„Fahr‘ mich in die nächste Stadt und zwar plötzlich, du abgenudelter Hurenbock!“

von romantischverklaert

Ich finde die Art und Weise, mit der man die Neo-Nazi-Hohlbirnen zu bekämpfen versucht, total unzweckmäßig und infolgdessen leicht… ich spreche es mal lieber nicht aus. Zuletzt gab es einen großen Aufmarsch – man höre und staune – in meiner Heimatstadt, Neuruppin. Das erste und letzte Mal, als ich an einer Anti-Nazi-Demo teilnahm, war mit elf Jahren. Ich weiß noch, dass ich nach der Demonstration mit zwei Freundinnen in einen Mobilfunkladen ging, um ein paar Dotwins mitzunehmen. Kennt ihr die noch? Die Dotwins? Das waren kleine kreisförmige Pappviecher, die man oben rechts – wahlweise oben links – auf den Bildschirm kleben musste, wann immer ein entsprechendes Symbol angezeigt wurde. Es handelte sich also um ein Gewinnspiel, bei dem man angeblich 100 000 DM gewinnen konnte. Ich hatte bedauerlicherweise nie das Vergnügen, mich an derlei Gewinnen zu ergötzen, da ich meine Dotwins nie weggeschickt habe – thaha. Aber kommen wir wieder zu dieser Nazi-Demo-Geschichte zurück. Na ja… hinsichtlich des Fest der Super-Linken-Freunde, das vor knapp elf Jahren mal stattgefunden hat, habe ich eine bestimmte Szene/Äußerung bis heute nicht vergessen: Die Leute hörten zu marschieren auf und ein bärtiger Mann schnappte sich das Mikrophon und sprach zur Menge: „Wir sagen alle Nazis raus! Ja, aber wohin denn?“
Ich weiß nicht, ich finde es ja bezeichnend – für was auch immer. Die Nazi-Vergangenheit ist ein gefundenes Fressen für Idealisten, Moralisten und Gelangweilte – also für die Jugend. Um ein paar (nicht alle) zu nennen: Da gibt es z.B. einen (Pseudo-)Punk, der von seinen Freunden „Absturz“ geheißen wird. Absturz trägt Springerstiefel, geflickte Karohosen, Lederjacken mit zahlreichen Aufnähern (hier und da ein paar Buttons) und einen rot-grünen Irokesen. Unter seinem Shirt versteckt sich eine Hausratte und seine Hände sind häufig damit beschäftigt, eine Zigarette zu drehen. Gar nicht so weit weg steht Joey bei ihren Freunden, mit denen sie abchillt und über… ja, über was denn… übers Töpfern redet. Joey kauft ihre Klamotten nur in Second-Hand-Läden ein, mag Früchte des Zorns, schnorrt selbstgedrehte Zigaretten, ist möglicherweise gepierced und Vegetarierin und trägt selbstverständlich Dreads. Und unweit entfernt sitzt Jenny mit ihren Kumpels Bier trinkend im Park und gröhlt lauthals Ärzte-Songs. Auch Jenny dreht sich ihre Zigaretten selbst. Was haben Absturz, Jenny und Joey gemein, die auf den ersten Blick doch so grundverschieden anmuten – thaha? Ihr soziales Engagement und ihre ach so uneingeschränkte Toleranz. Man muss ja was tun! Man darf nicht wegsehen! Man muss sich auflehnen! Wenn ihnen jemand sagt, er nehme an irgendeiner Gutmensch-Aktion nicht teil, weil es auf einen mehr oder weniger nicht ankomme, erwidern sie „Wenn alle so denken, gäbe es gar keinen Widerstand!“
Wie pflegt man Nazi-Aufmärsche heutzutage zu bekämpfen? Indem man einen riesen Wind drum macht, eine Gegendemo veranstaltet, die um ein vielfaches größer ist als der Nazi-Aufmarsch selbst, und demselben folglich eine willkommene Bühne/Aufmerksamkeit bietet. Das ist ja die einzige wirksame und notwendige Methode, um gegen den braunen Mob zu rebellieren. Eben nicht. In meinen Augen verschlimmert es die ganze Problematik sogar mehrfach. Ich werde das Gefühl nicht los, dass die Leute von einer anhaltenden Paranoia verfolgt werden, die ihnen glauben macht, dass ein zweites Drittes Reich entstehe oder die NPD zumindest in den Landtag einziehen werde, wenn man aus dem Kampf zwischen Rechts gegen Links kein Großereignis macht. Ein politisches Statement soll ja Durchschlagskraft haben, weil nur so die Leute erreicht/getroffen werden können. Deswegen käme auch niemand auf den Trichter, die Zweckmäßigkeit des Schrei-lauter-als-der-Feind- Prinzips zu hinterfragen. Aber eben das finde ich falsch. Schreien ist sowohl ein Not- als auch Warnsignal. Es ist nicht nur der Schreiende, der auf sich aufmerksam macht, sondern der Feind, dem Aufmerksamkeit durch die penetranten Klagelaute geboten wird. Was wollen denn die brauen Vollgurken? Die wollen ’ne Bühne, herrje! Man, die lachen sich tot, freuen sich wie kleine Schulmädchen, wenn so’n Wirbel um sie gemacht wird. Ihnen wird die Aufmerksamkeit, die sie keinesfalls bekommen dürften, zum Geschenk gemacht. Und somit spitzt sich die Lage zu. Was heißt denn Demo? Demo heißt ich bin gegen dich/das – wahlweise mit dem Zusatz der Aufforderung zu Veränderungen. Diese Nazi-Gegen-Demos verändern gleichwohl nichts… absolut nichts… null. Es wird lediglich im Kollektiv „Ich find‘ dich scheiße, raus mit dir, du Nazi-Nutte!“ geschrien und auf die besagten Nazi-Nutten, die raus sollen, aufmerksam gemacht. Die Glatzkopfneandertaler, so beschränkt sie auch sein mögen, kennen ihre Feinde, wissen, wer gegen sie ist: im Grunde die ganze Gesellschaft, von den braunen Hirnpygmäen selbst und einigen CSU -CDU- Wählern/Politikern mal abgesehen. Man kann ein demonstratives politisches Statement machen, ohne die gleichen Methoden der Rechten zu benutzen. In jedem Haus/Gebäude die Jalousien und Rollos runterziehen und nicht die eigenen vier Wände verlassen, solange die Rechten marschieren… dann nämlich streifen die Nazis gleichsam durch ein Niemandsland und sind so allein wie Kevin McCallister seinerzeit zu Haus – oder in New York.

aber ich mach mir ja keine Hoffnungen…

Nachtrag 28.11.2014: Stehe heute nicht mehr hinter meinem Lösungsvorschlag. Nationalsozialistischen Zeichen sollte stets ein Symbol des Friedens, der Freiheit und der Volkerverständigng entgegengesetzt werden, wenn man mich heute fragt.

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