Bei Ihnen ist es schmutzig. Sie wird für Reinlichkeit sorgen, für Ordnung, und alles wird spiegelblank sein! – eine Mail an Tante Erkner.

von romantischverklaert

Neulich stellte ich ein Zitat online. Von Hannah Arendt. Weil ich mich verlesen hatte.

Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat […] die »Verbrechen gegen die Menschheit« als »unmenschliche Handlungen« definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« geworden sind – als hätten es die Nazis lediglich an »Menschlichkeit« fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.

Ich habe das „lediglich“ vor „an Menschlichkeit fehlen lassen“ übersehen. Mithin dachte ich, wow, wie großartig. Als ich dieses „lediglich“ aber beim abermaligen Lesen entdeckte, war ich ziemlich ernüchtert. Frau Arendt, das kann doch nicht Ihr ernst sein…
Den Nazis fehlte es nicht an Menschlichkeit sondern an Unmenschlichkeit. Hannah Arendt. Sie hat natürlich recht.
Dass die Übersetzung fehlerhaft ist.
Es waren Verbrechen gegen die Menschheit, jedoch keine gegen die Menschlichkeit. Nein. Der Menschlichkeit würde viel mehr Genüge getan.
Die Shoah war eine Zeit der Wahrheit.
Infolgessen eine schreckliche Zeit.
Die Menschlichkeit bestand eben in der Vernichtung, in all den Dingen, die wir lasterhaft heißen.
Menschlichkeit hat doch nichts mit Mitgefühl, Selbstaufgabe, Philanthropie, Sittsamkeit gemein. Diese Regungen sind nicht menschlich, also nicht naturgegeben, sondern anerzogen, um die Welt bzw. den Mensch zu erhalten.
Darum sind Kinder ja so herrlich unmenschlich.
Das geht ihnen aber schnell ab. Wissen wir ja.
Genauso wie ihre Physis an einem Entwicklungsprozess gebunden ist, ist es ihre natürlich wahre Menschlichkeit/Lasterhaftigkeit auch.
Heißt: Kommt früher oder später alles noch. Eher früher als später.
Und dann, wenn es darauf ankommt, wird  jeder von uns abschlachten oder das Abschlachten billigen.
Wenn’s alle machen, hört es schließlich auf, ein Verbrechen zu sein. Aber Verbrechen hin oder her. Es ist im Grunde einerlei. Die innere Notwendigkeit ruft. Dann ist alles egal. Und dann zeigt die holde Menschlichkeit ihre wahre Fratze. Eine deformierte Ekelfresse, vor der alle wegrennen würden, wenn sie dieselbe bei Tageslicht sähen. Zumal soviel gebündelte Wahrheit niemand aushält.
Dieses Unsägliche, das Menschliche, das ist uns allen zu eigen. Hänge ich mich zu weit aus dem Fenster raus?
Bitte ein Blick in die Geschichte.
Auschwitz geschiet immer wieder, wenn auch in kleineren Dimensionen. Auschwitz ist nichts Einmaliges. Auschwitz ist beständig. Es gibt viele, die sagen: Hätte mich nie angeschlossen, hätte die Nazis bekämpft.
Und wenn man entgegnet, man könne soetwas nie wissen, kriegt man was zu hören.
Ich hätte die Vernichtung bestimmt gebilligt. Oder mich sogar aktiv an ihr beteiligt.
Es ist schlicht unglaublich. Ein Mann/Eine Frau entscheidet, Soldaten irgendwo hinzuschicken. Der/Die ordnet also an, zu töten. Und ich denke nur Hallo! mein Gott, was IST nur mit euch los?
Das ist Menschlichkeit.
Ich kann Menschen sehr schwer ertragen momentan. Ich sehe in ihnen all das Potenzial, den Vernichtungswillen.
Dann möchte ich mich erbrechen.
Ich mag keine Menschen. Aufrichtig. Sie machen mich so unsagbar traurig.
Wenn ich unmenschlichen Menschen begegne, bin ich gerührt. Und bereit, sie zu mögen.
Es zieht mich in die Verlassenheit der großen Gebirgsketten. Himalaya. Karakorum. Hindukusch. Karakorum.
Ich sollte auch mal Vögel musizieren hören.
Wirklich schön.
Und was ist folglich die Schlussfolgerung in meinem Buch. Fröne allen Lastern, so lange du einen Nutzen daraus schöpfen kannst. Und das meine ich ernst. So ernst wie die Kernaussage: lebe, dann bist du im Himmel.
Sei nicht moralisch. Moralisten richten das größte Unheil an.
Seit jeher.
Verzichte auf Werturteile. Auf Gut und Böse.
In solchen Dimensionen denkt die Schöpferin nicht. Die Natur.
Bejahe, statt zu verneinen.
Ich finde meine Sprache nicht. Das sagte ich einer Größe.
In aller Ausführlichkeit. Und ich forderte sie auf. Helfen soll sie mir.
Ich verschlage mir selbst die Sprache.
Meine Sätze sind Collagen. Ausgeschnitten und zurechtgelegt.
Dann frage ich die Sprachkoryphäe die Größe. Und die Größe antwortet, es sei sinnvoll, auf Satzzeichen zu verzichten, wenn das Gesagte eine Enheit bilde. Riesenwörter seien unerträglich zu lesen und bewirken Müdigkeit. Man müsse sich mal meinen Textkorpus angucken. Und dann merke ich: Ich habe Sprache nicht verstanden.
Ich habe das völlig anders eingeschätzt. Ich traue mich nicht, der Sprachkoryphäe das zu zeigen. Meine Sprachcollage. Das Höllenbuch. Weil Kyrophäe, entlarvt sie mich ohne Mühe. Da gibt’s nichts vorzumachen. Dann bin ich so furchtbar eingeschüchtert. Und ich habe kein Selbstvertrauen mehr.
Die anderen lassen sich bestimmt zum Narren halten. Und ich höre ja auch hie und da o, wie toll!
Aber die wissen es ja nicht besser. Weil sie die Sprache auch nicht kennen. Und wenn sie die Sprache nicht kennen, erkennen sie auch kein Schlitzohr.
Letztlich steht die Größe für all jene, die ich in erster Linie begeistern will.
Die Koryphäen. Leute, die die Maßstäbe kennen. Das elitäre Pack.
Sie können dich in den Himmel heben. Aber auch zu Grunde richten.
Sie machen mich traurig. Aber von Traurigkeit wollen sie nichts wissen. Denn sie sind darüber erhaben. Traurigkeit nervt und sie sagen o Gott o Gott, nee. Sie sind so erhaben, dass sie sich nicht hängen lassen. Wer beständig bedauert und trauert, ist untragbar.

Ich glaube, wenn mein Höllenbuch irgendwann mal fertig werden sollte, wirst du die erste sein, die es liest. Und ich binde dir das Manuskript mit Leim. Du wirst dich wenigstens freuen.

Ich würde meine Arbeit mögen. Wenn es da nicht meine Vorgesetzten/Kollegen gäbe. Zwei sind ganz toll. Witzigerweise sind sie studiert. Der eine ein Diplom in Politikwissenschaften, der andere bewandert in Soziologie und Philosophie.
Gerne würde ich die Fragen stellen, warum sie denn in einem Kopierladen festangestellt sind.
Je kleiner der Verstand meiner Kollogen ist, desto harscher, unfreundlicher, unbelastbarer sind sie. Und mit ihnen komme ich nicht zurecht, sie machen mich völlig unsicher.
Verängstigen mich gar.
Gestern hat mir der Politikwissenschaftler gezeigt, wie man eine Leimbindung anfertigt. Ich habe mich sehr gefreut, das endlich mal zu lernen.
Bindungen zu machen, bereitet ein gewisses Vergnügen.
Häufig sehe ich mir beim Anfertigen einer Ringbindung das Material an. Wenn es mich interessiert und der Laden halbwegs leer ist, spreche ich den Kunden unverzüglich darauf an. Und dann verliere ich mich in Gesprächen.
Das schöne am Binden ist das Anfertigen und das Bündeln. Man bündelt Informationen, man bündelt Fragmente der Kunst, man bündelt eine Partitur. Und weiter. Man bündelt nicht nur, man bündelt schön.
Ich mag auch kassieren. Den Vorgang des Eintippens.
Leimbindungen sind für mich die schönsten Bindungen. Ich muss diese auch anfertigen können. Sonst kriege ich nur wieder Anschiss. Aber ich freue mich auch. Nunmehr in der Lage zu sein, etwas mit Leim zu bündeln. Vorher waren es nur Ringe aus Plastik und Metall. Gestern machte ich nur ein Probestück. Doch vllt. kommen bald Dissertationen, Masterarbeiten etc.

Tut mir Leid, dass ich dir soviel Unsinniges geschrieben habe.
Bitte fühle dich nicht genötigt zu antworten.
Mir war nur grad danach.

Eine Mail an meine allerliebste Tante Erkner. Ich dachte, der Inhalt passt ganz gut hierher. Namen habe ich enfernt und mit bezeichnenden Begriffen ersetzt.

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