Ach, leck mich doch am Fuß

von romantischverklaert

Heute möchte ich mich mal wieder völlig unpolitisch geben und ein bisschen alten Zeiten nachhängen, indem ich berichte, was sich in den letzten Monaten zugetragen hat – ansonsten verstaubt mein Blog gänzlich.

Die größte Neuigkeit dürfte wohl sein, dass ich mein Buch, Die Große Glocke, tatsächlich zu Ende geschrieben habe. Konkret am 29. April. Acht weitere Tage brauchte ich für die Überarbeitung, sodass ich am 7 Mai meinen Agentinnen endlich das fertige Manuskript zuschicken konnte.
Dieser vorläufige Abschluss geht aus zweierlei Gründen mit einer gewissen Erleichterung einher. Zum einen gab es im Laufe der vier Jahre (von der Idee über die Konzeptänderung bis zum „Endergebnis“) immer wieder Phasen, in denen sich ernsthafte Zweifel auftaten, dass ich jemals zu Ende brächte, was ich begonnen hatte; zum anderen hat das Buch, insbesondere in den vergangenen Wochen und Monaten, sehr viel von mir abverlangt.

Wenn ich sagen müsste, was ich bei all der Arbeit am ergreifendsten gefunden habe, dann ist es die stilistische Veränderung, womöglich sogar Entwicklung – aber das nur unter Vorbehalt -, die Die Große Glocke durchgemacht hat.

2012 nahm ich die Arbeit auf. Grundgedanke war, dass ein paar Leute sich vornehmen, einen Berg wortwörtlich zu versetzen. Dafür herhalten sollten ursprünglich die Drei Zinnen. So lag der Arbeitstitel Von hinnen die Zinnen auch nicht fern.

Begonnen habe ich den Roman multiperspektivisch bzw. polyphon. Für mich war von Anfang an klar, rein intuitiv, dass meine Hauptprotagonist*innen Personen sein müssen, die von ihrem aktuellen Leben die Flucht ergreifen und folglich Heimatlose werden. Demnach wollte ich einem hundertseitigen Prolog erzählen – ambitioniert und selbstverliebt, wie ich war -, durch welche Umstände die Figuren zu den Drei Zinnen gelangen.

Wenn man die Drei Zinnen als Kulisse bestimmt, kommt man natürlich nicht drum herum, wenigstens einmal dort gewesen zu sein. Demzufolge war eine Reise in die Dolomiten unumgänglich. Da ich allerdings weder Führerschein noch Kapital noch Reisegefährten hatte, sah ich mich gewzungen, umzudenken. Mir war klar, dass ich, hielte ich an den Zinnen als Handlungsort fest, alles unnötig verkomplizieren würde; und dass es auf den Berg als solchen nicht ankam, sondern allein darauf, was mit ihm angestellt werden sollte. So erfand ich einfach einen Berg, der mir erzählerisch alle Freiheiten bot. Ein Name drängte sich mir glücklicherweise auch schnell auf : Die Große Glocke.

Der nächste Schritt war, abzuwägen, wie ich erzähle: welche Erzählperspektive wähle ich, wie muss der Erzählton sein, was muss direkt, was indirekt erzählt werden, was muss rein, was ist redundant. Und, was soll ich sagen: jede*r, die/der schreibt, weiß, dass das nur durch lästiges Probieren herausgefunden werden kann. Die erste Seite eines Buches schreibt man so häufig wie keine andere. Bei ihr gilt es, die Sprache der Geschichte zu finden. Das hat mich einige Versuche und Überlegungen gekostet, da es soviel Möglichkeiten gab und ich mit dem Prolog, den ich bereits angefangen aber noch nicht fertigeschrieben hatte, einen Ansatz hatte, mit dem ich hätte weiter arbeiten können. Ich entschied mich allerdings gegen die Polyphonie mit anschließendem Übergang in die Einstimmigkeit, sowie gegen einen satirischen, nachäffenden Erzählmove. Denn: wenn ich schon eine*n man-Erzähler*in bemühe, muss ich ihr/sein Potenzial gänzlich ausschöpfen. Und das ging in meinen Augen nur, wenn ich Distanz erzeugte.

Von José Saramago und später auch David Foster Wallace maßgeblich inspiriert, arbeitete ich die ersten 150 Seiten mit zahlreichen Hypotaxen, in denen ich Hochsprache mit Slang/Alltagssprech zusammenflocht, sowie mit direkten Reden, die ich im Text einbettete, statt sie durch Anführungszeichen oder Bindestrichen herauszustellen – ganz wie Saramago. Ich versuchte schlicht das umzusetzen, was ich selbst gerne lesen wollte. Den Sprachstil änderte ich im letzten Jahr jedoch grundlegend, weil mir auffiel, dass das, was ich bisher zu Papier gebracht hatte, entweder nicht aufging oder schlicht scheiße war. Aus den verschachtelten Hypotaxen wurde kleinere Hypotaxen oder Parataxen (beeinflusst von Carson Mccullers), aus dem Stilpotpurrie eine konstante, einheitliche Sprache der/des man-Erzähler*in, die/der sich fortan nicht mehr selbst konstrastieren, sondern nur noch dem Sound der direkten Rede gegenübergestellt werden sollte. Die Überarbeitung war sehr mühselig, weil ich schrecklich viel um-, zuweilen sogar neu schreiben musste. Die gescheiterten Genialitätsversuche anfang 2o-jähriger sind die, die beim Herausredigieren die meiste Zeit kosten. So habe ich auch bei der Endberabeitung am längsten an den ersten 150 Seiten gesessen – also denjenigen, die ich mit 22 bis 23 geschrieben habe -, während ich beim zweiten Teil, sprich den, den ich letztes Jahr angefangen und unlängst fertig gestellt habe, kaum Hand anlegen musste. Kurz gesagt, ist mein Buch stilistisch von einem Extrem zum anderen gewandert, vom Bayern zu Dortmund, von flüssig zu fest, von Mac zu Windows: War es vorher durch eine komplex-verschachtelte, mithin fordernde Stilistik charakterisiert, zeichnet es sich jetzt durch seine leichte und Zitat Kristine Listau magische Zitende Sprache aus.

Nun bin ich gespannt, was meine beiden Agentinnen vom Endergebnis halten, ob sie Chancen sehen und das Manskript im Idealfall sogar so groß rausbringen können, wie sein Titel klingt.

Soviel dazu.

Was ist zuvor noch geschehen? Susan Bindermann ist am 16 März 2016 unerwartet gestorben. Mir fällt es immer noch schwer, es zu begreifen, und es geht mir näher, als es wahrscheinlich sollte. Susan habe ich im letzten Jahr bei meinem Praktikum in der Literaturagentur, die mich nunmehr vertritt, kennenlernen dürfen. Zunächst hatte ich Angst vor ihr, weil sie auf mich wahnsinnig seriös und – ohne negative Konnotation – elitär wirkte. Ich fühlte mich automatisch unter einen Leistungsdruck gesetzt und zugleich unfähig, Anweisungen nachzukommen oder auch nur zu verstehen. Sobald ich allerdings allein mit ihr in der Agentur war, zeigte sich, dass Susan eine sehr liebe und soziale Frau war, die den Anspruch hatte – das kam bei unseren langen Gesprächen schnell heraus -, allen gegenüber fair und gerecht zu sein. Wir hatten sehr schöne, ab un zu auch intime Unterhaltungen, die ich gerne weitergeführt hätte, wenn die Zeit es zugelassen hätte. Statt sich unnahbar zu geben, zeigte Susan sich als ganzer Mensch, als Frau vom Fach und Privatperson. Etwas, was mich sehr berührt hat. Ich habe nach meiner Zeit in der Agentur oft an sie denken müssen und mich gefragt, wie es ihr geht. Es war mir ein großer Wunsch, sie wiederzusehen und mich mit ihr in Gespräche zu begeben. Dann allerdings erhielt ich die Nachricht von ihrem plötzlichen Tod. Es ist unfassbar traurig. So traurig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie nicht mehr lebt. Ruhe in Frieden, Susan. Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben.

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