romantisch verklärt

Ugghhh! Was stellst du denn dar?

Erschreckend, wie schnell das Jahr und so weiter. Uuuahh. Mittlerweile fast dreißig, die Mimikfalten werden tiefer, das Ruhebedürfnis größer, mein Leben kürzer. To be honest: Ich habe gar keine Lust, meinen, nenne ich’s: Jahresendartikel zu schreiben. Da ich allerdings zwangshaft veranlagt bin, bleibt mir keine andere Wahl. Machen wir also das Beste draus. 2017. Ein Jahr, das für mich scheiße begann, im Sommer aber einen erbaulichen Plottwist bekam. Grund: Das erste mal seit 13 Jahren sah ich meine geliebten Alpen wieder. So rührig und schmerzhaft kann nur ein Wiedersehen sein, nachdem einem die Sehnsucht fast zerissen hatte. Als ich hinter dem Bodensee die Berge sich auftun sah, musste ich mit den Tränen kämpfen.

Was noch? Mein queerer Roman wächst und gedeiht. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte geschafft. 151 Seiten. Ja, richtig gelesen. Ich schreibe wieder und kann es nach dem großen Tief, in dem ich im esten Quartal des Jahres steckte, schwerlich begreifen. Wie es dazu kam? Wenn man auf einmal etwas verabschiedet, dem man zehn Jahre lang Tag für Tag seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, tut sich unweigerlich eine große Leere auf, die es zu füllen gilt – um nicht krank zu werden, versteht sich. Mir ist es nicht gelungen, und so hämmerte die Depression bereits an meiner Tür. Eine Entwicklung, der ich Einhalt gebieten musste. Mein Abschluss durfte nicht gefährdet werden. Also wendete ich mich wieder dem zu, das mich erst in diese Lage gebracht hatte: dem Schreiben. Keine Spur vom Autor*innenkitsch sogenannter innerer Notwendigkeit. Ich schrieb und schreibe, um meine gesellschaftliche Teilhabe durch Depressionen nicht zu gefährden.

Was noch? Es sind wieder viele schöne Hefte bei SuKuLTuR erschienen, unter anderem der Text Gender von Lann Hornscheidt, an dem ich mich exzeptionell – ich wollte schon immer einmal dieses Wort bentutzen – laben kann. Und wenn ich so ins kommende Jahr blicke, wird das Programm noch besser. Ich kann ohne jeden Anflug von Hybris sagen, dass ich ganz fantastische Texte für 2018 ausgesucht habe.

Was noch? Deutschland ist nun auch endlich in der Gegenwart angekommen und ermöglicht allen, nicht nur Heteros, die Ehe. Ein Stück mehr Gerechtigkeit. Da kamen mir die Tränen.

Was noch? Natürlich, die #metoo-Debatte. Was ich nicht mehr hören kann: Mimimi, es wird nicht mehr differenziert, alles in einen Topf geschmissen; mimimi, es wird nicht mehr zwischen Zoten und sexuellen Übergriffen unterschieden, mimimi. Für alle, die es immer noch nicht begriffen haben: Nein, #metoo ist keine Suppe, in die alles hineingeschmissen wird, sondern ein Maßband, das die Bandbreite von Sexismus abbildet. Es fängt mit überkommener Geschlechterperformance und Zoten an, die hinzunehmen Frauen* tagtäglich gezwungen werden, und endet im schlimmsten Fall beim sexuellen Missbrauch. Was nämlich zeigt uns die Debatte: Wie komplex sexistische, inbesondere misogyn patriarchale Strukturen sind, und dass erst eine distanz- und respektlose Haltung gegenüber Frauen*, die mit Anzüglichkeiten beginnt, den Weg zur sexuellen Belästigung und Vergewaltigung ebnet; wie krank und destruktiv also die Strukturen und Rollenbilder sind, mit denen wir aufwachsen. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte ein Umdenken auslösen wird. Und ich glaube dieses Mal wirklich, sie ist auf dem besten Weg dorthin. Liebe daher für alle Menschen, die von ihren Erfahrungen berichten, unmögliche Zustände aufzeigen und anprangern und alles dafür tun, damit die #metoo-Debatte nicht so unvermittelt verschwindet, wie sie sich aufgetan hat.

Nun zu den Büchern, die ich gelesen habe. Wieder nicht viel. Ist ja mittlerweile nix Neues mehr bei mir.

Gotthold Ephraim Lessing – Emilia Galotti

Hat man sich erst einmal intensiv mit diesem bürgerlichen Trauerspiel befasst, kann man eigentlich nur den Hut ziehen vor der Genialität Lessings. Nicht nur der exzellente Aufbau, sondern auch die Komplexität der Charaktere machen das Drama zu einem großen Stück Literatur. Besonders erbaulich hierbei ist Lessings Frauenbild und -darstellung, das, gemessen an der Zeit, als ausgesprochen fortschrittlich zu bewerten ist. Indes: Ich habe sehr lange gebraucht, um mit dem Werk warm zu werden; und müsste ich ein Stück Lessings empfehlen (und nicht mehr), würde ich eher zu Nathan der Weise raten als zu Emilia Galotti. Aber das ist nur eine Geschmacksfrage und nicht vermeintlichen Qualitätsunterschieden geschuldet. Wer das Drama übrigens schon gelesen hat, dem sei wärmstens Michael Talhemers Inszenierung im Deutschen Theater empfohlen, die man bei Youtube in voller Länge anschauen kann – Nina Hoss‘ Spiel als Gräfin Orsina ist berauschend. Textkenntnis ist hierfür allerdings notwendig! Ansonsten wird man nichts damit anfangen können.

Vladimir Nabokov  – Lolita

Ein Buch, das – wie ich annehme – vor allem viele Männer begeistert/begeistern wird, nicht zuletzt wegen seines typischen männlich, heterosexuellen Duktus. Ton, Haltung und Perspektive sind immer eine „Prise“ großspurig, welterkärend und dünkelhaft, mir war, als schaute ich jemandem dabei zu, wie er zu seiner eigenen Belesenheit und Fingerfertigkeit masturbiert, statt zu dem, wovon er behauptet, besessen zu sein. Es ist so ermüdend.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich die Darstellung – oder zumindest das in-den-Raum-stellen – des Mädchens als kleines Luder, das den pädophilen Erzähler dreist verführt, nicht nur bodenlos geschmacklos, sondern auch höchst alarmierend finde. Weltliteratur mein Arsch. Ich bin bloß zu Tode gelangweilt.

Virginia Woolf – Ein eigenes Zimmer

Empfehlung meiner Ex-Seelenklempnerin. Letztes Jahr bestellt, unlängst (Stand: April) ausgelesen. Nach Mrs. Dalloway, das mich seinerzeit unberührt gelassen hat, ging ich mit gewissen Vorbehalten an das Buch ran, aber… oh my goodness, es ist fantastisch – und eine eine wahre Wohltat nach Nabokovs ‚Lolita‘. Wie klug, objektiv und überlegt Woolfs Analysen sind, stets gehen sie über den Tellerrand hinaus, so sehr sogar, dass sie auch heute noch, trotz dem Zahn der Zeit, kaum an Aktualität eingebüßt haben. Der Gedanke daran, dass dieses Buch bereits 1929 erschienen ist, rührte mich beim Lesen immer wieder stark. Ein Highlight meines Bücherjahrs ’17. Kaufen und lesen.

Jenny ErpenbeckGehen, ging, gegangen

Hätte ich den Titel nicht seit jehr wundervoll gefunden, hätte ich mir das Buch wohl nie gekauft; nicht unbedingt, weil es schlecht ist, sondern einfach, weil das Interesse daran nicht vorhanden war. Wie der Plot bereits vermuten lässt, verschreibt sich der Roman ganz einem didaktischen Anspruch. Wie ist die Situation von Geflüchteten beschaffen? Was läuft falsch und wie kann man als Einzelperson dem Problem begegnen. Der eremitierte Prof. Richard entscheidet sich für eine unmittelbare und beharrliche Auseinandersetzung mit den Geflücheteten. Und wie natürlich zu erwarten ist, sagt er sich von seiner anfänglichen Ignoranz und völligen Selbstbezogenheit los und wird zum leidenschaftlichen Altruisten, der nicht nur einem Geflüchteten ein Haus in seinem Heimatland kauft, sondern auch Refugees bei sich einziehen lässt. Natürlich ist das alles pädagogisch und politisch einwandfrei arrangiert. Aber die Figuren, uh, die sind dann doch arg holzschnittartig geraten. Sprachlich ist die Geschichte nicht schlecht; allerdings hätte der Plot ein paar Spannungsbögen durchaus vertregen können. Literarisch hat es mich also nicht ergriffen. Aber uninteressant ist das Buch wenigstens wegen der guten Recherchen nicht.

José Saramago – Der Doppelgänger 

Wie einige wenige vielleicht mitgeschnitten haben, gehört Saramago zu meinen literarischen Vorbildern. Bisher habe ich jedes Buch, das ich mir von ihm zu Gemüte geführt habe, genossen. Beim Doppelgänger unterdessen brauchte ich sehr lange zum Warmwerden. Vielleicht deshalb, weil die Handlung ob des saramago-typischen Exkurse mit all ihren konjuktivischen Überlegungen und Vorausdeutungen, Tempuswechseln, Beurteilungen usw. nur sehr langsam voranschreitet; viel langsamer, als ich es vom Autor gewohnt bin, trotz seiner charekteristischen atemlosen Sprache, für die ich ihn seit jeher liebe. Wie großartig und kunstfertig seine Erzählweise ist, lässt eine schöne Anlyse auf Wikipedia durchblicken, die ich besser nicht vornehmen könnte. Das Buch gehört nicht zu meinen Favoriten, ist aber nichtsdestotrotz wenn, man mich fragt, lesenswert… nur vielleicht nicht unbedint als Einstieg.

Georg BüchnerWoyzeck 

Literarisch äußerst gehaltvoll, aber nicht meins.

César AiraDer Beweis 

Von einer Agentin drauf aufmerksam gemacht worden.
Das rundliche sowie depressive Mädchen Marcia bekommt es mit zwei nihilistischen Punkerinnen, Mao und Lenin, zu tun, die ihm verfallen sind. Zwischen dem Wunsch, sich den beiden zu entziehen, und dem Bedürfnis, mehr über ihre Welt zu erfahren, hin- und hergerissen, vebringt Marcia Zeit mit ihren Verehrerinnen. Doch das ganze Gerede erweist sich als unergiebig, denn: Die Liebe zeigt sich in Taten, nicht in Worten. Was wäre als Liebesbeweis daher naheliegender als ein Überfall auf einen Supermarkt, der in einer Splatter-Orgie kulminiert?
Das erste Mal seit Jahren habe ich beim Lesen wieder in schallendes Gelächter ausbrechen dürfen, in erster Linie dank der deftigen Beleidigungen, die die Protagonistinnen vom Stapel lassen. Wer aber nun denkt, lediglich der Plot sei abgefahren, irrt, denn: Auch sprachlich sowie philosophisch schwingt stets ein eigenwilliger Zauber mit, der sich in nahezu jeder Beschreibung, jedem Satz, jedem Gedanken offenbart. Kenne bisher niemanden, der Explosionen so außergewöhnlich beschreiben kann wie Aira. Eine große Entdeckung, fernab jeglicher anämischer Mainstreamscheiße.

Gerhart HauptmannDie Ratten 

Unwartet gut. Der Parallelstrang zur Muttertragiöde, in dem die Schreibkonzepte der Vertreter des Klassischen Dramas und des Naturalismus in saririschen Streitgesprächen verhandelt werden, ist ganz fantastisch. „Ich habe Ihnen schon zehnmal gesagt, dass Ihr pueriles bisschen Kunstanschauung nichts weiter als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist“.  Hach.

Christian KrachtFaserland 

Puh. Warum dieses Buch derart hochgejazzt wird, wird mir wohl verborgen bleiben. Der Ich-Erzähler war für mich kaum zu ertragen, die Beobachtungen schrecklich banal, das beherzte Schwadronieren zuviel des Guten. Empathie mit den Figuren wollte sich ebenso wenig einstellen. Wer – sei es fiktiv oder real – dann auch noch Queens „I want to break free“ als Zitat schlimmste Zumutung der Popgeschichte Zitatende bezeichnet, ist bei mir eh unten durch. So etwas sagt man nicht mal aus Spaß. Sehe daher keinen Anlass, das Buch weiterzuempfehlen. Hoffe, „Imperium“ gibt mehr her.

Daniel KehlmannRuhm. Ein Roman in neun Geschichten

Hätte ich von meiner Lehrerin nicht den Parteiauftrag erhalten, dieses Buch zu lesen, hätte ich schön die Finger von Kehlmann gelassen. So allerdings wurden meine Feiertage durch eine schlechte Lektüre getrübt. Ein Buch, das neun Geschichten vereint, die vage miteinander zusammenhängen. Eine Episode war dabei dermaßen peinlich geschrieben (Kehlmann versucht, den Duktus eines Internetsüchtigen zu reproduzieren, indem er jeden Satz mit Anglizismen und Solözismen volldonnert), dass ich mich für die weitgehend positive Besprechung des Buches schämen muss.

 

Einen guten Rutsch!

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Moment, ich muss meine Chromatiden zusammenbauen

Es ist ja bereits viel über die Entfernung von avenidas an der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin gesagt worden. Meist wurde das Unbehagen der Student*innen abgeschmettert mit Gedichtsinterpretationen, die die Unverfänglichkeit des Textes sowie die vermeintliche Mimosen- und Banusenhaftigkeit der Kritiker*innen belegen sollten. Glücklicherweise aber gab es nicht wenige, die über die polemischen Anfeindungen gegenüber dem AStA entsetzt waren. Daher hat Max Wallenhorst zu einer Solidaritätsaktion mit dem AStA aufgerufen. Schaut selbst (Den danzugehörigen Text könnt ihr auf Youtube in der Box unter dem Video nachlesen)

„Der Typ ist eine Volleule, aber lustig anzuschauen.“

Bei der gestrigen Automatendichtung hat mich jemand auf die Idee gebracht, jene Mail publik zu machen, die mir die Tür zu SuKuLTuR aufgeschlossen hat. Hier also eine Anleitung, wie man einen Job als Herausgeber*in in einem prestigeträchtigen Verlag bekommt.
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Hallo Marc Degens (Anmerkung der Red.: den Namen der/des* Programmleiter*in einfügen)

keine Angst, es folgt kein Manuskript, sondern zunächst einmal nur eine profane Frage. Vorab aber muss ich mich noch kurz vorstellen; ich heiße *****, präferiere es indes, Sofie (mit f) genannt zu werden — vornehmlich eigtl. nur, weil ich in der Untergrund-„Literaturszene“ (schon dieses Wort!) ausschließlich unter diesem Namen bekannt bin. Ich bin fünfundzwanzig Jahre und im Augenblick noch vom Jobcenter abhängig, das mich in ein Programm gesteckt hat, in dem die Teilnehmer, sagen wir, angehalten werden, ein Praktikum zu absolvieren — unbezahlt selbstverständlich. Da sich meine Sehnsucht, an einer Wursttheke den Verkäufer*innen beim Wiegen, Eintüten und Verpacken zu assistieren, in Grenzen hält, bin ich auf der Suche nach einer Stelle, die für mich ein wenig erbaulicher ist als das, was das Jobcenter verheißungsvoll wähnt. Aber langer Rede kurzer Sinn: Gäbe es im Sukultur-Verlag eine Möglichkeit für ein unbezahltes Praktikum?
Ich muss dazu erwähnen, dass ich mir für fast gar keine Arbeit zu Schade wäre, selbst wenn ich, sofern kein Reinigungspersonal vorhanden, die sanitären Anlagen der Redaktion säubern oder Absagemails an sich selbst maßlos überschätzende Schreibende verfassen müsste. Das einzige, was ich wirklich absolut nicht kann, ist Akkordarbeit — mehrmals versucht und immer zusammengebrochen (nie wieder Kaufland oder Kopierläden!)… falls es bei euch absolut keine Möglichkeit geben sollte, hättet ihr vllt. ein paar Tipps, an wen ich mich anderweitig wenden könnte? (Anmerkung der Red.: eine Frage zum Schluss ist optional)

Auf dass ich mit dieser Mail nicht für bodenlose Ermüdung gesorgt habe…
Mit besten Grüßen,

Sofie Lichtenstein

Und das hat Marc Degens seinerzeit geantwortet.

Ich schließe jetzt. Vielleicht findest Du in den Mülltonnen etwas Essbares.

Normalerweise mag ich die Kolumnen von Sibylle Berg sehr. Die akuelle jedoch betrachte ich als Entgleisung. In ihrem Text ruft Frau Berg dazu auf, Ungerechtigkeit, Beleidigungen, Herablassung usw. mit Humor zu nehmen und es, wie sie sagt, besser zu machen, weil sie dies als erhabene Haltung wähnt. Unvermittelt kamen mir folgende, aus den Zusammenhang gerissenen Zeilen von Shakespeare in den Sinn.

Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?
Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?
Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?

Ich weiß nicht, woher diese Einstellung rührt,  wilde Emotionen, egal in welchem Kontext, seien unschicklich und mithin unangebracht. Wenn einem jemand ins Gesicht spuckt, ist es für meine Begriffe jedenfalls kein Zeichen der Größe, seine Wut hinunterzuschlucken und mit einem Lächeln zu reagieren, statt seine Missbilligung darüber kundzutun und sich ggf. zu wehren. Über den Dingen zu stehen, indem man sich nichts anmerken lässt, ist reine Schimäre und fußt auf nichts weiter als ein christliches Dogma. Wut ist nicht gleich nörgeln oder gar armselig, sondern in vielerlei Hinsicht adäquat und notwendig als Motor für Veränderungen. Keine Bewegung, sei es die feministische, die queere, die der Afroamerikaner usf., hätte etwas bewirkt, wenn sie mit vermeintlicher Coolness und Emotionslosigkeit auf die Straßen gegangen wäre.

Das Ausagieren von Wut gilt in unserer Gesellschaft als unsexy. Mal ganz abgesehen davon, dass ich eine solche Geisteshaltung weitaus unattraktiver finde, als emotional auf haarsträubende Gegebenheiten zu reagieren, wäre es womöglich keine schlechte Idee, sich von dem überholten Anspruch zu verabschieden, jederzeit sexy zu sein. Wer immer nur darauf bedacht ist, sich unantastbar zu geben, versäumt es, selbst anzugreifen und gegen Misstände vorzugehen.

Das eine übereifrige taz-Journalistin einen schlechten Artikel über Thomas Fischer geschrieben – und dem Feminismus keinen Gefallen damit getan- hat, kann kein Anlass zum zweifelhaften Aufruf sein, sich Dinge gefallen zu lassen (indem man in resignatives Gelächter ausbricht), die unmöglich sind. Denn, nein, Frau Berg: Humor ist zwar unerlässlich zum Überleben angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit, nicht aber das Mittel der Wahl, um sich dagegen zu Wehr zu setzen und einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. So sehe ich das zumindest.

Für die Schlampe ist alles ein Kinderspiel

Lesungshonorare für Kurzprosa. Ich weiß, ich stehe mit dieser Ansicht einsam da. Allerdings habe ich es als Schreibende weder früher noch heute für selbstverständlich und zwingend befunden, 100 Euro oder mehr für den Vortrag eines zehnminütigen Textes zu verlangen. Letztes Jahr in Österreich, als ich anlässlich der Lockstoff-Lesung in Wien war, berichtete ich anderen Autor_innen, dass es für mich, angesichts der mangelnden Zahlungskraft von Literaturzeitschriften und Lesebühnen, etwas Besonderes darstelle, ein Honorar zu erhalten, und ich große Dankbarkeit empfände, wann immer mir eines gezahlt werde. Ein Bekenntnis, das auf Fassungslosigkeit und Unverständnis stieß, denn  für meine Gesprächspartner_innen selbst kam es überhaupt nicht mehr infrage, unentgeltlich noch irgendwo aufzutreten. Mich befremdete diese Haltung. Bares zu erwarten, unabhängig davon, wie lange man liest und die finanzielle Situation einer Zeitschrift/eines Leseungsformats/whatever beschaffen ist, erscheint mir – drücke ich es so aus – sehr anspruchsvoll.
Zu schreiben ist für mich ein Privileg, das ich mir selbst herausnehme. Herausnehme, weil das gesellschaftliche Setting mir die Möglichkeit hierfür bietet. Früher, zu Grundschulzeiten, hat man das, was ich heute tue bzw. getan habe, Freiarbeit genannt. Das bedeutete, sich unter flexiblen und entspannten Bedingungen auf einer spielerischen Ebene auszuprobieren und im Idealfall etwas hevorzubringen, das gefällt; bedeutete, dass wir Verantwortung übernahmen und selbst entschieden, womit wir uns wie beschäftigten. Und genau das ist für mich Schreiben: ein Hobby, eine Freiarbeit, dem/der ich mich eigenverantwortlich zuwende; ein Luxus, wenn ich bedenke, dass man als Autor_in dank Sozialfürsorge immer weiterschreiben kann, ja keine existenziellen Ängste ausstehen muss, selbst wenn es mit der Schriftstellerkarriere nicht so läuft, wie erhofft.
Lädt mich eine Literaturzeitschrift, die meinen Text abgedruckt hat, ein, einen Text in der Länge von 10-15 Minuten vorzutragen, mithin also an Präsenz zu gewinnen, erscheint es mir vermessen, Geld von dieser zu verlangen. Viele Autor_innen argumentieren damit, dass auch eine Lesung Arbeit sei. Mir selbst hingegen kommt diese Aussage, sofern bloß von einem Kurzauftritt die Rede ist, ein wenig hochtrabend vor. Manchmal frage ich mich, ob ich die einzige bin, die keinen Kraftakt, geschweige denn Arbeit darin sieht, einen zehn- bis fünzehnminütigen Text – selbst wenn es der eigene ist – vorzulesen (ist es für mich einfach nicht. Null.), und welche Finanzstrategie schreibende Mütter und Väter wohl verfolgen, wenn sie ihren Sprösslingen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. 100, 200 Euro für zehn Minuten irgendwo lesen – Himmelarsch: ’ne Reinigungskraft träumt davon, so viel nach an einem Tag putzen zu verdienen.
Ich verstehe das Bedürfnis, vom eigenen Schreiben leben zu können. Zuweilen allerdings kommt es mir so vor, dass einige vergessen, wie groß und vor allen Dingen fordernd dieser Wunsch ist. Nicht wenige Autor_innen tendieren gar zu gerne zur Selbstgefälligkeit und vergessen infolgedessen, dass nicht nur die Literaturzeitschriften, Lesereihen, ja selbst Verlage diejenigen sind, die in den Genuss eines Privilegs kommen,  nämlich ihre Texte zu publizieren, sondern auch sie, die Autor_innen selbst, indem ihnen zu einer Leserschaft, Präsenz und Reichweite verholfen wird. Ich persönlich sehe darin bereits einen wahnsinnigen hohen Wert; einen nicht selbstverständlichen Wert, der aber sehr häufig verkannt wird. Die Kohle ist für mich daher nicht nur eine geile Zugabe für den Luxus, mich einer Freiarbeit, dem Schreiben, hingeben zu können, sondern darüber hinaus nichts, womit ich bei den ärmsten der Armen, den Zeitschriften und Lesereihen, ansetzen wollte. Die Verantwortung, das Verbreiten der eigenen Gedanken und Geschichten zu bezahlen, sehe ich vielmehr bei jenen, die daran auch verdienen, namentlich die Verlags- und Literaturhäuser.

Nicht selten beschleicht mich das Gefühl, dass Autor_innen in einem Honorar weniger eine Form der Anerkennung  sehen, als eine Art Schmerzensgeld für das Schreiben. Das ist verständlich, doch nicht unproblematisch, denn: Niemand zwingt einen, sich dem Leid des Schöpferischen auszusetzen. Es gibt keine_n Arbeitgeber_in, keine finanzielle Not im Nacken, der/die einem keine andere Wahl ließen. Für meine eigene innere Notwendigkeit, die ich empfinde, kann ich niemanden zur Verantwortung ziehen. Wie jemand, der selbstständig ist, bin ich allein dafür verantwortlich, mit dem auszukommen, was ich tue. Selbstfürsorge kann man nicht an andere delegieren. Wird nicht funktionieren.

PS – weil damit einfach zu rechnen ist: Ich sage nicht, dass Schreiben und Lesungen grundsätzlich keine Honoration bekommen sollten.