Sofie goes Lette!!!

von romantischverklaert

Die Notdurft ist in Berlin eine recht unerschwingliche Sache. Ich glaube, mein Harndrang, der mich während meiner vielen Reisen bisweilen heimsuchte, hat die sanitären Anlagen der Berliner Bahnhöfe schon so manches mal vor dem finanziellen Ruin gerettet. Zehn Euro habe ich binnen der letzten Monate sicher ausgegeben – und das ist tief gestapelt. Nun habe ich eine verschwörerische Vermutung, die da wäre: Die Wuchererei, der in den Bahnhofstoiletten gefrönt wird, ist ein Mittel, um die Klobedürftigen dazu anzuregen, das Restgeld in anderen Geschäften des Bahnhofs zu verpulvern. Nehmen wir an, wir haben kein Kleingeld und werden von unserer Blase drangsaliert. Was tun?! Was tun?! fragen wir uns. Zunächst sträuben wir uns, doch erkennen wir bald, dass wir keine andere Möglichkeit haben, als 1 € für die uns bevorstehende ekstatische Notdurft zu entbehren. So also gehen wir zum Schalter, der allerdings nur Münzen annimmt. Und da wir ja nur 10 x 500€, 26 x 100€, 4x 50€, 78 x 10 € und 1 x 5 € in Scheinen haben, sind wir auf die slawische Putze angewiesen. Die gute Frau zeigt sich natürlich kulant und tauscht das Kleingeld gegen den Schein. Nach dem Pinkeln gelangen wir wieder in die Haupthalle. Zufälligerweise fällt uns plötzlich der Burger King auf, dem wir zuvor keine Beachtung geschenkt haben, weil wir nicht gewillt waren, für einen mickrigen Burger einen Schein anzureißen. Aber hey… wir haben doch jetzt Kleingeld, ganze vier Euro noch! Bei so ’nem kleinen Betrag muss man jetzt nich‘ knauserig sein. Daraufhin essen wir einen Cheeseburger und konstatieren, sowie sich die letzten Stücken durch unsere Speiseröhre winden, dass wir gar nicht satt sind. Na ja, so knapp  2-3 € haben wir ja noch, reicht noch für ein belegtes Baguette von Backwerk… halt, neee, oooh, Ohrringe… geil, die sind echt chic, uh…. und die Sonnenbrille! Scheiß drauf, dann reißen wir halt noch einen Zehner an! Und so geht der ewige Kreis des Lebens seinen Weg.

Das waren heute (bzw. gestern, is‘ ja schon Nacht) so meine Gedanken, als ich allzu früh in Berlin eintraf und nicht wusste, wie ich anderthalb Stunden in der Friedrichsstraße verleben sollte. Es war ein besonderer Tag und viel sollte passieren. Gekommen war ich, weil ich anlässlich eines Gebots bei den Ebaykleinanzeigen einem betagten Herren aus Steglitz eine Canon A1 samt Tele-, Standart- und Weitwinkelobjektiv abkaufen wollte.

(ach, hab‘ ich mich gefreut, natürlich kaufte ich gleich drei Filme -ein Kodak BW, zwei Rossmann Farbnegative. Die Rossmanndinger habe ich allerdings gleich zerschrottet, als ich erfolglos versuchte, den Film einzusetzen. Die Bedinungsanleitung war mir auch keine Hilfe – darüber hinaus unfassbar geschrieben, furchtbar blasiert!)

Darüber hinaus stand noch eine verheißungsvolle WG-Besichtigung in Friedrichshain an. Was mich aber vielmehr beschäftigte, war der Antwortbrief des Lette-Vereins. Am Samstag hatte ein Großteil der Bewerber bereits Zu-und Absagen bekommen. Da ich allerdings Dezember ’10 umgezogen bin und zum Zeitpunkt der Bewerbung meine alte Adresse angegeben hatte, musste die Post erst umgeleitet werden, ein Vorgang, der sich zwei bis drei Tage hinziehen kann. Ich kann nicht sagen, welches Gefühl in mir dominiert hat, ob nun Zuversicht oder Zweifel. Wahrscheinlich weder noch – am ehesten trifft’s vllt. verzweifelte Hoffnung. Der Tag zog sich unendlich lange hin, zunächst die fast zwei Stunden Wartezeit in der Friedrichsstraße, ehe ich die Kamera abholen konnte, danach das hilflose Rummachen an der Canon und das Ausharren bis zum Besichtigungstermin – und ich war so müde, ich hatte doch nicht geschlafen! Als meine mutmaßlich künftige Mitbewohnerin mich schließlich anrief und mich eintreten ließ, klingelte, nachdem wir ein wenig geplaudert hatten, endlich das Telefon. Tja, was soll ich sagen, ich habe die Aufnahmeprüfung bestanden.  Weiß der Geier, wie ich das angestellt habe und was die jetzt an meiner Mappe so gut fanden. Also wenn ich es mir jetzt nochmal durch den Kopf gehen lasse, ist’s schon ziemlich krass und nahezu ein wenig unfassbar: im Oktober ’10 habe ich mit dem Fotografieren begonnen und bereits im Mai ’11 beide Füße im Lette-Verein drin. Oder anders: es bewerben sich jährlich weit über vierhundert Leute dort, lediglich sechzig von ihnen werden zur Eignungsprüfung zugelassen. Und dann werden nochmal zweiunddreißig Personen gekickt. Warum gehöre ausgerechnet ich zu den achtundzwanzig Menschen, die sich am Ende durchgesetzt haben? Wie oft war von der Lette die Rede, für mich war das nur ein kümmerliches Seifenbläschen. Seltsam das. Nun ja, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern, jemals so fette Beute an einem Tag gemacht zu haben. Selbst mit der WG sieht es wirklich gut aus, tolle Bleibe in der Jessnerstraße mit einer duften und verrückten Mitbewohnerin gepaart.

Doch, liebe Freunde der Sonne, ich möchte betonen, dass ich nach wie vor keine Fotodesignerin sondern einzig und allein Schriftstellerin bin. Ja, was macht die denn eigentlich… gute Frage. Sie versucht mehr zu lesen, hat allerdings erst unlängst ihr sechstes Buch in diesem Jahr angefangen. Der Roman läuft schleppend aber wenigstens stagniert er nicht gänzlich. Ich hoffe, mir gelingt es, jetzt da Ruhe eingekehrt ist, mich wieder ein wenig aufs Schreiben zu besinnen – und im Idealfall ’n bissl mehr, ach was, entschieden mehr! zu lesen.

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