no, truth doesn’t make a noise

von romantischverklaert

Kann man noch bedenkenlos die Musik von jemanden hören, der mutmaßlich Kinder sexuell missbraucht hat?

Spätestens seit Michael Jacksons Tod dachte ich, ich würde nie wieder mehr mit dieser wenig erbaulichen Frage konfrontiert werden. Wenig erbaulich deshalb, weil MJ für mich einer der ganz Großen war. Jemand, der mit einem einzigen Video Geschichte geschrieben, der – frei nach Hesse – wie ein Vogel eine alte Welt, das Ei zerstört hat, um geboren zu werden.

Wir wissen, wovon ich rede. Ich rede von Thriller. Ich rede auch von all den gigantischen Hits, die danach kamen. Ich rede von dem Mann, über den man sagt, er hätte keine Kindheit gehabt. Ich rede von dem Farbigen, der weiß geworden ist. Ich rede von dem Kerl, der, angesichts seiner pluralistischen Botschaften und zunehmend zerbrechlichen Erscheinung, nie als solcher wahrgenommen wurde. Ich rede von dem Menschen, der eine Metamorphose zur Puppe gemacht hat. Ich rede von dem Star, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich rede von der gebrochenen Person, die mehr tragisches Opfer einer perfiden wie skrupellosen Verleudmungsaktion zu sein schien als derjenige Täter, gegen den Anklage erhoben wurde. Ich rede von dem Künstler, dessen Schaffen mich zu Tränen rührt. Ich rede von demjenigen, der wohl der einzige Mann sein dürfte, bei dem ich trotz aller harten Indizien nicht glauben kann, dass er etwas Schreckliches, ja, Böses getan hat. Ich rede vom King of Pop, der für das Gute stand, in seinen Texten, seiner Wohltätigkeit, seiner öffentlichen Haltung, und uns alle damit erschreckt, dass auch er einen Schatten gehabt haben könnte.

In der Spiegel TV-Doku Gesichter des Bösen wird die Frage debattiert, ob es eine sogenannte Fratze des Bösen gibt. Die einhellige Antwort der befragten Journalisten, Schriftsteller*innen, Gerichtsreporter*innen und forensischen Psychiater*innen lautet erwartungsgemäß: Nein. Das Böse stecke in jedem, das Böse habe keine Fratze, an der man es erkennen könne.
Ich bin ja der Meinung, dass sich die These der Dokumentation um einen Terminus dreht, der aus sich heraus bereits ungeeignet für eine seriöse Problemfrage erscheint: böse. Ich kriege trotz langer Suche nicht mehr zusammen, wer Folgendes einmal formuliert hat (vielleicht de Sade?): Gut und Böse sind Vorurteile der Kirche. So jedenfalls betrachte ich es. Denken wir in derartigen Kategorien, frage ich mich, inwieweit uns noch etwas von der geistigen  Starre und Einfältigkeit von Verschwörungstheoretikern, Faschisten oder religiösen Fundamentalisten trennt. Es gibt keine Monster, Dämonen oder Teufel, genauso wenig wie es Engel und Feen gibt. Zielgerichtetes, bewusstes Handeln ist mir auf diesem Erdenrund nur von Menschen bekannt. Ein Mensch, wie ich es bin, ein Mensch, wie Hitler es war, ein Mensch, wie du es bist, ein Mensch, wie Fritzl es ist.
Niemand, der sich als gesittet und aufrecht begreift, möchte sich auf eine Stufe mit einem schweren Verbrecher/einer  schweren Verbrecherin gestellt wissen; möchte ihn/sie nicht einmal in seiner gefühlten Nähe haben. Ganz weit weg sollen sie sein, die Mörder*innen, die Sexualstraftäter*innen. So weit weg, dass sie am besten gar nicht mehr zur Spezies Mensch dazugerechnet werden. Dann wird aus dem Mensch ein Monster, Ungeheuer, Dämon usf. Und dann hat er mit uns nichts mehr zu tun; hat er mit mir nichts mehr zu tun und mit dir auch nicht. Weil: wir, du und ich, wir sind Menschen; die da hingegen, dort hinten, sind Monster, Abschaum, Ungeheuer. Dass wir damit einer Strategie folgen, derer sich bereits die Nationalsozialisten bedient haben, um ganze unliebsame Bevölkerungsstämme auszurotten, verdrängen wir mal getrost. Genauso wie wir ausblenden, dass wir uns damit selbst zu denjenigen machen, die wir verurteilen.
Wahrscheinlich ist genau das das Unbegreifliche an allem: das ein Mensch, wie ich es bin, fähig ist, Schreckliches zu tun; bedeutet es doch im Umkehrschluss, dass auch ich theoretisch imstande bin, Verbrechen zu begehen; dass auch ich einen Schatten habe.

Ich schreibe das so altklug daher und erwische mich im selben Moment dabei, wie ich mir Michael Jacksons Gesicht vorstelle und daran scheitere, die Vorwürfe mit ihm in Einklang zu bringen. Niemals. Ich glaube das einfach nicht. Dieses zerbrechliche, mittleiderregend aussehende Wesen kann unmöglich etwas getan haben, das vor dem Hintergrund sexualstrafrechtlicher Relevanz steht. Dieser Mensch war nicht böse, kein Unmensch. Kriege ich nicht hin, packe ich kognitiv nicht und emotional sowieso schonmal gar nicht. Und plopp, schon ist es passiert. Schon entmenschliche ich jemanden, um mich zu distanzieren, um die Scheiße vom Kitsch zu trennen, um den menschlichen Ursprung des Übels in meiner  unversehrten, heilen Welt wegzurationalisieren, um das Leben irgendwie zu ertragen.
Ich habe es erkannt und versuche, nicht mehr in diese Falle zu tappen. Mir wird es nicht immer gelingen, aber solange ich mir meine Dynamiken wieder und wieder bewusst mache, habe ich die Möglichkeit, die Dinge klar(er) und sozialer zu sehen, zu bewerten und mithin zu behandeln.

Michael Jackson hatte keinen Schatten, weil er unvorstellbar erscheint. Nicht nur für mich, sondern für Millionen andere auch. Es erscheint unvorstellbar, weil er eine Legende ist; weil er bekannt war für seine Friedensbotschaften und karitativen Verdienste; weil er keine Kindheit gehabt hatte; weil er liebevoll aussah; weil er am Ende so fragil und verletzlich  erschien, dass es einem fast das Herz zerriss. Ob die Anschuldigungen, die im Boulevard wieder aufgeflammt sind, stimmen, wissen wir nicht. Daher tut es auch wohl noch nicht Not, sich der moralischen Frage auszusetzen, ob man sich schmutzig macht, die Musik MJs zu hören.

Wie auch immer die Wahrheit aussieht: Michael Jackson war nicht in erster Linie King of Pop, Legende oder Gefallener, sondern ein Mensch. Wie wir, du und ich, wie die dort hinten, die wir am liebsten als Monstren bezeichneten. Es kann sein, dass er Kinder missbraucht hat. Vielleicht aber auch nicht. Ändern tut es nichts an folgendem, allzu bekanntem Gesetz: Alles, auf das die Sonne scheint, wirft auch einen Schatten. Die Dunkelheit ist daher allenthalben, auch bei mir und dir… und eben Michael Jackson.

Update 01.06.2016: An den Vorwürfen ist nichts dran. Danke, Perlentaucher, füt den aufschlussreichen und seriösen Artikel.

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