Die Freiheit der Kunst darf nicht über Leben und Tod eines Lebenwesens stehen

von romantischverklaert

Es gab da mal ein Interview bzgl. Tierschutz mit Ingrid van Bergen, das ich ganz bemerkenswert fand. Im Laufe der Sendung erzählte sie von diversen Menschen, die ihr Vorhaltungen machten, weil sie sich um Tiere statt um hilfebedürftige Menschen kümmere. Mitunter musste sie sich Fragen gefallen lassen wie Warum spendest du nicht für die armen Kinder in Afrika?. Leider weiß ich nicht mehr, was sie geantwortet hat. Ich bedauere das wirklich.
Somit liegt es an mir, Stellung zu beziehen. Also, wie denke ich darüber? Man ahnt es bereits. Ich halte das für eine ungeheuerliche Anmaßung. Unglaublich. Wo soll man da anfangen? Die Frage überfordert mich gerade ungemein.
Ja genau, was fällt dieser Schurkin eigentlich ein?!Widmet sie sich kackdreist Tieren, die sonst in Tötungsanstalten ermordet oder in Auffangstationen eingegangen wären! Oh, die armen Afrikakinder!  Soll ich mich dann auch gleich schlecht fühlen, weil ich ausschließlich für Tiere gespendet habe? Das jämmerlichste daran ist, dass die Leute, die daran Anstoß nehmen, gleichzeitig diejenigen sind, die weder Tieren noch hungernden Menschen die geringste Gnust zukommen lassen – aber am beflissensten die Krokodilstränen rausdrücken, sobald sie über die schrecklichen Zustände in dieser Welt sprechen. Bigotterie der übelsten Sorte lässt grüßen. Da tut jemand mal etwas – zweifellos Sinvolles und Ehrenhaftes -, und irgendwer, der selbst nur rumsitzt, hat nichts Besseres zu tun, als das Engagement schlechtzureden. Das kommt Leuten gleich, die nicht gewählt haben, aber dann über die Regierung meckern – die Phrase, es sei bei den Parteien ohnedies nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, mag zwar stimmen, legitimiert für meine Begriffe jedoch kein exzessives Schimpfen über die Regierung. Pfui Teufel! ich möchte kotzen. Soviel dazu, so kurz und bündig wie möglich. Es gibt da allerdings noch was.
Was soll der postulierte Vorzug von Menschen gegenüber Tieren bedeuten? Setzt eine derartige Forderung nicht die Grundannahme voraus, dass das (würdevolle) Leben der Menschen kostbarer ist als das der Tiere? Oder worauf sonst will die Kritik „Wieso Tiere statt Afrikakinder?“ hinaus? Was verleitet einen zu dieser Annahme? Weil unsere Psyche und unser Verstand komplexer ist? Weil wir die Macht haben, zu unterdrücken? Ich bitte um Antworten. Ich verachte all diejenigen Menschen, die sich an der Unschuld vergreifen. Ein Tierquäler sollte keine geringere Strafe befürchten müssen als ein Raubkopierer oder Kinderschänder; denn das menschliche Wohlbefinden ist nicht wichtiger als das eines anderen Geschöpfs. Die meisten sehen das allerdings nicht so. Wie offenbar Rouven Materne und Iman Rezai

Sie entsetzen neuerdings jeden halbwegs anständigen Menschen. Die beiden Kunstudenten wollen ein Schaf mit einer Guillotine enthaupten. Auf ihrer Internetpräzens kann jeder für oder gegen die Köpfung votieren. Der Wahlzeitraum beträgt 24 Tage. Und ich bin erschüttert, dass bislang mehr als die Hälfte für die Ermordung des Schafs gestimmt hat. Rouven Materne rechtfertigte dieses Unterfangen damit:

Das, was getan werden muss, wird dir diktiert von der Kunst, von deinem Unterbewusstsein

Und Iman Rezai:

Ich habe eine Pflicht, das muss gemacht werden, da gibt’s nicht mehr warum, weshalb

Ferner berufen sich Rezai und Materne auf das Grundgesetz, wo in Artikel 5, Absatz 3, die Freiheit der Kunst garantiert wird – als Antwort auf Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes, wonach derjenige eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren erhält, der ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet (da stellt sich mir wieder die Frage: kann es bei einem Menschen auch einen vernünftigen Grund geben, ihn zu töten?), aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.
Quelle: Berliner Kurier

Die Freiheit der Kunst darf nicht über Leben und Tod eines Lebewesens stehen. So einfach ist das. Und wenn Rezai und Materne das nicht genauso beurteilen sollten, werde ich mich umgehend zu ihnen begeben und sagen:“ Ich werde euch jetzt für mein Kunstprojekt enthaupten, und das ist kein Vergehen, denn die Freiheit der Kunst legitimiert’s ja. Mein Unterbewusstsein, mein künstlerischer Impuls diktiert mir soetwas zu tun. Es ist meine Pflicht, euch zu köpfen und meine künstlerische Freiheit, die das Grundgesetz garantiert“. Wie würden Rezai und Materne mir wohl begegnen, ohne sich selbst Lügen zu strafen?

Was ich vor allem pervers finde, ist dieses Voting. Ich zitiere Lumpfi:

Ich finde die oberste Perversion ist, dass sie eine Webseite haben, wo man abstimmen soll. Damit erheben sie sich zu den Regelmachern, geben dem Pseudovolk die Möglichkeit, und natürlich weiß niemand, wie die Technik aussieht, es ist null transparent, und pervers genug, dass sie entscheiden, auf welche Art und Weise das Schicksal eines Lebewesens entschieden wird.

Ich hoffe inständig, dass man Rezai und Materne mit rechtlichen Schritten Einhalt gebieten wird. Sie wollen ein Verbrechen begehen: töten. Die Freiheit der Kunst darf nicht so wichtig sein, etwas Derartiges zu gestatten.

Nachtrag: Ich hatte bereits gestern meine Zweifel, ob man diese Ankündigung tatsächlich für bare Münze nehmen kann. Wahrscheinlich steckt dahinter eine Art „Milgram-Experiment-Inspiration“. Köpfe werden womöglich keine Rollen, selbst wenn der Pöbel dafür votiert. Falls die Wahlen tatsächlich nur ein Spiegel für-was-auch-immer sein sollten und keiner der beiden tatsächlich beabsichtigt, das Schaf zu enthaupten, atme ich erleichtert auf; ein ganz cleverer Versuch wäre es gewiss, wenn auch nicht so innovativ, wie es manchen vllt. dünkt. (Bemerkenswert ist übrigens die rassistische Note, die in der Massenempörung mitschwingt – obgleich absehbar. Reflexion gibt’s offenbar nur in kostspieliger, limitierter Ausführung. Das schreckt ab. Warum teuer wenn es auch billig geht?)

(den Post habe ich bereits vor anderthalb Wochen begonnen und immer ein kleinwenig weitergeschrieben. Er sollte vor allem noch die Massentierhaltung aber auch den militanten Vegetarismus und Veganismus  hinterfragen. Es wäre sehr lang ausgefallen. Ich überlege noch, ob ich’s hinzufüge oder einen separaten Beitrag dazu schreibe. Ersteres behagt mir eher. Als ich gestern allerdings den Bericht über die Guillotine auf einer Tierschutzseite fand, erschien es mir wichtig, schnell zu reagieren. Nun ja, aber, wie bereits erwähnt, siehe Nachtrag. Ich glaube, es geht hierbei vornehmlich darum, die Leute aus der Reserve zu locken; Gewaltbereitschaft und Willkür zu demonstrieren. Who knows.)

Nachtrag Nr. 2: Ich kriege alles zu spät mit. Aber immerhin habe ich nun etwas über die Motive der Künstler erfahren – nachdem ihr Video im Grunde nichts ausgesagt hat. So haben die Wahlen vor allem das Ziel, den aktuellen Stand der Demokratie abzubilden und über die Menschlichkeit nachdenken zu lassen. Unklar ist immer noch, ob das Schaf, im Falle der merheitlichen Bejahung, tatsächlich daran glauben muss. Wie ich vorhin bereits vage anmerkte, ist dieses Experiment keineswegs innovativ – ich verweise auf den Wiener Aktionismus – „Über drastische Ausdrucksweisen und aggressive Tabuverletzung sollen einerseits Mechanismen offener und vor allem versteckter (unterdrückter) Grausamkeit und Perversion in der bürgerlichen Gesellschaft dargestellt werden, andererseits soll eben diese Gesellschaft damit schockiert werden“. Dem Resultat wird letztlich keine Überraschung inhärent sein – es ist nun wirklich kein Geheimnis, wieviel Gewaltbereitschaft im einzelnen steckt. Braucht man für diese Demonstration also tatsächlich ein Schaf, das den Kopf dafür hinhalten muss? Viel interessanter wäre es doch, künstlerisch die Ursachen der Wut -und sonst dergleichen-, die mit der Ausübung von Gräueltaten zusammenhängt, zu ergünden; vor allem auch weniger abgedroschen. Interessant ist allein die Reaktion, die hervorgerufen wurde… allerdings auch kein Geniestreich, wenn man die Mittel berücksichtigt, derer sich Rezai und Materne bedient haben. Einzig die Guillotine finde ich ob des dargstellten Kontrasts wirklich gelungen. Stünde sie für sich allein, ohne der ganzen Effekthascherei mittels Enthauptung und Voting, gefiele es mir sogar.

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