Kunst trägt keine Pailletten

von romantischverklaert

Momentan fühle ich mich unglaublich fade. Kein Reiz vermag in mir etwas auszulösen. Selbst der Gedanke ans Ficken erweckt keine schlüpfrigen Gelüste. Was ist los? Das kann ich nicht sagen, ich weiß nur, dass diese Tristesse einsetzte, als ich mein Buch beendete. Ach herrje, da fällt mir ein, die Fertigstellung meines Buches noch mit keinem Artikel gewürdigt zu haben. Wirklich ein Schande, und, wenn ich’s mir mal so überlege, auch irgendwie bedenklich. Na ja, dann fange ich mal an zu erzählen: Mein Roman trägt den Arbeitstitel Bitte sei nicht Luzifer!  (kurz: Hedonistenbuch). Angefangen hat alles mit meinem zweiten Buch, Judith Koukoulé kommt in die Hölle (kurz: Höllenbuch), das ich etwa zur selben Zeit im Juli 2009 fertig schrieb. Statt es einer Überarbeitung zu unterziehen, die es dringend gebraucht hätte, schickte ich es ohne viel Aufhebens an den S.Fischer Verlag. Ich war von vornherein wenig optimistisch und zufrieden mit dem, was ich produziert hatte, sodass ich zum einen keine großen Hoffnungen hegte, eine Zusage von S. Fischer zu bekommen und zum anderen gar nicht erst den Aufwand betrieb, die Geschichte weiteren großen Verlagen zukommen zu lassen. Unterdessen begann ich bereits mit den Arbeiten am Hedonistenbuch, das sich anfänglich recht zügig entwickelte. Schon auf den ersten Seiten ließ sich ein Niveauunterschied zwischen Hedonisten- und Höllenbuch erkennen, was sich vor allem am Schreibstil bemerkbar machte. Irgendwann ließ ich einen engen Freund, der das jetzige Werk auch lektorierte, das Höllenbuch lesen. Sobald er fertig war, bestätigte er lediglich meinen Verdacht: Große Bearbeitung, sonst wird’s ganz schwer. Er fing bereits mit den Korrekturen an, als ich nach einigen Überlegungen beschloss, den Roman später einmal neu zu verfassen. Da ich bereits mitten in den Arbeiten meines Hedonistsenbuches steckte, erachtete ich es als sinnvoller, dieses zunächst zu beenden, ehe ich mich wieder dem Höllenprojekt zuwendete – das ohne jeden Zweifel, wenn ich es richtig anstelle, großes Potenzial hat. Das schreibe ich so leicht daher, dabei ging es mir zu der Zeit nicht gut mit dieser Entscheidung. Da hatte ich ein Jahr lang beflissen geschrieben und erbittert daran gearbeitet, und dann hieß es plötzlich für mich, das ganze später noch einmal zu wiederholen.  Filme und Medien haben den Leuten die Vorstellung eingegeben, dass Schriftsteller, sowie sie sich an die Schreibmaschine setzen, infolge eines kreativen Ausbruchs zehn bis zwanzig Seiten schreiben.. Das hat allerdings rein gar nichts mit der Wirklichkeit gemein. Tatsächlich ist es so, dass man die meiste Zeit an einem Roman schreibt, weil eine Art Pflichtgefühl einen dazu auffordert. Eher selten geschieht es, dass die Lust dem Schreiberling einen Schub versetzt. Du sitzt vor dem Bildschirm, starrst auf das, was du als letztes verfasst hast, und überlegst, was Du als nächstes schreibst. Das große Problem besteht jedoch nicht darin, sich den weiteren Fortgang der Geschichte/Szene auszuspinnen, sondern darin, sie in schöne und treffende Worte und Sprachbilder zu verpacken – sofern man einen gewissen Anspruch hat. An einem Tag kriegst Du lediglich drei, vier Zeilen, maximal eine Halbe Seite aufs digitale Papier, an einem anderen Tag eineinhalb Seiten. Letzteres ist ein erquickendes Erlebnis und das umso mehr, wenn man daneben auch noch andere Dinge, die einem von Wert sind, bewältigt hat. Du fühlst dich dann unheimlich produktiv und findest das, was Du literarisch geschaffen hast, gut, bisweilen auch vielversprechend. Diese positive Empfindung verflüchtigt sich jedoch schnell, spätestens am nächsten Tag, wenn Dir mal wieder wenig bis gar nichts gelungen ist. Kunst ist eine der verklärtesten Sachen der Welt. Mit Kunst wird Freiheit, Liebe, Zigaretten, Kaffee, Farbkleckse, Unordnung und provisorische Regale assoziiert, die allein aus Backsteinziegeln und alten Brettern zusammengezimmert wurden . Wer sich der Kunstproduktion verpflichtet hat, weiß es nach einiger Zeit allerdings besser. Kunst zu schaffen ist eine masochistische Wollust. Es hat wenig mit Spaß zu tun, noch weniger mit Freiheit.  Bringst Du nichts fertig, zieht es Deine Stimmung unweigerlich in den Abgrund. Für Schöpfer ist Kunst ein Zwang, dem sie sich nicht entziehen können. Die meisten Künstler können nicht leugnen, dass die Menge, die sie produzieren, ebenso wichtig ist wie die Qualität ihrer einzelnen Kreationen. Bist Du ein Künstler, also ein wirklich aufrichtiger Künstler, willst Du im Idealfall womöglich ein umfangreiches Werk schaffen. Viel geht mit viel Arbeit einher, und viel Arbeit passt bei den wenigsten mit der Lust überein – mich eingeschlossen. Zumeist ist weniger Lust als Arbeit vorhanden, und so kommst Du nicht umhin, deinen Schweinehund zu überwinden und Strategien zu entwickeln, die Dir helfen, den Strick, wiewohl du dich matt fühlst, nicht loszulassen. Nur so kann man die Stagnation und den damit einhergehenden Rückschritt vermeiden.  Zuweilen erreichst Du jenen peinigenden Zustand der Resignation, in dem Du alles eine überflüssige Marter empfindest, von der du meinst, sie bringe sowieso nicht die Früchte hervor, die Du emsig versuchst zu züchten. Entweder liegt dem eine unerwartete negative Kritik bezüglich eines Absatz/einer Szene zugrunde, die Du Augenblicke zuvor bereits für Nobelpreisverdächtig hieltest oder ein fortwährendes Misslingen dessen, was Du zu erreichen anstrebst. Wenn Du derartiges erlebt hast, weißt Du, dass Kunstschaffung meistens quält. Am schlimmsten ist es, wenn man sich noch im Stadium des Hungerskünstlers befindet. Kunst ist der Religion in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Beides ist verklärt, vom Pathos dominiert, zu seinen eigenen Gunsten zurechtgelegt und interpretiert. In einem sind sich beide allerdings absolut identisch: Bigotterie. Nein, Kunst ist nicht bigott, sondern lediglich Kunst, sowie Religion nur Religion. Anderes hingegen sind die Anhänger, welche nämlich überwiegend die schlimmsten Heuchler und scheinheilige Gutmenschen sind. Es ist sehr leicht, einen wahren Künstler zu erkennen und solch einen, der gerne einer wäre und irgendwelchen Idealen nacheifert, die er für Schöpfer und Kunst als charakteristisch befindet.  Letztere entlarven sich selbst als Möchtegerns, indem sie mit bereiter Brust äußern und dafür einstehen, man solle die Kunst der Kunst wegen machen und nicht wegen des Erfolges. Totaler Kuhmist – zumal es jene sind, die, sobald sie eine Chance sehen, nicht anderes tun, als sich wie von Sinnen zu engagieren; Das, was aufrichtige Künstler permanent tun, die nicht verhehlen, vorwiegend große Erfolge und Unsterblichkeit anzustreben, ohne dass erst eine Möglichkeit an ihrer Tür anklopfen muss. Warum ist es weniger gut, Kunst vornehmlich wegen des Erfolges zu schaffen? Wer bestimmt darüber? Meines Erachtens ist das alles nur falsche Eitelkeit und Bigotterie, die auf das verklärte Bild der Kunst basiert. Man wird in dem Glauben erzogen,  es ginge bei Kunst allein um die Kunst und Erfolge seien für den Künstler weniger ein Ziel als ein angenehmer Nebeneffekt. Werte, und das sage ich nicht Revolutionäres, sind lediglich eine Frage der Erziehung. Es gibt keine schlechteren oder besseren. Wenn jemand künstlerisch aktiv ist, um Ruhm zu erringen, ist es für mich nicht weniger gut oder schlecht als jemand, der ausschließlich in seinem stillen Kämmerchen arbeitet und seine Kreationen nur einem überschaubaren Kreis zugänglich macht. Da fällt mir gerade eine nette Anekdote ein: Ein Musiker, ich weiß nicht mehr wer, wurde von einem Moderator von Radio eins interviewt. Nach einigem Blabla ließ der Musiker irgendwann die üblichen Phrasen vom Tisch, denen zufolge für ihn Erfolg völlig irrelevant sei und es ihm ja nur um die Musik ginge. Da fragte dann der Moderator: Warum schicken Sie uns und anderen Material von Ihnen? Darauf wusste der Künstler nichts mehr zu sagen, er war mundtot und lachte nur verlegen. Ganz peinlich. Die Sache ist doch einfach die: Es ist doch völlig natürlich, dass ein Musiker Hörer, ein Maler Beobachter und ein Schriftsteller Leser will. Kurz gesagt, man wünscht sich einfach ein Publikum. Das macht die Kunst nun einmal aus und meines Erachtens ist es auch das, was die Produktion überhaupt erst erstrebenswert macht.  Schließlich ist Kunst auch nur eine Form der Produktion, der man nachgeht, um das jeweilige Produkt vielen schmackhaft zu machen und solchen, ‚die etwas von Qualität verstehen‘. Alles für die Lorbeeren. Je größer das Publikum desto vielfältiger die Betrachtungen, Urteile, Gefühle und dergleichen. Kunst ist nun einmal nichts anderes als Wettbewerb und Disziplin; infolgedessen auch so quälend für den Schaffenden.

Ach, bin ich ja total abgedriftet…  ich höre gerade Lovefool von The Cardigans. Heute kam mir der Gedanke, über eine Person zu schreiben, die einen nicht nachvollziehbaren Hass auf die Cardigans schiebt und sie zu ihrem Feindbild erklärt. Die Idee ist lustig, für meine Ansprüche allerdings zu poppig, als dass ich ein Buch darüber verfassen würde… in einem Film wäre es für mich etwas anderes. Nun, ich wollte ja eigentlich über mein Hedonistenbuch schreiben. Na ja, ein Jahr dauerte der Prozess. Vor kurzem habe ich auch den restlichen großen Verlagen etwas zukommen lassen. Es ist das erste Mal, dass ich an mehreren Verlagen etwas geschickt habe. Später mal mehr… ich hab‘ kein Bock mehr zu schreiben. Aber ich muss endlich wieder anfangen…. unbedingt… es will einfach nicht kommen, noch nie ist es mir so schwer gefallen, mich zu überwinden…

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