Abwertung ist nicht ‚auch gut so‘.

von romantischverklaert

Mit meinem heutigen Artikel möchte ich mich ausnahmsweise direkt an jemanden wenden.

Herr Matussek,

ein ganz ergreifendes sowie überzeugendes Pamphlet haben Sie da bei der Welt-Online veröffentlicht. Also ich war nachgerade unterwältigt. Es ist ja schon ein wenig bedauerlich, dass ein Publizist offenbar durch und durch unfähig ist, seinen Standpunkt anderweitig zu vertreten als mit Abwertung. Denn: Macht man seinen Standpunkt in erster Linie durch Abwertung offenbar, handelt es sich nicht mehr um eine schlichte Meinung, die geäußert wurde, sondern um als Meinung getarnte Ressentiments. Ich muss Ihnen hoffentlich nicht erklären, dass Medien meinungsbildend sind. Deshalb bin ich der Ansicht, dass ihr öffentlicher reaktionärer Angriff auf Homosexuelle keineswegs die Weltanschaung irgendwelcher Menschen prägen sollte.  Warum aber bezeichne ich Ihren Artikel überhaupt als reaktionären Angriff. Gehen wir mal auf ein paar Sachverhalte ein.

Dass Sie homosexuelle Beziehungen nicht als gleichwertig mit heterosexuellen Partnerschaften betrachten, sei Ihnen überlassen. Es wird einem allerdings ganz anders, wenn man sich zu Gemüte führt, mit welchen Mitteln Sie die Leser von dem vermeintlichen Wertunterschied, von dem Sie ausgehen, überzeugen wollen. Sie unterstellen der schwulen Liebe – warum eigentlich nur der schwulen? -, sie sei defizitär, weil sie ohne Kinder bleibe, und begründen dies mit einem Bibelzitat. Ihnen ist indes hoffentlich bewusst, dass die Existenz Gottes, weder im christlichen noch in sonst einem theistischen Sinne, bewiesen ist, und deshalb die Bibel lediglich als eine auf wackeligen Beinen stehende These über Gott und die Welt verstanden werden muss? Und dass Thesen ihren Ursprung nicht im Göttlichen haben, sondern von Menschen geschaffen wurden? Überhaupt liegt Ihr Hauptaugenmerk auf dem Aspekt der Reproduktion. Sie berufen sich auf Spaemann, der Homosexuellen einen Defekt unterstellt, da jene ob ihrer Präferenz nichts zur Erhaltung der menschlichen Gattung beitragen, und versuchen somit, Schwulen, Lesben, Transsexuellen usw. ein Gebrechen unterzujubeln, das den Beweis dafür erbringen soll, dass es hier doch nicht um normale Menschen gehe. Zunächst einmal möchte ich Sie beruhigen: Angesichts der Übervölkerung auf unserer Erde ist auzuschließen, dass die menschliche Gattung in den nächsten Jahren aussterben wird. Und da wir bereits bei Überbevölkerung sind – ich nehme Sie einmal als Vorbild und versuche es ganz naturalistisch zu sehen: ist die Vorstellung, dass Homosexualität ein Strategie der Natur darstellen könnte, um die Ausmaße einer Gattung ohne natürliche Feinde zu regulieren, etwa so abwegig? Natürlich ist das nur eine Vorstellung, eine Spekulation meinerseits. Allerdings unterscheide ich mich damit nicht von Ihnen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob Homosexualität Reproduktion ausschließt bzw. Reproduktion verneint, bloß weil sie ein partnerschaftliches Leben mit dem anderen Geschlecht ausschließt? Muss man sich zum anderen Geschlecht tatsächlich hingezogen fühlen, um Kinder zu zeugen Schrägstrich zu gebären? Oder bedarf es für die Vermehrung nicht ganz unromantisch Samen und Eizelle? Kann Fortpflanzung ausschließlich an Anziehung gekoppelt sein, oder nicht auch an Zweckmäßigkeit? Z.B., wenn Homosexuelle den Wunsch nach einem biologischen Erbe haben? Falls Sie damit nicht einverstanden sind, nehmen wir Ihnen zuliebe einmal an, schwul-lesbische Liebe sei tatsächlich nicht normal bzw. ein Defekt. Haben deshalb all diejenigen, die nicht normal sind, ihren Anspruch auf Gleichberechtigung verloren? Hat das, was als unnormal gilt, nicht die gleiche Daseinsberechtigung wie das Normale; wenn doch das Normale erst durch die gleichzeitige Präsenz des Unnormalen existieren kann? Übrigens: Gibt es Homosexualität nicht nur bei – ich wähle Ihre Worte – irgendwelchen Pantoffeltierchen; warum eigentlich machen Sie das so gezielt klein? Sie ist bei hunderten (großen! hm!) Tiergattungen zu beobachten. Bestes Beispiel sind die Bonobos. Affen. Unsere Vorfahren, huch.

An welcher Stelle argumentieren, halt nein; Wo werten Sie noch ab. Bei Ihrem Vergleich zum Sadomasomachismus habe ich mich ernsthaft gefragt, ob es Ihr Ernst sei. Um es kurz zu machen, da Ihnen der Unterschied offenbar nicht klar ist: Homosexualität ist sowie Heterosexualität keine sexuelle Spielart, sondern eine Form des Begehrens und der Liebe. Und inwiefern Liebe ungleich sein soll, müssen Sie mir erst einmal erklären.

Und die Kinder? Die armen Kinder? Die  Mutti und Vati brauchen? Was sollen all diejenigen Kinder sagen, die von ihrer Mutter allein erzogen worden sind? Was ist mit denjenigen Kindern, deren Mütter oder Väter bereits im Säuglins- bzw. Kleinkindsalter gestorben sind? Kommt das nicht auf dasselbe hinaus? Sind das nun alles verkorkste Persönlichkeiten? Jedenfalls nicht die, die ich kenne. Herr Matussek, kennen sie überhaupt ein Kind, das gleichgeschlechtliche Eltern hat? Es ist nicht entscheidend, ob ein Mensch bei gleichgeschlechtlichen Paaren, alleinerziehenden Elternteilen oder sonst dergleichen aufwächst; sondern wie damit in der Familie umgegangen wird.

Lieber Herr Matussek, ich pflichte Ihnen voll und ganz bei, dass Meinungsfreiheit bestehen sollte. Allerdings muss man differenzieren, was tatsächlich eine Meinung ist und was Aversion und Abwertung. Eine Meinung setzt voraus, sachlich begründet werden zu können. Eine Meinung wird nicht begründet, indem Sie andere Meinungen abwertet. Da haben Sie soviel geschrieben, und nichts von dem, was sie sagen, hat so recht Hand und Fuß. Ihr Text ist eine Ansammlung naturalistischer und kausaler Fehlschlüsse, mit denen Sie die Liebe anderer als etwas Unvollkommenes darstellen möchten. Das ist Abwertung und keine Meinung. Und Abwertung hat sein Fundament in der Aversion. Ich gratuliere Ihnen also zur Ihrer treffenden Selbsteinschätzung. Sie haben die Homophobie verinnerlicht. Einen Bundesverdienstkeks dafür.

Grüße,

S.L.

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