Der Widerstand der Zinnen

von romantischverklaert

Bevor ihr den Artikel lest, wäre es zweckmäßig, das Video anzusehen.

Ich möchte in dieses Video kotzen wie in einen Eimer. Bitte, versteht doch: es ist dermaßen platt und Klischeeträchtig, dass das nicht mehr lustig ist. Wo fange ich an?  Arbeiten wir uns vor, von außen nach… außen – dieses Video entbehrt ja schließlich eines Innenlebens, einer Seele. Da sieht man ein offenbar spartanisch und mithin chic eingerichtetes Zimmerchen – aber ach, es ist nicht mal diese ultra künstlerische Bauhaus-Jugendstil-Melange, die sich bei allen 0815-Ästheten großer Beliebtheit erfreut, sondern Ikea, zonk! Alles perfekt chic: das Licht, die Sättigung der Töne und natürlich – ein ganz großes natürlich sogar – der Schleier. Im Hintergrund jault ein ach so verruchtes Gittarrengedudel, das die armselige Szenerie gleichsam zelebriert. Nun, Gitarre ist das Stichtwort, denn es geht ja um die Klampfe – und wie sollte es anders sein, Fender freilich -, die das Symbol schlechthin für Sex ist. Dann kommt so eine Ische rein, Kaliber Vanity Fair-Model. Sie trägt das, was mit der im Zimmer befindlichen, konstruierten Farbgebung, die einfallsloser nicht sein könnte, vollkommen harmoniert. Ein langes Schlabberhemd, weiß-grau gestreift, und einen schwarzen Slip. Es ist klar, dass das Weib lange Haare hat, die sie in den folgenden Einstellungen versiert zu schwingen und anzutatschen versteht. Und ja freilich, sie hat volle, sinnliche Lippen sowie eine perfekte Figur. Alles in allem unheimlich öde. So erstmal die Optik der Szenerie.
Jetzt strebt sie auf die Klampfe zu, während sie dauernd an ihr Schlabberoberteil ganz – soll das sexy sein? – zuppelt. Sie legt die Fender aufs Bett und setzt sich rittlings drauf. Schließlich reitet sie dieselbe und man fragt sich, was zum Bemmel macht die Alte da mit der Gitarre? Was sollen die chicen Möbel, was soll der chice Weißschleier und das chice gesichtslose „Sexssymbol“, das – ja, was macht es denn eigentlich? – offenbar die Gitarre fürs Masturbieren zweckentfremdet? Und dann ist alles weiß, dieses typische Weiß und dieses typische Licht, diese typische Ausstattung, diese typische Musik, diese typischen Schnitte, diese typische Abbildung, was vermeintlich erotisch und sexy ist. Und die Leute finden das auch alle ganz gut gemacht, erotisch und sexy und sie schreien jucheeeeeee, stöhnen oder gröhlen. Warum wohl? Weil man sich schlicht der plattesten, fantasielosesten aber immerhin wirksamen Mittel der Ästhetik bedient hat. Das Thema ist Erotik und Wollust und es wurde mit banalen Männerträumen und ästhetischen Stereotypen beantwortet – und wir wissen, Stereotypen bleiben erhalten, solange der Konsument geschmacklos ist; das kommt einer Abbildung Rosamunde Pilchers zum Thema Liebe gleich. Und sowas soll dann der Maßstab sein: eine abgenutzte, triviale, weltfremde Darstellung von Wollust und Schönheit. Erotik ist ausschließlich künstlerischer Auswuchs, Inszenierung. Aber denkt denn jemand ernsthaft, er mute „sexy“ an, wenn er hemmungslos sein Genital manipuliert oder sich beim Sex ganz ungeniert auslebt? Is‘ bei mir jedenfalls nicht der Fall.
Gestern formulierte ich folgende These: Ein Werk ist austauschbar Schrägstrich scheiße, sobald man erahnen kann, wie der Kunstler, der dahinter steht, aussieht. Ich sehe hinter dem Video einen Kerl, der bestens gekleidet ist, nicht zu durchgestylt aber stilsicher, die passenden Accessoires trägt sowie einen Dreitagebart und – womöglich noch – eine Nerdbrille(1). Er wohnt in einem Loft oder in einem Penthaus, sofern er sich dergleichen bereits leisten kann, reist in die angesagtesten Städte wie New York – und dann auch nur Manhatten -, Paris, London oder Rom, um daselbst irgendwelchen hippen Veranstaltungen beizuwohnen und vorwiegend im Epizentrum des Tourismus und der Sehenswürdigkeiten zu verweilen, statt sich mit Ort und Kultur ernsthaft auseinanderzusetzen. Er liest womöglich Nick Hornby und andere moderne Geschichten und behauptet infolgedessen, sich für Literatur zu interessieren. So oder so ähnlich.
Ich meinerseits bin schlicht angewidert und traurig ergriffen, wie viele Leute darauf anspringen. Es wird keine Schönheit und Erortik abgebildet, sondern lediglich die Illusion dessen.

(1) Damals kannte ich den Begriff Hipster noch nicht. Könnte mir demnach auch n Typ mit Gesichtspullover vorstellen. Nachtrag: 30.12.2014

Schön ist etwas anderes, nämlich der Anfang von Lars von Triers Melancholia. Ein sagenhafter Film, zuletzt habe ich viele Leute davon sprechen hören. Und, wow, unglaublich, wundervoll. Wenn ein Film bereits so anfängt, wie im Video zu sehen, kann er nicht mehr schlecht sein, denk ich. Allein der überwältigende Tristan-Akkord, der den ganzen Film trägt, macht einen ganz betroffen. Kirsten Dunst brilliert übrigens in ihrer Rolle. Eine mitreißende darstellerische Leistung. Ursprünglich war ja Penelope Cruz für die Rolle der Justine vorgesehen, aber ich bin froh, dass es doch die Dunst geworden ist.

Zuletzt möchte ich noch mitteilen, dass mir heute doch das passiert ist, was ich befürchtet habe. Die letzte Hoffnung und Aussicht ist versiegt. Ich habe heute bei der UdK angerufen und mir sagen lassen: Die, die weiter sind, haben ihre Zusagen bereits erhalten und wenn Sie (also ich) noch auf Antwort warten, ist es wahrscheinlich, dass Sie abgelehnt wurden.
Ich war am Boden zerstört und bin es immer noch. Der Boden ist auch zerstört. Es hing für mich einfach alles dran. Wer die Umstände und meine Voraussetzungen kennt, weiß, wie beschissen es jetzt für mich aussieht. Ich rief meine Schwester völlig verheult an, kaum sprechen könnend, und teilte ihr das mit. Danach sagte ich bei der Arbeit ab.

Ende

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