Das Schaf bricht sein Schweigen

von romantischverklaert

Wie dem Beitrag von Canada.com zu entnehmen ist (und unlängst vermutet wurde in meinem editierten Artikel), handelt es sich bei Rezais und Maternes Experiment lediglich um eine beabsichtigte künstlerische Provokation, die nicht in der Enthauptung eines Schafes gipfeln wird.

A spokeswoman for the university also said that the two artists had assured the school that their guillotine project was intended as an „artistic provocation“ and their had no plans to kill the lamb.

Auch auf der Facebook-Seite des Guillotine-Projekts wendeten sich die Künstler gestern persönlich an die Gegner und Befürworter. So heißt es:

Die von der Öffentlichkeit eingegangenen Reaktionen stellen eine umfangreiche Reflexion unserer Gesellschaft dar.

Diese ist im Begriff, sich durch die Vielschichtigkeit der eingegangenen Kommentare zu präsentieren. Nun steht der Spiegel direkt vor euch. Durch einen distanzierten Blick auf den Aufbau des Experiments und die verbreiteten Meinungen/Reaktionen erschließen sich für Jedermann die Missstände unserer Gesellschaft bzw. des politisch-moralischen Systems. Das Experiment verläuft zu vollster Zufriedenheit.

Tierschützer dürfen bis auf Weiteres aufatmen. Was ist jedoch mit dem getäuschten Mob? Die Reaktionen reichen von Erleichterung und nachträglichen Lobesbekundungen zu wüsten Beschimpfungen und pathologischen Urteilen. So gibt es unter anderem wütschäumende User, die Drohungen laut werden lassen, zur psychiatrischen Zwangseinweisung auffordern, fließbandartig Beschimpfungen loswerden und dergleichen mehr – viele glauben nach wie vor, dass das Schaf hingerichtet wird. Unter den Getäuschten gibt es allerdings auch Nutzer, die sich im Nachhinein anerkennend äußern und für das Experiment aussprechen; ebenso wie (gesittete) Kritiker, die Mängel in der Durchführung der Provokation sehen, Geschmacklosigkeit unterstellen oder darauf hinweisen, dass eine derartige Provokation kein Neuland in der Kunst ist und bereits besser verwirklicht worden sei. Interessant ist auf alle Fälle, welche Themen sowohl gezielt als auch unbeabsichtigt in diesem Experiment angesprochen wurden.  So ist daraus nicht nur eine Diskussion bezüglich der o.g. Misstände in unserer Gesellschaft entstanden, sondern auch in Hinblick auf die Bigoterrie der Fleischkonsumenten, den Tierschutz und die Frage, wie frei die Kunst verstanden werden sollte.

Was mich betrifft, finde ich es ja einigermaßen ergreifend, wie sich die Heuchelei wie von selbst herausdestilliert hat. Neeeeeein! Doch nicht das Schaf! Was ist mit euch los! Ich – warte, muss kurz von meinem McChicken abbeißen -mmhmm! Also, ihr verdammten Kanackenarschficker, ihr…! Für mich ist diese Enttarnung der Scheinheiligkeit die Essenz des Experiments – obschon die Künstler etwas anderes beabsichtigten. Als Bloßstellung aller frömmelden Fleichkonsumenten wäre es ein in meinen Augen ein brillantes Unterfangen gewesen.  Wie dem aber auch sei.  Woran liegt es, dass man die vorgeblichen Scha(r)fsrichter Rezai und Materne auffordert, sich selbst mit ihrer schillernden Eigenbau-Guillotine hinzurichten, und gleichzeitig die Henker der Massentierhaltung sponsort, indem man ein Big-Mac-Menü bestellt? Der einzige Unterschied ist die Art und Weise, wie erstere und letztere an uns herantreten. Wir sehen die Wurst als fertiges Produkt, als vollendete optische Distanzierung vom Urheber Tier; es blutet nicht, es atmet nicht, es bewegt sich nicht, hat weder Arme noch Beine, es ist nur eine flache rosarote Scheibe mit weißen punkten, die nicht die geringste Assoziation zu diesem Schwein hervorrufen könnte. Obwohl wir wissen, dass der überwiegende Teil der Tiere unter KZ-ähnlichen Verhältnissen für die Bequemlichkeit und Wollust unserer Geschmacksknospen stirbt, stürmen wir nicht aus dem Aldi, um den Massenmord aufzuhalten.  Rezai und Materne schockten nicht, weil sie das Schaf enthaupten wollten, sondern weil sie es öffentlich insznierten. Und dann wagten sie es auch noch, es unter dem Deckmantel der Kunst zu tun! Dabei benutzen Fleischesser selbst regelmäßig den Vorwand des Naturgegebenen. Der unerfahrene Vegetarier weiß zunächst nicht, was er entgegnen soll, wenn der Fleischesser sagt: „Es liegt nun einmal in der Natur der Dinge. Wir sind Allesfresser, die Natur hat uns das eingegeben und das nicht ohne Grund, also warum soll ich dann ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Fleisch esse? Du verurteilst doch auch keinen Tiger, der sich an einem Hirsch vergeht. Ich achte ja auch schon immer darauf, dass die Tiere glücklich gestorben sind.“ Das ist amüsant. Wir erheben uns über die Tiere und Suchen die Distanz zu ihnen, in dem wir unsere Kultivierung mit Sätzen wie „friss nicht wie ein Schwein; ich bin doch kein Tier usw.“ betonen; stellen uns dann jedoch schnellstmöglich auf diesselbe Stufe mit ihnen, sobald wir uns genötigt sehen, unser Essverhalten zu rechtfertigen. Aber gerade das ist es doch, was uns von ihnen unterscheidet. Raubkatzen fressen Fleisch, weil es für ihr Überleben unerlässlich ist. Sie haben keine andere Wahl sowie jedes andere Fleisch/Alles/Pflanzenfressende Lebenswesen auch. Sie töten , um zu essen, morden aber nicht, um besser zu essen (halb zitiert von Cicero); Der Mensch hingegen schon, obwohl als er nicht darauf angewiesen ist. Er kann bereits ohne Fleisch auf ein Ernährungsspektrum zurückgreifen, das keinem Tier ansatzweise vergönnt ist. Warum also ein Tier, das nicht weniger kostbar ist als das Leben eines einzelnen Menschen, schlachten?  Eine Bitte nur an all diejenigen, die Fleisch essen: Urteilt nicht über Leute, die sich an Tieren vergreifen, wenn ihr sie selbst esst und die Massenhaltung finanziert.

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