein Gehirn hat sich gegen meinen Willen behauptet, hat gemacht, was ihm beliebte.
In diesem Augenblick wurde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit und mithin Menschlichkeit bewusst. Ich fühlte nur noch  Ernüchterung.

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