Trend oder Hure?

von romantischverklaert

Mirando, Mirando, eieiei! Scheiße, wenn aus der Modewelt derart geniale Videos hervorgehen, wie hier eingebettet, muss man sie dafür lieben.

Einmal hätten wir die grandiose Prada Kampagne für das Jahr 2011.

Der Song heißt übrigens Mirando und ist von Ratatat. Ich möchte an dieser Stelle einmal herzlichen meinem Freund Ollieh danken; der übrigens das Modeblog Zeitgeschmack führt und mir diese visuelle Perle am 25 Februar gezeigt hat. Dafür könnte ich dir noch bis heute den Sack kraulen, hach! Na ja, die Klamotten sind zweifelsohne hässlich wie sonstwas, aber schaut mal auf die großartige Choreografie und die Schnitte, die eins zu eins an die Rhythmen und Beats angepasst sind! Stimmiger geht’s kaum. Ach, ist das herrlich, dafür liebe ich Prada.

Der zweite Clip bezieht sich nicht unmittelbar auf Mode, ist allerdings aus ihr erwachsen. DIESEL hat eine neues Parfum herausgebracht und mal eben einen super geilen Werbesspot gedreht, der zwar nicht mit einer vergleichbaren visuellen Originalität und Anmut besticht wie die Prada Kampagne, musikalisch aber mindestens genauso gut, wenn nicht sogar noch besser bestückt ist.  Dummerweise wird man den Song – Cover von Patrick Hernandez Bornt to be Alive  – nirgendwo finden, da er von Sizzer Ansterdam eigens für DIESEL produziert wurde. Schrecklich das!

Da schimpfe noch jemand über die Modewelt! Seltsam, niemand beklagt sich über einen Schriftsteller, Maler oder Musiker, niemand würde ihm unterstellen, er sei oberflächlich – so er denn nicht gerade Schlager singt oder dergleichen. Sobald aber das Wort Mode fällt, kommen augenblicklich die negativen Assoziationen: Magersucht, Äußerlichkeiten, Kleider, die für den Alltag untauglich sind. Arbeiten wir mal Punkt für Punkt ab. Zunächst mal die fragwürdigen Gewichts-Maßstäbe: Wenn einer schreit, es würden gefährliche Ideale vermittelt, dann stimmt das natürlich durchaus. Dünnsein ist das Ideal in der Modewelt, die Voraussetzung für die großen Laufstege und Shootings. Andererseits dürfte vielen klar sein, dass diese Ideale allein für den Laufsteg, wahlweise auch fürs Fotoshooting gelten. Wenn Lagerfeld dürren Models den Vorzug gibt, macht er das nicht, um das gemeine Volk dazu anzuregen, selbst zu hungern und so auszusehen. Nein, vielmehr stellt diese, nenne ich es, Bohnenstangenkonstitution Teil seiner künstlerischen Idee dar und mithin eine Voraussetzung für die Umsetzung seines schöpferischen Musterbildes. Jeder Künstler hat gestalterische Vorlieben und Marotten. Ehe man sich ein Urteil anmaßt oder ‚etwas für sich mitnimmt‘, sollte man gründlich reflektieren. Wie oft geschieht es z.B., dass Werke missgedeutet werden? Oder besser gefragt: Wie selten werden die richtigen Schlüsse gezogen? Zumeist wird dem Künstler nur irgendeine Absicht unterstellt, die nie die seine war. Selbstredend ist es nicht von der Hand zu weisen, dass vorwiegend die besagte Bohnenstangenkonstitution in den großen Medien in Szene gesetzt wird. Das liegt womöglich aber auch daran, dass schlanke Menschen nach gängigem Schönheitsempfinden hoch im Kurs stehen, und nicht daran, dass es keine andere modischen Ausdrucksweisen und Stile bestünden. Nur gibt es wie in allen künstlerischen Strömungen, Literatur, Musik, Malerei und weiß der Affe, Stile und Sujets, die sich großer – und wenn man abfällig daher reden möchte, was ich ja gerne mache, ich doofe Sau: trivialer – Beliebtheit erfreuen, massenkompatibel sind. In der Musik ist es der Pop, in der Literatur der Krimi,  der Triller oder die Schnulze, in der Mode 90-60-90 Maße bei den Frauen und Waschbrettbäuche bei den Männern. Dass  seinerzeit ganz andere Sitten herrschten, dass man in der Antike, möglicherweise sogar noch bis ins Mittelalter, üppige Frauen favorisiert hat, liegt nicht daran, man sei damals toleranter gewesen oder Äußerlichkeiten noch nicht so wichtig wie heutzutage, sondern allein daran, dass es zu jener Zeit eben Mode war.

Kommen wir nun zum zweiten Punkt, der in unmittelbare Beziehung zum ersten steht: Äußerlichkeiten. Hier ist der Fall ganz einfach und eine Kritik verfehlt. Wie ich bereits – ich verweise abermals- im Post Willst du zu meiner Party? Wie haben sogar Getränke festgehalten habe, ist die erste Bedingung der Kunst die Ästhetik und – das als Ergänzung – die zweite die Unterhaltung – Es gibt es ein Kunstgesetz, das ewig gilt: wir wollen unterhalten werden (Kurt Tucholsky). Ästhetik und Unterhaltung wird durch Inszenierung erzeugt. Mode ist der Inbegriff der Ästhetik und Unterhaltung, um nichts anderes schert sie sich. Wir Menschen sind schrecklich eitel. Warum schrecklich? Weil wir es verhehlen. Zu was macht uns das? Bigotte Witzfiguren. Wir lieben die Schönheit. Schön finden wir jene Dinge, die uns unser Bild zurückwerfen. Wir lieben die Schönheit nicht nur, die Schönheit ist uns heilig. An dieser Stelle möchte ich ein sehr treffendes Zitat von Schiller anbringen: Die holde Scham, die Schönheit ist mir heilig! Was ist denn die Ursache der Scham? Wenn wir uns entkleidet fühlen, wenn man einer Sache, die wir bis zur Schönheit verklärt haben, den Schleier entreißt. Wir erleben es beim Ficken, ein Anblick, der die meisten nur dann nicht in Verlegenheit bringt oder anekelt, wenn er inszeniert (zensiert) dargestellt wird… oder am eigenen Körper, wenn wir von Pickeln geplagt werden oder Durchfall oder möglicherweise auch einer harmlosen Pilzinfektionen; Das sind dann (optische) Belange, über die wir nicht so selbstverständlich mit jedermann reden können wie über unseren neuen Haarschnitt oder unserem guten Blutdruck. Aber das ist doch nicht schlimm, nur eine Feststellung. Was macht die Mode? Sie gibt uns allen Kleidern, für jeden, für wirklich jeden – außer vllt. einem- Geschmack ist etwas dabei. Und das ist ein großes Geschenk, scheiße, wir sollten dankbar dafür sein. Ein paar tapfere Schneiderlein schnippeln Kollektionen zusammen, an die wir uns am Ende für eine finanzielle Aufwandsentschädigung laben dürfen. Man muss nur die Relation sehen zwischen Kosten und Nutzen. Will man sich im großen Stil selbst inszenieren, Makel verstecken, Vorzüge hervorheben und gar vortäuschen, seine Persönlichkeit offenbar werden lassen usw., muss man freilich etwas tiefer in die Tasche greifen. Strebt man dergleichen nicht an, kommt man günstig davon. Der einzige, große, Vorwurf, den ich der Modeindustrie mache, sind die teils unerhörten, ja blasphemischen Summen, die für gewisse Kleidungsstücke verlangt werden. Kein motherfucking Kleid ist zum Beispiel dreitausend Euro wert. Niemals. Kein Nutzen könnte groß genug sein, um diesen Preis zu rechtfertigen. Ich bin der Meinung, dass Kunst für alle Menschen zugänglich sein sollte. Gleichwohl ist das nicht der Fall, wenn man für einen Stoffetzen, einen lapprigen Cardigan z.B. zweihundert Euro verlangt.  Des Weiteren ist es eine Abart, eine Ignoranz, eine Verschwendung, aber vor allem auch eine riesige Ausbeutung angesichts der Tatasache, dass Leute anderswo nichts zu essen, keine medizinische Versorgung, Bildung und ein Obdach haben. Etwas mehr Verhältnismäßigkeit wäre für mich sehr wünschenswert. Ach ja, dass Pelzmäntel, Echt-Lederjacken usw. genauso beschissen sind, versteht sich von selbst: man zieht schließlich auch keinem Menschen die Haut ab.

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