Goodbye, Goodbye Ulay!

von romantischverklaert

Dieser Eintrag ist jetzt nicht kalkuliert. Ich habe nicht darüber nachgedacht, was ich schreibe. Ich habe weder Worte noch Inhalte geplant. Ich habe nichts entworfen. Ich bin spontan und das macht mich unberechenbar. Zumindest jetzt. Ich könnte alles tun und wie nutze ich diese Freiheit? Indem ich sie nicht ausnutze. Fällt mir gerade auf. Ich  werde euch mal wieder nicht überraschen. Mein Leben lebt gerade von Ereignisarmut. Und wenn ich ehrlich bin, ist das gerade eine einigermaßen bekloppte Aussage, nicht zuletzt weil Ereignisarmut per se nicht existiert. Es passiert immer etwas. Nicht nur um uns sondern in uns. Und es geschieht, denke ich, weder mehr noch weniger. Eigentlich möchte Ereignisarmut etwas ganz anderes beschreiben, als es, wörtlich betrachtet, ausdrückt; nämlich Ereignisanämie und/oder Ereigniseinerlei. Wenn der Kritiker ein Buch bespricht und die Ereignisarmut beklagt, beanstandet er in Wirklichkeit nur, dass das, was in der Prosa geschieht, ihm nicht abenteuerlich, ergreifend und intensiv genug ist.

Am Donnerstag war ich wie am Montag, Dienstag und Mittwoch und Freitag arbeiten. Es war ein Tag, der sich insofern von meinem Artikel unterscheidet, als er, der Tag, nicht der Artikel, kalkuliert war. Nach der Arbeit ging ich wie verabredet gemählich zum Görlitzer Bahnhof. Ich war zu früh da. Also lief ich rum. Langsam. Und ich sah mich um. Unter anderem hielt ich an einem alten Schauplatz an, der mittlerweile verwüstet, überwuchert und vermüllt ist und deshalb auf verstörende Weise mit meinen Erinnerungen kollidierte. Ich sah durch ein Baugitter hindurch, wie eine Skulptur auf dem Fußgänger stehend, und hatte den Wunsch, das Gelände zu betreten. Dann ging ich fort, weiter, zurück, dann am U-Bahnhof vorbei, erkundete halbherzig die Gegend, da mir die Adresse des Kinos, das ich mit meiner Verabredung  zu besuchen geplant hatte, entfallen war. Ich lustwandelte eher, als dass ich tatsächlich suchte und machte schnell kehrt. Die Verabredung war nicht wie geplant um 17:00 Uhr am Bahnhof. Mir war kalt, ich ging in das nächstbeste Tabakgeschäft und wärmte mich auf. Ich fragte den Mann hinter dem Tresen, wo sich das Kino Eiszeit befände. Er verstand mich nicht recht ob mangelnder Sprachkenntnisse und bat mich, aufzuschreiben, was ich sagte. Ich tat, wie mir geheißen, allerdings konnte er mir nicht so recht weiterhelfen. Dann ging ich wieder hoch zum Bahnsteig. Ich schrieb meiner Verabredung eine SMS, dass ich nun nach Hause fahren werde, da die Vorstellung, Marina Abramovic: The Artist is Present, bereits angefangen habe. Und als der Zug eintraf und ich im Begriff war, einzusteigen, strebte sie plötzlich auf mich zu. Zwar nicht um die geplante Uhrzeit aber dafür wie geplant. Wir beeilten uns, ich fror. Wir hielten die Menschen, die uns auf dem Weg entgegenkamen, an und baten um Auskunft. Nach vielen überfragten Passanten war es schließlich eine alte Einheimische, die uns den Weg wies – ohne, dass wir sie indes angesprochen hätten. Am Kino trafen wir dann zu unserer Überraschung eine weiteren Bekannten, dessen Erscheinen nicht geplant, sondern offen geblieben war.

Zur Dokumentation selbst: Die Regie war so konventionell zurecht inszeniert wie glorifizierend. Es war weniger eine Dokumentation über Abramovic als eine Vorstellung der Abramovic. Ob der Film ihr gerecht wurde, sei dahin gestellt, aber immerhin passte er zu ihr. Dass man eine beinahe hypnotische Ausstrahlung Marina Abramovic unmöglich absprechen kann, war mein Fazit, als ich den Saal verließ. Eine weitere Person empfing uns ungeplant im Warteraum und entgegen unserer Planung gingen wir zunächst zu McMassentierhaltungDonalds und anschließend ins Barbie Deinhoff. Nett war’s und schön. Nur die Ankunft in die eigenen vier Wände war scheiße. Danke an dieser Stelle an alle verschlampten und gewissenlosen Bürokraten, die ihre Seele, als sie ihren Arbeitsvertrag unterschrieben haben, verkauft haben.

Am Freitag war ich wie am Montag, Dienstag und Mittwoch und Donnerstag arbeiten; allerdings nur bis 13 Uhr, da ich ob des geplanten familiären Besuchs in die Heimat musste und nicht unverrichteter Dinge abreisen wollte; Ich kann es nämlich nicht ausstehen, den wöchentlichen Wohnungsputz ausfallen zu lassen – das geht bei uns nämlich  nicht. Mir war nach Schlafen. Ich hatte nicht viel von der Nacht gehabt: ich kam spät nach Hause und saß noch anderthalb Stunden an einem zweiseitigen Was-soll-der-Scheiß-ich-hab-mir-gar-nichts-zu-Schulden-kommen-lassen-also-hören-Sie-auf-mir-zu-drohen-wenn-Sie-es-verbockt-haben-Brief fürs Amt fest, den ich so schnell wie möglich rausschicken wollte. Aber ich war unglaublich tapfer dank meiner Reinigungs-und Verrichtungsobsession, und wusch sogar noch neben meinen Klamotten das Inlett (von der Bettwäsche, meine ich).  Und fuhr dann glücklich los.

Am Abend fühlte ich, was ich brauchte. Schlaf. Und bedauerte, dass die meisten Dinge, derer wie bedürfen, sich leider nicht so eindeutig zu erkennen geben wie der Schlaf. Wo aber bliebe die Erkenntnis, wenn wir keinen Grund hätten, zu hinterfragen, ertragen, zu lernen und zu suchen… Kalkulierbarkeit fördert schließlich keinen Reifeprozess.

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