romantisch verklärt

„Du bist ein Klempner mit vielen Talenten“

Pandemie. Was sollte ich dazu noch großartig schreiben? Jeder Mensch auf diesem Planeten weiß, was 2020 definiert hat, da COVID-19 unser aller Alltag bestimmt. Und noch weiter bestimmen wird. Kein Präsenzunterricht, keine Lesungen, keine Feiern, keine Barbesuche, keine Sex-Dates. Für genusssüchtige Personen war das ein Jahr, das einen so unbefriedigt zurücklässt wie alkoholfreier Wein.  Immerhin: Es ist kein Verzicht, an dem man verrecken kann.
Für mich selbst hatte 2020 seine guten Momente, wobei die Enttäuschungen, die damit verbunden waren,  überwiegen. Wenigstens habe ich jedoch einen Weg gefunden, einen Nutzen daraus zu ziehen. 2021 werdet ihr im Programm des Frohmann Verlags sehen, inwiefern. Nur so viel sei verraten: Noch nie habe ich so wenig Schreibzeit für ein Buchprojekt benötigt. Das liegt einerseits natürlich daran, dass das aktuelle Manuskript rund 200.000 Zeichen schmaler ist als etwa Die Große Glocke (ca. 500.000 Zeichen), andererseits aber auch daran, dass ich noch zügiger arbeite als sonst. Mein aktuelles Buch ist wie eine schriftstellerische Fingerübung, ein Urlaub von so abenteuerlichen und handwerklich komplizierten Unterfangen wie meine queere Bibel übers Bergeversetzen. Was mit der Großen Glocke nun eigentlich ist?
Nun, die liegt in der Schublade und wird dort noch eine Weile verweilen. Die Suche nach einem geeigneten Verlag gestaltet sich erwartungsgemäß als schwierig, obwohl ich zu Hundertprozent von dem Buch überzeugt bin. Es ist fantastisch geworden, die Geschichte ist großartig und das sprachliche Handwerk sowieso. Ich weiß es einfach, weil ich mir selten einer Sache so sicher gewesen bin.
2020 hat mir darüber hinaus auch gezeigt, dass die Anschaffung der Nintendo Switch eine meiner weisesten Entscheidungen der letzten Jahre war. Super Mario Maker 2 und Zelda: Breath of the Wild sind Spiele, die mein Leben bereichert haben. 
Und wie steht’s mit dem Lesen? Es ist ja nichts Neues, dass ich kaum noch dazu komme, mir Bücher zu Gemüte zu führen. Dennoch will ich auch 2020 meine Tradition fortsetzen, eine Zusammenfassung sämtlicher Lektüreerlebnisse zu veröffentlichen. Los geht’s.

Viktor KlempererLTI – Notizbuch eines Philologen

Darüber muss nicht mehr viel geschrieben werden. Wer Sprache als Mittel zur Wahrnehmungssteuerung vestehen will, kommt an Klemperer nicht vorbei. Hab’s für meine Hausarbeit über den Rekurs der AfD auf die LTI gelesen.

Manja PräkelsAls ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Meinen Büchergutschein eingelöst, um mir endlich Präkels vielfach prämierten Roman anzuschaffen – nicht, dass Preise irgendeinen Einfluss auf meine Kaufentscheidung hätten. Ich habe zuweilen sehr gelacht und mit gefiebert … und dennoch nie einen richtigen Zugang zum Buch gefunden. Ich kann nicht sagen, woran es lag. Irgendetwas an der Art des Erzählens hat mich ermüdet. Mein Hader ist unterdessen ein ganz persönlicher und nicht als Qualitätsurteil zu verstehen. Von daher: Lest dieses Buch.

Virginie DespentesKing Kong Theorie 

King Kong Theorie ist einer der empowerndsten Texte, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Vor allem von Despentes sprachlicher Wucht war ich sehr angetan. Kritisieren lässt sich vielleicht die Essentialisierung in Hinblick auf angeblich „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften (ein ausdrücklicher Verweis auf Sozialisation wäre wünschenswert gewesen) und die doch überwiegend binäre Analyse (könnte dem Alter geschuldet sein, 2006 hatten Genderdiskurse noch kaum Präsenz). Nichtsdestotrotz noch ein sehr aktueller und starker Essay. Habe ihn sehr gerne gelesen.

Mika MursteinI’m a queerfeminist cyborg, that’s okay.

Wer sich über Ableismus, Klassismus und Merfachdiskirminierung informieren möchte, dem sei Mika Mursteins „Backsteinbuch“ wärmstens empfohlen. Das Buch ist zunächst einmal groß und schwer, liegt daher also nicht unbedingt gut in der Hand; das fällt allerdings nicht weiter ins Gewicht, wenn man einen Blick hineinwirft: Murstein hat sich im Sinne der Barrierefreiheit nämlich für eine besonders große Schrift entschieden und erklärt im Weiteren alle grundlegenden Begriffe, die im queerfeministischen Diskurs wie selbstverständlich gebraucht werden – fand ich, obwohl ich selbst Gender Studies im Nebenfach studiere, sehr hilfreich. Man bekommt Einblicke in Mursteins Biografie –  sehr interessant, aber auch bedrückend –, in Diskurse über Ableismus – der, wie sich beim Lesen schnell herauskristallisiert, stets mit anderem Ismen verwoben ist – und Gedankenspiele, wie disablesierte Menschen den gleichen Platz in der Gesellschaft behaupten können wie ablesierte Personen, ohne auf herkömmliche Inklusionsstrategien zurückzugreifen.
Einen kleinen Kritikpunkt bekommt der Text für die umständliche Art des Genders, die das Bemühen, barrierefrei zu sein, hier und da konterkariert. Es wäre möglich gewesen, einfacher zu gendern, ohne Abstriche bei der Inklusion machen zu müssen. Aber okay, Murstein ist kein_e Linguist_in.
Auch hätte ich mir für dieses Buch ein besseres Lektorat gewünscht. Mir ist unterdessen bewusst, dass die Lektüre in einem Verlag (edition assemblage) erschienen ist, der aktivistisch unterwegs ist und sich den Luxus, eine_n erfahrene_n Lektor_in zu beschäftigen, nicht leisten kann. Von daher lässt sich darüber hinwegsehen. Alles in allem habe ich beim Lesen dieses Buches wahnsinnig viel gelernt. Daher wünsche ich mir sehr, dass es mehr Sichtbarkeit bekommt, denn der Text sowie das Thema an sich, das, wenn überhaupt, maximal stiefmütterlich von Verlagen behandelt wird, haben es verdient. Mehr als das sogar.

Katja PetrowskajaVielleicht Esther

Es war einfach nicht mein Buch. Dabei habe ich mich im Vorfeld sehr auf die Lektüre gefreut. Was mich genau gestört hat, kann ich nicht genau benennen. Vllt. war es diese bemühte Gleichzeitigkeit von Berichterstattung/Reportage und Narration, die für mich nicht funktioniert hat – und ja, ich weiß, die meisten werden mir an dieser Stelle schlagartig widersprechen, allerdings lässt sich ein Gefühl ja auch nicht einfach wegargumentieren; oder schlicht nur jene altbackene Sprache, die hochliterarisch klingt, nach meinem Dafürhalten aber nicht allzu weit entfernt davon ist, manieriert zu sein. Was auch immer es letztlich gewesen sein mag … ich musste mich durch den Text kämpfen – und das bei einer Thematik, die mich eigentlich so sehr bewegt. Da ich unterdessen weiß, dass meine Meinung nicht viele teilen werden, muss man auf sie möglicherweise nicht viel geben. Von daher: Schlagt zu.

Miriam ToewsDie Aussprache

Ein Buch, dem ich ambivalent gegenüberstehe. Basierend auf einer wahren Geschichte beraten sich innerhalb von 48 Stunden die mennonitischen Frauen aus Molotschna, die von den Männern der Kolonie betäubt und missbraucht wurden (nicht einmal die Kinder blieben verschont), wie sie mit den Vorfällen umgehen. Sollen sie bleiben und weitermachen, als wäre nie etwas passiert? Oder gegen die Männer kämpfen? Oder Molotschna verlassen und ein neues Leben in der Fremde wagen ohne Männer?
Es ist ein wenig so, als läse man ein Theaterstück. Formal und wegen der Eigenwilligkeit des Erzählens fühlte ich mich zuweilen an Yann Martels „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts erinnert“ (Englisch: Vergil and Beatrice). Beide Romane haben wegen ihrer Dominanz der Dialoge etwas ausgesprochen Bühnenhaftes. Während es bei Martel allerdings nicht zuletzt um die Metaebene geht (Wir kann man über den Holocaust sprechen?) und er mithin ein Theaterstück in die Rahmenhandlung einbettet, fußt die Dialogstruktur in Toews Buch auf der Form eines Protokolls, das der Erzähler August Epp auf Wunsch der Frauen führt – sie selbst sind dazu wegen ihres Analphabetismus nicht imstande. Ich mochte diese Art der Narration, der Text hatte dadurch nicht nur etwas Eigenwilliges, sondern auch gewissermaßen Wundersames an sich.
Gleichzeitig liegt in der Protokoll- und männlichen Erzählperspektive ein großer Schwachpunkt, wenn man den Text vor dem Hintergrund feministischer Diskurse kontextualisiert. Zwar gibt die Binnenlogik des Romanes durchaus her, einen Typen Bericht erstatten zu lassen; und dennoch ist die Entscheidung unglücklich wegen seines unfreiwilligen Subtext, der da lautet: Es braucht (mal wieder) einen Mann, der den Frauen eine Stimme gibt, sie lesbar und zugänglich macht für die Rezipient*innen. Ohne ihn erführe niemand ihr Schicksal, ja sie existierten gar nicht. Sie werden, während er ihnen Gehör verschafft, in dessen Abhängigkeit geschrieben, womit das biblische Motiv, das Eva aus Adams Rippe geschaffen wurde, einmal mehr reproduziert wird. Obendrein ist da auch noch dieses unnötige Thematisieren seiner romantischen Gefühle für eine der Protagonist*innen, das nicht nur keinen adäquaten erzählerischen Beitrag zum Kern der Geschichte leistet, sondern auch ablenkt von dem Verbrechen, das im Roman verhandelt werden soll.
Meine zweiter Kritikpunkt beinhaltet möglicherweise einen Spoiler (Von daher: Obacht ab hier!), wobei im Roman bereits sehr früh klar wird, welcher der drei oben erwähnten Optionen die Molotschna-Frauen zugetan sind; und das ist das Verschwinden und Neubeginnen. Schnell sind sie sich einig, dass bleiben und über die Vorfälle hinwegsehen keine reale Alternative darstellt. Bliebe noch die Option zu kämpfen. Doch bis auf eine bärbeißige Protagonistin verwerfen auch diesen Gedanken alle Frauen recht schnell wieder. Kampf bedeutet schließlich Gewalt, und Gewalt ist unvereinbar mit ihrer Religion. Ich fühlte beim Lesen eine ziemliche Ernüchterung, auch wenn an dieser Stelle die Binnenlogik des Romans neuerlich greift. Nach dem Unrecht, das den Frauen widerfahren ist, wäre ein Aufbegehren ihrerseits durchaus nicht unangebracht gewesen. Schließlich wissen doch zumindest alle, die strukturelle Gewalt erfahren, dass lieb bitte, bitte sagen in der Regel nichts bewirkt, sondern nur Widerspruch, Wut und Revolution. In der Geschichte allerdings wird Kämpfen fast von vornherein als Möglichkeit ausgeschlossen. Ihre Religion gebiete Vergebung, keine Gewalt und Rache. Und somit wird das christlich-abendländische Dogma, selbst bei furchtbarsten Taten drüber zu stehen, zu ertragen, ja zu vergeben und bloß keinen Funken abgründigen Hass zu empfinden, reproduziert. Schwierig. Hätte man trotz des Mennonit*innenkontext sicher besser lösen können.
Es muss jedoch erwähnt werden, dass das Zusammenkommen, gemeinsame Beratschlagen, Abstimmen und die selbstbestimmte Aneignung der Zukunft wiederum sehr emanzipatorisch ist. Ich sagte ja: Ich bin zwiegespalten. Aus literarischer Sicht ist „Die Aussprache“ sehr interessant und gelungen; aus feministischer Perspektive jedoch tappt Toews in einige allzu bekannte Fallen. Lest es allerdings selbst, es lohnt sich.

Oyinkan BraithwaiteMeiner Schwester, die Serienmörderin

War, glaube ich, das erste Mal, dass ich ein Buch wegen seines Covers gekauft habe. Und es war kein schlecht investiertes Geld. Ob man’s unbedingt als teures Hardcover haben muss, sei dahingestellt. Habe mich aber zumindest sehr gut unterhalten gefühlt. Wer allerdings feministische Lektüre erwartet, wird enttäuscht werden, ist doch der Roman ein klassisches Beispiel dafür, wie Verlage aus Marketingerwägungen Bücher vor dem Hintergrund politischer Trendthemen verschlagworten, sei’s drum, ob’s passt oder nicht.

Ottessa MoshfeghMein Jahr der Ruhe und Entspannung

Das Buch scheint schon seit längerem in aller Munde zu sein. Aufgefallen ist mir das allerdings erst, als ich es selbst bereits las. Story: Eine Frau beschließt, einen Quasi-Winterschlaf zu halten, indem sie sich ein Jahr lang mit Pillen sediert. Moshfegh stellt sich also der so großen wie spannenden Herausforderung, Stillstand zu erzählen. Dramaturgisch löst sie das klassischerweise dadurch, dass sie Filler aus Erinnerungen, Analysen und Komik verwendet. Restlos überzeugt hat mich das nicht, und dennoch hat dieses Buch eine so starke Sogkraft, dass ich es gerne und schnell durchgelesen habe. Habe nicht selten sogar gelacht, obwohl oder gerade weil die Erzählerin sensationell unsympathisch ist. Von daher: Anschauen lohnt sich!

Anke StellingSchäfchen im Trockenen

Sprachlich ist das Buch gut gemacht, inhaltlich ein wenig fragwürdig. Eine Frau, die sich von Klassismus maximal betroffen sieht, weil sie nicht mehr in Prenzlauer Berg wohnen kann und ihre Freund*innen bescheuerte Snobs sind … faktisch bekommt sie natürlich Standesdünkel zu spüren, doch das Ausmaß ihres Lamentos kann Menschen, die es bezüglich des ökonomischen Kapitals und Klassenhintergrund weitaus schwerer getroffen hat als sie, nur den Kopf schütteln lassen. Wohlstandsgejammere über Leute, die noch mehr Wohlstand haben.

Katja OskampMarzahn, mon amour

Woran mich das Buch mal wieder erinnert hat: Vertraue keinem Hype. Mit großer Vorfreude an die Lektüre gegangen und enttäuscht beendet. Marzahn, mon amour ist eine Ansammlung von Miniaturbiografien, in denen die an sich aufregenden Geschichten der einzelnen Protagonist*innen lediglich oberflächlich umrissen werden. Nacherzählt werden sie von einer schriftstellenden Fußpflegerin, die sich zu manch bedenklicher Formulierung hinreißen lässt, etwa wenn sie den Zitat geistigen Tiefflieger Zitatende dem Zitat Akademiker Zitatende gegenüberstellt oder eine ihrer gebeutelten Kund*innen für ihre Mentalität lobt, keine Schmerzen zu beklagen und „dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen“. Die Perspektive einer Fußpflegerin finde ich an sich ausgesprochen interessant; die Geschichten selber lasen sich für mich unterdessen wie literatisierte Wikipedia-Bios mit Einlulleffekt.

Helene AdlerDie Infantin trägt den Scheitel links

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erinnert mich die Infantin an mein junges schriftstellerisches Selbst, das sich an Sprache labte und experimentierfreudig ohnegleichen war. Leider ist mir Letzteres nicht erhalten geblieben. Vielleicht freue ich mich deswegen so, dass eine Autorin sich dieses Vergnügen am Ausloten der Sprache bewahrt hat. Ich kann alle verstehen, die sagen, sie seien von der Lektüre genervt gewesen, ging es mir hin und wieder doch ähnlich. Zugegeben: Die Infantin besticht weniger durch Handlung als durch Bildsprache. Eine Bildsprache, die nicht selten für den Bäm-Effekt überstrapaziert wird, ja insgesamt einigermaßen bemüht erscheint – so ist das eben beim Experimentieren. Beinahe jeder Satz wirkt so, als versuchte er etwas Besonderes zu sein. Klingt abschreckend? War es beim Lesen auch fast. Allerdings kreiert Helene Adler halt auch viele herausragende und teilweise saukomische Bilder, weshalb ich das Buch trotz seines Artifiziell-seins sehr geil fand. Ja, es ist bemüht; aber gleichzeitig auch gewagt und eine wohltuende Abwechslung zu erzählerischer Anpassung. Helene Adler hat Mut gezeigt und wie schön Begeisterung für Sprache aussehen kann.

„Sie spricht über ihre Eroberung, als wäre er längst ihr Ehemann oder ein soeben heimgekehrter Kriegsveteran. Sie nennt ihn Little Boy, als habe er ihr ein persönliches Hiroshima im Hirn beschert.“

Meena Kandasamy Schläge

Endlich „Schläge“ gekauft und gelesen. Und es ist ein extrem gutes Buch, wenn auch nichts für schwache Nerven. Kandasamys Protagonistin erzählt von einer Ehe, in der körperliche und sexuelle Gewalt an der Tagesordnung stehen. Freiheit in einer Situation der Enge und Ausweglosigkeit kann sie sich allein durch Kreativität und Imagination verschaffen. Ihre gedanklichen cinematografischen und literarischen Ausflüchte helfen ihr dabei nicht nur, die maximale Unterdrückung des Ehemannes zu überleben, sondern auch, sich selbst zu ermächtigen und ihre Identität als Schriftstellerin zu bewahren. Gleichzeitig ist der Roman auch als Kritik an die gesellschaftliche und politische Ordnung Indiens verstehen, in der Frauen, die von Misshandlung betroffen sind, keinen Schutz von der Justiz erwarten können, sondern bei einer Anzeige stattdessen mit Ächtung und Ausgrenzung rechnen müssen. Ein wichtiges, sprachlich überzeugendes Buch.

Anne WeberAnnette, ein Heldinnenepos

Gibt es einen Epos, der gleich zu Anfang mit einem schöneren Satz aufwartet als „Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie/Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.“? Weber hat der bemerkenswerten Anne Beaumanoir, auch genannt Annette, ein literarisches Denkmal gesetzt. Und was für eins. Diese Form gefunden zu haben, die dem außerordentlichen Leben der mutigen und idealistischen Anne Beaumanoir tatsächlich gerecht wird, ringt mir tiefen Respekt ab. Dass Weber allerdings das N-Wort verwendet, selbst wenn es „nur“ einmal vorkommt, nehme ich ihr extrem übel.

Lasst es euch gut gehen und bleibt gesund!

missgünstig vor Rührung

Und jährlich grüßt der Rückblick. 2019 hatte seine beschissenen Momente, war insgesamt jedoch so arm an dramaturgischen Höhepunkten, dass ich nicht allzu viel zu berichten weiß. Am interessantesten dürfte vielleicht noch sein, dass ich – mal wieder – die Große Glocke komplett neu schreibe und infolgedessen – endlich! muss man sagen – begriffen habe, dass man dem deutschsprachigen Literaturbetrieb so wenig wie möglich zutrauen sollte.
Ansonsten relativ promisk gelebt, was mir enttäuschende und ärgerliche Momente beschert hat. Werde ich es also bleiben lassen? Nein. Weil ich’s nicht kann.
Ansonsten weiß ich beim besten Willen nicht, was ich mir in Hinblick auf dieses Jahr noch aus den Nägeln saugen soll. Vielleicht sollte ich es einfach dabei belassen, bevor es schlimmer wird, und zu meinen Kurzrezensionen überleiten (mal wieder alles aus Facebook heraus kopiert). Habe für meine Verhältnisse dieses Jahr relativ viel gelesen – 3 Bücher allerdings nur wegen meines Seminars zu Exilautorinnen. Von daher:  Mexico! wie Super Mario sagen würde.

Anatol Stefanowitch – Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Eine kurze und knackige Streitschrift, in der Stefanowitsch – erwartbarerweise kann man fast sagen – unaufgeregt und schlüssig erklärt, weshalb PC notwendig ist, und mithin die argumentativen Lücken derjenigen, die PC ablehnen, aufdeckt. Trockene, todlangweilige Sprachanalysen gibt es keine – was mich als Linguistin muy triste gemacht hat -, stattdessen wird auf sprachphilosophischer Ebene argumentiert. Absolute Leseempfehlung (zumal es bloß 63 Seiten sind).

Lisa Kränzler – Export A

Nachdem mich ‚Nachinein‘ extrem begeistert hat und mir von allen Seiten gesagt worden war, dass „Export A“ noch besser sei, bin ich mit großen Erwartungen an das Buch herangegangen. Lisa Kränzlers überbordernde Prosa ist in guten Momenten ein Bilderrausch, der auf den Punkt genau seinen Gegenstand beschreibt, in weniger guten Momenten dagegen – und das habe ich bei ‚Nachinein‘ nicht so erlebt – um Bedeutung und Eindringlichkeit derart bemüht, dass es mich mürbe gemacht hat. So wird mir das „to-get-fucked-up“ der Hauptprotagonisten gar zu sehr überstrapaziert. Immer wieder von ihren Drogeneskapaden und mithin collagenartig aneinandergereihten Triperfahrungen zu lesen, die bildsprachlich stets ähnlich anmuten, hat mich schnell angestrengt sowie gelangweilt — ganz davon abgesehen, dass ich inmitten vieler guter Bilder einige Metaphern auch sehr schief fand. Nicht zuletzt deshalb habe ich nach 70 Seiten für ein dreiviertel Jahr mit dem Lesen des Buches pausiert. Allerdings [AB HIER SPOILERALARM]: Das Buch gewinnt für mich dramaturgisch deutlich an Qualität, als die Hauptfigur unverhofft vergewaltigt wird und aus dem bis Dato gemeinen Coming-of-Age-Roman eine Geschichte über Trauma, Selbstjustiz und Schuld wird. An dieser Stelle halte ich auch das Abdriften in Alkoholismus und Drogenmissbrauch für wesentlich besser platziert. Natürlich gibt es da zunächst den Ausgangskonflikt ‚Wildes Leben vs. Gottesehrfurcht‘, bei dem die angebliche Lasterhaftigkeit angemessen als Gegensatz zur religiösen Hingabe konstruiert werden muss. Es hätte dafür allerdings nicht gleich die Drogenkarte gebraucht, die ja im zweiten Teil des Romans passenderweise gespielt und hinlänglich ausgereizt wird. Ich kann mich also der positiven Besprechung insofern nicht anschließen, als behauptet wird, ‚Export A‘ sei „Nachinein“ qualitativ überlegen. Im Gegenteil: Meiner Ansicht nach ist „Nachinein“ sowohl in dramaturgischer als auch sprachlicher Hinsicht ausgeklügelter, besser getimed und reifer als seine Vorgängerin. Nichtsdestotrotz — auch wenn es sich nicht so liest — ist ‚Export A‘ ein empfehlenswertes Buch und weitaus besser als die meisten Debüts, die sich im Literaturbetrieb hervortun — was zuvorderst dem guten Plottwist zu verdanken ist.

Leslie Feinberg – Stone Butch Blues

Einer der sogenannten Klassiker (Übersetzung: Claudia Brusdeylins) der sehr überschaubaren lesbischen Literatur (Fuck you cis-hetereosexistischer Literatur- und Kulturbetrieb). Und eins vorab: Ein großartiges Buch, das nicht bloß für Lesben lesbar ist. Wann immer ich von der unerträglichen Gewalt las, die Butches, trans Personen und Genderqueers tagtäglich erfahren haben (Zeitraum 60er – 80er), kam ich nicht umhin, zu denken: Der Mensch ist ein widerliches Stück Scheiße. Vor allem die männliche Gewalt, zumal der Polizei (!), die im Buch dargestellt wird und auf realen Erfahrungen basiert, kennt keine Grenzen — und ist umso erschreckender, als sie allenthalben lauert. Wieviel Schaden das Patriarchat angerichtet hat (und nach wie vor anrichtet), ist nicht in Worte zu fassen. Eine (Butch)-Lesbe, trans oder schwule Person zwischen den 60er bis 80er zu sein, war akut lebensgefährlich. Nicht umsonst ist in dem Buch immer wieder davon die Rede, „irgendwie zu überleben“, selbst wenn das bedeutete, Hormone zu nehmen, um als Mann durch- und mithin Schläge, Trittte und Vergewaltigungen zu entgehen.
Wenn es in dem Buch neben all der beschriebenen Brutalität nicht auch die kleinen Momente tiefer Schönheit gäbe, etwa wenn Situationen des Zusammenhalts und der Nähe geschildert werden, hätte ich die Lektüre womöglich nicht verkraftet. Insofern kaum auszudenken, dass es diese und ähnliche Leben vielfach gegeben hat. Dass Menschen wie Jess Goldberg – die (semi)biografisch angelegt ist – existierten, die mehrfach durch cis-männliche Gewalt traumatisiert wurden, psychisch immer wieder dem Ende nahe waren, täglich ums Überleben kämpfen mussten und trotz allem noch so etwas wie Lebensmut empfinden sowie die Kraft aufbringen konnten, für eine bessere Welt einzustehen, ist so bewundernswert und berührend, dass sich die Limitation von Worten offenbart.
Es ist eine Frage des Anstands, Leuten wie Leslie Feinberg zutiefst dankbar zu sein. Leuten, die unter widrigsten Umständen überleben mussten und sich dennoch ihre Menschlichkeit bewahrt haben; Leuten, die Scheiße gefressen haben und allen Grund gehabt hätten, sich zu erschießen; stattdessen aber noch für eine bessere Welt kämpften, damit wenigstens nachrückende Generationen es besser haben als sie selbst. Es wird oft vergessen, dass die Freiheit, die wir heute besitzen, das gemachte Netz, in dem wir sitzen, nichts ist, das es seit jeher gegeben hat, sondern bloß durch viele erbitterte Kämpfe und Leidensgeschichten hervorgehen konnte – ob es nun die Civil Right Movement betrifft, den Feminismus, die LGBTIQ-Bewegung usw. usf…
Und dass auch heute noch Leute gegen die rassitisch-patriarchalen Windmühlen von Hass und Ignoranz aufbegehren – Leute, deren Aktivismus entweder öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand als nervig und überzogen abgetan wird. Think about it.

Markus Liske & Manja Präkels (Hg.) – Vorsicht Volk

Bin zu spät dran mit der Lektüre, wenn man berücksichtigt, dass das Buch bereits 2015 erschienen ist. Daher war mir das ein oder andere, was ich gelesen habe, nicht mehr neu. Nichtsdestotrotz ein gutes Buch, das aus sehr unterschiedlichen Perspektiven (Essay-Anthologie) auf Bewegungen wie Pegida, HoGeSa, Reichsbürger etc. blickt – der Titel lässt bereits tief blicken – und deren Ursprünge & Binnenlogiken untersucht.

Carolin Emcke – Wie wir begehren

Zu Emcke kann ich vermutlich nichts sagen, was die Welt nicht bereits wüsste. Aber einerlei. „Wie wir begehren“ hat mich vor allem ob meines persönlichen Bezugs zur Thematik interessiert. Habe das Buch unheimlich gerne gelesen, nicht nur, weil Emcke m.E. sehr gut zeigt, dass Sexualität weniger determiniert/statisch ist als vielmehr ausgesprochen dynamisch; sondern auch wegen seiner literarischen Qualität. Tolles Buch. Ehrlich.

Siri Hustvedt – Ein Sommer ohne Männer

Da Siri Hustvedt mit einer Reihe anderer Autorinnen (Annie Ernaux, Chimamanda Ngozi Adichie, Zadie Smith etc.) in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren sehr stark rezipiert wird und in quasi jeder Buchhandlung vertreten ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir irgendwann einmal ein Buch von ihr zulegen würde. „Damals“, das aktuell nur als Hardcover zu haben ist, war mir zu teuer. Von daher bin ich auf „Der Sommer ohne Männer“ ausgewichen, das zu kaufen mich einige Überwindung kostete angelegentlich der hochgradig beleidigenden und ermüdend sexistischen Worte der FAZ („Ein exzellentes Frauenbuch“), mit denen das Werk auf dem Buchrücken beworben wird. Der Anfang der Geschichte las sich vielversprechend. Mir gefiel die Art des Erzählens sowie der Ton. Je mehr ich mir von dem Buch allerdings zu Gemüte führte, desto häufiger zwickte mich die Frage, worauf die Story eigentlich hinaus laufen soll und warum xy erzählt wird (werden muss). Schön waren die feministischen Auslassungen, die ich nicht zuletzt deshalb mit großem Interesse las, da Hustvedt in einem Kapitel am Beispiel des Corpus Callosums auf idiologische Biologie eingeht (Bad Science), der sie mit Methodenkritik a lá Anne Fausto-Sterling begegnet — genau damit hatte ich mich im letzten Semester in meinem Seminar zu „Gender in den Naturwissenschaften“ aueinandersetzen müssen, und es würde mich angesichts der frappierenden Hirnbrücken-Parallele nicht wundern, wenn Hustvedt nicht auf „Sexing the Body“ referiert hätte. Insgesamt allerdings ist „Der Sommer ohne Männer“ kein Buch, das mir lange in Erinnerung bleiben wird. Möglicherweise deshalb, weil mir die Dringlichkeit des Erzählten fehlte.

Luise F. Pusch – Das Deutsche als Männersprache

Endlich ein Buch, das nicht nur aus politischer, sondern auch linguistischer Perspektive das generische Maskulinum in die Mangel nimmt. Obwohl die Textsammlung in den 80ern erschienen ist, hat sie bedauerlicherweise an Aktualität nicht eingebüßt. Lesenswert fand ich insbesondere die Aufsätze, die mitunter sehr genaue linguistische Analysen zur Asymmetrie von Maskulinum und Femininum beinhalten. Für Laien möglicherweise nicht immer nachvollziehbar (es wird natürlich eine bestimmte Fachterminologie verwendet), im Großen und Ganzen allerdings trotzdem verständlich – wenn man mehrmals genau nachliest. Die Aufsätze mochte ich wegen der sprachwissenchaftlichen Argumentation mehr als die Glossen, die gewisse Phänomene nur benennen und durch den Kakao ziehen – was, zugegeben, aber durchaus witzig ist. Wegen des Alters der Publikation kommt der Asterikus bzw. Gender-Gap natürlich noch nicht vor. Wer allerdings einen Einblick in die patriarchale Struktur des Deutschen bekommen möchte, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen.

Leslie Kaplan – Fever

Wollte es seit langem lesen. Habe es mir schließlich nach dem Ablegen meiner Prüfungen gegönnt. Natürlich gebraucht. In „Fever“ verhandelt Leslie Kaplan den Mord an eine junge Frau, den zwei Abiturienten scheinbar ohne ein Motiv begangen haben. Zentrale Fragen des Buches lauten Zitat War der Zufall, durch den sie sich vor Entdeckung geschützt glaubten, doch nicht so zufällig? Hatte das blonde Opfer nicht große Ähnlichkeit mit der verehrten, aber unerreichbaren Philosophielehrerin? Und liegt in ihrer Familiengeschichte nicht ein Muster vor, dem sie unbewusst folgten? Pierres Großvater Elie, ein galizischer Jude, hat seit Jahren das Schweigen gewählt, und Damiens Großvater Rene arbeitete für Vichy in der Kollaboration. Vererben sich verdrängte und verschwiegene historische Verbrechen weiter? Zitatende
Das Buch lebt nicht nur von seiner musikalischen Sprache, die mir sehr gut gefallen hat, sondern auch von seinen philosophischen Referenzen. Eine besondere Bezugsquelle ist Arendts „Eichmann in Jerusalem“, das einerseits wieder und wieder Erwähnung findet und zitiert wird, andererseits auch als Parallele herangezogen wird, um die Ähnlichkeiten der Tätermotive abzubilden. Besonders spannend fand ich die Misogynie der jungen Mörder, ohne dass sie konkret ausbuchstabiert wird. Als schwierig dagegen erachte ich, dass einer der beiden Mörder jüdischer Herkunft ist. Warum eine solche Entscheidung von Kaplan getroffen wird, wird zwar im narrativen Konzept ersichtlich; allerdings frage ich mich, ob es wirklich keine besseren Lösungen gab.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, das über Mojoreads leider noch nicht bestellt werden kann.

Mithu M. Sanyal – Vergewaltigung

Ein Buch, das sich unheimlich differenziert mit Vergewaltigung auseinandersetzt. Selten soviel gelernt und aus einer Lektüre mitgenommen. Bestellt es! (nicht bei amazon, sondern bei eurer Lieblingsbuchhandlung oder über Mojoreads) Absolut lesenswert. Sei’s drum, ob man der Autorin beipflichten oder in allen Punkten widersprechen mag.

Hannah Arendt – Wir Flüchtlinge

Hannah Arendt hat ja immer großartige Texte geschrieben. Es ist daher eigentlich nicht nötig, Werke von ihr zu empfehlen. Ich tue es trotzdem und lege euch den Essay „We Refugees“ bzw. „Wir Flüchtlinge“ ans Herz, der vor dem Hintergrund ihrer Exilerfahrung entstand, aber auch heute noch erschreckend aktuell ist. Liest sich schnell weg, und das Nachwort von Thomas Meyer ist auch schön.

Irmgard Keun – Kind aller Länder

„Das Kunstseidene Mädchen“ habe ich abbrechen müssen, weil ich es kaum lesbar fand. Hatte deshalb etwas Bedenken, als wir Studis im Seminar zu Autorinnen im Exil aufgefordert wurden, uns Keuns „Kind aller Länder“ zu beschaffen. Zu Unrecht. Es ist lange her, dass ich ein Buch, das in eine so tragische Handlung eingebettet ist, dermaßen witzig fand. Überall finden sich Sätze und Dialoge, die ich am liebsten abfotografiert und gepostet hätte. (Auf Instagram gibt es zumindest eine kleine Kostprobe.) Und man mag kaum glauben, wie vielschichtig dieses Stück Kinder-und Jugendliteratur ist (durfte mich in meinem Seminar noch einmal davon überzeugen); vor allem vor dem Hintergrund der Exilerfahrungen von Frauen. Es stimmt daher mitnichten, dass das Buch, wie es auf 54books heißt, Zitat kein besonders gutes Zitatende sei oder Zitat Eine denkbar schlechte Wahl für den Start einer Neuauflage wider das Vergessen dieser wichtigen Autorin Zitatende. Ich möchte sogar sagen, dass diese Kritik grober Unfug ist.
Daher: Lest dieses Buch, es ist wirklich fantastisch – und meiner bescheidenen Meinung nach auch um Längen besser als „Das Kunstseidene Mädchen“.

Anna Seghers – Der Ausflug der toten Mädchen

Anna Seghers und ich, das ist eine Beziehung, die beim besten Willen nicht funktioniert. Das hat sich schon bei „Das siebte Kreuz“ angedeutet und offenbart sich gegenwärtig bei der Lektüre „Transit“, die ich mir nur wegen der Uni zu Gemüte führe. Verglichen mit diesen beiden Romanen allerdings ist „Ausflug der toten Mädchen“ noch eine der weniger ermüdenden Erzählungen. Wieder viel Beschreibungsprosa, aber immerhin: die Wechsel der Zeitebenen stellen einen netten, interessanten Kniff dar.
Ansonsten mag ich ungern Bücher empfehlen, die mir selbst nicht zusagen. Indes ist mir bewusst, dass Anna Seghers von vielen geschätzt wird und das vermutlich auch zu Recht.

Anna Seghers – Transit

Was mir spätestens nach der Lektüre von Transit klar geworden ist: Ich werde in diesem Leben keine weiteren Texte mehr von Seghers lesen. Wenn man sich zum Lesen eines Buches zwingen muss, ist das kein gutes Zeichen. Seghers Sprache klingt ganz groß, liest sich aber so verdammt behäbig und blutleer, dass ich nicht mal eine Minute brauche, um mich maximal gelangweilt zu fühlen. Wenn es dann auch noch ein Bürokratieroman ist, um die treffenden Worte meiner Dozentin zu bemühen, ist das mentale Einschlafen vorprogrammiert. Viele, zuweilen sogar elementare Sachen sind während der Lektüre an mir vorbei gegangen, weil meine Aufmerksamkeit, obwohl ich Wort für Wort gelesen habe, schon nach den ersten Seiten von hochliterarisch schwerfälliger Beschreibungsprosa in die Flucht geschlagen wurde. Meine ketzerische Meinung in einem Satz zusammengestampft: Wenn das Motto #frauenlesen heißt, werde ich allerlei Autorinnen empfehlen – bloß nicht Seghers.

Maria Kjos Fonn – Kinderwhore

Kinderwhore war noch einmal ein regelrechtes literarisches Highlight zum Abschluss des Jahres. In dem Buch geht es um Charlotte, die von ihrer Mutter vernachlässigt und von einem ihrer wechselnden Liebschaften etliche Male sexuell missbraucht wird. Von den Ereignissen schwer traumatisiert ringt das junge Mädchen um eine Sprache, ohne sie zu finden, und erlebt seinen Körper als verdinglichte Masse. Während Einrichtigungen wie Psychiatrien und Jugendämtern nicht mehr vermögen, als die Persönlichkeit Charlottes in Diagnosen und Epikrisen zu verklausulieren, sieht sie als einzigen Ausweg die Vernichtung desjenigen Körpers, der ihrem Gefühl nach nicht ihr gehört. Maria Kjos Fonn hat einen so poetischen wie bedrückenden Roman geschrieben, der nicht nur gut recherchiert ist, sondern auch stark an authentische Berichte über sexuellen Missbrauch und seinen Auswirkungen erinnert. Habe nicht oft Bücher gelesen, die aufzeigen, wie fatal es ist, keine Sprache für das Unausprechliche zu haben – inbesondere dann, wenn man ein Kind ist. Empfehle das Buch daher dringend.

Das war’s! Wir lesen uns 2020!

Ficken Sie sich ins Knie

#klassismus #culturalappropriation
Was ich immer häufiger beobachte: völlig durchakademisierte Dudes, die das Working-Cass-Milieu cool finden und einen auf Prolet*in machen. Hier ein Beispiel, das illustriert, dass Cultural Appropriation nicht auf Ethnien beschränkt ist.

Tim mimt gerne den Proll, der es gar zu gern raushängen lässt, wie oft er einen über den Durst trinkt. Alle müssen wissen, dass seine zweite Heimat Bars sind – vorzugweise rustikale und oder solche, in denen der Kneipenbesitzer für seine sog. Kodderschnauze bekannt ist. Sein akademisches Register, das ihm nicht nur ob der Akademiker*innen-Eltern schon in die Wiege gelegt wurde, sondern noch den nötigen Feinschliff nach Abitur, Studium, Auslandsaufenthalten in Griechenland und Doktortitel bekam, versucht er durch das Register der Arbeiter*innenklasse/Prolet*innen zu komplementieren. Daher eignet er sich deren sprachliche Codes an, verwendet hin und wieder Begriffe wie „Digga“, „Alter“, „Spacken“, „Bruder“ oder, wenn Dr. Tim ganz verwegen ist, falsche Grammatik; natürlich allerdings nur wohldosiert, soll ihn doch niemand ernsthaft für nichts weniger halten als einen Doktor phil., der er nun einmal ist. In seine akademische Karriere hat er schließlich viel Herzblut gesteckt, wieviel Stunden er allein in der Universitäts-Bibliothek verbracht hat. Wäre doch zu schade, wenn sein großer Verstand nicht gesehen würde.
Tim sieht als Maximalprivilegierter kein Problem darin, sich am Lifestyle und der damit einhergehenden Distinktionsanwendungen der Arbeiter*innenkultur zu bedienen. Distinktionsanwendungen, auf die Prolet*innen bewusst zurückgreifen, um sich eben von jenem blasierten, auf sie intellektuell herabblickenden Dr. Tim abzugrenzen. Tim sieht in seiner Zuneigung und Aneignung ihrer Kultur schließlich ein Kompliment. Das, was Dr. Tim ulkig, unterhaltsam und auf morbide Art chic findet, pickt er sich aus der Kultur raus; den unangenehmen sowie uninteressanten Crap hingegen wie prekäre Verhältnisse, mangelnder akademischer Fame und Bedingungen, deretwegen Prolet*innen kein Abitur oder Erasmus in Thessaloniki machen können, darf seine mit Dünkel bewunderte Arbeiter*innenklasse für sich behalten.

Als Kind, das aus der Arbeitsklasse kommt, noch dazu aus dem Osten; miterleben musste, wie vor meiner Studi-Zeit Akademiker*innen intensive Gespräche mit mir abgebrochen haben, sobald sie erfuhren, dass ich kein Abitur hatte; darauf angewiesen war und es nach wie vor bin, eine spezifische Sprache und Attitüde zu haben, um mich von der Herablassung abzuschirmen, möchte ich Dr. Tim und seinesgleichen einfach nur mit einem gepflegten Augenrollen bedenken. Junge — Ihr könnt im Sandkasten spielen, ohne denjenigen, die weniger haben als ihr, die Schippe zu klauen. Danke, ihr Volleulen.

Jeder Pinselstrich ist erfüllt von dem bitteren Gefühl, dass dieses Gebäude eine unerträgliche Zumutung für die Realität ist

Ich bin nicht unglücklich, dass dieses Jahr endlich vorbei ist, denn: Es war ein Jahr zum Vergessen. Ein Jahr, das ich fast nicht überlebt hätte. Ein Jahr exorbitanten Scheiterns und der schlimmsten Krise, die ich jemals hatte. Ein Jahr, in dem ich nach langer Sterbebegleitung erstmals den Tod einer mir nahestehenden Person verkraften musste. Ein Jahr, in dem mehrere wichtige Beziehung zu bröseln angefangen haben oder mit einem Mal eingestürzt sind. Ein Jahr, in dem meine Oase, die Alpen, durch grenzüberschreitendes Verhalten mit schrecklichen Erinnerungen besetzt wurde. Ein Jahr, in dem das, was ich geschaffen habe, lediglich abgelehnt wurde. Ein Jahr, in dem meine Hypochrondrie, meine Depressionen und meine psychosomatischen Symptome Überhand genommen haben. Ein Jahr, das mir jede Hoffnung genommen hat. Ob man ohne Hoffnung leben kann oder nicht, werde ich 2019 sehen.
Da es aber auch kleine Blümchen gab, denen es gelungen ist, sich durch die Scheiße, unter der sie wachsen mussten, Bahn zu brechen, soll auf sie der Vollständigkeit halber ebenso gedeutet werden. 1. Ich habe das Abi endlich nachgeholt, den Vollsatz Bafög zugesprochen bekommen und endlich das zu studieren begonnen, was mich tatsächlich interessiert: Germanistische Linguistik und Gender Studies. 2. Mich hat es dank glücklicher Umstände nach Georgien verschlagen (ein ausführlicher Bericht dazu hier), wo ich wunderbare Menschen kennengelernt und zwei Personen besonders ins Herz geschlossen habe. 3. Bei SUKULTUR ist es mir gelungen, zwei Beitragende zu gewinnen, die für verlagsinterne Bestseller gesorgt haben (siehe Webseite). 4. Nachdem ich meinen Mac durch einen üblen Unfall geschrottet und eine Crowdfundingcampagne zur Datenrettung und Laptopbeschaffung (siehe Dankesvideo) gestartet habe, habe ich eine überwältigende Welle der Solidarität erfahren. Diese Solidarität war es schließlich auch, die mir ein gebrauchtes Macbook für lau bescherte (Liebe für dich, Steffi), sowie eine kostspielige Datenrettung abwenden konnte (Liebe für dich, Torsten). Ich konnte allen das gespendete Geld zurücküberweisen.

Zu guter Letzt: Ich habe dieses Jahr ein wenig mehr gelesen als die vergangenen Jahre zuvor. Meinem Anspruch, mir ein Jahr lang ausschließlich Autorinnen zu Gemüte zu führen, bin ich sogar beinahe gerecht geworden. Habe noch nie innerhalb eines Jahres so viele gute Bücher gelesen. Insofern: Noch so eine Blümchen, das sich durch den Scheißhaufen gekämpft hat.

Wie immer kopiere ich einfach bloß meine FB-Rezensionen hier rein. Los geht’s.

Theresia EnzensbergerBlaupause

Von meinem Bruder zu Weihnachten geschenkt bekommen. Hatte zunächst nicht vor, es zu lesen, das Buch allerdings doch aufgeschlagen, weil sich keine ansprechenden Lektüren im Hause meiner Eltern mehr befanden. Ein gelungenes Debüt, das wegen seiner feministischen Kritik bei mir offene Türen einrennt und sich gut liest. Nichts Überragendes, aber mein Gott, warum muss auch alles bis zum Erbrechen optimiert sein. Bücher wie diese, die weder bahnbrechend noch trivial sein wollen, tun einfach gut.

Yann MartelEin Hemd des 20. Jahrhunderts

Wieder ein Buch über den Holocaust? Ja – aber eins, das es so noch nie gegeben haben dürfte. Yann Martels Roman verhandelt die Frage, wie über den Holocaust geschrieben werden bzw. von ihm erzählt werden kann; und das in einer Weise, die so ungewöhnlich, tieftraurig und beklemmend ist, das ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Vorbehaltlose Empfehlung.

BEATRICE: Gräuel, das ist noch besser. Die Gräuel. Mehrzahl. Gräuel, das klingt wie ein Schöpflöffel, der eine Suppe aus der Hölle löffelt, der das Undenkbare und Unvorstellbare aufkellt, die Katastrophe, die Feuersbrunst, den Schrecken und das Tohuwabohu.
VERGIL: Dann wollen wir es die Gräuel nennen.
BEATRICE: Gut.
(Pause.)
BEATRICE: Und wir reden wir nun über die Gräuel?

Ruth Klügerweiter leben

Warum zum Henker hat mir niemand von euch Ruth Klüger schon früher ans Herz gelegt? Wozu habe ich ’ne fucking Friendlist? Am liebsten würde ich euch alle dafür rausschmeißen, wenn mir das nicht zu aufwändig wäre. Von daher bloß folgende Aufforderung: Lest einfach dieses Buch. Es ist ein wahrer Genuss, den Reflexionen dieser Frau zu folgen. Und die Sprache, die Sprache, hach.

Svenja FlaßpöhlerDie potente Frau 

Einen ausführlichen Verriss zum Essay findet ihr hier.

Margaret AtwoodDer Report der Magd

Margaret Atwood ist so eine Autorin, deren literarische Qualitäten einem verdeutlichen, dass zwischen ihrem und dem eigenen Schreiben Dimensionen liegen. Ist auf der einen Seite natürlich deprimierend, auf der anderen Seite aber auch schön: nicht nur, weil man von ihr lernen, sondern sie auch bewundern kann.
Was ich am Roman beindrucken fand, war, dass er sich wie ein biografischer Text liest. Lässt Atwood ihre Erzählerin Desfred reflektieren und/oder das eigene Befinden auseinandersetzen, kommt es einem so vor, als sei das alles tatsächlich geschehen, so nachvollziehbar, so naheliegend beschreibt sie das, was in ihrer Protagonistin vorgeht. Es ist kein Buch, dass man einfach so wegliest — zumindest für mich nicht –, sondern die Aufmerksamkeit der Leser*innen einfordert. Zuweilen ist es sogar anstrengend; nichtsdestotrotz aber unbedingt lesenswert.

Jane AustenStolz und Vorurteil

Lange hat mich eine Lektüre nicht mehr so gefesselt wie „Stolz und Vorurteil“. Und es dürfte wohl das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, dass ich ein Buch quasi wegen des ersten Satzes gekauft habe.
(„Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines gewissen Vermögens auf der Suche nach einer Frau sein muss.“ Fischer-Ausgabe.) Ein erster Satz, der nicht, wie die meisten anderen, die ich gelesen habe, ein leeres Versprechen ist, sondern noch viel mehr bietet, als er in Aussicht stellt.
Austen kann so spektakulär unterhaltsam und einnehmend erzählen, dass ich mir beim Lesen immer wieder dachte „Scheiße man, ja, das ist Literatur, allergrößte Erzähl- und Beobachtungskunst. Genau da will ich später einmal selbst hin!“ Bisher die beste Liebesgeschichte, die ich gelesen habe. Und an die betont maskulinen Männer ringsherum: Da auch ihr Menschen seid und als solche ein Bedürfnis nach erfüllter Liebe habt, ist es keine Schande, das Buch nicht nur wegen seiner sprachlichen Perfektion und seiner großen Gesellschaftskritik zu mögen, sondern auch und vor allem wegen der Beziehung zwischen Lizzy und Mr. Darcy.
Nachtrag: Ich hab übrigens die Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié gelesen. Mir hat sie sehr gut gefallen!

Christa WolfKein Ort. Nirgends

Bildungslücke geschlossen und endlich etwas von Christa Wolf gelesen. Ein fiktives Treffen zwischen Günderode und Kleist. Sehr viele schöne Stellen, die ich mir habe makieren müssen. Wegen des teilweise assoziativen Stils, manieriert altmodischen Duktus und der Perpektivenwechsel, die nicht nur bei den Figuren, sondern auch hinsichtlich Innen und Außen stattfinden, ist das Buch allerdings nichts, was man mal eben schnell wegliest, obwohl es nur plus/minus hundert Seiten hat. Keine Angst: Die Mühe, die man beim Lesen eventuell empfindet, amortisiert sich. Daher: lesen.

Annemarie SchwarzenbachEine Frau zu sehen

Meist bin ich nicht unglücklich darüber, wenn ein Buch zu Ende ist, selbst wenn es mir gefallen hat. Bei Annemarie Schwarzenbach dachte ich mir allerdings, NEEIN, WIESO?!!1!
Queere, zumal lesbische, Literatur ist ja in der (deutschen) Bücherlandschaft nach wie vor extrem selten (wohl bemerkt: im Jahr 2018. Wie erbärmlich). Und es ist ja nicht so, dass, hat man mal eine Lektüre gefunden, literarische Qualität automatisch garantiert ist. Daher schmerzt es natürlich, dass „Eine Frau zu sehen“ so unfassbar kurz ist… denn es ist literarisch nicht nur ein Kleinod, sondern nachgerade mitreißend und magisch. Wer etwas zu Themen wie Sehnsucht lesen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Eine menschliche Regung so gut zu versprachlichen, dass selbst einigermaßen empathielose Personen sich in die Figur, die diese schildert, einfühlen können, kann ja nun beleibe nicht jede*r. Lesen!

Margarete StokowskiUntenrum frei 

Dazu muss ich eigentlich nicht viel sagen. Für mich das deutschsprachige Standardwerk des Feminismus. Eines meiner Highlights dieses Jahr.

Peet ThesingFeministische Psychiatriekritik

Eine ausgesprochen empfehlenswerte Lektüre, obwohl ich nicht in allen Punkten beipflichte. Manche Vergleiche erschienen mir schief, einzelne Aussagen undifferenziert, ein, zwei Gedanken nicht zu ende gedacht. Insgesamt jedoch überwiegt die geistige Bereicherung, die mir dieses schmale Buch beschert hat. Es gibt einem zahlreiche wertvolle Denkanstöße sowie einen Einblick in eine herrschaftskritische Perspektive auf die Institution Psychiatrie und all das, was diese hervorbringt.

Bettina WilpertNichts, was uns passiert

Weiß nicht, wann ich zuletzt einen Roman an einem Tag durchgelesen habe. Ist zumindest einigermaßen lange her. Sehr gelungenes Buch darüber, welche Dynamiken sich innerhalb des sozialen Umfelds auftun, sobald Vergewaltigungsvorwüfe im Raum stehen. Vor allem literarisch überzeugt das Buch. Die Wiedergabe mündlicher Berichte war imho nicht nur sehr lesbar ausgeführt, sondern auch ästhetisch ansprechend. Inwiefern die Sprache daher sperrig oder holprig sein soll, wie einige Kritiker*innen dem Roman vorwerfen, erschließt sich mir nicht. Aber nu, Kunst ist ja dafür da, um sich darübr uneins sein zu können.
Von meiner Seite zumindest vorbehaltlose Leseempfehlung.

Goran Vojnović — Unterm Feigenbaum

Hab’s angelegentlich eines Abend der slowenischen Literatur, der in der Lettrétage stattfand, gelesen. Ein Familiengeschichten-Roman, der das große Thema Trennug verhandelt. Liest sich gut weg, aber zu viele Längen und teilweise so stark darum bemüht, große Literatur zu sein, dass es ins Pathetische geht. Männlich heterosexuelles Erzählen. Hätte darauf verzichten können.

Toni MorrisonGott, hilf dem Kind

Die zweite Lektüre dieses Jahr, die ich mir wegen des ersten Satzes gekauft habe („Ich kann nichts dafür.“ Und weiter: „Mir könnt ihr nicht die Schuld geben.“). Es ist mein erstes Buch von Morrison, und eine ganze Weile wurde mir nicht klar, worauf der Text hinauslaufen soll. Letztlich allerdings fügen sich die Teile passgenau zusammen, und man erkennt, dass man eine Geschichte über Kinder vor sich hat, die tiefe Verletzungen (sexueller Missbrauch, Rassismus, Verwahrlosung, Demütigungen etc.) erfahren mussten, und wie schwer es ist, selbst oder gerade als Erwachsene*r damit fertig zu werden. Leseempfehlung.

Johanna MoosdorfDie Freundinnen

Hatte mich sehr auf das Buch gefreut, weil es mit dem Label „lesbische Literatur“ beworben wurde. Eine lesbische Beziehung gibt es dann auch tatsächlich; allerdings geht es im Großen und Ganzen weniger um Homosexualität als um Herrschaftskritik. Eine Liebe, die sich widerständig gegen das Patriarchat zu behaupten versucht, auf Augenhöhe stattfinden soll, losgelöst von Geschlechterrollen und ihren damit verbundenen gewaltvollen Dynamiken. Klingt super, und eins vorweg: Wann immer Moosdorf zur konkreten gesellschaftlichen Analyse ansetzt, habe ich das Buch gerne gelesen (Fun Fact: Es muss wahrscheinlich nicht erwähnt werden, dass das Buch lange keinen Verlag gefunden hat.) Insgesamt aber habe ich mich mit dem Durchlesen schwer getan. Möglicherweise lag es an den großen erzählerischen Sprüngen, dem Hin und Her zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit, wieder Gegenwart usw; oder an der Beziehung, die mir mehr als ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis psychisch labiler Protagonistinnen erschien denn als Liebe; oder an der sperrigen Sprache, die mir zu häufig pathetisch und gleichzeitig oberarmstreichlerisch war; oder an den Ausflügen in die Mystik, für dich ich nie zu haben sein werde; oder who knows. Ich hoffe ja, es trifft alles zu. Mein Buch war es nicht. Wegen der gelungenen Kritik am Patriarchat bin ich dennoch nicht unglücklich, es gelesen zu haben.

Das war’s. Einen guten Rutsch!

 

 

Oh! You met the imposter – my evil twin!

Vor kurzem hat die Verlegerin, Herausgeberin und Autorin Christiane Frohmann anlässlich des Todestages von David Foster Wallace einen Text  verfasst, dessen Titel Bros, Bookishness & Bandana ja eigentlich schon deutlicht macht, dass weniger Literaturkritik geübt, als vielmehr eine bestimmte Rezeptionskultur zu DFW und dessen Oeuvre problematisiert wird, die nicht frei ist von einer gewissen Ignoranz gegenüber Literatur, die nicht weiß und cis männlich ist, sowie einer ermüdenden Dünkelhaftigkeit. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, konkretisiert Frohmann ihren Hader sogar noch einmal wie folgt:

Meine Abneigung gilt einer bestimmten Rezeption seiner persona, in der Autor, Mensch, Werk, Bedeutung diffus ineinanderfließen. Über diese merkwürdige Rezeption, die mehr mit Image und Style als mit Literatur zu tun hat, gibt es eigene Texte und sogar Cartoons, es geht darum, dass bestimmte junge, irgendwann nicht mehr so junge Männer sich über ihre David-Foster-Wallace-Begeisterung so stark stilisieren, dass sie ihre Umwelt, insbesondere Frauen, damit nerven.

Auch die Teilüberschriften, die da unter anderem „Bro“, „Bro Generation“, „Bandanaisierung“, „Umsehen lernen“, „Team Murakami-Mädchen“ und „The End of Bromance“ lauten, akzentuieren noch einmal den Textgegenstand; der eben mitnichten eine Zitat Paul Brodowsky Generalabrechnung mit David Foster Wallace Zitatende darstellt, sondern mit jenen Bros, die um ihre Begeisterung über denselben einen intellektuellen Kult veranstalten, der einer Diversifizierung des Literaturkanons im Wege steht. Es ist so gesehen daher mehr als erstaunlich, wie verquer Brodowsky Frohmanns Text, der sachlich gewisse Diskurs-, Distinktions- und Rezeptionsphänomene problematisiert, statt mit einer Person abrechnet, liest, wenn er eine Literaturkritik moniert, die so nie stattgefunden hat.

Aber anders als bei Coyle, die sich mit Wallace differenziert auseinandersetzt und deren Einschätzungen ich nachvollziehen kann (wenngleich ich sie nicht alle unterschreiben würde), gibt es bei Frohmann eigentlich keine Argumente gegen die Texte von Wallace außer dem einen, den Autor von dem Rezeptions- und Distinktionsverhalten seiner dümmsten Leser her zu bewerten.

Nun, wahrscheinlich gibt es bei Frohmann keine konkreten Argumente gegen DFW, weil es ihr weder um die Person noch um das Werk noch um Literaturkritik geht. Doch genau das ist es, was Brodowsky offenbar nicht versteht. Und so adressiert er an die Autorin schließlich irrige Unterstellungen, die auf falschem Textverständnis fußen und daher nich mehr und nicht weniger sein können als unfair. Brodowsky scheint allerdings nicht nur bezogen auf den Textgegenstand einem Missverständnis zu unterliegen, sondern auch grundsätzlich Schwierigkeiten zu haben, Frohmanns Worte dergestalt zu verstehen, wie es die Semantik hergibt. Wenn er behauptet:

Das anderthalbte, mit dem ersten verwandte Argument, Wallaces Sätze seien zu kompliziert, weil sie Leser und Leserinnen außen vor halten, finde ich eigentlich noch ärgerlicher.

,obwohl die Autorin im Radiointerview tatsächlich bloß sagt

[…], der Einstieg ist ein sehr intellektueller. Es ist einfach so, dass er auf einem sprachlichen Niveau, in einer Kompliziertheit der Syntax und auch der Worte letztlich schreibt, die einfach die meisten Menschen auf diesem Planeten ausschließt, und insofern geht es sicher nicht um Emotionen.

haben wir es nicht mit einem frohmannschen Plädoyer zu tun für Texte, die alles tun sollen, bloß die Leserin nicht herausfordern, sondern lediglich mit einem schlechten Textverständnis desjenigen, der ihr das — dreisterweise, wie ich finde — vorwirft.

Ich glaube an Literatur als Herausforderung, nicht an Texte, die uns seicht beschallen.

Na gut, Bro, dass du dem Girl mangels Lesekompetenz selbiges nicht nur implizit absprichst, sondern auch noch mal klar stellst, welch hehres Literaturverständnis dir zu eigen ist.

Beinahe ist es ja schon wieder komisch, wie examplarisch Brodowskis Reaktion für das steht, was Frohmann im Text tatsächlich beschreibt. Aber leider nur beinahe.