Ich bin 3000 Meter in die Tiefe gestürzt auf einen Haufen spitzer Felsbrocken. Aber damals waren die Menschen abgehärteter.

von romantischverklaert

Gestern schrieb mir meine Mutter und fragte, was los sei, gehe es mir gut, hasse ich sie und meinen Vater jetzt, sie habe mir zwei Jesusarmbänder gekauft, hdl.

Und als ich las, dass sie mir Jesusarmbänder gekauft hat, stellte ich fest, wie schön es ist, wenn sich jemand daran erinnert, was der andere mag und ihm etwas Kleines schenkt. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass ich mich nicht erinnern kann, in nennenswerter Weise über meine Affinität für Schmuck mit christlichen Motiven gesprochen zu haben. Was die Sache noch wundervoller für mich macht: Denn es zeigt mir, dass meine Mutter in dem Augenblick, da ich es erwähnt habe, sehr aufmerksam war. Warum ist das jetzt für mich allerdings der Rede wert? Es geht einfach soviel in Gesprächen unter; weil etliche Menschen völlig von sich vereinnahmt sind, weil dem Gesagten mit zu wenig Ernst begegnet und infolgedessen die Hälfte nicht aufgenommen oder von jetzt auf gleich wieder vergessen wird, et cetera, et cetera… Ein Grund mehr, es aufzuschreiben, damit auch ich nicht vergesse; nicht vergesse, dass mir diese Kleinigkeiten widerfahren, die entweder aus Liebe , wie in meinem Fall, oder Verliebtsein hervorgehen – in Ausnahmenfällen auch aus totaler Nettigkeit oder arschlochmäßigem Kalkül.

Mittlerweile zeichnet sich eine Veränderung ab. Manchmal kommt es mir sogar so vor, sie hat von heut auf morgen stattgefunden. Nämlich: Ich habe aufgehört, die Jüngste zu sein. Jetzt bin ich die Gleichaltrige, zum Teil sogar schon die Ältere. Auf einmal ist da dieses Gefühl, man verlässt die Unsterblichkeit, das Stillstehen-Empfinden, das lediglich auf den Augenblick gerichtet ist und keine Vorstellung von der Zukunft vermittelt, und fängt an, sich auf etwas zuzubewegen: namentlich auf das in den Tod mündende Leben.  Als ich vor kurzem in die Heimat gefahren bin, beschlossen mein Schwager und ich, an der Mc-Donalds-Raststätte in Linum anzuhalten. Zuvor haben wir noch in Erinnerungen geschwelgt. Mit Linum dürfte jeder Neuruppiner, der in den 80gern oder Anfang der 90ger geboren wurde, das gleiche verbinden: Die große Freude, die helle Aufregung, wenn die Eltern – und bei Gott, wie hat man sie auf einmal geliebt – plötzlich entschieden, zu McDonalds zu fahren. Nicht nur wegen der Burger, die man sich auf der Zunge zergehen ließ wie Leute mit zuviel Komplexen Kavier, sondern vor allem wegen des Hallenspielplatzes: Eine in sich gewundene Rutsche, über die der große, unverwechselbare Kopf von Ronald McDonald thront, und die direkt in ein mit Netzwänden eingegrenztes Bällebad, ach was! Bälleparadies führt. Linum, das war ein (Samstag-Vormittag-)Happening!
Irgendwann allerdings eröffnete eine Filiale in Neuruppin. Keine schöne, große Halle mit einem prächtigen Spielplatz hinter Glasscheiben. Nee, ein Raum mit niedrigen Decken und einer Rutsche draußen, die bei Kindern die Frage aufwirft, Ist das etwa alles? Nicht nur Linum hörte auf, ein Happening zu sein, sondern auch das Happening selbst. Es hatte keine Bedeutung mehr, zu McDonalds zu fahren, weil es nicht mehr hieß, „Wir fahren zu McDonalds“, sondern „Wir fahren mal schnell an McDonalds ran“. Und nicht lange und man sagte nicht einmal mehr McDonalds sondern McDrive.
Zurück aber ins Präteritum. Nachdem mein Schwager und ich alten Zeiten nachgehangen haben, hielten wir an der Raststätte an. Ich war das erste Mal seit 12 Jahren- oder 13? – wieder dort. Wir strebten Richtung Verkaufsschalter, doch eine riesige Schlange lag vor uns. Ich stierte über die Schultern derjenigen, die vor mir standen, zum langen Empfangstresen und zu den großen, leuchtenden Angebotstafeln, die dahinter hingen, nachprüfend, ob sich etwas verändert hätte. Mein Schwager stöhnte beim Anblick der Schlange und schlug vor, wieder aufzubrechen. Das war ganz in meinem Sinne, denn ich hatte ziemlichen Knast. Als wir uns auf den Ausgang zubewegten, suchte ich mit meinen Augen den Hallenspielplatz und, da! da war er plötzlich! Ich war mir sicher, dass er mittlerweile ganz anders aussähe, dass er  saniert oder durch ein neues Gerüst ersetzt worden wäre, doch so war es nicht. Zum ersten Mal sah ich etwas vor mir, das sich nicht verändert hatte und das genauso erhalten geblieben war wie meine Kindheitserinnerungen. Meine Augen leuchteten, ich habe sicherlich gelächelt; und plötzlich wäre ich doch noch gerne ein paar Minuten länger dagewesen. Allerdings liefen wir entschieden durch die Tür, die vorher Eingang und jetzt Ausgang war. Und ich konnte es nur deshalb, weil ich keine Notwendigkeit empfand: Denn die Gewissheit, das es einen Ort meiner Kindheit gibt, der erhalten geblieben ist und in dem Zeit nach wie vor stillsteht, hatte etwas sehr Besänftigendes für mich.

Bevor wir ins Auto stiegen, entschied mein Schwager „Wir fahren in Neuruppin beim McDrive ran“. „Ja, nicht reingehen, nur ranfahren“.

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