Hobbys: Eier färben, Eiswürfel lecken, Kartenhäuser bauen und Negerkuss-Wettessen

von romantischverklaert

Das Jahr ist so gut wie vorbei, viel ist geschehen, viel aber auch nicht. Die Zeit ist ja durchaus erschreckend. Alles vergeht, jedes Jahrhundert, jedes Jahrzehnt, jedes Jahr, jeder Monat, jede Woche, jeder Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde, jede Zehntelsekunde, und das auf ewig. Wann immer ich mir das vor Augen führe, bin ich zum einen schockiert und zum anderen bekümmert. Schockiert, weil mir wieder richtig bewusst wird, das alles einmalig ist, und bekümmert, da das, das die Nostalgie im Nachhinein präzise verklärt, selbst wenn man es einst als negativ erlebt hat, nie mehr zurückkommt. Die Fortbewegung ist der Inbegriff des Verlusts. Die Zeit ist im Grunde nur ein konsequenter Lauf, die bei jedem Schritt, den sie macht, etwas für immer verlässt. Wer das Leben halbwegs überstehen will, sollte sich demnach mitbewegen. Einerlei. In meinem letzten Post 2010 möchte ich all die Bücher kurz und knapp rezensieren, die ich dieses Jahr gelesen habe. Eigentlich mag ich es nicht, Bücher, Musik und Filme zu kritisieren, weil ich des Talents entbehre, etwas zusammenzufassen. Entweder finde ich nicht die treffenden Wörter oder scheitere dabei, abzuwägen, welche Information erheblich ist und welche nicht. Doch irgendetwas möchte ich schon noch schreiben – und darüber hinaus finde ich so einen Überblick durchaus interessant. Ich lese gerne, allerdings nicht viel. In diesem Jahr habe ich nicht einmal mein persönliches Soll von zwanzig Büchern erreicht. Die Trägheit saß mir gar zu oft in den Gliedern. Mal sehen, ob ich alles zusammenbringe.

Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Der Idiot

Wenn man sich erstmals einen dicken Schmöker der Weltliteratur kauft, das insgesamt zirka achthundert Seiten umfasst, tut man das mit einem gewissen Respekt – und mal ehrlich: man orakelt auch insgeheim, ob man es letzten Endes tatsächlich durchliest. Obacht! Prinzipiell gilt es bei Dostojewski darauf zu achten, sich die Übersetzung Swetlana Geiers zu Gemüte zu führen – die Ausgaben sind bei S.Fischer erhältlich. Vielleicht ist eben das der Grund, warum ich den Idioten nicht zu meinen Favoriten zähle. Ich habe nämlich die Ausgabe des DTV-Verlags gekauft, die von einem Anderen übersetzt wurde. Auch wenn es eine Namensliste gibt, die gerade am Anfang äußerst hilfreich ist, kann ich nur davon abraten. Lieber darauf verzichten, als auf eine erstklassige Übersetzung. Zum Buch: Minutiös porträtierte Figuren, eine schrulliger als die andere, doch mitnichten unglaubwürdig. Bei soviel Exzentrik wird ein gewisses Vergnügen beinahe generiert. Ich muss allerdings gestehen, dass das Buch so einige Längen hat, für die ich mich nicht durchgehend begeistern konnte. Andererseits sind es wieder diese Längen, die dazu beitragen, dass Charaktere entstehen, die man wegen ihrer Komplexität nicht leichthin total scheiße oder super geil finden kann. Überhaupt, es ist generell sau schwer, ein Urteil über einen Protagonisten zu fällen. Bei jedem entdeckt man zahlreiche Facetten, die man sympathisch oder unsympathisch findet. Dadurch ist es schier unmöglich, auch nur eine einzige Figur schwarz-weiß zu sehen. Und das ist wirklich eine großartige Leistung Dostojewskis – vor allem wenn man bedenkt, dass er dieses Stück Weltliteratur innerhalb eines Jahres verfasst hat! Lesen!

Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Der Spieler

Auch hier: Nur die Swetlana-Geier-Übersetzung lesen! Ein kleines aber doch recht feines Büchlein Dostojewskis. An einigen Stellen ist es herrlich komisch: Ein verschuldeter General und dessen Familie warten auf den Tod der reichen Tante, da sie angeblich sehr krank ist und ihr Ende bevorsteht. Plötzlich erscheint sie höchselbst jedoch qickfidel auf der Bildfläche – der kecke Einstieg der Tante ist zu grandios! Insgesamt fand ich es allerdings nicht soo weltbewegend.

Éric-Emmanuel Schmitt – Oskar und die Dame in Rosa

Na ja, konnte mich dafür nicht so begeistern wie manch anderer. Ist jetzt nicht schlecht oder dergleichen, allerdings finde ich das Reflexionsniveau des zehnjährigen Oskars bisweilen zu hoch und seine Ausdrucksweise dem Alter entsprechend zu eloquent. Es stimmt in der Tat, dass bei Kindern, die schwer krank sind, ein erstaunlicher Reifeprozess stattfindet. Doch die Darstellung ist, glaube ich, zu dick aufgetragen, was leider der Authentizität entbehrt. Kann man aber lesen, zumal man dafür nicht mehr als maximal drei Stunden investieren muss.

Franz Kafka – Die Verwandlung

Ziemlich abgedreht, man muss ja schon lachen über diese groteske Story. Die Sprache hat mir sehr gefallen, interessant ist übrigens der Kontrast zwischen der Nüchternheit des Erzählstils und dem Aberwitz des Inhalts.

Antoine de Saint-Exupéry – Der kleine Prinz

Irgendwie ist es schade, dass ich den kleinen Prinzen erst mit zwanzig gelesen habe, doch hatte es nicht nur Nachteile. Denn der kleine Prinz ist ja durchaus tiefgründig – wenn auch zu Tode zitiert-, mit sechs oder selbst mit zehn Jahren hätte ich mitnichten alles verstanden. Dennoch ist die Geschichte für Kinder geeignet, denn sie ist so schön geschrieben, dass es der einen oder anderen sentimentalen Socke unter uns Tränen macht. Vor allem aber: zeitlos! Lesen ist sowieso Pflicht!

Fjodor Michailowitsch Dostojewski – Verbrechen und Strafe

Ja ja, nicht Schuld und Sühne sondern Verbrechen und Strafe muss es heißen, sei es drum, ob ersteres schöner klingt. Die Titeländerung liegt der Konsequenz Swetlena Geiers zugrunde, die sich auch bei anderen altbekannten Titeln nicht scheute, sie neu zu formulieren (aus Die Dämonen wurde Böse Geister, aus Der Jüngling wurde Der grüne Junge). Großartiges Buch! Es hat mir vor allem dabei geholfen, einen Gedanken, den auszudrücken ich unfähig war, endlich treffen auf den Punkt zu bringen. Schon allein diese Kleinigkeit hat einen wesentlichen Einfluss auf meine Wertung. Darüber hinaus ist es wieder einmal an manchen Stellen sehr witzig, wobei ich diejenigen Zeilen, die mich zum Lachen brachte, auf Swetlana Geiers Übersetzung zurück führe – ich erinnere mich gerade an einen Monolog einer Deutschen, der vor allem wegen des Dialekts sau komisch ist. Lesen!

Erich Maria Remarque – Im Westen nichts Neues

Es ist wirklich ein Jammer, dass ich erst vor zirka drei Monaten angefangen habe, Textstellen und Zitate aufzuschreiben, die mir gefallen. Denn Remarque hat teilweise so treffende Worte gefunden, dass ich dieses Buch zu meinen Favoriten zähle. Sollte man sich auf jeden Fall zu Gemüte führen.

Johann Wolfgang von Goethe – Die Leiden des jungen Werther

Goethe ist ja zweifelsohne ganz grandios, schon allein wegen seiner Aphorismen. Die Leiden des jungen Werther mag ich vor allem deshalb, weil viele Gegebenheiten des Verliebtseins genauso beschrieben sind, wie ich sie selbst erlebt habe. Es gibt da diese eine Zeile [..]meiner Einbildungskraft erscheint keine andere Gestalt als die ihrige, und alles in der Welt um mich her sehe ich nur im Verhältnisse mit ihr[…], bei der ich denke, hat der in mich reingeschaut und das dann so aufgeschrieben? Ja, genau so und nicht anders! Wie treffend! Den verstrahlten Werther mag ich allerdings nicht, ist selbst mir, die ich ja relativ schöngeistig bin, zu schöngeistig.

Markus Werner – Am Hang

Top, kann man wirklich lesen. Viele präzise Formulierung, wobei ich mich in diesen Satz Es ist schön, sich an das Schöne zu erinnern, nur geht auch das nicht ohne Pein, da man das Schöne nicht erinnern kann, ohne die Wunde zu spüren, die sein Verlust geschlagen hat. augenblicklich verliebt habe. Voll durch die Mitte, sage ich stets dazu! Irgendwie schrecklich unsympathische Charaktere, die über das Leben philosophieren und sich mit radikalen, einseitigen Wertvorstellungen vollkotzen. Reich an Ereignisarmut, wer also Action braucht, sollte die Finger davon lassen.

Irvine Welsh – Trainspotting

Hatte ich bereits seit Sommer 2008 in meinem Regal stehen und dachte, jetzt liest du es mal endlich, auch wenn du dich mittlerweile von der Unterhaltungsliteratur abgewandt hast. Man darf darüber hinaus nicht vergessen, dass zehn Euro nun einmal zehn Euro sind. Faszinierend ist, dass ich an dem Buch fast genauso lange gesessen habe wie an Dostejewskis Verbrechen und Strafe. Obwohl der Roman lediglich die dreihundertfünfzig Seiten dick ist, musste ich mich regelrecht zum Lesen überreden. Dabei ist es ja nicht mal sooo schlecht; allein für mich etwas zu belanglos. Interessant war es zumindest, die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Film und Roman zu verfolgen. Und lauthals lachen musste ich auch ein paar Mal.

Helga Maria Schneider – Eiersalat. Eine Frau geht seinen Weg.

Als ich einmal meinen Liebling Helge Schneider googelte, stieß ich auf die Inhaltsangabe dieses Werks. Bereits die Zusammenfassung, einschließlich des Titels freilich, brachte mich derart zum Lachen – die von Zieh‘ dich aus, du alte Hippe ist gleichwohl noch genialer, wirklich zum Totschreien-, dass ich kurzerhand die kleine Lektüre bestellte. Was habe ich Tränen gelacht, wann immer ich den anderen vorlesen wollte, scheiterte ich daran, da mich vor lauter Gelächter niemand verstand. Allerdings ist es letztlich doch gar zu viel Klamauk.

Marquis de Sade – Justine (oder die Leiden der Tugend)

Man, wenn ich jetzt tatsächlich damit anfinge, über de Sade zu schreiben, fände ich so schnell kein Ende. Ich verweise an dieser Stelle auf mein Essay über de Sades Utopie des Bösen. Ich kann allen künftigen Lesern nur empfehlen, die Fantasie bei der Lektüre bloß nicht zu bemühen! De Sade ist für mich eins der großen Bereicherungen in diesem Jahr und hat mein Denken stark beeinflusst. Selbstverständlich ist er wahnsinnig gewesen – übrigens ein Virtuose unter den Sophisten- , wiederum ist schlichtweg nicht abzustreiten, dass er viel Wahres gesagt hat. Ein Werk sollte man m.E. von ihm gelesen haben. Aber das reicht dann auch, weil er sich bereits in einem Buch kontinuierlich wiederholt. Die Sprache ist im Übrigen edel.

Hermann Hesse – Roßhalde

Natürlich nicht mit dem Steppenwolf, Demian oder Narziß und Goldmund zu vergleichen, doch hatte ich seit langer Zeit endlich mal wieder Freude am Lesen. Die Sprache ist wie üblich anmutig.

Milan Kundera – Abschiedswalzer

Anlässlich großartiger Bücher wie Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins, Das Leben ist anderswo und Die Unsterblichkeit (!!!) hatte ich große Erwartungen an den Abschiedswalzer. Zu meiner Überraschung wurden sie allerdings nicht erfüllt. Was ich an diesem Buch insbesondere vermisse, sind die gestalterischen Kapriolen aus Essays, Aphorismen und Episoden, die so zusammengefügt sind, dass man eine Handlung nicht nacherzählen kann – gerade das hat mich bei der Unsterblichkeit so begeistert, denn dort wird es wirklich auf die Spitze getrieben. Für Kunderas Verhältnisse ist die Geschichte – ja, man kann es tatsächlich Geschichte nennen!- erstaunlich artig erzählt. Doch immerhin, es gibt witzige Stellen und ist auch sonst lesenswert.

Heinrich Heine – Deutschland. Ein Wintermärchen

Politik in der Literatur bzw. der Kunst finde ich ja in der Regel echt schlimm, da Politik vielleicht alles ist nur nicht zeitlos. Und eben darum konnte ich mich nicht mit Heines Wintermärchen anfreunden. Mir fehlt der Bezug, oder treffender, ich kann keinen Bezug zur Materie herstellen. Möglicherweise wäre es etwas anderes, wenn ich mich mit den politischen Verhältnissen Deutschlands im 19 Jahrhundert auseinander gesetzt hätte. Hab‘ ich aber nun mal nicht, da mir die Kurzlebigkeit vergangener politischer Systeme schnuppe ist – das dritte Reich und die Shoa mal ausgenommen.

Friedrich Wilhelm Nietzsche – Götzendämmerung (oder wie man mit dem Hammer philosophiert)

Ich hab‘ Nietzsche für mich entdeckt! Herrlich, was spricht er mir aus der Seele! Der Mann ist Pflicht! Das Buch bietet im Übrigen einen guten Einstieg in seine Philosophie, da Nietzsche darin all seine zentralen Gedanken zusammenfasst. Man sollte nicht verzagen, falls man einige Passagen nicht versteht oder feststellt, nicht ganz mitzukommen. Das Wesentliche wird am Ende nämlich doch verständlich.

José Saramago – Das Evangelium nach Jesus Christus

Fell in Love with Saramago! Die Sprache ist ganz göttlich, haaaaach, haaaaach! Dabei dachte ich, als ich damit anfing, o je, das lese ich doch niemals durch, ach du Scheiße! Saramago versteht es schon, Sätze zu bandwürmern. Aber das ist toll, ehrlich, wenngleich am Ende zu moralisierend, wenn man mich fragt – da von Nietzsche und de Sade geprägt, will ich ohnehin von moralischen Dampfwalzen verschont werden. Als Einstieg in sein Schaffen eignet sich Die Stadt der Blinden, das sein größter kommerzieller Erfolg war, möglicherweise jedoch besser, so für den einen oder anderen zumindest – für mich war’s ja optimal.

Thomas Mann – Tristan

Kann dazu nicht viel sagen, weil es mir im Grunde nicht mehr als eine Stelle, bei der ich schmunzeln musste, gegeben hat. Na ja, aber im Antiquariat für siebzig Cent erstanden und das war es dann doch wert.

Gabriel García Marquez – Die Liebe in den Zeiten der Cholera

Mein letztes Buch in diesem Jahr. Ich bin wohl ein Exot, da mich der Roman jetzt nicht so mitgerissen hat wie die meisten. Schön war, dass er mich erstaunlich oft zum Lachen brachte. Fand dafür jedoch einige Ausführungen bisweilen gar zu minutiös und offengestanden auch etwas überstrapaziert. Gibt m.E. so einige Längen, die das Tempo aus der Geschichte nehmen. Als letzte Lektüre war es insgesamt aber okay.

Und ich werde jetzt nicht verraten, wie viele Stunden ich an diesem Post gesessen habe. Bis zum nächsten Jahr!

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