romantisch verklärt

Für die Schlampe ist alles ein Kinderspiel

Lesungshonorare für Kurzprosa. Ich weiß, ich stehe mit dieser Ansicht einsam da. Allerdings habe ich es als Schreibende weder früher noch heute für selbstverständlich und zwingend befunden, 100 Euro oder mehr für den Vortrag eines zehnminütigen Textes zu verlangen. Letztes Jahr in Österreich, als ich anlässlich der Lockstoff-Lesung in Wien war, berichtete ich anderen Autor_innen, dass es für mich, angesichts der mangelnden Zahlungskraft von Literaturzeitschriften und Lesebühnen, etwas Besonderes darstelle, ein Honorar zu erhalten, und ich große Dankbarkeit empfände, wann immer mir eines gezahlt werde. Ein Bekenntnis, das auf Fassungslosigkeit und Unverständnis stieß, denn  für meine Gesprächspartner_innen selbst kam es überhaupt nicht mehr infrage, unentgeltlich noch irgendwo aufzutreten. Mich befremdete diese Haltung. Bares zu erwarten, unabhängig davon, wie lange man liest und die finanzielle Situation einer Zeitschrift/eines Leseungsformats/whatever beschaffen ist, erscheint mir – drücke ich es so aus – sehr anspruchsvoll.
Zu schreiben ist für mich ein Privileg, das ich mir selbst herausnehme. Herausnehme, weil das gesellschaftliche Setting mir die Möglichkeit hierfür bietet. Früher, zu Grundschulzeiten, hat man das, was ich heute tue bzw. getan habe, Freiarbeit genannt. Das bedeutete, sich unter flexiblen und entspannten Bedingungen auf einer spielerischen Ebene auszuprobieren und im Idealfall etwas hevorzubringen, das gefällt; bedeutete, dass wir Verantwortung übernahmen und selbst entschieden, womit wir uns wie beschäftigten. Und genau das ist für mich Schreiben: ein Hobby, eine Freiarbeit, dem/der ich mich eigenverantwortlich zuwende; ein Luxus, wenn ich bedenke, dass man als Autor_in dank Sozialfürsorge immer weiterschreiben kann, ja keine existenziellen Ängste ausstehen muss, selbst wenn es mit der Schriftstellerkarriere nicht so läuft, wie erhofft.
Lädt mich eine Literaturzeitschrift, die meinen Text abgedruckt hat, ein, einen Text in der Länge von 10-15 Minuten vorzutragen, mithin also an Präsenz zu gewinnen, erscheint es mir vermessen, Geld von dieser zu verlangen. Viele Autor_innen argumentieren damit, dass auch eine Lesung Arbeit sei. Mir selbst hingegen kommt diese Aussage, sofern bloß von einem Kurzauftritt die Rede ist, ein wenig hochtrabend vor. Manchmal frage ich mich, ob ich die einzige bin, die keinen Kraftakt, geschweige denn Arbeit darin sieht, einen zehn- bis fünzehnminütigen Text – selbst wenn es der eigene ist – vorzulesen (ist es für mich einfach nicht. Null.), und welche Finanzstrategie schreibende Mütter und Väter wohl verfolgen, wenn sie ihren Sprösslingen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. 100, 200 Euro für zehn Minuten irgendwo lesen – Himmelarsch: ’ne Reinigungskraft träumt davon, so viel nach an einem Tag putzen zu verdienen.
Ich verstehe das Bedürfnis, vom eigenen Schreiben leben zu können. Zuweilen allerdings kommt es mir so vor, dass einige vergessen, wie groß und vor allen Dingen fordernd dieser Wunsch ist. Nicht wenige Autor_innen tendieren gar zu gerne zur Selbstgefälligkeit und vergessen infolgedessen, dass nicht nur die Literaturzeitschriften, Lesereihen, ja selbst Verlage diejenigen sind, die in den Genuss eines Privilegs kommen,  nämlich ihre Texte zu publizieren, sondern auch sie, die Autor_innen selbst, indem ihnen zu einer Leserschaft, Präsenz und Reichweite verholfen wird. Ich persönlich sehe darin bereits einen wahnsinnigen hohen Wert; einen nicht selbstverständlichen Wert, der aber sehr häufig verkannt wird. Die Kohle ist für mich daher nicht nur eine geile Zugabe für den Luxus, mich einer Freiarbeit, dem Schreiben, hingeben zu können, sondern darüber hinaus nichts, womit ich bei den ärmsten der Armen, den Zeitschriften und Lesereihen, ansetzen wollte. Die Verantwortung, das Verbreiten der eigenen Gedanken und Geschichten zu bezahlen, sehe ich vielmehr bei jenen, die daran auch verdienen, namentlich die Verlags- und Literaturhäuser.

Nicht selten beschleicht mich das Gefühl, dass Autor_innen in einem Honorar weniger eine Form der Anerkennung  sehen, als eine Art Schmerzensgeld für das Schreiben. Das ist verständlich, doch nicht unproblematisch, denn: Niemand zwingt einen, sich dem Leid des Schöpferischen auszusetzen. Es gibt keine_n Arbeitgeber_in, keine finanzielle Not im Nacken, der/die einem keine andere Wahl ließen. Für meine eigene innere Notwendigkeit, die ich empfinde, kann ich niemanden zur Verantwortung ziehen. Wie jemand, der selbstständig ist, bin ich allein dafür verantwortlich, mit dem auszukommen, was ich tue. Selbstfürsorge kann man nicht an andere delegieren. Wird nicht funktionieren.

PS – weil damit einfach zu rechnen ist: Ich sage nicht, dass Schreiben und Lesungen grundsätzlich keine Honoration bekommen sollten.

Junimond

Nach monatelangem Abwägen habe ich mich zu der Entscheidung durchgerungen, ein Kapitel meines Lebens abzuschließen und Literatur nur noch als Konsumentin, nicht aber mehr als Produzentin zu erfahren. Das Schreiben und alles, was mit ihm in Verbindung steht, kostet mich mehr, als ich von ihm profitiere. Und jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich merke: Es geht nicht mehr, weder psychisch noch physisch. Ich werde nicht jünger. Ich bin gerade dabei, mein Leben endlich in geordnete Bahnen zu bringen. Der ganze Schreibcrap stresst mich mittlerweile jedoch so sehr, dass dieses Unterfangen ernsthaft bedroht ist.
Schlaflosigkeit, Niedergeschlagnheit, allgemeines Unwohlsein, Benommenheit, Derealisation, Depersonalisation… die Liste geht noch so weiter.
Ich packe das nicht mehr, und offen gestanden bin ich auch nicht mehr bereit, das zu schultern. Ich muss mich entlasten.
Ganz abgesehen davon, merke ich auch: Ich bin leer. Ich habe mich bis zum letzten Tropfen ausgewrungen. Das heißt: Es gibt nichts mehr, das ich zu erzählen hätte. Alles, was ich wirklich zu sagen hatte, habe ich in Der Großen Glocke ausgesprochen. Und das ist gut. Ich habe die Möglichkeit genutzt, mich mitzuteilen.
Ich bereue nicht, zehn Jahre meines Lebens damit verbracht zu haben: Nicht nur weil ich als ehemalige Diktatversagerin nahezu fehlerfreies Formulieren gelernt habe, sondern auch, weil ich etwas entdeckt habe, womit ich nicht gerechnet habe: meine Liebe zur Sprache. Es war also keineswegs vergebens.
Danke an alle, die meine Texte gelesen, sie kommentiert, angehört und die unermüdliche Konfrontation mit meinen Selbstzweifeln ertragen haben. Es wird künftig alles etwas leichter werden. Nicht nur für mich. Ihr könnt daher aufhören, mich Sofie Lichtenstein zu nennen.

Ich bin ein Neidhammel und neidisch auf mich

Ja ja. Kein Jahr, nicht einmal 1939, wurde jemals so gebashed wie 2016. Das liegt aber nicht nur daran, dass die halbe Popmusikelite einschließlich Carrie Fischer gestorben und Affenfresse Trump Präsident geworden ist – seriously?!! ; sondern auch daran, dass etliche Menschen privat immer wieder in Scheiße getreten sind. Meine Wenigkeit nicht ausgenommen. Fast ein dreiviertel Jahr quasi-obdachlos, Verlust meines Kiezes, herbe Misserfolge in der Schule sowie beim Schreiben und die Erkenntnis, dass Die Große Glocke, diese Seelenangelegnheit, die 4 Jahre von mir gefordert hat, durch die Bank weg verschmäht wird – um nur ein paar der dramaturgischen Tiefpunkte meines Jahres zu nennen.

Da die Welt aber ein riesen Kübel Scheiße ist, aus der hin und wieder ein paar Blümchen wachsen, gab es auch bei mir kleine Ereignisse und Entwicklungen, die schön waren. Zum Beispiel wurde ich zweimal für einen Literaturpreis nominiert – wobei ich doppelt leer ausging und mithin erfahren durfte, wie DiCaprio sich all die Jahre gefühlt haben musste (ultra frustriert). Dann bin ich nach Wien geflogen, ja geflogen, anlässlich einer Lesung. Für die meisten wäre das keine große Sache, für mich allerdings war das ein riesen Happening; nicht nur, weil ich das erste Mal überhaupt ein Flugzeug in Anspruch genommen habe und dazu noch allein, sondern auch, weil ich mir während all der Vorlaufzeit nicht zugetraut hätte, dieses Abenteuer wirklich anzutreten. Was noch? Ach ja, mein Fame wächst so allmählich und merklich. Es gibt immer mehr Leute, sogar mehr oder weniger bekannte, die entweder verfolgen möchten, was ich mache, oder sich bei mir anbiedern, weil ich Herausgeberin bei SuKuLTuR bin. Leute, denen ich vorher zu uncool war. Leute, die mich vorher nicht ernst genommen haben. Was daran schön ist? Ich kann die meisten getrost abblitzen lassen, weil ich keinen Pfifferling darauf gebe, im Literaturszenenpuff gemocht zu werden oder gar dazuzugehören.  Wer mich mag, mag mich deshalb, weil ich eine rüde, prollige, intersektionelle Post-Feministin bin, die sich öffentlich am Schritt kratzt, auf Seriosität einigermaßen defäkiert und sich nicht selbst die Klitoris poliert, wenn sie über Literatur schwadroniert.

Aber nu, kommen wir zu den lächerlich wenigen Büchern, die ich dieses Jahr gelesen habe.

Anna SeghersDas siebte Kreuz

Damals mehrere Male angefangen und immer wieder nach ein paar Seiten abgebrochen. Und heute: Ich las das Buch immer in dem Wissen, dass ich ganz große Literatur in den Händen halte. Bis zum Schluss durchzuhalten, fiel mir dennoch sehr schwer. Ich kann nicht genau sagen, woran es lag. Es wollte sich bei mir kein rechtes Interesse an den Figuren und der Handlung auftun. Allein das Handwerk hat mir imponiert, das für mich ans Meisterliche grenzt. „Nur“ um das aber festzustellen, hätte ich nicht das ganze Buch lesen müssen. Ob’s ich trotzdem empfehlen würde? Ja, unbedingt.

 

Joshua GroßMagische Rosinen

Bei Dr. Peng reingelesen und für so aufregend befunden, dass ich Verleger Manfred Rothenberger anschrieb und um das Buch bat. Das Schöne am gleichzeitigen Herausgeber*in- und Schrifsteller*insein: Man ist in einer Position, auf der man am Geben-und-nehmen-Prinzip partizipieren kann. Ich bekomme also ein kostenloses Exemplar von Magische Rosinen und Rothenberger mein Sachenhausen-Heft.
Zum Buch: Musikfetischist und Zitat Deutsche Rapphoffnung Zitatende Mascarpone und Politikerin Sahra Wagenknecht begegnen und verlieben sich. Wagenknecht schickt den Rapper schließlich nach New York, um die sog. Magischen Rosinen zu finden, ein Zitat Wundermittel zur Befreiung des menschlichen Bewusstseins Zitatende, das Aliens seinerzeit auf der Erde hinterlassen haben – alles für den Weltfrieden.
Nicht nur, dass mich der trashige Plott begeistert hat; ich war auch von den zahlreichen popkulturellen Bezügen ganz angetan sowie vom sattelfesten und originellen Erzählstil – es las sich wunderbar. Ein Versuch, der, schaut man sich so um in der zetgenössischen Literatur, benkenlos als eigensinnig bezeichnet werden könnte. Einzige Schwachstelle: Der überfrachtete Plott. Jede schrille Idee soll, ja muss rein. Daher ist es – zumindest teilweise – vom verzückenden Trash zum Klamauk nicht weit.
Lesen? Ja, bitte.

Lisa Kränzler Nachhinein

BÄM! Als ich im Sommer die ersten Seiten angelesen habe, stellte ich das Buch flugs wieder in mein Buchrregal. Meine Fresse, wie anstrengend, was für ’ne artifizielle, verbastelte Sprache, sagte ich in mich hinein. Nach einiger Zeit allerdings nahm ich es wieder zur Hand – wegen der täglichen Pendelei bot es sich an -, um es dann nur noch zur Seite zu legen, wenn ich irgendwelchen Pflichten nachgehen musste. Oh my, wie lange hatte ich das schon nicht mehr, es dürften Jahre sein!
Ein durch und durch grandioses Buch! Erzählt wird die Geschichte zweier Mädchen, die unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen und freundschaftlich miteinander verbunden sind. Während die eine gut situiert und wohl behütet lebt, erfährt die andere psychischen sowie sexuellen Missbrauch.
Ein Einstieg in das Buch fällt nicht leicht. Statt reduziert und parataktisch zu erzählen – was sich gegenwärtig ja großer Beliebtheit erfreut -, malt Kränzler mit Hypotaxen und  Metaphern ein gewaltiges expressionistisches Bild, das einen sofort catched.
Besonders beeindruckend und großartig fand ich, zumal als Nostalgikerin, wie Kränzler aus dem Super-Nintendo-Klassiker Street Fighter 2 ein tragendes Handlungsalement macht, mit dem sie die Sehnsüchte des benachteiligten Mädchens, deren Flucht in eine andere Welt sowie deren sexuellen Missbrauch auf schmerzhafte Weise verbildlicht. Aus einem harmlosen Konsenspiel wird eine zweite Welt, eine Welt mit der sich die Gepeinigte von der Realität, den uneträglichen Zuständen abspalten und ihr eigenes Leid ertragen kann. Es ist schrecklich beklemmend und gerade deshalb ein verdammt guter Roman.
Wenn man dann auch noch Sätze liest wie „Er ist nicht länger ihr Vater. Er ist genauso wenig ihr Vater, wie das Stück Stoff, das hinter ihm zu Boden fällt, ein Bademantel ist.“ und „[…]Später befühlt sie das Cape. Erschlafft hängt es am Haken. Gibt sich harmlos, frotteeflauschig. Ein Meister im Täuschen und Tarnen. Einer, der weiß, wie man sich vor Müttern versteckt. Müttern, die nichts ahnen wollen. Müttern, die an den Bademantel glauben.“, dann wird einem anders. Das tut weh, und weil es weh tut, ist das nicht mehr und nicht weniger ein Beweis dafür, dass uns hier jemand etwas ganz stark erzählt.
Gemeinhin wird das Buch als Coming-of-Age gelabelt. Ums Aufwachsen geht’s durchaus; doch nicht ums Erwachsenwerden. Das Thema des Buches, es ist ein ganz anderes.
Unbedingt lesen, unbedingt, unbedingt.

Anneliese MackintoshSo bin ich nicht

Dass ich das Buch gelesen habe, war dem Zufall geschuldet, dass ich einem Lektor des Aufbau-Verlags bei einer Party begegnet bin. Wir befreundeten uns bei Facebook, und er schickte mir die Lektüre zu. Eine Beurteilung fällt mir schwer, weil ich außerstande bin, das Buch lediglich auf Grundlage literarischer Kriterien zu bewerten. Beschränke ich mich allein darauf, gibt es nichts zu bemängeln. Die Geschichten sind souverän erzählt, unterhalten gut und brachten mich nicht selten sogar zum Lachen. Mein Problem: Es ist für mich diese Art Schreiben-als-Psychohygiene/-therapie, die als typisch für Frauen gilt, ja vielleicht bloß eine gehobenere, neue (?) Spielart darstellt unter dem sexistischen Label namens Frauenliteratur. Mackintosh macht sich, fragt man mich, selbst zum Klischee, sie erfüllt die Erwartungen, die man an schreibende Frauen hat: Sie müssen sich selbst therapieren, das ist der Grund, warum sie in die Tastatur hauen und sonst nichts (Inga-Maria Mahlke hat dazu mal etwas sehr Treffendes geschrieben, leider finde ich die entsprechende FB-Statusmeldung nicht mehr). Ich hatte nicht das Gefühl, etwas Neues zu lesen, vielmehr war es mir gar zu vertraut. Interessanter hätte ich gefunden, wäre der Verfasser ein Mann, hätte ein Mann derart blank gezogen und sich so fragil, so anfreifbar gezeigt. Ein Aufbrechen von gelebten Rollenklischees, eine männliche Emanzipation – nicht von den Frauen, sondern von klassischen Erwartungen, mit denen sich Männer konfrontiert sehen. Ob ich es dem Buch aber „zum Vorwurf machen“ möchte, weiß ich nicht. Eigentlich wäre es unfair, weil das Problem die Klischees und deren Ursprünge sind und nicht diejenigen, die ihnen (zufällig) entsprechen.

Wolfang Herrndorf – Sand

Hat mir besser gefallen als Tschick, wobei ein Vergleich im Grunde kaum möglich ist. Während Tschick ein Feel-Good-Buch mit Feel-Good-Ende ist, stellt Sand eine satirische Agentenklamotte dar mit schwer verdaulichem Ausgang. Ursprünglich habe ich, anlässlich der Rezensionen, die von einem verschachtelten, schwierig zu folgenden Roman sprachen, davor zurückgeschreckt, mir das Buch zu besorgen. Als ich allerdings mal ein paar Payback-Punkte zuviel hatte, fasste ich mir ein Herz. Es hat sich nachgerade amortisiert. Sand ist ein herrlich intelligenter und brillant erzählter Roman, wenngleich die ein oder andere Länge nicht abzustreiten ist. Die Einführung der Figur Helen Gliese ist für mich das persönliche Highlight des Buches; bisher bin ich noch keiner großartigeren Personeninstruktion begegnet. Auch an den sarkastischen Passagen konnte ich mich laben, insbesondere an der schrulligen Kartenlegerin Michelle, die Herrndorf mit großer Leidenschaft durch den Kakao zieht. Die Liebe zum Detail sowie das Ausmaß der Beschreibung der Tarot-Sessions erscheint mir nicht zuletzt bemerkenswert, machte doch WH in seinem Blog Arbeit und Struktur keinen Hehl daraus, was er von allem, was sich der Wissenschaft entzieht, hielt. Als Irre hätte er eine Michelle bezeichnet, wäre er ihr begegnet. Aber nun –
Sand gehört zu den wenigen Büchern, bei denen mich die Auflösung der Geschichte interessiert hat. Sehr überrascht war ich am Ende nicht, was allerdings nicht gegen das Buch spricht. Es ist, like I said, erzählerisch, sprachlich und kompositorisch auf höchstem Niveau, und noch dazu spannend und zuweilen wahnsinnig amüsant. Diese Elemente zusammenzubringen, erachte ich als wahres Kunststück.

David Foster Wallace – Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Wenn ich mir David Foster Wallace zu Gemüte führe, fühle ich immer eine geistige und emotionale Nähe. Das ist unheimlich wohltuend und gleichzeitig ausgesprochen traurig, weil ich ihn immer in dem Wissen lese, dass er, dessen Blick auf die Dinge den meinen ähnlich ist, tot ist; dass uns eine Welt trennt. Es dürfte niemanden geben, der eine Fahrt auf einem Luxuskreuzfahrtschiff so intelligent und komisch beobachten und analysieren kann wie DFW. Es ist die reinste Freude, dieses Buch zu lesen.

Robert Merle Der Tod ist mein Beruf

Mit großer Vorfreude und mithin hohen Erwartungen bin ich an den Roman rangegangen, der die Geschichte des Lagerkommandaten von Auschwitz, Rudolf Höß (im Buch Rudolf Lang) erzählt. Es ist der Versuch, anhand einer Biografie unfassbar erscheinendes Verhalten zu erklären. Bezüge zu Hannah Arendts Bericht Eichmann in Jerusalem, der die sog. Banalität des Bösen thematisiert, erschienen nicht zufällig, müssen es allerdings sein, weil Merles Werk fast ein Jahrzehnt früher erschienen ist. Überzeugte mich das Buch? Nein, leider nicht. In erster Linie dürfte es daran liegen, dass mich der Protagonist völlig kalt gelassen hat. Die Figurenzeichnung wirkte auf mich erschreckend eindimensional und klischeebeladen. So sehr ich mich auch bemühte, es gelang mir nicht, Rudolf Lang seinem im Buch dargstellten Charakter abzukaufen. Darüber hinaus fand ich den Roman sprachlich wie erzählerisch recht limitiert, um nicht zu sagen dürftig, was dazu führte, dass sich keinerlei Spannung beim Lesen auftun wollte. Dass es obendrein grobe faktische Schnitzer gab („Auschwitz sollte die jüdischen Häftlinge aufnehmen und Birkenau die Kriegsgefangenen“ S.185. Nein,  genau umgekehrt wird ein Schuh draus.) – geschenkt. Insgesamt hat mich das Buch sehr unbefriedigt zurückgelassen.

Einen guten Rutsch, ihr Muschis!

And the Nobel Prize goes to…

Ein Songtext kann genauso Literatur darstellen wie ein gemeines Gedicht, Drama oder Prosawerk. Die Grenzen von Literatur und Musik sind fließend. Ein guter Text bzw. eine gelungene Sprache fußt stets auf musikalischen Grundlagen wie Ton, Rhythmus usf.
Das belegt bereits die Historie, wie die herzerwärmende Nora Gomringer unlängst in einem Artikel in der NZZ.ch  festgehalten hat.

Vergessen scheinen die Aoiden der vorhomerischen und homerischen Zeit, die die Odyssee bei Gastgelagen sangen und denen der Dichter Homer lauschte, dann – die Wissenschaft ist sich beinahe sicher, dass es so gewesen sein muss – die besten Vortragsversionen verband und den Text schuf, der uns mit seinen 24 Gesängen über die Irrfahrten des Listenreichen zur Weltlektüre wurde.

Homer hätten die meisten Menschen den Nobelpreis für Literatur wohl ohne Zögern gegönnt, Bob Dylan bekommt heftigen Gegenwind.

Das Komitee hat gezeigt bzw. zeigen wollen, dass es in der Gegenwart angekommen ist – ist es tatsächlich natürlich immer noch nicht, weil Dylan als Repräsentant der Popkultur einfach nicht mehr zeitgemäß ist.
Das ist einerseits eine wichtige, andererseits aber auch eine unglückliche Geste.
Im Fokus des Literaturnobelpreises sollten nicht zuletzt – aber das ist nur meine ganz persönliche Meinung – außerordentliche literarische Qualität sowie auch poetische Innovationen gewürdigt werden. Wäre es allein nach diesen Maßstäben gegangen, hätte Dylan nicht Autor_innen wie Thomas Pynchon, Don DeLillo, Elena Ferrante etc. vorgezogen werden dürfen: Denn zwischen ihm – wenngleich er zweifelsohne ein guter Songwriter ist – und den Genannten liegen einfach noch ein paar Sternensysteme.
Bei der Entscheidung der Akademie ging es vor allem darum, ihr eigenes Innovationsbedürfnis zu befriedigen. Sie haben dieses literarischen Maßstäben vorgezogen. Letztlich wurde der Verbreitungsweg prämiert. Was dumm ist, weil man durchaus zwei Fliegen mit einer Klappe hätte schlagen können. Preisfrage: Warum wurde keine Songwriterin*/kein Songwriter* ausgezeichnet, die/der in puncto literarischer Qualität und Originalität Großschriftsteller_innen wie Philip Roth, Margaret Atwood, Thomas Pynchon usf. in nichts nachsteht?
Arbeitshypothese: weil das Komitee niemanden bis auf Bob Dylan kennt, der irgendwas mit Popkultur zu tun hat.

Was ich eigentlich nur sagen will: Die Nase zu rümpfen, weil ein vermeintlich Genrefremder den Nobelpreis für Literatur gewonnen hat, ist genauso bescheuert, wie den Einzug der Popkultur in die Literatur für ausreichend zu befinden, um sich den Literaturnobelpreis zu verdienen.

„Besteht der Außerirdische aus Kohlenstoff oder Silikon?“, „Eh, das zweite… Xyliphon.“

Wie ich gestern bereits erwähnt habe (das betrifft diejenigen, die in meiner Facebook-Friendlist sind), habe ich das erste mal seit 14 Jahren kotzen müssen. Die meisten werden denken, dass das kein Grund ist, um es mit einem Post zu bedenken und mit Bedeutung aufzublähen, stellt doch Kotzen für sich genommen nichts Außergewöhnliches dar. Das stimmt, allerdings nur insofern, als man kein Emetophobiker ist. Wer unter Emetophobie leidet, kriegt spontane Atemnot, sobald ihm mal etwas unwohl ist – oder seinen in unmittelbarer nähe befindlichen Mitmenschen. Wer unter Emetophobie leidet, möchte vor dem Kotzen weggrennen. Wer unter Emetophobie leidet, kann eine pathologische Angst vor dem Essen haben oder entwickeln.
Es ist nicht so, dass ich in all den Jahren keinen Brechreiz gehabt hätte. Den bekam ich sogar häufiger mal aus unterschiedlichen Gründen. Gleichwohl blieb es immer nur beim Würgen. Nie ist es mir tatsächlich aus dem Mund gekommen. Je häufiger ich diese Erfahrung machte, desto weniger Panik empfand ich beim Würgen. Irgendwann war sie sogar ganz weg; weil ich mich darauf verlassen konnte, dass mein Mageninhalt letzten Endes doch nicht hervorkommt; und weil ich darauf vertraute, dass man mit der Psyche, mit aboluten Willen bzw. Widerwillen, steuern kann, mit welchen Reaktionen der Körper einer Krankheit begegnet.
Seit dem ich Herrendorfs Blog gelesen und mich mithin mit Glioblastomen beschäftigt habe, macht mir der Gedanke schwer zu schaffen, wie abhängig unser Geist, unser Bewusstsein, unsere Klarheit von einem Klumpen Materie, dem Hirn, ist; wie ohnmächtig wir eigentlich sind; wie ausgeliefert. Es geschehen soviele Prozesse im Gehirn, von denen wir nicht das Geringste mitbekommen. Es hat uns ganz in der Hand. Es kontrolliert uns, nicht wir es. Und wehe, wehe, dieses fragile System ist irgendwelchen Erschütterungen ausgesetzt. Dann verlieren wir entweder unsere Sprache, unser Gleichgewicht, unser Sehvermögen, unser Gefühl, unsere Körperkontrolle, unsere Persönlichkeit, uns selbst.
In meiner vorletzten Kurzgeschichte Die Suche nach Satelliten, in der es um den Zusammneschluss von Deutschland und Österreich geht, schrieb ich einmal:

Ich schlürfe meinen Drink aus und bestell noch einen. Egal, wieviel ich heute bechern werde: Ich werde immer die Kontrolle behalten. Mit der Kraft des Willens werde ich mich gegen mein sich gehen lassendes Hirn auflehnen. Es kann nichts passieren, solange ich kein grünes Licht gebe. Wenn ich nicht will, dass Hypothalamus, Hypophyse und Eierstöcke meinen Ovarialzyklus vollkommen unbemerkt steuern, werde ich künftig nicht mehr menstruieren; wenn ich meiner Medulla oblongata Einhalt gebiete, werde ich nicht kotzen. Wenn ich nur will, werde ich nicht torkeln. Egal, wieviel ich trinke. Ich bin stärker als mein Hirn. Ich bin mehr als Materie.

Ich habe wirklich geglaubt oder zumindest gehofft, dass dieses möglich wäre oder zumindest in weiten Teilen; dass ich mit Willenskraft mich aus der Ohnmacht der Abhängigkeit von und der Kontrolle des Gehirns befreien könnte. Und so hatte ich auch, als ich letzte Nach die ersten Symptome bekam, als ich minütlich zum Klo rennen musste wie jemand, der zehn Einläufe auf einmal verpasst bekommen hat, zunächst keine Angst. Ja, okay, scheint ein härterer Infekt zu sein, dachte ich, aber hej, ich habe 14 Jahre lang nein gesagt, ohne dass mein Hirn dem etwas entgegensetzen konnte.
Als ich aber schließlich würgen musste, wusste ich auf einmal, dass es dieses Mal nicht dabei bleiben würde; dass ich dieses Mal wirklich kotzen müsste. Und so geschah es schließlich auch. Nicht einmal so viel, dass ich danach eine Erleichterung verspürt hatte, aber doch genug, um es aus dem Mund laufen zu lassen und die Säure im Rachen zu schmecken. Während ich kotzte, kippte ich mir einen Becher kalten Wassers über den Hinterkopf, um nicht vor der Schüssel zusammenzubrechen (war schon vollkommen dehydriert und einen Tag ohne Schlaf). Und nachdem ich die Schüssel ausgekippt und ausgespült hatte, legte ich mich wieder hin und dachte über das eben Erlebte nach. Mein erster Gedanke: Mein Gehirn hat sich gegen meinen Willen behauptet, hat gemacht, was ihm beliebte.
In diesem Augenblick wurde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit und mithin Menschlichkeit bewusst. Ich fühlte nur noch  Ernüchterung.