Ein bisschen Nachtisch ist mir mehr wert als die Bewunderung der ganzen Welt!

von romantischverklaert

In den letzten Wochen kriege ich immer wieder mal Heißhunger aufs Zeichnen. In der sechsten Klasse wollte ich Mangaka werden und in Tokio leben. Der Manga, den ich entwarf, hieß Rio – nein, nicht Ryu. Rio war ein Kämpfer wie Son-Goku. Sein Antagonist war Devil – ui, wie kreativ. Devil seinerseits hatte zwei ihm ähnenlnde Untergebene, Brezelsius und Claudonius geheißen – die Namen habe ich aus dem Super-Nintendo-Klassiker Secret of Evermore gestohlen. Für Brezelsius sah ich eine Läuterungsstory vor und später – wie sollte es anders sein – den dramatischen Tod. Worum sollte es in dem Manga gehen? Um ordentlich Kloppe und Weltretten. Wie Dragonball halt. Was nachvollziehbar ist, denn zur selben Zeit, als ich Anstalten machte, die Enwürfe für mein Projekt zu gestalten, stand Dragonball Z ganz hoch im Kurs. Alle hatten das Stickerheft, selbst diejenigen, denen die Serie vollkommen am Arsch vorbeiging. Wer ganz fanatisch war, sowie ich, konnte sogar die Dragonball Z-Figuren sein eigen nennen.

Aber zurück zum Zeichnen. Als ich aufs Gymnasium wechselte, wandte ich mich allmählich dem realistischen Zeichnen zu. Und da mir das Zeichnen von Gesichtern am meisten Spaß machte und obendrein am leichtesten fiel, bin ich beim Protraitieren hängen geblieben. Meinen erster Gehversuch Richtung Realismus machte ich mit 12 Jahren, als ich in einem Zeichenkurs eine Rose abzeichnete.

Rose

Wie war ich stolz. Die Rose stellte zunächst den dramaturgischen Höhepunkt meiner Zeichenmappe dar, die ich soeben – nur für diesen Eintrag – aus den Katakomben rausgesucht und eingescannt habe. Das Bild lässt gut erkennen, wie alt der Hefter bereits ist.

Deckblatt

Ehe ich mich allerdings vollends der Porträtzeichnerei widmete, versuchte ich mich noch darin – u.a. um mich beliebt zu machen (vergebens) -, Graffitis zu malen. Mangas waren übrigens nach wie vor ein Thema.

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Mit 14 Jahren versuchte ich meine ersten Porträts. Zunächst zeichnete ich unbekannte Menschen aus (Musik-)Szene-Zeitschriften ab. Nachdem ich meinte, darin meine Begabung zu erkennen, fokussierte ich mich auf Starporträts. Mein Anspruch war es, dass die Leute erkannten, wen ich da gezeichnet hatte. Das geschah, wider Erwarten, aber nicht oft. Uh, wie wurde ich fuchsig! Das sieht man doch, schrie ich meine Eltern an. Guck doch hin! Das ist völlig eindeutig! Es ist Robbie Williams! Nein, er sieht nicht anders aus! Die Augen sind haargenau so! Usw.

Brad Pitt wurde mein Lieblingsmotiv. Es schien mir einfach, ihn zu porträtieren. Mir gefielen darüber hinaus seine Gesichtszüge.

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Nachdem ich das Abi abgebrochen hatte, war das Zeichnen vorläufig kein Thema mehr. Stattdessen fing ich das Schreiben an. Da war ich 17. Kurz vor meinem 18 Geburtstag stellte ich fest, dass die Schreiberei zwar aus der Not geboren worden, aber keine Phase mehr war. Ich lernte auf Einladung das heute Brach liegende Portal Agavensaft kennen, in dem ich meine ersten Kurzprosa- und Lyrik-Sünden hochstellte. Ebendort machte ich auch Bekanntschaft mit einer Berliner Malerin, deren Bilder es mir unheimlich angetan hatten. Zu der Zeit bearbeiteten wir beide das gleiche Thema in unserem Leben und skypten täglich mehrere Stunden miteinander. Die Malerin weckte in mir das verschwunden geglaubte Bedürfnis, künstlerisch tätig zu werden. Inspiriert von ihren abstrakten Bildern, eiferte ich ihr nach. Was daraus entstand, ist in etwa vergleichbar mit David Bowies Flops, die allzu großen Ambitionen geschuldet waren.

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Bis auf die letzte Zeichnung entstanden alle Bilder innerhalb von 3 Monaten. Und das ist nur ein kleiner Auszug meines damaligen Portfolios. Weder zuvor noch danach habe ich soviel binnen so kurzer Zeit produziert. Nachdem die Malerin und ich auf unseren Lebenswegen auseinandergestrebt waren, war die Flamme wieder für Jahre aus. Lediglich 2010 griff ich nochmal zu Block und Federtasche, um eine Bewerbungsmappe anzufertigen. Nachdem ich aber abgelehnt worden war, legte ich das Zeichnen neuerlich aufs Eis.

F

Heute zeichne nur noch für mich. Die Ambitionen, damit einmal irgendetwas zu erreichen, sind schon lange nicht mehr da. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte abstrakt malen; allerdings fehlt mir einfach das Talent. Meine Versuche werden meinen Ansprüchen nicht gerecht. Was ich aber zum Trost etwas besser beherrsche, ist das Porträtieren. Das ist schön, weil ich etwas schaffen kann, das wenigstens für meine private Schublade genügt und mich obendrein entspannt. Auch wenn in mir keine Porträtkünstlerin verloren gegangen ist. Vielleicht macht’s das erst so erfreulich. Anlässlich meiner wieder entdeckten Freude verspüre ich momentan Lust, an einer Porträtserie zu arbeiten, in der Holocaustüberlebende abgebildet sind. Auf der unteren Zeichnung ist Ruth Elias abgebildet. Wenn ich geduldig genug bin, arbeite ich noch an der Schattierung. Das Bild hat Potenzial. Als nächstes fasse ich Wilhelm Brasse ins Auge.

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