Ich esse Bücher doch gar nicht zum Frühstück, du Gesichtsmogli!

von romantischverklaert

Erinnern wir uns, dass ich Ende letzten Jahres alle Bücher kurz und knapp rezensiert hatte, die ich 2010 gelesen hatte.  Unabhängig davon, ob gelesen oder nicht, dürfte es kein Geheimnis sein, dass ich die schlechteste Rezensentin der Welt bin. Meine einfallslose Phrase schlechthin: treffende Passagen! Ich kann mich halt einfach nicht gut ausdrücken. Ich hab‘ im Grunde eine konkrete Meinung, ein Gefühl, kann es aber nicht mit Worten präzisieren und greifbar machen. Womöglich sollte ich das Schreiben aufgeben? Natürlich sollte ich das, allerdings bin ich doch stur ohnegleichen.  Und dennoch, ich finde es nach wie vor ganz schön, daraus eine Tradition zu machen, d.h. am Ende des Jahres ein kurzes Statement zu denjenigen Büchern abzugeben, die ich mir zu Gemüte geführt habe. Dieses Jahr sind es noch weniger als 201o, doch es sei mir angesichts der zahlreichen Entwicklungen, die stattgefunden haben, Resignationserscheinungen und Pflichten verziehen – Natürlich bin ich mir wohl darüber im Klaren, dass mein eigentliches Bestreben darin liegt, meine Leseträgheit vor mir selbst zu rechtfertigen. Aber ich will dieses Mal nicht so lange rumlabern. Fangen wir an.

Lew Nikolajewitsch TolstoiAuferstehung

Und schon wieder begann mein Jahr mit einem Russen. Einen Großteil habe ich in Bremen durchgelesen, wo ich zwei Wochen bei meiner Schwester verweilte. Mit einer üblen Magen-Darm-Grippe kehrte ich in die Heimat zurück, um am nächsten Tag mit Fieber, Blasenentzündung, Übelkeit und Dünschiss nach Weißensee zu fahren. Der Tag war trotzdem schön – Winke, Winke Rokoko. Offengestanden sind meine Erinnerungen an Auferstehung recht vage. Es zieht sich ganz schön, ist nicht todlangweilig aber auch kein ultra Entertainment. Auf Facebook hieß ich es rührselig, weil ja mit nahezu kindlicher Unschuld um Humanität und Selbstaufgabe gefleht wird. Was mich an Tolstoi allerdings anstinkt, ist dieses penetrante christliche Gedöns – teils vertritt der vermeintliche Philanthrop sehr krasse und fragwürdige Ansichten.

Mario Vargas LlosaDie Geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto

Eins vorweg: vorher bitte Lob der Stiefmutter lesen, ehe sich den geheimen Aufzeichnungen zugewandt wird – ist nämlich der Vorgänger. Allerdings funktioniert der Nachfolger als eigenständiges Werk völlig und ist obendrein auch wesentlich umfangreicher. Das Buch kam eher zufällig. Am 23.12.2010 kaufte ich mit meiner Schwester Weihnachtsgeschenke ein. Wir verirrten uns irgendwie in die Wohltat-Buchhandlung und ebenda sah ich schließlich beim Stöbern dieses Buch mit dem herrlichen Titel, Das Fest des Ziegenbocks, an dem ein fetter signalroter Sticker Nobelpreis für Literatur 2010 haftete. Nobelpreis klingt immer gut, zumal ich ihn selbst einmal verliehen bekommen möchte. Der Titel allein lockte mich zum Kauf, gleichwohl weigerte ich mich notgedrungen ob meiner damaligen Armut, mehr als zehn Euro für ein Buch zu bezahlen – das Hadern dauerte weitaus länger, als die knappen Zeilen erahnen lassen. Zu den Aufzeichnungen per se: Schön! Keine fünf aber immerhin vier Sterne. Llosa hat generell einen vortrefflichen Humor, zumindest was seine (Tragik)Komödien anbelangen. Der Aufbau ist so interessant wie unterhaltsam. Bei Wunderlich könnt ihr nachlesen, ich muss das ja nicht wortwörtlich wiedergeben.

Lewis CarrollAlice im Wunderland

Den Disney-Film finde ich besser. Mehr fällt mir auch nicht ein.

José SaramagoDie Stadt der Blinden

Wie ich im Jahresüberblick 2o10 anlässlich Das Evengelium nach Jesus Christus groß getönt habe, bin ich ja Saramago wegen seiner Stilistik und seines Humors verfallen. Die Stadt der Blinden soll wahrscheinlich eher ernst sein, zumindest nehmen es viele ernst, ich jedoch nicht. Die Geschichte muss nicht erklärt werden, zumal ich’s auch verlinkt habe. Sprachlich hat mir Das Evangelium nach Jesus Christus besser gefallen, weil die Formulierungen gemäß der beschriebenen Zeit gehobener und anmutiger waren – liegt also nicht zwingend an der Übersetzung (nehme ich an), sondern an der Anpassung an die Erzählung. Die Figuren sind namenlos und werden lediglich Die Frau des ersten Blinden, Mädchen mit der dunklen Brille, Frau des ArztesMann mit Augenklappe usw. geheißen. Da packt der großartige Saramago auch gleich die Gelegenheit beim Schopfe und bettet das bisweilen humoristisch ein. Wer wissen will, inwiefern, soll es doch lesen, ich bin zu faul, das jetzt darzuelegen. Immer wieder amüsant sind übrigens die freimütigen Bekenntnisse des Erzählers zu Wissenslücken  – diese treffende Formulierung ist nicht von mir-, welche für Saramagos Werke charakteristisch sind und dieselben mithin lesenswert machen.

Friedrich NietzscheDer Antichrist

Großartig, verdammt. Nietzsche ist mein größter Einfluss. Ich könnte das ganze Werk zitieren. Relativ leicht geschrieben und voller Offenbarungen. Das einzige, worüber sich m. E. vllt. streiten lässt, ist seine verwegene Polemik. Zu Weihnachten habe ich mir dann auch gleich Jenseits von Gut und Böse gewünscht und bekommen – vom Weihnachtsmann, hab‘ ihn jedoch verpasst, was ’n Zonk! Und noch einmal, wenngleich es mittlerweile allen zum Halse raushängen dürfte: Nietzsches Atheismus geht nicht daraus hervor, dass er keinen Gott in der Welt wiederfindet, sondern aus der Henkersphilosophie und Sklavenmoral der großen Weltreligionen – vom Buddhismus abgesehen, der vergleichsweise gut wegkommt.

Stefan ZweigVerwirrung der Gefühle

Mein Bruder hat mir vor zwei Jahren einen Büchergutschein im Wert von 10 Euro geschenkt. Als ich denselben einlösen wollte, fand ich ihn nicht mehr und er war über Monate lang verschollen. Irgendwann entdeckte ich ihn aber wider Erwarten in meinem Zimmer oder sonst wo und dackelte nach meinem erfreulichen Fund natürlich gleich zur Bücherei. Wegen meiner Unaufmerksamkeit ist mir nicht aufgefallen, dass ich keinen Roman sondern einen Erzählband abgegriffen hatte. Dementsprechend angekotzt war ich, als ich’s schließlich bemerkte. Allerdings sollte sich mein Missmut als beknackt entpuppen. Eine Sprache, die einen geifern lässt, unglaublich. Obwohl ich nichts von fatalistischen Äußerungen halte, aber: der Mann wurde geboren, um zu schreiben. Seine Stilistik lebt von einer anmutigen sowie schöpferischen Sprachpräzision, die ihresgleichen sucht.

VoltaireCandide oder der Optimismus

Kurzweilige, durchaus amüsante Novelle, die Leibniz Theorie Die beste aller möglichen Welten durch den Kakao zieht und fernerhin Kritik am damaligen Zeigeist übt. „Optimismus? Was ist das?„, “ Ach, das ist die Sucht, alles wunderschön zu finden, wenn es einem hunsmiserabel geht!

Franz KafkaDer Process

Mir ist immer noch schleierhaft, warum alle so derbe auf Kafka abfahren. Ich komm‘ an ihn einfach nicht ran. Vor drei Jahren habe ich mich an dem Buch erstmalig versucht und bin rasch gescheitert. Ich schob es darauf, dass bei den wörtlichen Reden keine Absätze bestehen und bestellte mir infolgedessen die Ausgabe des Suhrkamp Verlags, in der Hoffnung, es sei dort anders gegliedert. Tja, rausgeschmissenes Geld, thaha. In Wirklichkeit lag es womöglich einfach an meinem sprachlichen/intellektuellen Niveau. Ich kann mich an das Buch kaum erinnern. Schon im Juni, als ich dasselbe zu Ende gelesen hatte, hab ich kaum etwas darüber geschrieben. Ich find’s nicht schlecht, aber noch ein Buch von Kafka muss in nächster Zeit nicht sein.

Hermann HesseDas Glasperlenspiel

Uuuppff! was habe ich mich damit abgemüht. Ganz am Anfang dachte ich, wow, wie toll, wenn das jetzt so weitergeht, wird das dein Hesse-Favorit schlechtin. Weit gefehlt, es ist vielmehr ins Gegenteil umgeschlagen. Mal ganz abgesehen davon, dass es völlig hölzern, referatähnlich geschrieben ist, zerrt die beständige Anämie dieses Romans total an den Nerven. Natürlich ist das alles beabsichtig, jedoch war’s für mich kaum auszuhalten. Allein die drei Lebensläufe am Ende haben mir wenigstens sprachlich zugesagt – inhaltlich wiederum nicht. Wie durch ein Wunder habe ich weniger als drei Wochen dran gesessen.

Blaise CendrarsMoravagine. Der Moloch

Erinnern wir uns, wie ich einstmals im Juli mit meiner Moravagine-Errungenschaft geprahlt hatte. Es war anders als erwartet, aber gut. Die Sprache hat mir sehr gefallen. Hätte mir nur mehr Moloch als Abenteuerroman gewünscht – auf letzteres steh‘ ich nicht so. Den Mann behalte ich aber im Auge, die Sprache, wie gesagt…

Mario Vargas Llosa – Tante Julia und der Kunstschreiber

Ein wenig langatmig fand ich es insgesamt schon, dafür wurde ich allerdings mit herzhaftem Lachen entschädigt. Wie gesagt: Llosa hat einen ganz fantastischen Humor, seine Komödien sind wirklich großartig. Bereits die Inhaltsangabe verheißt großes Amüsement.

Max FrischStiller

Ich bin nicht Stiller! So, dass musste natürlich sein. Seinerzeit, vor etwa drei Jahren, angefangen und nach einem Drittel abgebrochen. Vor zwei Monaten nahm ich einen neuen Anlauf und fand’s grandios. Inhalt und Sprache top!

Milan KunderaDas Buch der lächerlichen Liebe

Ein Erzählband, das auf unterschiedlichste Weise die Liebe ironisch/tragisch-komisch thematisisert. Lesenwert sowieso, da Kundera das verfasst hat.  Wie immer brilliert er mit psychologischem Weitblick.

Thomas MannSchwere Stunde

Für einen angehenden Schriftsteller ist Schwere Stunde selbstverständlich besonders lesenswert, da die Schreibkrise Schillers, als er Wallenstein verfasst hat, ganz großartig und greifbar beschrieben wird. Identifikationsfreiräume sind schon was Feines und werten alles auf, einerlei, wie schlecht das Werk beschaffen ist – dieses ist es aber zum Glück nicht.

Thomas Mann – Der Tod in Venedig

Ich kopiere einfach mal meine Facebook-Rezi rein: Lies Thomas Mann und dann weißte, wie’s anmutet, wenn jemand mit Sprache umzugehen versteht. Ist erstmal überwältigend, ähnliche – nicht die gleiche!- dichterische (!) Präzision wie man sie mitunter auch bei Zweig findet. Darüber hinaus imponierender psychologischer Weitblick! Hab’s mal wieder prokrastiniert, die guten Stellen zu markieren und finde sie jetzt nicht mehr – Zonk! Zur Novelle: Die formschöne Sprache hat über den stinklangweiligen Spannungsbogen hinweggeholfen, zumindest hin und wieder mal.

David WagnerEndivien

Ist ein Nachtrag (hab‘ das nämlich bei meiner Rezension ausgelassen, weil vergessen). Ein Automatenbuch (bzw. Heftchen – Diminutiv olé!) des Sukultur-Verlags, das sich meine Schwester, weißt Gott, wann, irgendwo mal in Berlin gezogen hat. Gelesen hat sie es, glaube ich, nie. Irgendwann ging meine Tasche kaputt und ich fragte Sarah, ob sie denn eine für mich hätte. Sie schickte mir einen Rucksack, den ich schon immer ganz toll fand. Daselbst befand sich das kleine Heftchen mit einer Botschaft – ein paar ermunternde Worte, weil ich ja dauernd in einem Tief bin.  Als ich dann die Feiertage schließlich nach Bremen zu meiner Schwester fuhr, las ich Endivien im Zug schnell durch. Ist okay, für die Zugfahrt reicht’s allemal.

Elfriede JelinekDie Klavierspielerin

Mein letztes Buch in diesem Jahr. Bei der guten Frau muss ich jetzt allerdings aufpassen, mich nicht total in Reflexionen zu ergehen. Es heißt ja, die Jelinek sei ja ach so provokant und weiß der Geier, und au weia, wie anstößig und zänkisch doch erst Die Klavierspielerin ist! Ich bin immer wieder erstaunt, dass Provokation heutzutage noch möglich ist, zumal diejenigen, dich sich provoziert fühlen, mir äußerst fremd erscheinen. Provokation? Tut mir Leid, die ist offenbar völlig an mir vorbeigegangen. Ich nehme an, es geht da um diesen Mann-Weib-Konflikt/Rollenbilder… ach was weiß ich, warum sich die bekloppten Feuilletonisten wieder ins Hemd scheißen. Tausend mal schon darauf gestoßen, tausend mal davor geflüchtet, weil soviele sagten, es sei so schwierig zu lesen, ja, unlesbar! Was sollte ich anderes denken als, das verstehste eh nich. Meine abermalige Lehre, aus der ich nie lerne: Man sollte nicht auf andere hören, sonst entgeht einem etwas.  Jelinek erzählt ihre Geschichte unheimlich aggressiv, sie verspottet ihre Figuren ohne Unterlass; und man merkt, was sie da aus ihrem Geist hervorgeholt hat, findet sie derart zum Kotzen, dass eine Überdosis bitterer Humor vonnöten ist, um die Übelkeit irgendwie auszuhalten – genau das kam bei mir rüber. Die bildhafte Sprache ist imponierend, z.B.  wenn ich an die Redensarten- und wendungen denke, die genial eingebettet sind und umformuliert wurden. Bei keinem Buch war mir bereits nach knapp einem Drittel klar, dass es einen Platz in meiner Favoritenliste findet – bis jetzt. Das ist insofern bemekenswert, als ich den Schluss relativ scheiße fand. Die Entwicklung der Figuren wird mir am Ende allzu abstrakt, es artet in eine groteske Komödie aus.

Das war’s. Guten Rutsch!

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