Ich kann total gut mit Menschen weil ich ein… Mensch bin.

von romantischverklaert

Nachdem es offenbar eine Schwangerschaftswelle gab, expandiert jetzt allem Anschein nach eine Liebeskummer-Epidemie nach dem Vorbild des Universum oder der abgedroschenen Pest. Das ist irgendwie und durchaus kurios. Natürlich kann von einer Urkeimzelle nicht die Rede sein, und dennoch scheint es, als nähme es bei irgendjemandem seinen Anfang. Dann ist es erst die Bekannte, dann eine Freundin, dann wieder eine Freundin, dann wieder eine Bekannte und schlimmstenfalls steckt man sich irgendwann auch an. Das ist beinahe ermunternd. Jedenfalls fand ich das kollektive Schluchzen, wann immer ich verliebt war, immer noch erträglicher als ansehen zu müssen, wie andere zur selben Zeit durch den Garten der Euphorie stolzierten und lustwandelten. Missgunst ist hässlich, sollte allerdings nicht mit dem moralischen Schredder verrissen werden: denn eigentlich verweist sie nur auf eine tiefe persönliche Bedürftigkeit.
Vorgestern entwarf ich neue Szenen für meine Kopfserie und kam dann durch diese und jene Zufälle auf die unglückselige, herrlich banale Pein der unerwiderten Gefühle. Ich glaube, dass dieser Gram von den meisten sehr ähnlich empfunden wird. Das Bemerkenswerte daran ist der Trauerprozess, den viele Menschen nur bei Todesfällen vermuten. Die Verarbeitungsphasen sind identisch, wenn auch weniger zeitintensiv. 5 stadien werden ja häufig in beliebiger Reihenfolge erlebt(1). Nicht irgendwie erlebt, nicht einheitlich erlebt, sondern individuell. Die Dauer kann variieren, die Intensität desgleichen; Phasen können gänzlich ausbleiben oder womöglich ein Revival erleben. Et Cetera.  Ich denke indes, dass es stets und ständig mit derselben Trauerepoche beginnt und dass nahezu jeder das gleiche somatische Empfinden hat, wenn der/die Angebete sich bitteraua zu seinem gemächlichen Herzschlag und dem Flatterphlegma der ungerührten Schmetterlinge im Bauch bekennt: nämlich diesen intensiven Schauer unter dem Brustbein, der sich wie ein Tintentropfen auf Löschpapier ausbreitet. Als wäre man ebenda getroffen worden. Nunmehr wird einem klar, dass kein Pfeil der Welt, nicht einmal Amors, schmerzfrei in einen eindringen kann und dass Amor zwar für die Schwärmerei verantwortlich sein mag, jedoch nicht dadurch, indem er Pfeile in die Brust schießt; denn wozu bedarf es eines spitzen Geschosses, solange das Erträumen noch nicht durch das Störelement inkongruenten Empfindens desillusioniert wurde? Nun könnten wir Amor durchaus fragen: Sag‘ mal, war das jetze noch nötig, eins draufzusetzen? Tut doch schon genug weh, dumme Sau. Wer bist du’n überhaupt? Kenn dich vom Stadtbild her gar nich‘.
War es notwendig? Definitiv. Der Pfeil, der uns trifft und den leidigen Schauer der Betroffenheit unter unserem Brustbein bewirkt, sollte als drastischer Weckruf verstanden werden. So sieht aus und das tut dir weh! Romantische Verzückung ist ein Gefühl, das die Rationalität ganz gewiss nicht zur Besinnung bringen kann – nicht zuletzt da Gefühle instinkiv und folglich bar jeder Vernunft sind und außerdem auf Autokratie bestehen. Was aber bleibt? Es bedarf eines weiteren, ebenbürtigen Gefühls, namentlich die Pein, um die Verschossenheit zu überwältigen und die Rückkehr des Verstandes zum Chefsessel zu ermöglichen. Wenn feststeht, dass der/die Angebetete nicht der-/diejenige sein kann, der/die mit uns an verregneten Tagen im Bett verweilt, müssen wir uns an ihm/ihr  verbrennen wie an einer Herdplatte, um in der Lage zu sein, die nötige Scheu vor Schmerzen und Gefahren zu entwickeln. Es ist selbstverständlich nicht unüblich, dass diese und jene, womöglich sogar wir selbst, – ob größerer Schmerztoleranz oder masochistischer Tendenzen – nicht dauerhaft vom ersten Weckruf abgeschreckt sind. Aber meist klappt es doch ganz gut und irgendwann. Zumal wir, zur aller größten Not, nur ins hinein gehen müssen, sobald sich uns die Frage aufdrängt, wer dieser Amor eigentlich ist und weshalb wir ihn vom Stadtbild her nicht kennen.

Tja, schön schwadroniert bisher. Die wichtigste Frage indes, was einem behilflich sein könnte, die Gefühlsapathie des passenden Gegenübers zu verwinden, blieb bisher unbeantwortet. Ich denke nicht, dass man ausschließlich die Zeit, die mit beständigen Schritten alle Wunden sukzessiv heilt, für die Erholung verantwortlich machen muss. Es fängt doch nämlich schon mit dem Begriff passend an. Passend. Es hat einfach gepasst. Und wenn uns ist, es passe mit jemandem, fangen wir an, kleine Welten zu errichten. Die zusammenbrechen können. Die Gemeinsamkeiten und Einstellungen passen oder das Menschliche passt oder das Aussehen passt oder das Bauchgefühl passt oder die Sitaution passt oder ich passe zu ihm oder er passt zu mir oder wir passen. Und wir verfallen dem Etwas, das passt. Tatsache jedoch ist, dass unsere Auserwählten zunächst Leinwände sind und wir das Projektionsgerät, dessen Abbildungen wir spätestens dann hinterfragen müssen, wenn wir Bilder des Ineinandergreifens, von Zahnrädern, Reisverschlüssen und Gewinde bestaunen, während das Objekt unserer Begierde einkaufen geht, weil es bei der aktuellen Vorstellung für ihn absolut nichts zu sehen gab. Um es kurz zu sagen: Nein. Ich irre mich. Du irrst dich. Er irrt sich. Sie irrt sich. Es irrt sich. Und bis zum Plural durchkonjugiert. Es ist ein Irrtum. Es ist ein Irrtum zu glauben, es habe oder hätte gepasst; denn sobald er oder sie nicht dasselbe für mich, dich, euch empfindet, hat es nie gepasst. Demzufolge hat man nichts verpasst; demzufolge ist einem keine Chance durch die Lappen gegangen; demzufolge muss man nicht der Befürchtung anheim fallen, nichts Besseres bzw. Passenderes zu finden: weil es einfach nicht gepasst hat. Die Eindrücke spielten lediglich Scharade und die Gefühle sind auf den falschen Begriff gekommen. Das ist das, was eigentlich verloren wurde. Nicht der/die vermeintlich Passende, sondern die Scharade. Es hat also nicht gepasst. Man wird lediglich das Gefühl nicht los, dass es das tat bzw. getan hätte. Wieso eigentlich? Weil der schwierigste Abschied der von einem hartnäckigen Gedanken ist und/oder einer Gefühlsgewissheit, die unerwarteterweise Lügen gestraft wurde. Wenn’s das nicht gäbe, wäre es ein Leichtes, von jemandem loszukommen. Ist man imstande, sich bewusst zu machen, dass das Passende eine Räuberpistole der Gefühle war, muss die Zeit, die alle Wunden heilt, weniger Schritte tun. Was wissen wir überhaupt schon über das Zahnrad, wo wir doch in etlichen Belangen unfähig sind, uns einzulassen, wenn es nicht ad hoc ineinandergreift…

1) Es gibt indes unterschiedliche Theorien. Ich beziehe mich vornehmlich auf Elisabeth Kübler-Ross‘ Definition über die fünf Phasen des Sterbens, die sich übrigens großer Beliebtheit erfreut.

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