„Mum? Da kommt ein widerlicher Gestank aus dem Keller und es wird viel geflucht, aber Dad ist oben.“

von romantischverklaert

So. Es gibt mich tatsächlich noch. Ich glaube, ich habe mich hier seit Februar nicht mehr sehen lassen. Nun könnte ich mich über reaktionäre Gegenüberstellungen Henryk M. Broders hinsichtlich der Diskriminierung sog. alter Männer und der Diskriminierung  Homo- und Transsexueller ereifern, wenn ich es nicht bereits so verdammt leid wäre. In meinem letzten Artikel habe ich eigentlich schon alles gesagt, was mir zu derartigem Gedankenmüll einfällt; und wisst ihr, auch wenn ich stark zu Wiederholungen tendiere und sie an und für sich sogar begrüße, erscheint es mir in Hinblick auf Angst und daraus resultierenden Ressentiments und Diskriminierungssalven zwecklos, auf die Repeattaste zu drücken; denn Ausführungen zu wiederholen macht nur solange einen Sinn, wie das Gegenüber gewillt ist, zuzuhören, anzunehmen, sich einzufühlen und zu verstehen. Nur soviel: Ich find’s sehr schade, dass sich Herr Broder – der bei mir zunächst in der Sympathieskala gestiegen war dank der Guck mal, wer sich da verschwört-Episode seiner Satiresendung Entweder Broder – auf ein derart niedriges Niveau herablässt. Dass ist kein schlauer, spitzfindiger Artikel, den er da geschrieben hat, sondern schlicht plump und dämlich. Mehr fällt mir dazu nicht ein. Aber Schluss jetzt! Kommen wir zu den Trivialitäten des Lebens.

In letzter Zeit dachte ich über Florentino Ariza nach. Falls jemand mit dem Namen nichts anzufangen weiß: er ist die Hauptfigur aus Marquez’s – ja, wie mach ich das jetzt mit dem Genitiv? Wie schreib ich das jetzt am besten? –  allseits bekanntem Buch Die Liebe in den Zeiten der Cholera. Worum geht es in dem Buch? Wiki fasst es kurz und knackig zusammen:

Der Roman beschreibt die Lebens- und Liebesgeschichte von Fermina Daza und Florentino Ariza, die sich als Jugendliche in der kolumbianischen Hafenstadt Cartagena an der karibischen Küste im ausgehenden 19. Jahrhundert kennenlernen. Nach dem von Ferminas Vater erzwungenen Ende ihrer platonischen Beziehung gibt Fermina dem Werben des Arztes Juvenal Urbino nach, heiratet ihn und bekommt mit ihm einen Sohn und eine Tochter. Ariza schwört ihr ewige Liebe und pflegt außer zahlreichen sexuellen Abenteuern keine Liebesbeziehung zu einer Frau. Als Urbino stirbt, macht Ariza der Witwe erneut einen Antrag und gewinnt sie letztlich für sich.

Die meisten, die ich kenne, sind von dem Buch vollkommen entzückt. Die einen mögen vielleicht sagen: ,, Es ermutigt Menschen dazu, an die sogenannte große Liebe zu glauben und nicht aufzuhören, für dieselbe zu kämpfen, auch wenn sie einen zunächst einmal verschmäht“. Meine Kurzzusammenfassung würde derweil eher so lauten: Das Buch ist ein Plädoyer für Überredung und Eroberungskampf, dafür, einem Menschen, der kein Interesse an einen hegt, sein ganzes Leben lang hinterher zu rennen und zu vermeiden, sich auf jemand anderen einzulassen, der einen so nehmen würde, wie man ist. Die Geschichte klingt auf den ersten Blick herzig und liest sich mindestens so schön. Doch wenn man einmal genauer darüber nachdenkt, könnte man sich doch durchaus fragen: Ist das wirklich erstrebenswert? Diese Alles-oder-nichts-Einstellung, diese Die-oder-keine-Mentalität? Ist es wirklich erstrebenswert, sich mit Liebe zur Persönlichkeitsstarre auf einen Menschen zu fixieren, über fünfzig Jahre jemandem nachzuhängen, der überhaupt keinen Gedanken mehr an einen verschwendet? Eine Stelle ist mir beim Lesen dieses Buches im Gedächtnis geblieben. Leider habe ich sie trotz ehrgeiziger Suche nicht mehr finden können – bei etwa 500 Seiten sei mir das verziehen -, also kann ich kein Zitat anführen. An der besagten Stelle wird eine Arbeitskollegin (?) Arizas näher beschrieben und erwähnt, dass sie und er eigentlich füreinander geschaffen sind, der eine für den anderen das fehlende Puzzleteil darstellt – sinngemäß wiedergegeben -, aber keiner von beiden dies bemerkt. Ich weiß noch, dass ich diesen Absatz mehrmals gelesen habe, um sicher zu gehen, ob ich meinen Augen trauen konnte. Warum. Meiner Meinung nach spricht diese kleine, (gewollt?) beiläufige Erwähnung bände und für meine obige Zusammenfassung des Florentino-Ariza-„Phänomens“. Es ist nicht Fermina Daza, die die einzige große Liebe in Florentino Arizas Leben darstellt, sondern Florentina Ariza, der Fermina Daza eine derartige Monopolstellung überlässt. Man kann sagen, er entscheidet sich dafür, dass sie die oder keine ist; und mithin für ein Leben, das geprägt ist von Bedürftigkeit, Leere und Überdruss, sprich also für anhaltendes Leid. Oft bekomme ich zu hören, man habe keinerlei Einfluss auf seine Gefühle. Das befinde ich für ausgemachten Blödsinn. Womöglich kann man nicht immer (rechtzeitig) verhindern, jemandem zu verfallen, der die eigenen Gefühle voraussichtlich nicht erwidert. Allerdings hat man stets die Wahl, ob man an etwas festhält, das hoffnungslos ist, oder loslässt, sich befreit. Hätte Florentino Ariza los- und sich auf eine andere Frau eingelassen, wer weiß, wieviel Leid er sich damit erspart hätte. Jetzt könnte man munter drauflos psychologisieren, warum Ariza sich für ein Leben der Bedürftigkeit entschieden hat: hatte er insgeheim Angst vor einer realen Begegnung mit einer Frau? Fühlte er sich unterbewusst einer erfüllten Liebe nicht wert? Fühlte er sich insgeheim zum Leid hingezogen? Das werden wir natürlich nicht erfahren. Indes stellen die von mir formulierten Fragen – um von der Literatur zur Realität überzugehen – häufig die Antworten dafür dar, weshalb Menschen über Jahre hinweg einer Person nachhängen und hinterherlaufen. Vielleicht mögen einige protestieren und sagen: ,,Was hast du? Florentino Ariza hat schlussendlich Fermina Daza für sich gewonnen. Das ist doch die große Liebe!“ Da möchte ich wiederum zwei Sachen zu bedenken geben: 1. Seine Liebe erfüllt sich erst im Rentenalter, nachdem er über Jahrzehnte ob derselben gelitten hat; diese sog. „Treue“, die er ihr schwört, ging auf Kosten auf seines Leben (Hattet ihr übrigens auch den Eindruck, dass Ferminas Dazas eher überredet, überrumpelt worden war? Auf mich wirkte sie am Ende zumindest eher verhalten, kaum beglückt und wenig enthusiastisch). 2. Ich gebe euch eine Frage mit auf dem Weg. Wenn es angeblich eine große Liebe gibt: was ist im logischen Umkehrschluss eine kleine Liebe?

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