Ein Essay über Marquis de Sades Utopie des Bösen

von romantischverklaert

Momentan lese ich von Marquis de Sade Justine oder die Leiden der Tugend. Es ist in vielerlei Hinsicht absolut grausam. Grausam vor allem insofern als sie den Menschen und die Bigotterie der Tugend, die wir so anbeten und verklären, entlarven. Justine ist die Verkörperung vollkommener Tugend. Nach dem Tod ihrer Eltern und der Trennung von ihrer Schwester, die sich für ein lasterhaftes Leben entscheidet – das ihr, wie man im Folgeroman Juliette verfolgen kann, Reichtum und Glück beschert -, wählt Justine den Weg der Tugend. Dabei erlebt sich jedoch nur eine Reihe Abenteuer, in denen sie fürchterlichen Erniedrigungen ausgesetzt ist. Ihre diabolischen Peiniger hingegen, die das lasterhafte Leben anpreisen, erlangen durch ihre Gräueltaten, wie die verdorbene Juliette, Reichtum und Glück. Die sinnfällige Moral Sades ist, dass sich Verbrechen und Schandtaten bezahlt machen und das, was wir unter dem Guten verstehen, als solches nicht existiert, da das Gute in Wahrheit nur manieriert und falscher Stolz der Gesellschaft ist und den einzelnen lediglich das Unglück garantiert.
Sade scheint darum bemüht, die Leser durch die Argumentationen seiner grauenhaften Heldenfiguren zum Atheismus, Materialismus, Naturalismus, ethischem Egoismus und Amoralismus zu bekehren. Das erstaunliche ist, dass man seinen dichten, ausgedehnten Argumentationen zunächst einmal kaum etwas entgegen setzen kann. Seine Figuren treten dafür ein, sich selbst zu desensibilisieren, indem Emotionen wie Angst und Mitgefühl, im großen und ganzen das Gewissen, ertötet werden; um das einzige Wahre in einem, nämlich die Wollust, im vollen Ausmaß auskosten zu können. Was im ersten Moment aberwitzig klingt, schafft Sade mit spitzfindigen Begründungen zu rechtfertigen. Dabei beinhaltet eines seiner Hauptargumente, dass die Natur nichts Sinnloses erschaffe, geschweige denn einem Lebewesen eine Fähigkeit eingebe, die ihr schädigen würde, und der Tod des einzelnen unerheblich sei, da es sich bei der Verwesung des Körpers nur um einen notwendigen Übergang in biologische Kreisläufe handele, aus der die Natur die Energie für ihr Bewegungen gewinne – womit seine Figuren Morde als erforderlich erklären.
Auch wenn es in meinen kurzen Schilderungen nicht ersichtlich ist: Wer das Buch gelesen hat, wird bereits nach dem ersten Kapitel mit einem ausnehmend unbehaglichen Gefühl konstatiert haben, dass er mit vielem gar nicht so unrecht hat. Mich hat es zumindest sehr verstimmt, derart, dass ich nach Argumenten suchte, die die seinen  entkräften.
Es ist absolut richtig, dass die Natur nichts Sinnloses erschafft. Allerdings hat Sade dabei einen wesentlichen Aspekt übersehen oder vllt. auch nur einfach ignoriert. Wenn für die Natur nichts Sinnloses existiert, betrifft das auch unmittelbar das limbische System, in dem nicht nur unser Triebverhalten sondern auch unsere Emotionen anässig sind. Ich glaube, dass die Fähigkeit zur Empathie, zur Anteilnahme und zum Mitgefühl keine zufälligen Begleiterscheinungen des Menschseins sind, sondern Maßnahmen der Natur,  um unsereins daran zu hindern, sich, wie von Sade postuliert, am Leben anderer durch Mord und Misshandlungen zu vergehen bzw. sich einmal den Erdball herum abzumetzeln. Selbstverständlich ist unser Verhalten an äußere Umstände bedingt, das von Klima, Ort, Gesetzen, Erziehung etc. geformt wird. Ein bezeichnendes Beispiel hierfür stellt das dritte Reich dar. Waren sämtliche SS-Männer, die die Juden massenweise in Konzentrations- und Vernichtungslager ermordeten, böse, gewissenlose Menschen? Oder wurde aus normalen Menschen deshalb Verbrecher, weil es innerhalb des nationalsozialistischen Systems nicht nur als legitim, sondern als eine nationale Notwendigkeit und heroisch galt, sich am Vernichtungsfeldzug gegen Juden usw. zu beteiligen? Unser Gewissen ist und wird von den bestehenden Gesetzen geleitet – Dabei entstanden die Gesetzte ganz ursprünglich aus dem Gewissen, das seinen Ursprung wiederum im limbischen System hat. Natürlich gab es unter den SS-Leuten auch solche, die eine krankhafte Befriedung daraus zogen, Menschen zu foltern und zu töten. Wissenschaftlern zufolge war die Anzahl derer jedoch überschaubar. Die meisten waren gewöhnliche Menschen, die sich nicht an den von ihnen begangenen Verbrechen labten, sondern vollkommen indoktriniert und außerstande waren, einzusehen und anzuerkennen, dass das Gesetz, auf dessen moralische und ethische Grundsätze sie sich beriefen, versagte. Sade würde über die Verbrecher der NS-Zeit sagen, es sei ihnen gelungen, ihr Gewissen zu ertöten. Das stimmt jedoch keinesfalls. Es war nur der bestehende moralische und ethische Maßstab jener Zeit, der den SS-Männern ermöglichte, das Morden mit ihrem Gewissen zu vereinbaren. Es müssen übrigens noch jene SS-Männern erwähnt werden – auch wenn es sich dabei um eine überschaubare Minderheit handelte -, die ihren eigenen Tod der Beteiligung an der Vernichtung, die die Grundlage ihrer Daseinsberechtigung darstellte, vorzogen.
Menschen wie Sophie und Hans Scholl opferten ihr Leben, da ihr Gewissen die Gesetze verneinte; Verfolgte versuchten das Leben ihrer Familienangehörigen zu retten; Attentate wurden auf Hitler verübt; Juden wurden versteckt; Oskar Schindler gab all sein Hab und Gut her und riskierte es zu sterben, um mindestens eintausendzweihundert Juden vor Auschwitz zu bewahren.
Die Befriedigungen der Leidenschaften ist nach Sade die einzige Voraussetzung für das Glück. An Nächstenliebe glaubte er nicht, weil er den Menschen als durch und durch egoistisch erachtete, und somit annahm, das Handlungen ausnahmslos aus Eigennutz begangen werden. Die Freude der Wohltätigkeit, so Sade, sei nur die Wollust des Stolzes. So gesehen gab es für ihn nie etwas Gutes im Menschen, da er selbst barmherzige Taten lediglich aus der Eitelkeit des Individuums ableitete. Das kann man auch, aber nur eben nur bedingt. Jeder hat ein Gewissen, doch niemand kann es zerstören. Nächstenliebe ist keine Utopie der Religionen, sondern tatsächlich vorhanden. Das allgegenwärtige Böse jedoch, die Annahme, dass es lediglich der Befriedigung der Wollust bedarf, um Glück zu erlangen, die emotionale Erfüllung hingegen völlig unerheblich sei, ist Utopie.

 

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