ich bin halb bisexuell!

von romantischverklaert

 

Ich hab eigentlich überhaupt nichts zu sagen. Wisst ihr, viele meiner Blogartikel habe ich in der Vergangenheit so begonnen – bis ich später schließlich die Anfangszeilen umschrieb, weil mir dann doch noch etwas eingefallen ist. Eigentlich ist es ziemlich beklagenswert, dass ich fast gar nicht mehr aus meinem Leben bzw. von mir selbst berichte. Ein wenig von mir preisgebe, erzähle, was mir so Langweiliges widerfahren ist und noch Langweiligeres widerfährt. Mich emotional zeige, manchmal auch schwach und mit meinen Zweifeln. Damals, als ich diesen Blog hier online stellte, veröffentlichte ich beinahe Tagebuchähnliche Artikel – ich veröffentlichte Updates aus meinem Leben, sprach über aktuelle Probleme und erging mich in Erinnerungen. Damals… als ich noch in Neuruppin lebte. Hätte mir da jemand gesagt, dass ich es einmal schaffen würde, aus der Provinz auszubrechen, hätte ich ihm nicht geglaubt.  Ich dachte, dass würde, wenn überhaupt, nur unter Mitwirkung anderer gelingen. Nun, heute, einige Jahre später… nun, wie man – vor allem ich – sieht, habe ich mich einigermaßen gewaltig geirrt. Und das, obwohl es mir dermaßen aussichtslos erschien, einmal in Berlin zu leben, dass ich keine andere Möglichkeit, keinen anderen Werdegang als das Vergammeln im Kaff in Betracht zog.
Aussichtslos ist ein gutes Stichwort: Es gab Augenblicke in meinem Leben, da wusste ich nicht, ob ich noch am nächsten Morgen da wäre: Tage, die mich immer wieder an Jörg Böckems Buchtitel ‚Lass mich die Nacht überleben“ mit einem vorangestellten ‚Lieber Gott,‘ denken ließen, an denen ich mich vom einem zum Nächsten schleppte, bzw. damit konfrontiert war, mich selbst mehr oder minder zu überleben; Momente, in denen ich die das Wort ‚aussichtslos‘ mit meinem Leib im wahrsten Sinne spüren konnte. Meine Schwester sagte seinerzeit zu mir, es wird alles gut. Es gelang mir nicht, ihr zu glauben. Ihre Aussage, die aus nahezu absoluter Gewissheit hervorging, erklärte ich mir damit, dass sie, meine Schwester, ja lediglich nicht wisse, wie unfassbar schlecht es um mich bestellt sei – zumal ich ihr ja längst nicht alles gesagt hatte. Ich war davon überzeugt, es gibt keinen Ausweg. Es war, als hätte ich in einer Stehzelle gestanden. Ich sah nur noch die mich bedrückende Enge meiner Ängste, die mich von allen Seiten einschlossen. Um mich herum, mit nicht einmal dreißig Zentimeter Abstand zu mir, waren nur noch Wände, Wände aus Angst. Ich dachte, da komme ich nicht mehr raus.
Viele hundert Tage später lebe ich all meinen Erwartungen zum Trotz immer noch. Nach wie vor bin ich bei Verstand, nach wie vor noch nicht im Begriff gewesen, mir selbst den Garaus zu machen, nach wie vor noch nicht Zeugin geworden, wie sich die Wirklichkeit entblößt und in den Fummel der Groteske schmeißt. Und auch hier gilt neuerlich: hätte mir jemand gesagt, dass es mir irgendwann einmal besser gehen würde – siehe meine Schwester -, hätte ich ihm nicht geglaubt.
Ich nehme an, so gut wie jeder kommt einmal in eine Lage, die er für aussichtslos befindet – worum es dabei im Einzelnen geht, ist vollkommen sekundär -, schlussendlich aber doch irgendwie durchsteht, meistert, löst, wie auch immer. Viel schlimmer allerdings als die Aussichtslosigkeit, die wir in einer Situation vermuten, ist die Ungewissheit, diese unsägliche. Was wird geschehen? Manchmal vergesse ich, dass es immer irgendwie weitergeht. Mir ist dann so, als gäbe es weder einen noch keinen Morgen. Die Zukunft stellt sich mir als etwas Unwirkliches da, an das ich nicht richtig glaube. Je ungewisser und mithin ver-zweifelter ich bin, desto mehr leide ich und desto mehr spiele ich mit dem Gedanken, auf eine wie auch immer geartete Art und Wiese aufzugeben. Das nahezu komische daran ist jetzt allerdings: selbst die Aufgabe geht mit großer Ungewissheit einher. Denn: Wie wäre es geworden, wenn ich durchgehalten hätte? Um welche eventuellen Chancen habe ich mich gebracht? Ist Kapitulation auf lange Sicht besser als der Kampf bzw. ist Kapitulation tatsächlich das kleinere Übel? Was geschieht eigentlich, wenn ich kapituliere? Et cetera, et cetera. Ungewissheit und das damit einhergehende Leid, sei es nun bewusst oder unbewusst, können sich als nicht enden wollender Rattenschwanz darstellen.
Sagt mir heute jemand, dass ich es einmal schaffen werde, ein Buch zu veröffentlichen, würde ich ihm nicht glauben. Ich bekenne mich, die mehr oder weniger auch in der Schreiber-Szene verkehrt, in der man zu eitel ist, um ganz offen über seine Misserfolge und Selbstzweifel zu sprechen, also ich bekenne mich dazu, immer wieder die Erfahrung zu machen, dass auf einen Erfolg mindestens zehn Misserfolge folgen; konkreteres Beispiel: Auf eine Zusage einer Literaturzeitschrift folgen bei mir zehn Absagen Schrägstrich Nicht-Rückmeldungen. Bei Literarurwettbewerben sieht’s noch düsterer aus: bisher habe ich es noch in keine Final-Runde geschafft. Offengestanden kann ich mit dieser ganzen Wettbewerbskultur im Kunstsektor nichts anfangen: Es werden Finalisten und Sieger ermittelt… was sind Sieger? Sieger kennen wir ursprünglich vom Krieg und vom Sport. Sieger heißen diejenigen, die andere mit besseren Leistungen geschlagen haben. Wenn ich mir im Fernsehen einen 100-Meter-Sprint anschaue, ist es keine Sache der Auslegung, wem die Auszeichnung am Ende zusteht: dem schnellsten natürlich. Findet ein Fußballspiel statt, ist ganz klar definiert – hervorgegangen aus der Voraussetzung der Definierbarkeit – , welche Mannschaft drei Punkte bekommt oder im Ideallfall einen Pokal in die Luft stemmen darf: nämlich diejenige, die ein Tor mehr erzielt hat als die andere. Im Sport zählen die Auszeichnungen. Ganz Deutschland jubelte am 13 Juli 2014 wegen des vierten Sterns der Nationalmannschaft. Dieser vierte Stern, der andere ehrfurchtsvoll aufblicken lässt, einschüchtert, in Neid und Bewunderung versetzt; den nicht jeder kriegt, sondern nur der/die Beste. Sport ist Wettkampf.Und das ist gut so, weil es Sinn und den Sport ausmacht. Und jetzt nochmal zurück aufs Schreiben: Auch da werden Sieger ermittelt, es gibt mehr Literaturwettbewerbe als Atome im All, es werden Sieger ermittelt nach dem Prinzip des Sports: der Beste gewinnt. Und das ist scheiße. Nicht nur, weil es keine objektiven Kriterien gibt – nicht einmal was die sprachliche Gestaltung betrifft, wird sie doch selbst unter Kennern stets unterschiedlich beurteilt -, sondern in erster Linie auch, weil der Schreibende von dem abkommt, was wesentlich ist; er hört auf, bei sich zu bleiben. Der Fokus gilt nicht mehr dem Text selbst, sondern der Auszeichnung, die man sich für ihn wünscht. Es entsteht ein irrer Druck, man ist getrieben von dem Wunsch, seine Ordensammlung zu erweitern, man schreibt für den Wettbewerb, für eine Auszeichnung. Und schon denkt der Autor wie ein Sportler. Ich frage mich, ob dieser Wettbewerbskack schon immer derart präsent war, oder sich im Laufe der Jahrzehnte aus welchen Gründen auch immer beliebt gemacht hat. Ist egal. Jedenfalls kann ich mit dieser Wettbewerbskultur nichts anfangen. Es baut zusätzlich Stress auf, verursacht unnötige Zweifel, vermittelt falsche Ideen und lenkt vom Eigentlichen ab, nämlich vom Text. Und dennoch, das Sytsem ist so. Die Literaturszene baut auf demselben Prinzip wie die Gesellschaft, die sie kritisiert: auf Wettbwerb. Ich selbst weiß nicht, wie ich, die so gar keine Affinität für Coming-of-Age-Prosa hat und lieber einen eigenwilligen, Sprachverliebtheit erkennen lassenden Schachtelsatz liest als Parataxe-Konstruktionen, jemals landen soll in der Mode- Schrägstrich Literaturszene. Bin ich unzlänglich, nicht gut genug oder zu eigen? Mir erscheint die ganze Schreiberei aussichtlos. Vielleicht werde ich mich aber einige Jahre wieder an dem Punkt befinden, an dem zurückblicke und feststelle, dass ich mich, sowie mit meinem Umzug nach Berlin und meiner Lebenskrise, einigermaßen gewaltig geirrt habe… aber auch das ist ungewiss.

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