Mario Adorf lebt, du hohle Mistratte

von romantischverklaert

DSC_1223

Gestern betrete ich doch tatsächlich H&M. Warum tatsächlich? Damals, als ich noch in der Provinz lebte, hielt ich H&M für das modische Non-Plus-Ultra. Das war alles so geil und so, ich konnte mich gar nicht entscheiden. Gehe ich heute in eine Filiale, lautet die Frage nicht mehr „Hmmm, welches Oberteil soll ich bloß nehmen?“, sondern „Lohnt es sich bei soviel Elend überhaupt noch, in die zweite Etage zu fahren?“ Nein, H&M war nie gut. Folglich ist es mit den Jahren nicht schlechter geworden, sondern immer schon beschissen gewesen. Offenbart hat sich mir das allerdings erst in den letzten Jahren.
Aber wie auch immer: ich betrete jedenfalls H&M in der leisen Hoffnung, einen Größe XS-Pulli bei den Herren ausfindig zu machen, ohne dass es oversize und total hip an mir aussieht. Und wenn nicht, hol ich mir halt noch n paar einfache Bustiers, dachte ich mir und freute mich, weil mir danach war, Geld auszugeben, was Neues in meinen Schrank zu verstauen. Aus dem Pulli wird nix, sah ich schnell ein und fuhr dann in die zweite Etage, in der die üppige Frauenunterwäsche-Abteilung verortet ist. Was von Weitem bereits in Auge stach, waren zahlreiche Spitzen, sowie die Farben weinrot, pink, weiß und schwarz -ist Kleinschreibung an dieser Stelle richtig? Ich ahnte nichts Gutes, versuchte aber trotzdem mein Glück und sah mich nach einfachen, schnickschnacklosen, neutral anmutenden Bustiers um. Nicht einmal zwei Minuten später allerdings musste ich feststellen, dass nichts im Angebot war, das dem auch nur ansatzweise nahgekommen wäre. Es passte irgendwie ins Bild. Überall betont feminine Glockenhalter, mit reichlich Spitzen, Playboy-Bunny-Farbkombination wie schwarz/pink oder schwarz/türkis, verspielten Formen und der unverkennbaren Message, sei was wert, sei sexy, sei sexy, sei hübsch und vor allem – nie vergessen – sexy. Verständlich, dass ein triviales Bustier in der unter dem Motto „Überbetonung“ stehenden H&M-Kollektion nicht zu suchen hat. Da ich keinen Bock hatte, schon wieder loszugehen, sah ich mir zeitvertreibungshalber ein paar BH’s in meiner Körbchengröße an. Ich habe wohlgeformte, aber kleine Möpse. Vielleicht Größe A oder AB, wenn’s das überhaupt gibt und ich’s nicht mit der Blutgruppe verwechsle. Mit meinen kleinen Brüsten lebe ich in vollkommener Harmonie, ich liebe sie mehr als alles andere an meinem Körper. H&M allerdings will Kleinbrüstigen ein ganz anderes Gefühl eingeben, das da heißt: Minderwertigkeitskomplexe. Egal, welchen A-Körbchen-BH ich auch in die Hand nahm: In jedem war ein Polster – nein, kein Pölsterchen – integriert, das beinahe größer als die Brust selbst ist. Selbst die B-Körbchen-Halter waren ausnahmslos mit einem ausgestattet. Zunächst dachte ich mir nur „Boah, alter, gib’s nicht einen scheiß Möpsenbändiger ohne Kissen?“, bis mir auffiel, was mir das eigentlich im Subtext – so von einem Subtext überhaupt noch die Rede sein kann – vermitteln soll: Deine Brüste sind zu klein.
H&M, ob meine Titten zu klein oder zu opulent oder zu sonst was sind, entscheide immer noch ich, du patriarchaler, heteronormativer, Sexismen reproduzierender, Mädchen und Frauen in die Verzweiflung treibender Moloch.

Entnervt entfernte ich mich vom Push-Up-BH-Purgatorium und sah nach, ob es denn vllt. wenigstens lange Unterhosen, wie ich sie bei Männern ab und zu gesehen habe, gibt. Dass ich mir überhaupt die Mühe machte, nachzusehen, grenzt schon an Naivität. Nein, Frauen haben keine Unterhosen zu tragen, sondern Leggings, Strumpfhosen oder Kniestrümpfe. Ich kann dieses Diktat, was Männer und Frauen anziehen dürfen und wie sie auzusehen haben, kaum noch ertragen. Wer sich wirklich ein Bild von unserer auch so aufgefklärten Gesellschaft machen möchte, brauch einfach nur mit offenen Augen in die größte Modekette der Welt hineinschauen. Es spricht bände.

pro unisex!

Advertisements