Alles oder nichts: Entweder voll leer oder ganz gehaltlos!

von romantischverklaert

Ich lebe noch, ja, tatsächlich… kein kreativer Einstieg, ich weiß. In den letzten Tagen hat sich einiges zugetragen – der Reim ist nicht beabsichtigt. So gab es unter anderem einen Umzug (lebe nun in einer noch viel kleineren Einöde als Neuruppin, hat beinahe Suizidpotenzial, tha!), etliche Bemühungen um einen Praktikumsplatz in der Hauptstadt, emotionale Tiefen und Schluchten (thorhorhor), häufige Reisen nach Berlin und eine große Portion Lustlosigkeit freilich. Es ist durchaus seltsam. Seinerzeit, ich war siebzehn, saß ich einmal in der Wohnstube bei meinen Eltern und verriet meiner Mutter, bisweilen daran gedacht zu haben, eine Fotografenausbildung anzustreben. Es war die einzige Lehre, die ich für mich in Betracht zog und bis heute noch in Betracht ziehe. Ich sagte es zwar, glaubte allerdings nicht, mich tatsächlich einmal in diese Richtung zu entwickeln. Sowie das eben ist mit der Zukunft, je ferner die Dinge sind, die uns bevorstehen, desto weniger rechnen wir mit ihnen. Das, nennen wir’s Ursache, hat zuweilen eine interessante Reaktion bei den Pessimisten zur Folge: Denn weil die Zukunft für Pessimisten derart ungreifbar ist, dass sie daran nicht glauben können, neigen sie dazu, Resignationsentscheidungen zu treffen – also Entscheidungen, die ihnen selbst schaden, da sie Hopfen und Malz ohnehin verloren sehen. So geben sie sich selbst auf. Um wieder zu mir zurückzukommen: Lustigerweise besaß ich damals nicht mal eine Kamera. Es war allein der kreative Aspekt und ein Teelöffel jugendliche Verklärung, der die Fotografie für mich nicht vollkommen unvorstellbar machte. In den nächsten Jahren sollte dann das Schreiben für mich im Vordergrund stehen. Mit einer schnellen Selbstverwirklichung hat es aber trotzdem nicht geklappt. Vier Jahre, drei Romane und unter diesen nur ein Manuskript, das ich im Sommer so ziemlichen allen großen Verlagen zugesandt habe. Ich befürchte, ich bin in den letzten Monaten wegen prekärer äußerer Umstände zum großen Mädchen geworden – und wenn ich nicht aufpasse, werde ich möglicherweise mal eine Frau. Das merkt man daran, dass ich im Begriff bin, etwas Normales zu tun, vom Weg des eisernen Idealismus‘, des unbedingten Willens abzukommen. Die Zeiten sind einfach zur hart für Träumer. Im Nachhinein kann ich nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob es gut war, derart lang wie Don Quijote gegen die Windmühlen des Konfirmismus angekämpft zu haben, der nichts anderes unterstützt und billigt als Kalkulierbarkeit und Sicherheit. Es wäre vielleicht etwas anderes, hätte ich das Genie eines Thomas Mann oder Marcel Proust. Wieso? Weil ich glaube, dass wahre Genies oder Begabungen nicht unentdeckt und ungefördert bleiben. Nun wohnt in mir allerdings keine herausragende Begabung und darum wechsle ich jetzt den Kurs. Wohin denn? Fotografie! Wer hätte das gedacht, wurde in den letzten Jahren doch nur vage mit dem Gedanken kokettiert. Mir fällt gerade auf, dass es möglicherweise so klingt, ich würde gänzlich mit dem Schreiben aufhören… mitnichten! Das könnte ich gar nicht und möchte ich auch niemals. Nur wird es eben notgedrungen und bis auf Weiteres in die von mir befürchtete und völlig unangemessene Zweitrangigkeit rutschen. Zurück aber zur Fotografie: Grundsätzlich fasziniert mich die visuelle Kunst, sie hat für mich etwas sehr Poetisches. Meine Haltung zur Authentizität und zum Kunstbegriff im Allgemeinen habe ich ja bereits im Beitrag Willst du zu meiner Party? Wir haben sogar Getränke! ausführlich dargelegt. Am Mittwoch traf ich mich im Café Oliv mit einem angenehmen Fotodesigner, der mir einen Praktikumsplatz in Aussicht stellt. Während wir sprachen, sagte er unter anderem, mit sehr treffenden Worten!, dass das interessante an der Fotografie ihre Unmittelbarkeit sei. Mit dem Wort kann man zwar Sachverhalte präzise beschreiben, doch es wird bereits schwieriger, sobald man versucht, einen Gesichtsausdruck oder auch nur die Atmosphäre einer Landschaft darzustellen. Es ist der Beginn für das Nach-den-richtigen-Worten-ringen. Ein Bild oder eine Melodie hingegen erzeugt sofort einen Eindruck. Finde ich interessant… so… ich könnte darüber noch soviel schribseln, gleichwohl bin ich gerade ziemlich müde… ziehen wir ab hier vorläufig einen Strich… nur noch das: Hab‘ mich am Lette-Verein für Fotografie und an der KHB-Weißensee für visuelle Kommunikation beworben. Im nächsten Jahr folgt noch eine Bewerbung an der UdK für den Studiengang Bildende Kunst (das, wenn man die etlichen Prüfungen besteht, im WS beginnt) und Szenisches Schreiben (wäre allerdings erst für das SS 2012). Ich hoffe, dass es mit dem Praktikum im nächsten Jahr auch tatsächlich klappt, dann hätte ich nämlich eine hervorragende Unterstützung für das Anfertigen einer Mappe.

Am Dienstag, 14 Dezember, reiste ich übrigens nicht nur nach Berlin, um mich mit dem werten Fotodesigner zu treffen, sondern auch, um das Yann Tiersen Konzert, für das ich bereits eineinhalb Monate zuvor eine Karte besorgt hatte, zu besuchen. Zu meinem Leidwesen allerdings habe ich an diesem Tag nicht geschlafen. Auch wenn man in der apokalyptischen Einöde lebt, heißt das keineswegs, dass einem eine schlaflose Nacht nicht erheblich zusetzt. Möglicherweise wäre ich nicht ganz so am Ende gewesen, wäre ich nicht dazu genötigt worden, am Kudamm shoppen zu gehen – trug nen schwereb Laptop mit  Schlafzeug und Kamera, die ganze Zeit. Als ich dann völlig zermürbt die Wohnung meines Freunds betrat, wägte ich ab, ob es nicht vielleicht besser sei, nicht hinzugehen. Ich überließ diese schwierige Entscheidung dem Zufall. In meiner Facebook-Kontaktliste befand sich ein junges Mädchen, das keine Karte hatte. Meine Idee war: Falls sie jetzt zufälligerweise online ist und annimmt, wenn ich ihr vorschlage, die Karte für fünfzehn Euro auf den letzten Drücker abzukaufen, bleibe ich hier. Allein wenn dieser unwahrscheinliche Fall eintrifft! Und was soll ich sagen, es ist tatsächlich geschehen. Sie war überglücklich und stieg sogleich in den Zug, um die Karte abzuholen. Eigentlich bin ich keine große Konzertgängerin, doch dieses Mal glaube ich, einen großen Fehler begangen zu haben. Dieses Gefühl beschlich mich bereits, als ich den Vorschlag unterbreitete. Offenbar war der Auftritt wirklich großartig. Nicht nur, weil das Mädchen bis zum Umfallen schwärmte und sagte, wie glücklich ich sie gemacht hätte, sondern auch, weil ich am nächsten Tag ein Live-Album Yann Tiersens hörte – das hatte ich vor dem Konzert nämlich nicht getan. Was ich daraus endlich gelernt habe: Man(Ich) trifft prinzipiell die falschen Entscheidungen.

Es versteht sich von selbst, dass ich zum Abschluss einen Yann Tiersen-Song einbette. Die Visualisierung habe ich übrigens gemacht. Ist ein wenig schmucklos aber immerhin stimmig.

Advertisements