Tagebücher und lecker lecken

von romantischverklaert

Was ist los? werden sich einige fragen. Halt, nein, das ist nicht treffend. Was ist mit DIR los? wird es heißen. Warum zum Kuckuck schreibst du über Doctor’s Diary? L-Word auch? Was ist ein L-Word? Lampedusa? Oh! Erstmal Doctor’s Diary: Was ist ein Doctor’s Diary? Eine Sendung! Der Titel dieser Serie klingt bereits beschissen kitschig und nach Frauenscheiße. Und wenn man sich dann auch noch mit dem Inhalt auseinandersetzt (junge, aufstrebende Ärztin, namentlich Margarete „Gretchen“ Haase, welche kein Fettnäpfchen auslässt, vermeintlich übergewichtig ist und Single, ist seit ihrer Jugend unsterblich in den attraktiven, jedoch narzisstischen und notgeilen Oberarzt Mark Meier verliebt, der nicht davon ablassen kann, sie zu necken und zu erniedrigen, aber immer wieder durchschimmern lässt, dass er sie eigentlich mag.), hat man sein Urteil bereits gefällt:  Grey’s Anatomy mit Brigdet Jones und ein wenig Sex & the City vermengt – eine altbekannte Mélange. Doch – ja, es gibt tatsächlich einen Einspruch-, allen abgedroschenen Vorlagen zum Trotz gelingt es der Serie mit einer erstaunlichen Leichtigkeit, sich gleich einer Ader am Handrücken vernehmlich von der erbärmlichen Landschaft des Privatfernsehens abzuzeichnen. Ich wage sogar zu behaupten, dass sogar (emanzipierte) Männer sich am Witz von Doctor’s Diary laben könnten;solange sie nur aufgeschlossen und unvoreingenommen eine Folge ansehen. Das Besondere ist, dass sich Doctor’s Dairy zu keiner Zeit ernst nimmt; Die Serie soll einfach nur Spaß machen und bedient sich dabei zuweilen der absurdesten Handlungsstränge. Es ist wirklich immer wieder zum Schreien, wie Gretchen wegen ihres Gewichts gemobbt wird, obwohl sie eigentlich eine vollkommen normale Figur, wenn nicht sogar Idealgewicht hat; oder wenn Schwester Sabine Vögler, deren Art zu sprechen bereits saukomisch ist, mit ihrem Schwarm Doktor Gummersbach zusammentrifft und, sobald sie miteinander reden, diese komische, geheimnisvolle Musik im Hintergrund einsetzt, die stark an Harry Potter erinnert. Und dann noch die vielen grandiosen Sprüche, die den Protagonisten flüchtig entschlüpfen… ja freilich, Doctor’s Diary ist lediglich triviale Unterhaltung, doch es wird nicht verhehlt, man kokettiert damit sogar, und darum ist es einfach sehenswert!

Trivial? Ja, das ist das faszinierende an L-Word; Denn es ist ja nicht so, dass diese Serie, selbstverständlich vornehmlich auf Lesben zugeschneidert, anspruchslos ist. Nö, eigentlich gar nicht – klar, die Dialoge sind bei weitem nicht so gut wie bei Queer as Folk, das schwule Pendant, allerdings haben einige Stellen durchaus Potenzial. Jedoch lässt sich Ilene Chaiken,  Schöpferin der Serie, zu platten Klischees und dem Hervorholen von Illusionen hinreißen. Bevor ich L-Word in Stücke zerreiße, möchte ich immerhin  positiv anmerken, dass nun endlich und erstmalig die weiblichen Homoletten ein wenig auf ihre Kosten kommen; Denn im Ernst: Für die Lesben sieht’s doch in visueller Hinsicht, das heißt medientechnisch betrachtet, ziemlich mau aus. Ob es nun die Literatur anbelangt, das Fernsehen oder die Pornowelt; Lesben bleiben schon ziemlich auf der Strecke, noch mehr als unsere schwulen Kollegen. Da Lesbierinnen nun mal auch gewissermaßen  Frauen sind – thahaha- und Schwule Männer und demzufolge die ersten ebenso komplex, verbohrt sind wie ihre heterosexuellen Kameradinnen und die zweiten gleichermaßen, sagen wir, unkompliziert wie ihre Vagina liebenden Schwanz-Genossen, ist es doch mehr als verständlich, dass man ein Homo-Weib NICHT mit einem Porno abspeisen kann, in dem übergeschminkte Heten-Tussen mit lächerlich langen Fingernägeln, Haaren und mangelhaftem schauspielerischen Talent die immer-geile Lesbe mimen. Bitte nicht erschrecken, aber derartigen Schmarrn gucken sich Frauenfetischistinnen gar nicht erst an – eher noch fummeln sie sich  mittels der erbärmlichen Fantasie  an der Lustgrotte herum. Klar, es soll Lesbenpornos geben, deren ganze Beschaffenheit stilvoller organisiert ist als die üblichen visualisierten Männerträume, in denen Frauen mit Zollstocklangen Fingernägeln rumficken; allerdings sind diese sehr rar und treffen fernerhin, wenn die lesbische Chica Pech hat, nicht zwangsläufig den Geschmack. In der Literatur und Fernsehlandschaft sah es vor L-Word auch nicht verheißungsvoller aus. Sicherlich gibt es Bücher, die die Liebe unter Frauen thematisieren; dummerweise handelt es sich dabei aber entweder nur um einen flüchtigen Exkurs oder um Klischee beladenen Kitsch. Und das Fernsehen? Da gilt das gleiche wie in der Literatur, nur mit dem Unterschied, dass es nicht mal den o.g. Klischee beladenen Kitsch gab – bis 2004, denn dann kam ja L-Word. Wie gesagt, wirklich toll, dass sich mal eine Frau ein Herz gefasst und sowohl den ungebundenen als auch gebundenen Homoletten was zum Sabbern gegeben hat.  Jetzt kann sich irgendeine Nulpe über die harte Schlüpfrigkeit meines Artikels beschweren, aber mal ehrlich: Wir haben zwar noch nicht konstatiert, dass Frauen Menschen sind, doch immerhin, dass Lesben Frauen sind; Und letztendlich wartet man bei der Serie auch nur den Moment ab, in dem die Lieblingsdarstellerin sich endlich mal wieder auszieht und fickt. Für die Fickerei hat Chaiken ordentlich gesorgt – gute Arbeit, Sie amerikanisches Frauenzimmer! -, allerdings liegt eben darin auch ein großer Schwachpunkt. Holen wir mal weit aus: L-Word dreht sich um eine – erstaunlich große- lesbische Clique, die in einem Nobelviertel in Los Angeles wohnt. Hier haben wir bereits unsere ersten Hetero-Stereotypen, die ohne Umwege in die Homowelt übertragen wurden und somit eine trügerische Hoffnung eines rundum attraktiven Lesbenkosmos erzeugen.  Die eine, für allgemeine Maßstäbe freilich, ist hübscher und erfolgreicher als die andere: So gibt es das lesbische Paar, bestehend aus – Wiki hilft – Bette Porter und Tina Kennard, wobei erstere im Laufe der Serie zahlreiche gut bezahlte Jobs hat (als Geschäftsführerin einer Kunstgalerie, Dekanin einer Kunsthochschule usw.) und zweitere später als Filmproduzentin tätig ist; Alice Pieszecki, die sympathisch vermenschlichte Ente, die zunächst als Redakteurin und Radiomoderatorin,  anschließend aber irgendwie Talkmasterin ist oder so; Die unsägliche Jenny Schecter, Hassbild Nummer eins der Serie, die Schriftstellerin wird, einen Bestseller-Roman schreibt und ihr Buch verfilmen lässt; Dana Fairbanks, eine super erfolgreiche Tennisspielerin, welche allerdings an Brustkrebs bzw. der Chemo (?) stirbt; Kit Porter, Quoten-Hete der Clique, die erst Alkoholikerin ist, sich dann aber aufrappelt und Besitzerin eines Cafés und Teilhaberin eines Nobel-Lesbenclubs wird; Helena Peabody, welche eine – wie es bei Wiki heißt – einflussreiche Geldgeberin für Kunstprojekte ist, alsdann zeitweilig verarmt aber schließlich doch wieder steinreich wird; Und zu guter letzt – ich lasse die schwarze Militärfrau mal aus- Shane McCutcheon, androgyne Playerin – sie kriegt jede und fickt jede -, die eigentlich nur Haare schneidet, aber ihren lesbischen Freundinnen in finanzieller Hinsicht in nichts nach zustehen scheint. Die erste Folge ist abschreckend: Da sitzen diese Frauen zusammen und das erste, worüber die labern, ist ihre Sexualität und das Lesbentum per se. War ja klar – geht’s noch platter? Von den Dialogen möchte ich gar nicht erst sprechen. Natürlich wird in den ersten Minuten auch gleich darauf angespielt, welchen Typ diese oder jene Darstellerin verkörpert (Ein Beispiel: wenn ich mich richtig erinnere, fragt eine Frau – freilich auch eine attraktive Braut – Shane, die Playerin, warum sie nicht angerufen habe.  Alice, die mit den anderen Freundinnen das Geschehen beobachtet, bemerkt daraufhin Oh, da wird gleich wieder ein Herz gebrochen oder so) Daraufhin tritt die scheußliche und nervtötendste Figur der Serie in Erscheinung, namentlich Jenny, deren Coming-Out bzw. lesbische Selbstfindung mit besonderer Aufmerksamkeit thematisiert wird – danach sind es ihre nicht enden wollenden psychischen Pleiten-Pech-und-Pannen, aber dazu später mehr. Selbstverständlich geschieht die erste Erschütterung, das Aufkeimen der homosexuellen Gefühle, bei einer chicen Party, die von der Karrierefrau Bette und deren Freundin Tina veranstaltet wird und bei der vorwiegend – nach allgemeinen Maßstäben – begehrenswerte Lesben zugegen sind. So auch die sogenannte Marina, welche mit Jenny ein pseudo-intellektuell angehauchtes Gespräch über Literatur anfängt und mittels verführischen Blicken flirtet. Diese Darstellung ist sooo schrecklich weiblich! Zwei hübsche Frauen, kultivierte Party, niveauvolle Unterhaltung über Kunst, betörender Augenkontakt, blabla. In den ersten Folgen muss man schon einiges ertragen; und die Griffe  in die Klischeekiste nehmen in den nachfolgenden Staffeln auch nicht ab; Gesprächsthema Nummer eins ist die Homosexualität und das Beziehungklimbim – so als definierten Homos sich ausschließlich darüber und so als kreiste sich deren Gedankenwelt allein darum-, man gluckt lediglich mit seinesgleichen, den Lesben, zusammen und lässt Männer dabei gänzlich außen vor. Und natürlich: jedes Weib, das in Erscheinung tritt, ist eine Lesbe usw. usf….   gelingt es einem allerdings, sich mit den verklärten stereotypen Abbildungen und Illusionen sowie auch der unsäglichen Figur Jenny Schecter abzufinden, kann man der Serie durchaus etwas abgewinnen. Inmitten allen verherrlichenden und abgeschmackten Darstellungen gibt es nämlich durchaus einige kleine Lichtblicke: Einmal wären das ein paar Figuren, die sympathisch sind und in Ansätzen Tiefe besitzen, ein andermal Betrachtungen – insbesondere von der Playerin Shane – über das Zusammenleben von Menschen, Homosexualität usw., die wirklich gut pointiert sind und stimmen – und selbstverständlich hat die Serie selbst einen gewissen Witz und Sexszenen, die einfach höchst ästhetisch inszeniert sind. Meine persönlichen Favoriten sind die quäkige Radiomoderatorin, Alice, die gescheiterte Existenz, Helena,  und die Friseuse und Herzenbrecherin, Shane. Abgesehen von Tina – sie wirkt auf mich von allen am profillosesten- ist jeder Figur anzumerken, dass man sich darum bemühte, ihr eine wie auch immer geartete Tiefe einzugeben. Bei Helena und Shane finde ich dies am effektvollsten und interessantesten. Bei der einen ist es die tragisch-komische Entwicklung, bei der anderen ihre Verschlossenheit und Vorurteilsfreiheit. Trotz der erwähnten Bemühungen gelingt es L-Word allerdings nicht, aus den Typen Charaktere zu machen; die Protagonisten sind zwar nicht gänzlich überzeichnet, allerdings noch zu sehr durch diese oder jene Eigenschaften schematisiert, als dass sie wirkliche Individuen abgeben. Nachdem sich die Serie warm gelaufen hat, so ab der zweiten, dritten Staffel, wird sie durchaus ansehnlich und halbwegs interessant. Wie gesagt, wenn man sich mit den o.g. ornamentierten Trugdarstellungen und Klischees des lesbischen Lebens vertragen hat, ist es im Grunde ziemlich okay. Doch, wir erinnern uns, Jenny und ihre psychischen Pleiten-Pech-und-Pannen machen L-Word am Ende völlig unerwartet zur Farce. Fräulein Chaiken scheint total auf diese nervtötend intrigante, geisteskranke Boderline-Ische, die sie sich ersonnen hat, abzufahren. Warum sonst ruinierte sie ihre Serie zum Schluss derart? Es ist so, als würde man auf der Autobahn fahren und auf einmal völlig unmotiviert den Lenker umschwenken und durch die Leitplanke rasen. Die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt, ist, dass die Chaiken so sehr von dieser Figur überzeugt war und von ihr besessen, dass sie den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen hat. Ich meine, wenn Lucy Lawless, aka Xena, quasi als Miss Marpel auftritt, um einen Mordfall aufzudecken… wtf? Fazit: Es war ein Anfang, ein Schritt nach vorne, aber da muss einfach noch viel mehr kommen.

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