Vietnamesische Schweine in Neuruppin

von romantischverklaert

So oder so ähnlich… Moment, der Ansatz ist falsch. Also: Gestern war ich mit meiner Familie im Tierpark. Das ist beinahe ein kleines Highlight für mich, verlasse ich doch sonst nur selten die Wohnung. Das liegt nicht unbedingt daran, dass ich ein klassischer Nesthocker bin, der sich vom Laptop nicht losreißen kann. Hier, in der Provinz, ist es für meine Maßstäbe schlicht ergreifend trist, und ich habe so allmählich das Gefühl, wahnsinnig zu werden. Am Mittwoch entschloss ich mich kurzerhand zu einem Spaziergang, der sich insgesamt über vier Kilometer erstreckte. Da ich das Seeufer, das sich für einen Bummel eignet und sich direkt vor meiner Haustür befindet, bereits gefühlte hunderttausend Mal entlang gelaufen bin, nahm ich Kurs auf den Stadtpark; der einzige noch verbleibende Ort, der Spazierqualität besitzt. Das war’s dann auch: Seeufer, Innenstadt, Stadtpark, Tempelgarten… hier gibt es im Grunde genommen nichts, was man unternehmen könnte, wenn man nicht gerade zu Besuch ist. Nicht einmal die Möglichkeit einer Verabredung besteht, da alle, die so etwas wie Potenzial besaßen, bereits weggezogen sind und sich ins Leben gestürzt haben. Für die Jugend, die geistige Qualifikationen hat und in der Provinz lebt, ist klar, dass das Leben anderswo ist. Nun, da ich diesen Schritt allerdings noch nicht gegangen bin, begnügte ich mich mittwochs zunächst mit dem Stadtpark. Momentan hab ich es gern, draußen zu sein, wenn die Sonne scheint. Sonnenlicht ist meine derzeitige Voraussetzung, um die Welt um mich herum zu genießen. Als ich loslief, war ich lächerlicherweise sogar stolz, spontan eine lange Strecke, wie ich es seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe, zu laufen. Letztlich war es aber ein Reinfall. Bin ich draußen, laufen vor meinem geistigen Auge die  erquickendsten und aufregendsten Szenarien ab, wobei nicht selten auch Ideen für mein Buch, an dem ich gegenwärtig arbeite, oder spätere Projekte abfallen. Doch ausgerechnet jetzt, da ich mich aus freien Stücken nach draußen begab, wollte sich in meinen Gedanken nichts abspielen, keine Fantasie, keine Idee, keine Verzückung. Darüber hinaus verdeckte der Himmel, sowie ich hundert Meter lief, die Sonne, was der Atmosphäre sämtliche Behaglichkeit nahm. Dennoch hielt ich konsequent Kurs, allerdings nur wegen eines schleierhaften Pflichtgefühls. Schon nach fünfhundert Metern begann sich die Haut von meinem Hacken zu lösen, was den neuen, wunderbaren Schuhen geschuldet war, die noch nicht hinreichend eingelaufen waren. Das sollte mich auch während meines gesamten Spaziergangs belästigen, immer wieder musste ich anhalten, um das Taschentuch, das ich notdürftig zum Schonpolster umfunktioniert hatte, zurecht zu rücken. Genützt hat’s trotzdem nix, erschöpft – da ich Bewegung nicht mehr gewohnt bin- ging ich in die Wohnung, öffnete meinen Schuh und erblickte sogleich meinen blutgetränkten Socken – der Schuh hat aber nichts abgekriegt! Das war’s aber schon auch… es war kein guter Tag, ab dann hat mein Rechner nämlich richtig angefangen, rumzuspinnen, und die unsägliche Spinnerei hält bis jetzt an. Highlight Nummer zwei ist, wie am Anfang bereits erwähnt, die Visite im Tierpark, die ich gestern mit meiner Familie unternommen habe. Es ist insofern ein größeres Ereignis, als sich zum einem darüber mehr erzählen lässt und ich zum anderen einen Waschbären die Hand gegeben habe. Für meine geringen Maßstäbe war es aber tatsächlich recht unterhaltsam, ich beschimpfte ein Eichhörnchen, dass am Gitter so schnell hin und her kletterte, das ich kein ansprechendes Foto knipsen konnte, hätte beinahe eine Horde gerieger Ziegen zum Ausbruch verholfen, wippte mit meinem Neffen, betörte einen jungen Dammhirsch mit Liebkosungen und fieberte anschließend, als ich schon wieder Zuhause war, mit Lena Meyer-Landrut beim Grand Prix, den sie mit einer nahezu lachhaften Leichtigkeit gewann. Als wir uns gestern dem Schweinegehege näherten, sagte meine Mutter – oder vielleicht auch mein Vater, ich weiß es nicht mehr-, es seien keine Schweine aus der Umgebung sondern Vietnamesische. Ich lachte auf und bemerkte amüsiert, Vietnamesische Schweine in Neuruppin, oh, so nenne ich mein nächstes Buch! Tatsächlich aber nahm ich mir vor, einen Artikel darauf zu taufen – übrigens war es auch die Triebfeder, dieses Blog zu gebären-, ohne, dass es einen klaren Bezug zum Text hat.

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