Notiz für mich: angenehm im Geschmack – führt zur Monsterbildung.

von romantischverklaert

Es ist wieder soweit. Getreu dem Motto „… und jährlich grüßt das Murmeltier“ gebe ich wieder einen Überblick über diejenigen Bücher, Schriftststücke usw., die ich 2014 gelesen habe. Ehe ich allerdings damit anfange, noch ein paar ganz grundsätzliche Gedanken: öh… hm. Also – ich war 2014 etwas erfolgreicher als 2013. Das war’s. Ach so. Irgendwie habe ich ganz vergessen, einen Beitrag anlässlich des WM-Siegs zu verfassen. Ganz ehrlich: das fand ich in diesem Jahr ganz spektakulär und illuster. Seit 2002 schaue ich jedes große Fußbalturnier. Die Hoffnung, mal miterleben zu dürfen, dass der DFB nen Titel gewinnt, hatte ich im Laufe der Zeit bereist nahezu abgeschrieben. Und dann geschah es schließlich. Was ein Happening. Jubel im Himmelreich – das gastronomische, nicht das himmlische – in der Simon-Dach-Straße. Was war das schön. Jedes Spiel der N11 habe ich übrigens dort gesehen. Ab dem vierten wurde immer ein Platz für mich reserviert, ohne dass ich vorher hätte Bescheid sagen müssen. Entzückend.

Nachdem das Finale gewonnen war, las ich aus Jux Leserkommentare im Standard. Nicht alle wohl bemerkt: denn ganz gleich, welchen DFB-Elf bezogenen Artikel ich anklickte; überall gab es mindestens 2000 Beiträge zum Teil wütender Nutzer. Eine einstige Bekannte sagte mir einmal, die Österreicher hassen die Deutschen. Mir war völlig schleierhaft, warum; die Österreicher hassen die Deutschen? Echt jetzt? Schwachsinn, dass wüsste man doch! Tatsächlich allerdings scheint die Aussage gar nicht soweit hergeholt zu sein. Was ich in den Kommentaren über Deutsche las, erinnerte mich in Ansätzen an das Bashing gegen Amerikaner oder sonstige fragwürdige Feindbilder. Woran das wohl liegen mag: Vielleicht daran, dass Österreich lange Zeit nie eine wirklich eigenständige Identität hatte und vllt. sogar immer noch nicht hat. Wie auch immer. Jedenfalls finde ich diese abgründige Aversion ganz aufregend. Und so ergab es sich, dass ich in den letzten Wochen ganz scharf darauf wurde, in Österreich zu veröffentlichen. Tatsächlich ist mir das gegen Ende des Jahres sogar zweimal gelungen. Einmal in der Wiener (YES!) Zeitschrift Kolik, die gleich zwei Kurzgeschichten von mir veröffentlicht hat und sogar noch eine dritte genommen hätte, hätte sie diese nicht scheiße gefunden, und ein andermal in etcetera, einem Literaturmagazin aus St. Pölten. Bla bla.

Fang ich an. Vorweg allerdings noch eine Sache: Anders als in den Jahren zuvor werde ich lediglich das Fazit reinkopieren, das ich in meinem privaten FB-Profil bereits formuliert habe.

 

Albert CamusDer Mythos des Sisyphos

Zum ersten Mal seit 2010 (?) begann ich das neue Jahr nicht mit einem Schmöker. Um meine Nicht zu zitieren: gullu gullu neeii… danköö… ooh, gullu gullu, rollo rollo rollo! Übersetzt mit dem Googletranslator: Es dauert etwas, bis Camus zum Punkt kommt und, ja, was soll ich sagen… ich bin nach wie vor der Meinung, dass Philosophie eigentlich schon ein unnnötiges, halt nein: ein absurdes Ding ist. Wie schön lässt sich die Welt vergeistigen, wie schön ist es, sich in dieser Vergeistung zu ergehen. Gewinnen tut allerdings derjenige, der gegen die Absurdität des Lebens revoltiert. Revolte ist Leben. Wie sagte Camus zum Schluss: Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Das letzte Kapitel ist wirklich lesenswert.

Stefan ZweigDie Schachnovelle

An meiner Schule, die nicht ohne Grund aufgelöst wurde, wurden uns so wundervolle Bücher inbrünstig vorenthalten. Mir hat bereits „Verwirrung der Gefühle“ gefallen (siehe Review von 2011). Jetzt auch noch die Schachnovelle… ich stelle fest, es lohnt sich sehr, Zweig zu lesen. Große Erzähl-und Sprachkunst. Und obendrein eine virtuose Figurenentwicklung. Kann man sich dran die Finger lecken, zumal man qualitativ Ebenbürtiges in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur vergeblich sucht.

José SaramagoKain

Wer mich kennt, weiß ja, dass man mich mit christlichen Motiven und Inhalten begeistern oder mindestens anlocken kann. Nach dem „Evangelium nach Jesus Christus“, das mich nachgerade enthusiasmisiert hat, habe ich mich auf Saramagos Kain diebisch gefreut. Der Anfang hatte sehr lustige Momente, insgesamt jedoch war’s ne Enttäuschung. Zuviel Bashing gegens Christentum und ein Erzähler, der mittlerweile nicht mehr in hochform ist. Meine Liebe zu Saramago, Gott sei seiner Seele gnädig, trübt es indes nicht.

Joseph RothHiob

Zufällig im Internet darauf gestoßen. Hiob… klingt natürlich spannend – wo wir schon dabei sind. Um es kurz zu machen: Fein. Es hat sich gelohnt. Labte mich an der Sprache und den schönen rhetorischen Figuren. Ist natürlich ein Plädoyer für Gott – und das Kontrastprogramm zu Saramago. Kann man entweder bescheuert finden oder auch einfach nur rührend.

Wolfgang HerrndorfDie Rosenbaum-Doktrin

Wer im Bezirksamt mal wieder gefühlt 10 Std. auf einen Stempel warten muss, kann sich doch derweil nach der Vorschrift erkundigen, wie ein Austronaut sich bei Begegnungen mit Übersinnlichem und Unerklärlichem zu verhalten hat. Um mich aber nicht vor nem Statement zu drücken: Ich wusste nicht allzu viel damit anzufangen.

Clemens SchittkoUnd ginge es demokratisch zu

Bekam es von Clemens geschenkt, mit dem gemeinsam zu lesen ich dieses Jahr zwei Mal das Vergnügen hatte. Ich hoffe auf eine Fortsetzung im ORi 2015. Zum Heft selbst: Zugängliche Prosagedichte, die sich durch hintergründigem Witz und sog. Gesellschaftskritik auszeichnen. Persönlicher Höhepunkt natürlich das Großgedicht „eine neue lyrik“. Also wer mal wieder eine längere Zugfahrt absolvieren oder im Wartebereich irgendwelcher Behörden (vorzugsweise Bürgeramt) bis zum Sankt Nimmerleinstag warten muss, kann sich mit dieser Lektüre sinnvoll die Zeit vertreiben. P.S: Das sage ich aus NICHT Gönnerhaftigkeit.

Zeruya ShalevLiebesleben

Zunächst war ich begeistert wegen der Sprache. So herrlich atemlos, wie ich es mag und selbst praktiziere. Auch inhaltlich hats mich gepackt. Das erste mal seit einer gefühlten Ewigkeit wollte ich wissen, wie der Scheiß ausgeht. Ich spreche bewusst von Scheiß, dauerte es doch nicht lang, bis mich die Erzählerin, die gleichzeitig Hauptprotagonistin des Romans ist, tierisch abnervte. Lebt auf Kosten anderer, verbaut sich ihre Zukunft und bemitleidet sich dann in unermüdlich selbst. Sie könne ja nicht anders, blabla; ich kann so einen selbstgefälligen, uneinsichtigen Schmarrn nicht mehr hören. Obendrein sind die Worst-Case-Vorstellungen der Erzäherlin schrecklich konstruiert. Beinahe dachte ich, ich hätte mir vom Anfang des Buches zuviel versprochen. Na ja, es sah ja zunächst auch ganz danach aus. Die letzten 80 Seiten allerdings haben vieles wieder wettgemacht. Nicht, dass die Erzählerin aufgehört hätte, unsympathisch zu sein; indes ergeben die Verhaltensweisen der Figuren ein vollständiges und schlüssiges Bild, das über so manche Schwächen hinwegsehen lässt. Fazit: kann man auf jedenfall lesen, auch wenn nicht alles stimmig, einiges zu gewollt wirkt (sowohl inhaltlich als auch sprachlich) und unnötige Längen vorhanden sind.

SophoklesAntigone und Johann Wolfgang von GoetheIphigenie auf Tauris

Die Frage ist ja immer, so insgeheim, ob man laut ein Werk kritisieren darf, das wenigstens älter als 200 Jahre ist. Und wie sieht es eigentlich mit schreiberischen Erzeugnissen aus, die noch vor Christus enstanden sind? Ich möchte mal wieder so profan wie möglich sein: als Antigone ihren Bruder beerdigt hatte und auch noch geschnappt worden war, dachte ich mir, ach, du Scheiße, wat Kreon wohl dazu sacht. Dass es mich an einer Stelle so packen würde, hätt ich ja echt nicht gedacht. Dann allerdings war ich enttäuscht von dem GZSZ-dramatischen Ende, bei dem alle natürlich abnippeln müssen.
Goethe war wegen seiner Iphigenie auf Tauris dafür kritisiert worden, dass das Ende zu ideal, ja nachgerade utopisch ist. Für mich selbst war dieser Aspekt – neben der Emanzipation Iphigenies – das, was ich an dem Stück als positiv erachte. Wenn Goethes Iphigenie zu ideal ist, ist Sophokles Antigone übertrieben katastrophal (ja ja, Zeitgeist, griechische Mythologie, gehört sich so, mhm mhm.)

Max FrischAndorra

Das Stück hat definitiv seine Momente. Die Annäherung an die Identitäts-Frage finde ich in der Prosa Frischs allerdings ergreifender. Andorra wirkt wie eine Variation aus Altbekanntem. Ist lesenswert, hat mich selbst aber nicht mehr vom Hocker hauen können.

Friedrich DürrenmattDer Besuch der alten Dame

Mein erstes Buch, das ich komplett am PC gelesen habe. Wollte nicht schon wieder Geld ausgeben, hätte ich aber vllt. doch machen sollen, weil es zu ungunsten des Stückes ging: Es liest sich so einfach überhaupt nicht angenehm. Aber nu, das Drama: Es ist schon nahezu göttlich, wie die Figuren sich ungeniert verschulden und sich alles schön moralisch zurechtlegen. Obendrein noch die vielen absurden Einlagen, so mag ich das, damit kriegt man mich ganz flugs. Schön. Alltenhalben Lacher.

Wolfgang Herrndorf – Arbeit und Struktur

Zugegeben: Ein paar Einträge habe ich ausgelassen, das meiste allerdings tatsächlich online gelesen. Insgesamt inspririerend, amüsant und ausgesprochen ergreifend. Für die Unwissenden: Herrndorf erkrankte 2010 an einem Glioblastom. In Arbeit und Struktur erhalten wir einen Einblick in die Gefühlswelt eines Mannes, der dem Tod ins Auge sieht und, statt sich selbst aufzugeben, im Akkord (dagegen) arbeitet Schrägstrich schreibt. Was ich unangenehm fand: das krude Abwerten derjenigen, für die Wissenschaft nicht alles ist. Davon abgesehen will ich irgendwann, wenn’s nicht mehr chic ist, Tschick lesen.

Don DeLilloFalling Man

Das Buch habe ich in diesem Jahr gebraucht. Bin völlig hingerissen und beeindruckt. Es ist berauschend, wie DeLillo das Gefühlsleben und die Gedankensprünge seiner Figuren beschreibt. In der Tageszeitung hieß es sehr treffend: „DeLillo liefert hier nicht weniger als ein Seismogramm der New Yorker Seelenlage nach dem Fall der Türme.“ Ich hätte’s nicht besser formulieren können, es ist genau das Bild, das ich beim Lesen im Kopf hatte. Von DeLillo möchte ich künftig lernen, vor allem, wie man so herrlich assoziativ schreibt und erzählt. Atemberaubend. Das ist große Literatur.

Philip RothDie Brust

Mein erstes Buch von Roth. Und ganz viel habe ich mir versprochen. Frei nach Kafka wird aus einem Professor eines Morgens eine Titte. Das klang so schön bizarr, so verheißungsvoll; indes, es hatte nicht allzu viel zu bieten. Als ich bei den Sexfantasie-Passagen des Brustgewordenen Protagonisten angekommen war, fragte ich mich immer wieder, welche Geschlechter-Perspektive Roth einnehmen wollte: Will er den Lesern etwas von weiblicher oder männlicher Lust erzählen? Bisweilen wurde ich das Gefühl nicht los, er versuchte ersteres; das machte es für mich dann unangenehm. Nennt mich engstirnig: Ein Mann wird mir aber nichts über weibliches Begehren und Fühlen sagen können, das ich als wahrhaftig empfände – umgekehrt gilt für mich übrigens das gleiche. So liest es sich für mich auch. Es beginnt mit Gemeinplätzen: Der Protagonist beschreibt, er habe – was ihm vorher eher von Frauen bekannt gewesen sei – kurz vor seiner Verwandlung Orgasmen unvermittelt viel intensiver erlebt und sich immer irgendwo festkrallen und schreien müssen; woran erinnert mich das bloß? An Pornos von der Stange. Der gleichmütig fickende Mann, die in Ekstase befindliche, wie eine Rakete abgehende Frau. So eine Repdroduktion von Klischees müssen doch nicht sein, vor allem nicht im Kunstsektor. Davon abgesehen, mochte ich den zweiten Zeil, in dem der Professor mutmaßt, seinen Verstand verloren zu haben, ganz gern. Den Gedankenkrebs kenne ich von mir selbst nämlich auch. Gab also Identifikationsebenen für mich. Und da ich sie so selten antreffe, gibt’s auch gleich Pluspunkte in meiner Wertung. Also was isses eigentlich für ein Buch: es könnte ein Kniefall vor Schrägstrich eine Homage an Kafkas Verwandlung sein; es könnte eine Wegbeschreibung sein, sein Leben so zu leben, wie man es tatsächlich möchte. Es könnte die Verarbeitung einer sexuellen Fantasie sein. Es könnte usw. usf…. ein Buch, das man nicht gelesen haben muss, aber auch keine Zeitverschwendung darstellt.

Wir sehen uns hoffentlichen im neuen Jahr wieder! Einen guten Rutsch!

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