Ich muss meinen Karsten kratzen

von romantischverklaert

Gestern im Waschsalon. Ich lese “Das siebte Kreuz”, als sich unvermittelt ein Mittfünfziger an meinen Tisch setzen will. Er bittet um Erlaubnis, ich finde es dezent merkwürdig, suche für mich nach möglichen Erklärungen, finde sie und gebe ihm mein Einverständnis. Er bestellt sich einen Kaffee und ist mir direkt zugewandt, wie ich aus meinem Sichtfeld erkennen kann. Ich ahne nichts Gutes und tue das einzig Sinnvolle: Mir den Anschein der Versunkenheit geben. Doch es nützt alles nichts. Er spricht mich nach ein paar Minuten an. Er stellt mir Fragen in gebrochenem Deutsch – Glauben Sie an Gott? -, ich antworte so einsilbig wie möglich – Nein. Er sei Russe oder Kasache, er wisse das nicht so genau, sein Name sei Egon. Aha. Weitere Fragen folgen. Ich verweise darauf, dass ich mein Buch weiterlesen möchte.  Er ignoriert’s und fragt, ob ich einen Freund hätte. Ich lüge. Ja. Warum sei ich dann alleine hier. Wegen der Wäsche. Ob ich einen Kaffee wolle. Nein. Cola. Nein. Er bezahle sie. Nein. Zuhause habe er Cola. Ich gehe heute nirgendwo hin, sage ich, ich will allein sein und in Ruhe mein Buch lesen. Er sei ein Engel – habe den Satz zunächst nicht verstanden. Er beharrt darauf, mir eine Cola zu kaufen. Ich beharre darauf, keine von ihm haben zu wollen. Er fragt nach meinen Namen, den er fünf Minuten zuvor bereits erfahren hat. Ich mache ihm etwa sechs Mal hintereinander klar, allein sein und mein Buch lesen zu wollen und meinen Platz zu wechseln, sollte er mich nicht in Ruhe lassen. Aber erst nachdem ich sage, Ich bin wirklich kurz davor, mich wegzusetzen, kapituliert er, steht auf und begibt sich hinter die Bar, außerhalb meiner unmittelbaren Reichweite. Und am Ende bringt mir die Kellnerin ein Glas Cola, auf das mich der Zitat Mann von da drüben Zitatende eingeladen hat. Ich rühre es nicht an.

Und ich glaube weder an Gott noch an Engel.

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