Ich will euch nicht beunruhigen, doch es könnte ein Buhmann oder mehrere Buhmänner im Haus sein.

von romantischverklaert

Mein Blogger-Jahr war wohl nix. Eigentlich war das ganze Jahr zum Wegschmeißen. Warum 2013 unvermittelt eine Wende kommen sollte, weiß ich nicht. Ich hoffe indes, dass das Positive im kommenden Jahr überwiegen wird. Bevor ich zu meiner alljährlichen Leserezension komme, möchte ich kurz zusammenfassen, was gut war und was nicht.

Das Gute: Nachdem ich durch unglückliche Entwicklungen mit meinen Finanzen ins Schlittern kam – und leider Gottes nicht einmal durch eigenes Verschulden -, stehe ich jetzt wieder auf festem Boden und relativ gut da; Ich habe mich als Autorin verbessern können und das sogar deutlich; Ich bin klüger, weitsichtiger, erfahrener und schöner geworden; Ich bin Kunstwerken begegnet, die mich inspiriert, motiviert, weiterentwickelt und berauscht haben; Mein schriftstellerischer Horizont ist gewachsen; Ich bin ein zweites Mal Tante geworden und zugleich Namensgeberin meiner Nichte (Leni); Ich habe meine vagen Sütterlin-Kentnisse aus dem Gedächtnis gekramt und die Schrift  noch einmal von der Pike auf gelernt. Mir ist es sogar gelungen, so gut zu werden, dass ich im Auftrag des Kreuzbergmuseums und mithilfe eines kleinen Teams Briefe transkribiere;  Ich war auf zwei tollen Konzerten, ohne einen Cent dafür ausgegeben zu haben – Soko im Heimathafen und Tori Amos in der Philharmonie (!!); Ich habe den Urknall und das Universum für mich entdeckt und somit ein neues Interessensgebiet erschlossen, das sich vor allem auf mein Schreiben positiv auswirkt – wenn auch nicht frei von unerquicklichen Nebenwirkungen; Literaturzeitschriften haben meine Texte publiziert; Ich habe momentan eine schöne Beschäftigung im Kreuzbergmuseum und ebenda viel Freundlichkeit, Menschlichkeit und Hilfbereitschaft erfahren; Ich habe aufgehört, Tiere zu essen; Ich habe Gefühle für meine Pflegebrüder entwickelt; Ich bin offenbar doch nicht verrückt, unzurechnungsfähig oder schwer krank; Ich lebe doch noch.

Das Schlechte: Ich wurde von der UdK abgelehnt und habe viel zu sehr darunter gelitten; Ich bin einem Menschen begegnet, von dem ich mir etwas erhoffte – und sei es nur Freundschaft!-, und wurde enttäuscht; Ich habe versucht, das Rauchen aufzugeben und nach 17 Tagen Psychoterror wieder angefangen; Ich bin in die bisher übelste, unberechenbarste und hartnäckigste Krise meines Lebens geraten; Ich habe Symptome, Gedanken und Gefühle, die so bizarr sind, dass mich keiner mehr versteht; Ich finanziere mich nicht mehr selbst durch diverse Nebenjobs; Ich habe eine schlimme Auseinandersetzung mit meinem besten Freund gehabt, die unsere Beziehung in der aktuellen Phase meines Lebens nicht tragen konnte; Mein Denken und Fühlen hat eine Komplexität erreicht, die mir nicht mehr gut tut – zumindest solange es mir noch nicht gelungen ist, das Päckchen der negativen Dynamik abzulegen; Um Vincent van Gogh zu Rate zu ziehen… ich wähnte mich in Gewissheit, jemanden gefunden zu haben, der sich an dem Feuer meiner Seele wärmen möchte, und erlebte in der Stunde der Wahrheit den derbsten Schauer der Desillusionierung unter meinem Brustbein; Ich habe mich erniedrigt und vorführen lassen; Ich habe gewisse Chancen nie bekommen, weil Vorurteile meines Gegenübers sie unter Verschluss hielten; Ich habe viel Gelaber gehört und war doof genug, es für bare Münze zu nehmen; Ich habe projiziert; Ich habe mir vergebliche Hoffnungen gemacht; Es hat noch immer nicht Klick bei mir gemacht.

Dieses Jahr soll kein Schlimmes gewesen sein, wenn am Ende doch noch alles gut wird. Aber die Zukunft ist so ungewiss. Damit komme ich nicht zurecht. Wie sieht es mit  Büchern aus? Nun, es kommt darauf an, wie man es sehen möchte: Ich könnte mich entweder grämen, viel zu wenig im Vergleich der letzten Jahre gelesen zu haben – 14 Titel, darunter der Wunder-Nichraucher-Ratgeber von Allen Carr -, oder lobend anerkennen, trotzdem etwas geschafft zu haben angesichts meiner Krise. Zugegeben, ich tendiere häufig zu ersterem; doch nehme ich mir eben vor, im nächsten Jahr wieder etwas fleißiger zu sein. Darum möchte ich auch das nächste Jahr mit einem Wälzer beginnen; allerdings wird es kein Russischer sein, wie die letzten drei Jahre zuvor – wird also leider doch keine Tradition daraus -, sondern das unendlich anmutende Buch Unendlicher Spaß von – na, wer wohl? – David Foster Wallace. Hundert Seiten habe ich bereits im Sommer gelesen, doch macht sich das bei über 1500 Seiten und einem derartigen Sprachstil und Erzählduktus noch nicht  bemerkbar. Aber genug, ich will jetzt auch mal vorwärts kommen heute.

Fjodor Michailowitsch DostojewskiBöse Geister

Auch bekannt als Die Dämonen. Wir sollten indes auf Swetlana Geier hören, die sah das nämlich anders. An dem Buch habe ich ewig gesessen und das Lesevergnügen wollte sich nie so recht einstellen. Natürlich begegnen wir, wie nichts anders zu erwarten, herrlich amüsanten Exzentrikern, die einen so maches Mal zum Schmunzeln bringen. Allerdings war es für meine Begriffe recht schwierig, der Geschichte, die ein einziges Geflecht aus komplexen Verstrickungen ist,  zu folgen. Ein gewisses historisches Wissen über die damaligen Russischen Verhältnisse wäre zu empfehlen. Das erleichtert womöglich das Lesen und verlangt weniger Konzentration. Vieles habe ich gelesen, ohne es aufzunehmen. Mithin manövrierte ich mich dann irgendwann in absolute Desiorientierung, die mir den Spaß verdarb und mich wieder und wieder dazu verführte, meine Blicke wandern zu lassen, ohne dass mein träges, zerstreutes Gehirn meinen Augen zu Hilfe geeilt wäre.  Immerhin habe ich noch mitgekriegt, dass dieser Elefant, wie Frau Geier die großen Werke Dostojewskies hieß, der schwermütigste und dramatischste von allen ist – okay, möglicherweise lehne ich mich da etwas aus dem Fenster heraus; die Die Brüder Karamasow und  Ein grüner Junge fehlen schließlich noch, aber ich nehme es dennoch an.

Gotthold Ephraim LessingNathan der Weise

Gott sei Dank nie in der Schule gelesen! Nicht, dass mir das Drama nicht gefallen hätte; Nur sind die meisten Deutschlehrer auf sonderbare Weise darauf spezialisiert, Weltlitartur als Schulpflichtübung darzubieten statt als Bereicherung und Gaudium. Ich denke, über dieses Stück muss nicht viel gesagt werden. Wundervolle Dialoge und eine großartige Darstellung der Verwandschaft der monotheistischen Religionen.

Allen CarrEndlich Nichtraucher!

Hört auf zu lachen! Wie sollte man bei stolzen 525 guten Amazon-Rezensionen und nur 19 schlechten nicht dem Glauben anheim fallen, das Buch könne einem helfen? An der Easyway-Methode habe ich mich schwer getan und manchmal frage ich mich, ob es ohne sie leichter gewesen wäre. Vielleicht war der Zeitpunkt einfach scheiße gewählt. Ich habe mir absichtlich den labilsten Augenblick meiner Befindlichkeit ausgesucht, was, im Nachhinein betrachtet, offenbar keine intellektuelle Glanzleistung war. Dass mir das Buch nicht geholfen hat, hat in meinen Augen nichts zu heißen; denn ich zweifele keine Sekunde daran, dass es sehr gut ist und tausenden Rauchern dabei hilt, ihr Laster ohne große Anstrengungen abzulegen – womit das Buch ja auch beinah großkotzig wirbt. Falls ich zu einem späteren Zeitpunkt einen neuen Anlauf starte, werde ich definitiv noch einmal versuchen, mit dieser verbalen Wunderwaffe einen Volltreffer zu landen.

José SaramagoEine Zeit ohne Tod

Habe ich bereits erwähnt, dass ich ihn liebe? Der Plot basiert typischerweise auf ein Was-Wäre-Wenn-Szenario, das Saramago mit einer außergewöhnlichen Vorstellungkraft beschreibt. Am darauffolgenden Tag starb niemand, heißt es im ersten Satz, der aufregender und verheißungsvoller kaum sein könnte. Was passiert, wenn niemand mehr stürbe, legt Saramago mit beachtlichem Einfallsreichtum in aller Ausführlichkeit und Schlüssigkeit dar. Das letzte Drittel widmet sich zwei Figuren, der Todesdame, tod geheißen – und so geschrieben, klein und ohne Artikel-, die für das ganze Schlamassel verantwortlich ist, und dem namenlosen Cellisten, der doch schon längste hätte tot sein müssen. Mehr will ich nicht verraten. Die Geschichte hat einen wunderbaren Witz, welcher den immer wiederkehrenden persönlichen Kommentaren des Erzählers/Saramagos zu verdanken ist und der schönen Ironie. Das und die Missachtung von Interpunktionsregeln zugunsten einer atemlosen Sprache sind die Gründe, warum ich Saramago derart verehre.

Marquis de SadeJuliette und die Vorteile des Lasters

Justine halte ich für die „bessere“ Lektüre, sind doch die Sophismen und Argumente für die Notwendigkeit des Bösen wesentlich gehaltvoller ausgefallen. Das kann allerdings auch der Ausgangssituation Juliettes geschuldet sein. Diese nämlich muss nicht von den Vorteilen der Grausamkeit überzeugt werden, da sie schon von Anfang an allen erdenklichen Lastern frönt, die der menschliche Geist ersinnen kann. Das Buch war weniger anstrengend zu lesen als der Parallelroman Justine. Nicht nur, weil die Geschichte knapp 200 Seiten kürzer ist; es ist m.M.n. erträglicher, aus der Rolles des Täters als aus der des Opfers zu lesen. Im Grunde macht es keinen Unterschied, ob man  lediglich ein Buch oder das Oeuvre de Sades gelesen hat. Immer dieselbe Suppe. Allein Justine ist besser gewürzt; also sei an dieser Stelle auf die Leiden ihrer Tugendhaftigkeit verwiesen, wenn’s denn mal de Sade sein soll.

Jorge Luis BorgesFiktionen

Einer der großen südamerikanischen Autoren. Schön. Idiotischerweise konnte ich mit seiner Schreibe fast nix anfangen. So profan es auch klingen mag: das war mir einfach zu hoch – vor allem in meiner damaligen Verfassung. Weder konnte ich seinen philosophischen Reflexionen folgen noch seiner Phantastik irgendetwas abgewinnen.  Was mir allerdings gefällt, sind die fiktiven Quellenangaben und Verweise auf Personen und Werke, die dem Leser so schlüssig und selbsterklärend dargestellt werden, als gäbe es sie tatsächlich. Das hat mich inspiriert und ich werde es auch zu gegebener Zeit abkupfern. Die bekannteste Erzählung, Tlön, Uqbar, Orbis Tertius, war übrigens eine kleine Bereicherung für mich. Schaut, schaut!

Eine der imaginären Sprachen von Tlön kennt keine Substantive: Es gibt unpersönliche Verben, die durch einsilbige Suffixe oder Präfixe adverbieller Art näher bestimmt werden. So gibt es kein Wort für „Mond“, aber ein Verb, das man mit „monden“ oder „mondieren“ übersetzen könnte. Das tlönische Äquivalent des Satzes „Der Mond ging über dem Fluß auf“ heißt Hlör u fang axaxaxas mlö, was wörtlich übersetzt etwa lautet: Empor hinter dauerfließen mondet es. Auf spanisch lautet der Satz: Upa tras perfluyue lunó und Borges fügt auch eine englische Übersetzung an: Upward, behind the onstreaming it mooned. (Man kann wohl davon ausgehen, dass Borges sich der Doppelbedeutung des englischen „to moon“ (d. h. „jemandem den nackten Hintern präsentieren“) bewusst war). In einer anderen Sprache Tlöns wiederum ist die Basis nicht das Verb, sondern das einsilbige Adjektiv, wobei das Substantiv durch die Häufung von Adjektiven gebildet wird. Man sagt nicht „Mond“, sondern luftighell auf dunkelrund oder orangehimmelscheinend.

Davon abgesehen hege ich indes keinerlei Interesse, mehr von Borges zu lesen.

Aglaja VeteranyiWarum das Kind in der Polenta kocht

Habe ich mir allein ob des Titels gekauft und nicht bereut. Großartiges Buch! Wundervolle Sprache und Bilder! Eine ausführliche Rezension habe ich bereits bei ARTiBERLIN veröffentlicht – siehe Link.

Janne TellerNichts

Geht so. Die Klimaxe, die das Ganze offenbar noch etwas künstlerischer und tiefgründiger erscheinen lassen sollen, wirken eher unfreiwillig komisch – wenn auch keine völlig verfehlte rhetorische „Intervention“ . Der Plot sowie die Figurenentwicklung ist indes interessant. Allerdings verweise ich auch an dieser Stelle auf eine detailliertere Rezension, die ich für ARTi geschrieben und hier verlinkt habe. Das spart Zeit. Und Mühe.

Martin WalserMuttersohn

Mensch, das las sich bis zur Mitte bzw. zum letzten Drittel alles noch so vielversprechend, entzückend, interessant. Teilweise hat mich die Geschichte und Sprache ziemlich gepackt, vieles berührte mich regelrecht. Aber irgendwie fehlte mir völlig die Pionte, der Sinn und Zweck des Ganzen, wie auch immer. Sehr enttäuschende Endphase. Hat mich nur noch kalt gelassen. Wer wissen will, worum es überhaupt geht, werfe einen Blick in die Kritik der Süddeutschen – welche ich jetzt übrigens nicht gelesen, sondern nur flugs eingebettet habe.

Friedrich SchillerDie Räuber

Auch nicht in der Schule gelesen. Ich möchte und kann es zu dieser vorangeschrittenen Stunde nur ganz weltlich „bewerten“. Ich hab’s gelesen, weil man’s ja gelesen haben „muss“ – wie sovieles in der Weltliteratur. Es bereitete mir kein nennenswertes Vergnügen und ich war nicht unglücklich, als ich’s durch hatte. Ein paar Kleinode habe ich für mich herauspicken können, doch war die Geschichte nicht mein Ding. So egreifend das Stück auch geschrieben sein mag, ich fühlte mich nicht ergriffen.

Imre KerteszRoman eines Schicksallosen

Faszinierend. Großartig. Hat mich in Sachen Erzähltechnik ungemein bereichert. Wiki beschreibt’s ganz gut:

Ungewöhnlich an diesem Roman ist, dass das Grauen frei von Empörung und Entsetzen beschrieben wird. Zwar ist György mit dem Geschehen meist nicht einverstanden, erlebt die Geschehnisse jedoch beinahe wie einen Abenteuerroman und drückt dabei häufig Verständnis für die Folgerichtigkeit der einzelnen Schritte im Prozess der industriell organisierten Ausbeutung und Ermordung von Menschen aus. Diese Perspektive hat zu Vergleichen mit Franz Kafkas Roman Der Process geführt, wo der Protagonist Josef K. sich ebenfalls auf verstörende Weise seinem Schicksal fügt.“

Samuel BeckettWarten auf Godot

Erste Klasse! Wie viel dieses Werk beschreibt! Das vergebliche Warten und Hoffen auf Ankunft (von der man sich die ersehnte Rettung verspricht). Und mehr. Es ist voller Tiefe und so traurig wahr. Und lachen, ach, was kann man da lachen! Obwohl das, was ausgedrückt wird, so desillusionierend ist.

José Saramago – Die Reise des Elefanten

Die Geschichte ist schnell erzählt. Es geht um die Reise eines Elefanten, den Johann der III von Portugal seinem Vetter, dem Erherzog Maximilian, aus Wien schenkt. Man liest kein besonders spannendes, sondern vielmehr anrührendes, amüsantes und sprachgewaltiges Buch. Es ist ein typischer Saramago: ironische Einschübe, atheistische Provokationen, interpunktionslose und gebandwürmerte Sätze, einen allwissender Erzähler – der aber am Ende dieser Geschichte jedoch allzu geschwätzig wird. Sehr Empfehlenswert, allerdings nicht als Einstieg in Saramagos Oeuvre.

SophoklesKönig Ödipus

Auch Sophokles wurde in der Schule nie behandelt –  lässt allmählich die Frage zu „Auf was für eine Schule warst du denn bitte?“. Sein Name wurde mir erst nach der Schulzeit ein Begriff. Vielleicht ist es besser so. Um es kurz zu machen. Brisant und mit großem Interesse gelesen! Und schlauer geworden auch noch!

Einen guten Rutsch!

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