romantisch verklärt

Was will ich mit Sprache machen?

Um meinen Blog wieder etwas mehr Leben einzuhauchen, aber auch, um etwas aufzuklären, könnt ihr unten meine Hausarbeit zum generischen Maskulinum und geschlechtergerechter Sprache einsehen. Konkret habe ich mich mit den spezifischen Potenzialen aber auch Limitationen auseinandergsetzt. Daher auch der Titel: Potenziale und Limitationen des generischen Maskulinums geschlechtergerechter Sprache.
Natürlich bildet die Arbeit aufgrund ihres Formats nicht sämtliche Probleme ab. Auf zentrale Aspekte wird allerdings eingegangen.

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich untersuchen, über welche Potenziale, aber auch Limitationen sowohl das generische Maskulinum, als auch mögliche Formen geschlechtergerechter Sprache verfügen. Die Bearbeitung dieser Frage erscheint mir insoweit angezeigt, als sich ein wachsendes Sprachbewusstseins innerhalb der Bevölkerung abzeichnet und Forderungen vor allem junger links-aktivistischer und/oder akademisch sozialisierter Menschen laut werden, in öffentlichen Kontexten eine Sprache zu etablieren, die sowohl inklusiv ist, als auch etwaige Diskriminierung in Bezug auf Gender, Race, Class und Ability vermeidet. Zwar hat sich Heide Wegener bereits 2017 mit den Grenzen geschlechtergerechter Sprache befasst; allerdings lag ihr Fokus vor allem darauf, die Zukunft des generisches Maskulinums zu prognostizieren. Meine Hausarbeit soll der Versuch sein, die Frage umfassender zu beantworten. Einerseits möchte ich ein größeres Spektrum sprachlicher Diversität untersuchen, andererseits nicht nur auf Grenzen, sondern auch auf Vorteile unterschiedlicher Referenzmethoden eingehen.
Um das, was geschlechtergerechte Sprache leisten kann, zu eruieren, werde ich unterschiedliche linguistische Strategien, um auf Geschlecht zu referieren, betrachten, angefangen beim generischen Maskulinum über spezifische Schriftzeichen zwischen Wortstamm und Movierungssuffix hin zu neutralisierenden partizipialen Formen. Zwangsläufig werden sich bei der Betrachtung der jeweiligen formalen Potenziale und Limitationen zwei mögliche Perspektiven auf diese eröffnen. Zum einen wäre das freilich der linguistische Blickpunkt, geht es doch um konkrete sprachliche Formen, zum anderen aber auch der moralische, der den Ausgangspunkt der Sprachhandlung markiert. Die Besonderheit meiner Problemfrage, wenn nicht sogar der gendergerechten Sprache per se sehe ich darin, dass sich die linguistische und moralische Dimension überlappen, oder anders formuliert: ob ihrer engen Abhängigkeitsbeziehung nicht voneinander entkoppelt werden können. Insofern werde ich die Möglichkeiten und Grenzen der gendergerechten Sprache zwar einer linguistischen und keiner moralphilosophischen Analyse unterziehen, jedoch unter Berücksichtigung der moralischen Intention, die den inklusiven Sprachanwendungen zugrunde liegen.

2. Sprachliche Formen

2. 1 Das generische Maskulinum

>Gisela Klann-Delius definiert das generische Maskulinum wie folgt: „Unter generischem Maskulinum werden Formen maskuliner Nomina und Pronomina verstanden, die sich auf Personen mit unbekanntem Geschlecht beziehen, bei denen das Geschlecht der Personen nicht relevant ist, mit denen männliche wie weibliche Personen gemeint sind oder mit denen eine verallgemeinernde Aussage gemacht werden soll.“ (Klann-Delius 2005: 26)

Jeder möchte einmal Lotto-Gewinner sein.
Einige Verbrecher wurden bis heute nicht gefasst.

Der Anspruch, der dem generischen Maskulinum also zugrunde liegt, ist die Abstraktion vom natürlichem Geschlecht.
Aus sprachökonomischer Perspektive ist das generische Maskulinum allen bisher im Umlauf befindlichen Alternativen, um auf Personen zu referieren, überlegen. Dies ist nicht zuletzt dem „Prinzip natürlicher Sprachen“ (Wegener 2017: 285) zu verdanken, bei dem generische Formen stets unmarkiert sind, das heißt also, eine unterspezifizierte Semantik besitzen und damit einhergehend einen unterspezifizierten morphologischen Aufbau.

unmarkiert (merkmallos)

markiert (merkmalhaltig)

sauber

un•sauber

Mensch

Mensch•en

Friseur

Friseur•in

Wirft man einen Blick auf Tempusformen von Verben, ist es das Präsens, das analog zum generische Maskulinum unmarkiert ist. Das Präsens kann nicht nur auf die Gegenwart, sondern in Verbindung mit Temporaladverbien wie morgen oder gestern auf Vergangenheit („Da gehe ich gestern ins Kino und sehe Kathrin“) und Zukunft („Morgen gehe ich ins Kino“) verweisen. Markierte Tempusformen wie Präteritum und Futur können dagegen keinen Bezug auf die Gegenwart nehmen.
Das generische Maskulinum ist ebenso unmarkiert und hat zumindest in der Theorie die Fähigkeit, auf alle Individuen unabhängig ihres Geschlechts Bezug zu nehmen. So ist das Genus von Studentzwar maskulin, laut Wegener allerdings merkmallos hinsichtlich der Kategorie Sexus; während bei Studentindas Movierungssuffix -in dem semantischen Basisinhalt Individuum, das studiert eine Information in Bezug auf das Geschlecht hinzufügt. Wie an diesem kurz umrissenen Beispielen zu erkennen ist, sind unmarkierte Formen grundsätzlich simpler, was nicht nur einen unkomplizierten, ökonomischen Kommunikationsfluss ermöglicht, sondern Sprachlerner*innen, Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche oder Behinderungen vor weniger Barrieren stellt, die sich etwa durch Affigierung, Flexion und Sonderzeichen auftun können.
Warum sieht sich das generische Maskulinum dennoch mit soviel Kritik konfrontiert? Eine mögliche Erklärung könnte in der formalen Kongruenz zu sehen sein, die zwischen dem generischen Maskulinum, das vom Geschlecht abstrahieren und alle mitmeinen soll, und nicht-generischen Maskulinum besteht, das auf männliche Individuen referiert. Die Folge dieser Kongruenz offenbart sich darin, dass Maskulina bei Personenbezeichnungen Archilexeme sind, wodurch sich der Eindruck aufdrängt, dass Männer als Maßstab und Norm gesetzt werden bzw. Männlichkeit das zugrundeliegende Konzept von Begriffen wie Arzt, Student, Lehrer, Handwerker etc. ist. Das generische Maskulinum ist daher dafür prädestiniert, die gesellschaftliche Fixierung auf das Männliche zu reproduzieren – Lann Hornscheidt spricht in diesem Zusammenhang auch von „Andro-Genderung“. (Wenn auch nicht geklärt ist, ob die Ursprünge des generischen Maskulinums in einer androzentrischen Ordnung zu suchen oder durch andere sprachhistorische Entwicklungen zu erklären sind.) Das ist insofern problematisch, als „in den Sprachen […] unsere grundlegenden Wertvorstellungen kodifiziert sind“. (Pusch 1986: 35). Pusch versucht 1986 eben diese Vorstellungen linguistisch aufzudecken, indem sie untersucht, zu welchen Oppotisionspaaren Archilexeme existieren und zu welchen nicht. Bei Personenbezeichnungen sind, wie bereits erwähnt, Maskulina Hyperonyme.

Bei Nutztieren wird anscheinend das nützlichere Geschlecht zum Archi: HUHN/Hahn, GANS/Gänserich, ENTE/Enterich, Erpel, KUH/Stier, Ochse, ZIEGE/Ziegenbock. Bei den Raubtieren der männliche Gegner des Mannes (das starke Geschlecht?): LÖWE/Löwin, WOLF/Wölfin, BÄR/Bärin, TIGER/Tigerin, LEOPARD/Leopardin. Bei den relativen Adjektiven wird dasjenige zum Archi, das das Mehr der jeweiligen Dimension bezeichnet: Wie GROSS/? klein, LANG/? kurz, BREIT/? schmal, DICK/? dünn, ALT/? jung, SPÄT/? früh ist es? (Ebd. 1986: 35)

Puschs Oppositionspaar-Betrachtung legt den Schluss nahe, dass Hyperonyme das „jeweils Wichtigere, Größere, Positivere“ (Ebd. 1986: 35) bezeichnen. Insofern kann das generische Maskulinum kritisch gesehen werden und Unbehagen bei all jenen auslösen, die nicht der Kategorie männlich angehören; nicht zuletzt wenn man einen Blick auf eine Reihe (gute bis eher durchwachsene) psycholinguistische Studien wirft, die darauf hinweisen, dass generische Maskulina mehrheitlich nicht generisch interpretiert werden. Das ihnen zugrunde liegende Postulat, vom Geschlecht zu abstrahieren, scheint sich nicht mit der Wahrnehmung von Sprecher*innen zu decken. Eine der bekanntesten und methodisch besten Assoziationsstudien, die zur Interpretation von Maskulina durchgeführt wurde, stammt aus dem Jahr 2008 von Gygax et al. So wurden die Proband*innen, deren Muttersprache entweder Deutsch, Englisch oder Französisch war, auf einem Monitor mit folgendem Satz konfrontiert.

(1) Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.

Danach wurde ihnen zweiter Satz angezeigt, der entweder die Form von (2) oder (3) hatte.

(2) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere Frauen keine Jacke.
(3) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Männer keine Jacke.

Die Proband*innen mussten via Tastendruck angeben, ob sich der zweite Satz, der auf ihrem Monitor erschien, dem ersten Satz anschließt oder nicht.
Da viele Berufe mit Geschlechterklischees besetzt sind, haben die Autor*innen der Studie jeweils 12 neutrale sowie stereotyp männlich und weibliche Professionen ausgewählt. Somit konnte der Einfluss von Berufsstereotypen und vom Genus unterschieden werden. (Vgl. Gygax et al 2008: 471)
Wegen des Nichtvorhandenseins eines grammatischen Geschlechts im Englischen haben englische Muttersprachler*innen bei der Konfrontation mit einem stereotyp männlichen/weiblichen Beruf im ersten Satz den zweiten Satz dem Klischee gemäß bewertet.
Im Französischen und Deutschen dagegen hat sich vor allem der Einfluss des Genus durchgesetzt. Wurden Proband*innen die Variante (3) des zweiten Satzes angezeigt, wurde diese wesentlich schneller und häufiger als Fortsetzung des ersten Satzes bewertet als Variante (2). Selbstverständlich haben nicht alle von einer generischen Interpretation abgesehen. Allerdings wurde selbst bei denjenigen, die sich für eine generische Lesart entschieden haben, eine längere Reaktionszeit gemessen, wenn ihnen Variante (2) auf dem Monitor erschien. Das bedeutet also, dass die generische Interpretation nicht intuitiv erfolgte, sondern eine zusätzliche Reflektionsleistung verlangte. (Vgl. Ebd. 2008: 479)
Es ist nicht bewiesen, dass das generische Maskulinum nicht generisch interpretiert werden kann. Allerdings haben das Experiment von Gygax et al. sowie andere psycholinguistische Studien eine Vielzahl an Hinweisen dafür geliefert, dass Versuchspersonen beim generischen Maskulinum zunächst an Männer denken und erst nach einem messbaren Zeitraum zu einer Interpretation kommen, die Frauen mit einschließt. Es scheint insoweit irrelevant, welche Kategorie sprachhistorisch abgeleitet wurde, ob also das Sexus oder das Genus der Ursprung vom jeweils anderen ist, wenn in der gesellschaftlichen Realität eine bestimmte Lesart vorherrscht, die Einfluss auf die Wahrnehmung der Sprecher*innen hat – selbst wenn die Gleichsetzung von Genus und Sexus ursprünglich aus dem misogynen 18. und 19 Jahrhundert stammen sollte (Vgl. Leiss 1994).

2.2. Geschlechtergerechte Formen: Geschlechterneutralisation & Geschlechterspezifikation

Hinter den Bemühungen, alle Menschen unabhängig des Geschlecht sowohl anzusprechen, als auch zu repräsentieren, lassen sich zwei grundsätzliche Strategien erkennen. Die eine besteht in der Konkretisierung, die andere in der Neutralisation.

2.2.1. Geschlechterneutralisation

Zu den neutralisierenden Referenzpraktiken gehören bspw. Partizipien, attributierte Genrika („die betroffene Person“, „das stimmberechtigte Mitglied“),
Abstratkionen („Lehrkräfte“ statt „Lehrer“) oder im weitesten Sinne auch die von Hornscheidt vorgeschlagenen ex-Formen. Durch Geschlechtsneutralisation soll auf die Akzentuierung einzelner Genera verzichtet werden, sodass das Konzept Mensch in den Vordergrund tritt und nicht das Konzept Geschlecht.
Die bekannteste und geläufigste Methode der Geschlechtsneutralisation dürften substantivierte Partizipien sein wie etwa Studierende, Lehrende, zu Fuß gehende und dergleichen mehr. Sie werden bevorzugt in amtlichen, seltener auch in journalistischen Texten verwendet und haben Einzug im Duden gehalten. Partizipien gelten insoweit als anerkannte Formen einer geschlechtssensitiven Sprache.
Sofern sie pluralisch verwendet werden – was in der Regel auch geschieht – , sind sie nicht signifikant unökonomischer als das generische Maskulinum. Dies ändert sich jedoch, sobald sie im Singular stehen: Im Deutschen sind Substantive an Artikel gebunden, die wiederum ein spezifisches Genus besitzen. Da Nomen und Artikel in Numerus, Genus und Kasus kongruieren müssen und diese Kongruenzen über Satzgrenzen hinaus und auch für Pronomen erforderlich sind, ist eine Geschlechtsspezifikation vonnöten, die dem ursprünglichen Ansinnen der Neutralisation zuwiderläuft (Vgl. Wegener 2015: 281): Der/die Studierende hat seiner/ihre Bachelorarbeit mit einer unterschriebenen Eigenständigkeitserklärung abzugeben.
Problematisch ist auch, dass nominalisierte Partizipien, insoweit sie singularisch benutzt werden, Gefahr laufen, sich „zu einem neuen generischen Maskulinum zu entwickeln: Nach bestandenem Examen erhält der Studierende.“ (Ebd. 2015: 281) Insoweit ist deren Gebrauch nur dann geschlechtsneutralisierend und -inklusiv, wenn sie im Plural stehen. Die Praxis dagegen zeigt, dass Partizipien des Öfteren im Singular verwendet werden. Es bedarf daher Reflexion und sprachliches Differenzierungsvermögen, um sich mit ihnen tatsächlich und nicht bloß scheinbar neutral auszudrücken.
Ein häufiges Argument, das gegen die Verwendung von nominalisierten Partizipien ins Feld geführt wird, ist das semantische Paradox, das bei bestimmten Formulierungen provoziert wird. Der Autor Max Goldt schrieb dazu:

Wie lächerlich der Begriff Studierende ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende. Oder nach einem Massaker an einer Universität: Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden. Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren. (Goldt 2002: 56)

Tatsächlich allerdings müssen sich nominalisierte Partizipien nicht ausschließlich auf Tätigkeiten beziehen, die im Augenblick des Sprechens vollzogen werden, wie die Beispiele Vorsitzende/r, Anwesende/r, Reisende/r und dergleichen mehr belegen (Vgl. Stefanowitsch 2018: 16-18). Es ist nicht auszuschließen, dass auch Studierende, zu Fuß gehende etc. einen Lexikalisierungsprozess durchlaufen werden – sofern Studierende nicht ohnehin bereits im Lexikon der Sprecher*innen vorhanden ist.

2.2.2. Geschlechtsspezifikation

Bei der Geschlechtsspezifikation wird die Geschlechtszughörigkeit grammatisch kenntlich gemacht. Im Deutschen existieren dafür drei Subsysteme: das Lexikon, die Derivation (Suffigierung mit -in) und die Genera Maskulinum und Femininum. Das Lexikon bietet die Attribute weiblich und männlich an sowie Begriffe, bei denen der Sexus lexeminhärent ist wie Mutter, Tochter, Vater, Bruder usw. Sowohl bei den lexeminhärenten Geschlechtsspezifikationen als auch bei movierten Wörtern lässt sich eine Korrelation mit der Kategorie Genus feststellen. (Vgl. Pusch 1986: 50-52) Durch die Betonung desselben wird, anders als bei der Neutralisation, das Konzept Geschlecht in den Fokus gerückt. Eine der bekanntesten Methoden der Geschlechtsspezifikation ist der Gebrauch des Majuskel-I. Frauen werden durch Motion vom männlichen Wortstamm abgeleitet: Inhaber•in, Professor•in, Schüler•in, Handwerker•in.
Da non-binäre Geschlechtsspezifikationen mittels Asterikus, Unterstrich und Doppelpunkt als Weiterentwicklung des Majuskel-I gesehen werden können und mittlerweile sogar häufiger anzutreffen sind, möchte ich mich bei meiner Untersuchung vor allem auf diese konzentrieren.
Anders als das Majuskel-I lassen sich gegenderte Formen mit Platzhaltersymbolen in der mündlichen Sprache realisieren. So werden Asterikus/Unterstrich/Doppelpunkt durch einen Glottalplosiv – wie etwa in [ʃylɐʔɪn] – markiert, der eine Veränderung der Syllabierung voraussetzt: Schü.le.rin → Schü.ler.in, Pi.lo.tin.nen → Pi.lot.in.nen.
Die Diversität der Geschlechter lässt sich also auch mündlich darstellen. Allerdings gibt es hier und dort phonetische Barrieren, die entweder mit Paraphrasen oder Splitting umgangen werden müssen.
Da wären etwa Indefinitpronomen wie jeder, die sich zwar problemlos mit Platzhaltern gendern lassen (jede_r, jede*r, jede:r); allerdings kann der glottale Verschlusslaut im Deutschen weder vor einem vokalisierten R [ɐ], noch vor Konsonanten realisiert werden, was eine Aussprache unmöglich macht und mithin Umformulierungen erfordert.
Des Weiteren ist, sofern personenbezogene Nomina im Singular stehen, wie bei den nominalisierten Partizipien ein ähnlicher Flexionsaufwand, respektive Splitting notwendig, um das Gebot der Kongruenz innerhalb eines Satzes und über Satzgrenzen hinaus einzuhalten: Der*die Student*in hat seine*ihre Bachelorarbeit mit einer unterschriebenen Eigenständigkeitserklärung abzugeben.
Entgegen geläufiger Meinungen gibt es eine Möglichkeit, diesen und ähnlich geartete Sätze in der mündlichen Sprache umzusetzen. So wird der Asterikus zwischen zwei Artikeln oder (Possesiv-)Pronomen nicht als einzelner Phon realisiert, sondern als Sternchen mitgesprochen: [dɐ ʃtɛʀnçn diː ʃʈudɛntʔɪn], [za͜ɪnə ʃtɛʀnçn iːʀə bætʃəlɚʔaʀba͜ɪt]. Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass derlei singularische Konstruktionen sich im Schriftgebrauch zwar umsetzen lassen, spätestens in der gesprochenen Sprache jedoch als umständlich, kompliziert und unökonomisch erweisen. Eben jener Störfaktor ist laut Verfechter*innen der Geschlechterspezifikation intendiert, und zwar insofern als mit sprachlichen Mitteln auf das obsolete Konzept Geschlechterbinarismus sowie auf Geschlechterdiversität aufmerksam gemacht soll. Sprecher*innen sollen bewusst über die phonetisch und graphematisch konstruierte „Hürde“ zwischen den Morphemen stolpern und infolgedessen zur Reflexion angeregt werden.
Dass eine geschlechtergerechte Sprache die Wahrnehmung von Sprecher*innen ebenso beeinflussen kann wie etwa pejorative oder aufwertende Sprache (z.B. Nationalsozialismus – siehe Viktor Klemperer –, Werbung usw.), Register (z.B. berufliches Setting vs. familiäres Umfeld), Stile (z.B. Kiezdeutsch) und dergleichen mehr, demonstriert eine Studie von Bettina Hannover und Dries Vervecken, die untersucht haben, ob und inwiefern geschlechtergerechte Sprache die kindliche Wahrnehmung von Berufen beeinflusst (Vgl. Vervecken & Hannover 2015: 76-92) und die Wirkung von Geschlechtsstereotypen aushebeln kann.
Dazu haben Hannover und Vervecken zwei Studien mit 591 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren aus deutschen und belgischen Schulklassen durchgeführt. Den Kindern wurden Berufsbezeichnungen entweder als Paarformen vorgelesen oder als pluralisch verwendetes generisches Maskulinum. Wie auch bei beim Experiment von Gygax et al. wurden sowohl neutrale, als auch stereotyp männliche und weibliche Berufsbilder ausgewählt. Mittels Fragebogen gaben die Kinder schließlich an, wie sie die Verdienstchancen, die Wichtigkeit und den Schwierigkeitsgrad beim Erlernen und Ausführen des jeweiligen Berufs einschätzten und ob sie sich selbst zutrauten, ihn zu ergreifen. Die Studie ergab mitunter, dass Kinder, die Paarformen zu hören bekamen, den jeweiligen genannten Beruf für zugänglicher hielten als Professionen, die in Gestalt des generischen Maskulinums präsentiert wurden.
Eine weitere Studie, die die Politikwissenschaftler*innen Efrén O. Pérez und Margit Tavits an der University of California via Online-Befragung mit 3.303 Versuchspersonen mit Schwedisch als Muttersprache durchgeführt haben, zeigte, dass das geschlechtsneutrale Pronomen hen unmittelbar Einfluss auf die Wahrnehmung von Geschlechterrollen hat. (Vgl. Pérez & Tavits 2019) Die Proband*innen wurden zunächst nach dem Zufallsprinzip einer von drei Gruppen zugeordnet. Danach bekamen sie eine Zeichnung präsentiert, auf der eine neutrale Figur mit einem angeleinten Hund abgebildet war. Die Versuchspersonen sollten das Bild beschreiben. Gruppe eins hatte die Vorgabe, die Abbildung ausschließlich mit dem Pronomen hen zu beschreiben, Gruppe zwei dagegen mit hon („sie“) und Gruppe drei mit han („er“). Anschließend hatten die Proband*innen eine Geschichte zu verfassen, die von einer Person handelt, die für ein politisches Amt kandidiert.
Im dritten und letzten Teil wurden die Versuchspersonen mit Fragen zu ihrer Einstellung gegenüber Frauen in der Politik und der LGBTIQ-Community konfrontiert. Die Studie zeigte, dass Teilnehmer*innen, die die Vorgabe hatten, das neutrale hen oder das weibliche hon zu gebrauchen, in den Geschichten häufiger Frauen oder Personen mit einem geschlechtsneutralen Namen beschrieben. Dieselben Versuchspersonen hatten auch positivere Ansichten gegenüber Frauen in der Politik und der LGBTIQ-Community. Tavits und Pérez schlossen aus diesem Ergebnis, dass Sprache direkten Einfluss auf die Wahrnehmung und Vorstellung von Geschlechterrollen hat und der Gebrauch geschlechtsneutraler Pronomen wie hen Vorurteile gegenüber Frauen in öffentlichen Ämtern und LGBTIQ-Angehörigen abbauen können (Vgl. ebd. 2019).
Betrachtet man die von mir zitierten Studien, stellt sich die Frage, ob es tatsächliche Kontexte im öffentlichen Raum gibt, in denen sich die Kategorie Sexus als irrelevant herausstellt, oder treffender formuliert: der Gebrauch einer geschlechterinklusiven Sprache entbehrlich ist. Ebenso müssten Untersuchungen klären, ob nominalisierte Partizipien und geschlechtsspezifizierende Personenbezeichnungen mit Platzhaltersymbolen den ihnen zugrundeliegenden Anspruch, Sprecher*innen ein breiteres und vielfältigeres Wahrnehmungsspektrum zu eröffnen, tatsächlich gerecht werden. Wenngleich Asterikus und Unterstrich ihren Ursprung in der queeren Subkultur haben, sind immer wieder einzelne Stimmen von trans und non-binären Personen zu hören, die sich durch derlei Symbole nicht adäquat repräsentiert fühlen. Auch Pusch steht der Entwicklung hin zu Gendergap/-star tendenziell kritisch gegenüber. Ihre Bedenken entsprechen dabei jenen, die sie gegenüber dem Majuskel-I geäußert hat, da das Prinzip, vom männlichen Wortstamm abzuleiten, erhalten bleibt und somit auch Hierarchien hinsichtlich der Repräsentation. Männer werden in diesem Sinne durch den die Semantik konstituierenden Wortstamm abgebildet, während non-binäre Personen den zweiten und Frauen den letzten Platz zugewiesen bekommen (Vgl. Pusch: „Gendern – gerne, aber wie?“ in neues-deutschland.de, 2019). Sie schlägt daher eine Fusionierung des Majuskel-I und Asterikus vor, bei der das i-Tüpfelchen durch den Asterikus ersetzt und das Auseinanderreißen des Wortes vermieden wird. Phonetisch hätte dies wohl zur Konsequenz, dass der Glottalplosiv wieder entfällt: [leʀɐɪnən], [demɔnstʀantɪnən], [ʃtudɜntɪnən]. Dagegen lässt sich jedoch einwenden, dass eben das Zerreißen von Personenbezeichnungen, respektive des sprachlichen Geschlechterbinarismus beabsichtigt ist und eine typografische Tilgung des Störfaktors die dem Asterikus zugrundeliegende Intention verfehlen würde. Nicht zuletzt deshalb steht etwa auch der Doppelpunkt, der als Alternative zu Genderstar und -gap Verbreitung findet und den Vorteil hat, von Screenreadern fehlerfrei ausgegeben werden zu können, in der Kritik: durch die angepasste Zeichenhöhe entbehrt er der typografischen Störkraft.
Die Geschlechtsspezifikation unter Zuhilfenahme von Platzhaltern entpuppt sich insoweit als Medaille mit zwei Seiten: Einerseits vermag sie auf gesellschaftliche Strukturen und Geschlechtervielfalt aufmerksam zu machen; andererseits erzeugt sie in dem Bestreben nach Inklusionen wiederum Ausschlüsse, von der weniger kompetente Sprecher*innen des Deutschen betroffen sind.

3. Zusammenfassung

Die Potenziale und Grenzen des generischen Maskulinums und gendergerechter Sprache hängen vom Maßstab ab, den Sprecher*innen an die Sprache anlegen. Ist das Anliegen an Kommunikation ein rein ökonomisches, ist das generische Maskulinum das Mittel der Wahl. Die Sprachökonomie ist dem von Wegener geheißenen Prinzip natürlicher Sprachen zu verdanken, bei der generische Formen gleichzeitig unmarkierte Formen sind und deshalb zusätzlicher Morpheme, die zur Spezifikation notwendig sind, entbehren. Je simpler Wörter aufgebaut sind, desto intuitiver und leichter können Sprecher*innen diese rezipieren und produzieren. Dies ist insbesondere für diejenigen Personen von Bedeutung, die hinsichtlich der Sprachrezeption und/oder -produktion behindert sind. Gleichzeitig scheint der Anspruch der Geschlechtsabstraktion, den das generische Maskulinum zur Grundlage hat, das eine, die tatsächliche Interpretation vieler Sprecher*innen jedoch eine andere zu sein, wie die von mir zitierte Studie von Pascal Gygax und Kolleg*innen nahe legt. (In der Sprachwissenschaft wird daher auch darüber diskutiert, ob aus psycholinguistischer Sicht überhaupt ein generisches Maskulinum existiert.)
Ist der Anspruch an Kommunikation dagegen vor allem moralischer Natur, ist eine geschlechterinklusive Sprache geeigneter als das generische Maskulinum. Die Möglichkeiten des Genderns habe ich nach dem Vorbild von Pusch in zwei Strategien unterteilt. Auf der einen Seite gibt es die Geschlechtsspezifikation, auf der anderen Seite die Geschlechtsneutralisation. Die Geschlechtsspezifikation mit Asterikus/Unterstrich/Doppelpunkt hat das Potenzial, Sprecher*innen über Personenbezeichnungen stolpern und sowohl auf die Vielfalt der Geschlechter, als auch auf überholte Binaritätskonzepte, die in der Sprache kodifiziert sind, aufmerksam zu machen. Ich habe Studien herangezogen, die wie das Experiment von Gygax et al. bestätigt haben, dass die Wahrnehmung von Geschlechterrollen von der sprachlichen Form, mit der Sprecher*innen konfrontiert werden, beeinflusst wird. Gleichzeitig habe ich gezeigt, welchen sprachökonomischen Aufwand und phonetische Herausforderung insbesondere singularische Formulierungen erfordern. Dies ist zwar der Intention, zu stören, äußerst dienlich, daneben aber auch dazu prädestiniert, Menschen mit Behinderungen bezüglich der Sprachrezeption und -produktion auszuschließen. Kritisch ist außerdem die Ableitung vom männlichen Wortstamm zu betrachten, der dem emanzipatorischen Grundsatz zumindest teilweise entgegensteht. Insofern kann Geschlechterspezifikation einen wichtigen Zwischenschritt markieren, die Vielfalt der Geschlechter überhaupt erst bewusst zu machen und Sichtbarkeit zu schaffen, was die hypothetische Einführung einer geschlechtsneutralen Sprache vor dem Hintergrund einer androzentrischen (Sprach-)Geschichte möglicherweise nicht aus dem Stand heraus bewirken kann. Als Langzeitlösung erachte ich wie Pusch die Formen der Geschlechtsneutralisation jedoch als erstrebenswert. Sie ist nicht nur partiell, sondern in jeder Hinsicht inklusiv, erfordert nicht notwendigerweise einen Eingriff in die Sprache, verstößt im poetischen Gebrauch nicht gegen allgemeine Maßstäbe des Ästhetik und verfügt angefangen bei nominalisierten Partizipien über Funktionsbezeichnungen bis hin zu Beschreibungen über ein großes Repertoire an Formen, die kreativ miteinander kombiniert werden können. Selbstverständlich sind auch die bisher geläufigen Formen der Geschlechterneutralisation dem generischen Maskulinum hinsichtlich der Sprachökonomie unterlegen; allerdings müssen sich neutrale Formulierungen nicht signifikant aufwändiger darstellen und können als Kompromiss gesehen werden für diejenigen, denen sowohl Sprachökonomie als auch Inklusion ein Anliegen ist.“

Literatur:

Barthels, Inga (2019): „ Geschlechtergerechte Sprache wirkt“, in: tagesspiegel.de, URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/studie-aus-schweden-geschlechtergerechte-sprache-wirkt/24906988.html (Letzter Zugriff am 29.12.2019).

Goldt, Max (2002): Wenn man einen weißen Anzug anhat. Ein Tagebuch-Buch, Reinbek: Rowohlt.

Gygax, Pascal, Ute Gabriel, Oriane Sarrasin, Jane Oakhill und Alan Garnham (2008): „Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men“, in: Language and Cognitive Processes 23(3), 464–485

Klann-Delius, Gisela (2005): Sprache und Geschlecht, Stuttgart: Verlag J.B. Metzler.

Leiss, Elisabeth (1994): „Genus und Sexus. Kritische Anmerkungen zur Sexualisierung von Grammatik“, in: Linguistische Berichte 152, S. 281-300

Pérez, Efrén O. & Margit Tavits (2019): „Language Influences Public Attitudes toward Gender Equality“, in: The Journal of Politics 81, no. 1, 81-93.

Pusch, Luise F. (1986): Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik, Berlin: Suhrkamp.

Pusch, Luise F. (2019): „Gendern – gerne, aber wie?“, in: neues-deutschland.de, URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1127581.gendern-gendern-gerne-aber-wie.html (Letzter Zugriff am 29.12.2019)

Stefanowitch, Anatol (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen, Berlin: Duden Verlag.

Stefanowitch, Anatol (2015): „Geschlechtergerechte Sprache und Lebensentscheidungen“, in: sprachlog.de, URL: http://www.sprachlog.de/2015/06/09/geschlechtergerechte-sprache-und-lebensentscheidungen/ (Letzter Zugriff am 30.12.2019)

Vervecken, Dries. & Bettina Hannover (2015): „Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy“, in: Social Psychology, 46, 76–92

Wegener, Heide (2017): „Grenzen gegenderter Sprache – warum das generische Maskulinum fortbestehen wird, allgemein und insbesondere im Deutschen“, in: Antje Baumann/André Meinunger (Hg.): Die Teufelin steckt im Detail: Zur Debatte um Gender und Sprache, S. 279-293, Berlin: Kulturverlag Kadmos

missgünstig vor Rührung

Und jährlich grüßt der Rückblick. 2019 hatte seine beschissenen Momente, war insgesamt jedoch so arm an dramaturgischen Höhepunkten, dass ich nicht allzu viel zu berichten weiß. Am interessantesten dürfte vielleicht noch sein, dass ich – mal wieder – die Große Glocke komplett neu schreibe und infolgedessen – endlich! muss man sagen – begriffen habe, dass man dem deutschsprachigen Literaturbetrieb so wenig wie möglich zutrauen sollte.
Ansonsten relativ promisk gelebt, was mir enttäuschende und ärgerliche Momente beschert hat. Werde ich es also bleiben lassen? Nein. Weil ich’s nicht kann.
Ansonsten weiß ich beim besten Willen nicht, was ich mir in Hinblick auf dieses Jahr noch aus den Nägeln saugen soll. Vielleicht sollte ich es einfach dabei belassen, bevor es schlimmer wird, und zu meinen Kurzrezensionen überleiten (mal wieder alles aus Facebook heraus kopiert). Habe für meine Verhältnisse dieses Jahr relativ viel gelesen – 3 Bücher allerdings nur wegen meines Seminars zu Exilautorinnen. Von daher:  Mexico! wie Super Mario sagen würde.

Anatol Stefanowitch – Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Eine kurze und knackige Streitschrift, in der Stefanowitsch – erwartbarerweise kann man fast sagen – unaufgeregt und schlüssig erklärt, weshalb PC notwendig ist, und mithin die argumentativen Lücken derjenigen, die PC ablehnen, aufdeckt. Trockene, todlangweilige Sprachanalysen gibt es keine – was mich als Linguistin muy triste gemacht hat -, stattdessen wird auf sprachphilosophischer Ebene argumentiert. Absolute Leseempfehlung (zumal es bloß 63 Seiten sind).

Lisa Kränzler – Export A

Nachdem mich ‚Nachinein‘ extrem begeistert hat und mir von allen Seiten gesagt worden war, dass „Export A“ noch besser sei, bin ich mit großen Erwartungen an das Buch herangegangen. Lisa Kränzlers überbordernde Prosa ist in guten Momenten ein Bilderrausch, der auf den Punkt genau seinen Gegenstand beschreibt, in weniger guten Momenten dagegen – und das habe ich bei ‚Nachinein‘ nicht so erlebt – um Bedeutung und Eindringlichkeit derart bemüht, dass es mich mürbe gemacht hat. So wird mir das „to-get-fucked-up“ der Hauptprotagonisten gar zu sehr überstrapaziert. Immer wieder von ihren Drogeneskapaden und mithin collagenartig aneinandergereihten Triperfahrungen zu lesen, die bildsprachlich stets ähnlich anmuten, hat mich schnell angestrengt sowie gelangweilt — ganz davon abgesehen, dass ich inmitten vieler guter Bilder einige Metaphern auch sehr schief fand. Nicht zuletzt deshalb habe ich nach 70 Seiten für ein dreiviertel Jahr mit dem Lesen des Buches pausiert. Allerdings [AB HIER SPOILERALARM]: Das Buch gewinnt für mich dramaturgisch deutlich an Qualität, als die Hauptfigur unverhofft vergewaltigt wird und aus dem bis Dato gemeinen Coming-of-Age-Roman eine Geschichte über Trauma, Selbstjustiz und Schuld wird. An dieser Stelle halte ich auch das Abdriften in Alkoholismus und Drogenmissbrauch für wesentlich besser platziert. Natürlich gibt es da zunächst den Ausgangskonflikt ‚Wildes Leben vs. Gottesehrfurcht‘, bei dem die angebliche Lasterhaftigkeit angemessen als Gegensatz zur religiösen Hingabe konstruiert werden muss. Es hätte dafür allerdings nicht gleich die Drogenkarte gebraucht, die ja im zweiten Teil des Romans passenderweise gespielt und hinlänglich ausgereizt wird. Ich kann mich also der positiven Besprechung insofern nicht anschließen, als behauptet wird, ‚Export A‘ sei „Nachinein“ qualitativ überlegen. Im Gegenteil: Meiner Ansicht nach ist „Nachinein“ sowohl in dramaturgischer als auch sprachlicher Hinsicht ausgeklügelter, besser getimed und reifer als seine Vorgängerin. Nichtsdestotrotz — auch wenn es sich nicht so liest — ist ‚Export A‘ ein empfehlenswertes Buch und weitaus besser als die meisten Debüts, die sich im Literaturbetrieb hervortun — was zuvorderst dem guten Plottwist zu verdanken ist.

Leslie Feinberg – Stone Butch Blues

Einer der sogenannten Klassiker (Übersetzung: Claudia Brusdeylins) der sehr überschaubaren lesbischen Literatur (Fuck you cis-hetereosexistischer Literatur- und Kulturbetrieb). Und eins vorab: Ein großartiges Buch, das nicht bloß für Lesben lesbar ist. Wann immer ich von der unerträglichen Gewalt las, die Butches, trans Personen und Genderqueers tagtäglich erfahren haben (Zeitraum 60er – 80er), kam ich nicht umhin, zu denken: Der Mensch ist ein widerliches Stück Scheiße. Vor allem die männliche Gewalt, zumal der Polizei (!), die im Buch dargestellt wird und auf realen Erfahrungen basiert, kennt keine Grenzen — und ist umso erschreckender, als sie allenthalben lauert. Wieviel Schaden das Patriarchat angerichtet hat (und nach wie vor anrichtet), ist nicht in Worte zu fassen. Eine (Butch)-Lesbe, trans oder schwule Person zwischen den 60er bis 80er zu sein, war akut lebensgefährlich. Nicht umsonst ist in dem Buch immer wieder davon die Rede, „irgendwie zu überleben“, selbst wenn das bedeutete, Hormone zu nehmen, um als Mann durch- und mithin Schläge, Trittte und Vergewaltigungen zu entgehen.
Wenn es in dem Buch neben all der beschriebenen Brutalität nicht auch die kleinen Momente tiefer Schönheit gäbe, etwa wenn Situationen des Zusammenhalts und der Nähe geschildert werden, hätte ich die Lektüre womöglich nicht verkraftet. Insofern kaum auszudenken, dass es diese und ähnliche Leben vielfach gegeben hat. Dass Menschen wie Jess Goldberg – die (semi)biografisch angelegt ist – existierten, die mehrfach durch cis-männliche Gewalt traumatisiert wurden, psychisch immer wieder dem Ende nahe waren, täglich ums Überleben kämpfen mussten und trotz allem noch so etwas wie Lebensmut empfinden sowie die Kraft aufbringen konnten, für eine bessere Welt einzustehen, ist so bewundernswert und berührend, dass sich die Limitation von Worten offenbart.
Es ist eine Frage des Anstands, Leuten wie Leslie Feinberg zutiefst dankbar zu sein. Leuten, die unter widrigsten Umständen überleben mussten und sich dennoch ihre Menschlichkeit bewahrt haben; Leuten, die Scheiße gefressen haben und allen Grund gehabt hätten, sich zu erschießen; stattdessen aber noch für eine bessere Welt kämpften, damit wenigstens nachrückende Generationen es besser haben als sie selbst. Es wird oft vergessen, dass die Freiheit, die wir heute besitzen, das gemachte Netz, in dem wir sitzen, nichts ist, das es seit jeher gegeben hat, sondern bloß durch viele erbitterte Kämpfe und Leidensgeschichten hervorgehen konnte – ob es nun die Civil Right Movement betrifft, den Feminismus, die LGBTIQ-Bewegung usw. usf…
Und dass auch heute noch Leute gegen die rassitisch-patriarchalen Windmühlen von Hass und Ignoranz aufbegehren – Leute, deren Aktivismus entweder öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand als nervig und überzogen abgetan wird. Think about it.

Markus Liske & Manja Präkels (Hg.) – Vorsicht Volk

Bin zu spät dran mit der Lektüre, wenn man berücksichtigt, dass das Buch bereits 2015 erschienen ist. Daher war mir das ein oder andere, was ich gelesen habe, nicht mehr neu. Nichtsdestotrotz ein gutes Buch, das aus sehr unterschiedlichen Perspektiven (Essay-Anthologie) auf Bewegungen wie Pegida, HoGeSa, Reichsbürger etc. blickt – der Titel lässt bereits tief blicken – und deren Ursprünge & Binnenlogiken untersucht.

Carolin Emcke – Wie wir begehren

Zu Emcke kann ich vermutlich nichts sagen, was die Welt nicht bereits wüsste. Aber einerlei. „Wie wir begehren“ hat mich vor allem ob meines persönlichen Bezugs zur Thematik interessiert. Habe das Buch unheimlich gerne gelesen, nicht nur, weil Emcke m.E. sehr gut zeigt, dass Sexualität weniger determiniert/statisch ist als vielmehr ausgesprochen dynamisch; sondern auch wegen seiner literarischen Qualität. Tolles Buch. Ehrlich.

Siri Hustvedt – Ein Sommer ohne Männer

Da Siri Hustvedt mit einer Reihe anderer Autorinnen (Annie Ernaux, Chimamanda Ngozi Adichie, Zadie Smith etc.) in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren sehr stark rezipiert wird und in quasi jeder Buchhandlung vertreten ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir irgendwann einmal ein Buch von ihr zulegen würde. „Damals“, das aktuell nur als Hardcover zu haben ist, war mir zu teuer. Von daher bin ich auf „Der Sommer ohne Männer“ ausgewichen, das zu kaufen mich einige Überwindung kostete angelegentlich der hochgradig beleidigenden und ermüdend sexistischen Worte der FAZ („Ein exzellentes Frauenbuch“), mit denen das Werk auf dem Buchrücken beworben wird. Der Anfang der Geschichte las sich vielversprechend. Mir gefiel die Art des Erzählens sowie der Ton. Je mehr ich mir von dem Buch allerdings zu Gemüte führte, desto häufiger zwickte mich die Frage, worauf die Story eigentlich hinaus laufen soll und warum xy erzählt wird (werden muss). Schön waren die feministischen Auslassungen, die ich nicht zuletzt deshalb mit großem Interesse las, da Hustvedt in einem Kapitel am Beispiel des Corpus Callosums auf idiologische Biologie eingeht (Bad Science), der sie mit Methodenkritik a lá Anne Fausto-Sterling begegnet — genau damit hatte ich mich im letzten Semester in meinem Seminar zu „Gender in den Naturwissenschaften“ aueinandersetzen müssen, und es würde mich angesichts der frappierenden Hirnbrücken-Parallele nicht wundern, wenn Hustvedt nicht auf „Sexing the Body“ referiert hätte. Insgesamt allerdings ist „Der Sommer ohne Männer“ kein Buch, das mir lange in Erinnerung bleiben wird. Möglicherweise deshalb, weil mir die Dringlichkeit des Erzählten fehlte.

Luise F. Pusch – Das Deutsche als Männersprache

Endlich ein Buch, das nicht nur aus politischer, sondern auch linguistischer Perspektive das generische Maskulinum in die Mangel nimmt. Obwohl die Textsammlung in den 80ern erschienen ist, hat sie bedauerlicherweise an Aktualität nicht eingebüßt. Lesenswert fand ich insbesondere die Aufsätze, die mitunter sehr genaue linguistische Analysen zur Asymmetrie von Maskulinum und Femininum beinhalten. Für Laien möglicherweise nicht immer nachvollziehbar (es wird natürlich eine bestimmte Fachterminologie verwendet), im Großen und Ganzen allerdings trotzdem verständlich – wenn man mehrmals genau nachliest. Die Aufsätze mochte ich wegen der sprachwissenchaftlichen Argumentation mehr als die Glossen, die gewisse Phänomene nur benennen und durch den Kakao ziehen – was, zugegeben, aber durchaus witzig ist. Wegen des Alters der Publikation kommt der Asterikus bzw. Gender-Gap natürlich noch nicht vor. Wer allerdings einen Einblick in die patriarchale Struktur des Deutschen bekommen möchte, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen.

Leslie Kaplan – Fever

Wollte es seit langem lesen. Habe es mir schließlich nach dem Ablegen meiner Prüfungen gegönnt. Natürlich gebraucht. In „Fever“ verhandelt Leslie Kaplan den Mord an eine junge Frau, den zwei Abiturienten scheinbar ohne ein Motiv begangen haben. Zentrale Fragen des Buches lauten Zitat War der Zufall, durch den sie sich vor Entdeckung geschützt glaubten, doch nicht so zufällig? Hatte das blonde Opfer nicht große Ähnlichkeit mit der verehrten, aber unerreichbaren Philosophielehrerin? Und liegt in ihrer Familiengeschichte nicht ein Muster vor, dem sie unbewusst folgten? Pierres Großvater Elie, ein galizischer Jude, hat seit Jahren das Schweigen gewählt, und Damiens Großvater Rene arbeitete für Vichy in der Kollaboration. Vererben sich verdrängte und verschwiegene historische Verbrechen weiter? Zitatende
Das Buch lebt nicht nur von seiner musikalischen Sprache, die mir sehr gut gefallen hat, sondern auch von seinen philosophischen Referenzen. Eine besondere Bezugsquelle ist Arendts „Eichmann in Jerusalem“, das einerseits wieder und wieder Erwähnung findet und zitiert wird, andererseits auch als Parallele herangezogen wird, um die Ähnlichkeiten der Tätermotive abzubilden. Besonders spannend fand ich die Misogynie der jungen Mörder, ohne dass sie konkret ausbuchstabiert wird. Als schwierig dagegen erachte ich, dass einer der beiden Mörder jüdischer Herkunft ist. Warum eine solche Entscheidung von Kaplan getroffen wird, wird zwar im narrativen Konzept ersichtlich; allerdings frage ich mich, ob es wirklich keine besseren Lösungen gab.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, das über Mojoreads leider noch nicht bestellt werden kann.

Mithu M. Sanyal – Vergewaltigung

Ein Buch, das sich unheimlich differenziert mit Vergewaltigung auseinandersetzt. Selten soviel gelernt und aus einer Lektüre mitgenommen. Bestellt es! (nicht bei amazon, sondern bei eurer Lieblingsbuchhandlung oder über Mojoreads) Absolut lesenswert. Sei’s drum, ob man der Autorin beipflichten oder in allen Punkten widersprechen mag.

Hannah Arendt – Wir Flüchtlinge

Hannah Arendt hat ja immer großartige Texte geschrieben. Es ist daher eigentlich nicht nötig, Werke von ihr zu empfehlen. Ich tue es trotzdem und lege euch den Essay „We Refugees“ bzw. „Wir Flüchtlinge“ ans Herz, der vor dem Hintergrund ihrer Exilerfahrung entstand, aber auch heute noch erschreckend aktuell ist. Liest sich schnell weg, und das Nachwort von Thomas Meyer ist auch schön.

Irmgard Keun – Kind aller Länder

„Das Kunstseidene Mädchen“ habe ich abbrechen müssen, weil ich es kaum lesbar fand. Hatte deshalb etwas Bedenken, als wir Studis im Seminar zu Autorinnen im Exil aufgefordert wurden, uns Keuns „Kind aller Länder“ zu beschaffen. Zu Unrecht. Es ist lange her, dass ich ein Buch, das in eine so tragische Handlung eingebettet ist, dermaßen witzig fand. Überall finden sich Sätze und Dialoge, die ich am liebsten abfotografiert und gepostet hätte. (Auf Instagram gibt es zumindest eine kleine Kostprobe.) Und man mag kaum glauben, wie vielschichtig dieses Stück Kinder-und Jugendliteratur ist (durfte mich in meinem Seminar noch einmal davon überzeugen); vor allem vor dem Hintergrund der Exilerfahrungen von Frauen. Es stimmt daher mitnichten, dass das Buch, wie es auf 54books heißt, Zitat kein besonders gutes Zitatende sei oder Zitat Eine denkbar schlechte Wahl für den Start einer Neuauflage wider das Vergessen dieser wichtigen Autorin Zitatende. Ich möchte sogar sagen, dass diese Kritik grober Unfug ist.
Daher: Lest dieses Buch, es ist wirklich fantastisch – und meiner bescheidenen Meinung nach auch um Längen besser als „Das Kunstseidene Mädchen“.

Anna Seghers – Der Ausflug der toten Mädchen

Anna Seghers und ich, das ist eine Beziehung, die beim besten Willen nicht funktioniert. Das hat sich schon bei „Das siebte Kreuz“ angedeutet und offenbart sich gegenwärtig bei der Lektüre „Transit“, die ich mir nur wegen der Uni zu Gemüte führe. Verglichen mit diesen beiden Romanen allerdings ist „Ausflug der toten Mädchen“ noch eine der weniger ermüdenden Erzählungen. Wieder viel Beschreibungsprosa, aber immerhin: die Wechsel der Zeitebenen stellen einen netten, interessanten Kniff dar.
Ansonsten mag ich ungern Bücher empfehlen, die mir selbst nicht zusagen. Indes ist mir bewusst, dass Anna Seghers von vielen geschätzt wird und das vermutlich auch zu Recht.

Anna Seghers – Transit

Was mir spätestens nach der Lektüre von Transit klar geworden ist: Ich werde in diesem Leben keine weiteren Texte mehr von Seghers lesen. Wenn man sich zum Lesen eines Buches zwingen muss, ist das kein gutes Zeichen. Seghers Sprache klingt ganz groß, liest sich aber so verdammt behäbig und blutleer, dass ich nicht mal eine Minute brauche, um mich maximal gelangweilt zu fühlen. Wenn es dann auch noch ein Bürokratieroman ist, um die treffenden Worte meiner Dozentin zu bemühen, ist das mentale Einschlafen vorprogrammiert. Viele, zuweilen sogar elementare Sachen sind während der Lektüre an mir vorbei gegangen, weil meine Aufmerksamkeit, obwohl ich Wort für Wort gelesen habe, schon nach den ersten Seiten von hochliterarisch schwerfälliger Beschreibungsprosa in die Flucht geschlagen wurde. Meine ketzerische Meinung in einem Satz zusammengestampft: Wenn das Motto #frauenlesen heißt, werde ich allerlei Autorinnen empfehlen – bloß nicht Seghers.

Maria Kjos Fonn – Kinderwhore

Kinderwhore war noch einmal ein regelrechtes literarisches Highlight zum Abschluss des Jahres. In dem Buch geht es um Charlotte, die von ihrer Mutter vernachlässigt und von einem ihrer wechselnden Liebschaften etliche Male sexuell missbraucht wird. Von den Ereignissen schwer traumatisiert ringt das junge Mädchen um eine Sprache, ohne sie zu finden, und erlebt seinen Körper als verdinglichte Masse. Während Einrichtigungen wie Psychiatrien und Jugendämtern nicht mehr vermögen, als die Persönlichkeit Charlottes in Diagnosen und Epikrisen zu verklausulieren, sieht sie als einzigen Ausweg die Vernichtung desjenigen Körpers, der ihrem Gefühl nach nicht ihr gehört. Maria Kjos Fonn hat einen so poetischen wie bedrückenden Roman geschrieben, der nicht nur gut recherchiert ist, sondern auch stark an authentische Berichte über sexuellen Missbrauch und seinen Auswirkungen erinnert. Habe nicht oft Bücher gelesen, die aufzeigen, wie fatal es ist, keine Sprache für das Unausprechliche zu haben – inbesondere dann, wenn man ein Kind ist. Empfehle das Buch daher dringend.

Das war’s! Wir lesen uns 2020!

Ficken Sie sich ins Knie

#klassismus #culturalappropriation
Was ich immer häufiger beobachte: völlig durchakademisierte Dudes, die das Working-Cass-Milieu cool finden und einen auf Prolet*in machen. Hier ein Beispiel, das illustriert, dass Cultural Appropriation nicht auf Ethnien beschränkt ist.

Tim mimt gerne den Proll, der es gar zu gern raushängen lässt, wie oft er einen über den Durst trinkt. Alle müssen wissen, dass seine zweite Heimat Bars sind – vorzugweise rustikale und oder solche, in denen der Kneipenbesitzer für seine sog. Kodderschnauze bekannt ist. Sein akademisches Register, das ihm nicht nur ob der Akademiker*innen-Eltern schon in die Wiege gelegt wurde, sondern noch den nötigen Feinschliff nach Abitur, Studium, Auslandsaufenthalten in Griechenland und Doktortitel bekam, versucht er durch das Register der Arbeiter*innenklasse/Prolet*innen zu komplementieren. Daher eignet er sich deren sprachliche Codes an, verwendet hin und wieder Begriffe wie „Digga“, „Alter“, „Spacken“, „Bruder“ oder, wenn Dr. Tim ganz verwegen ist, falsche Grammatik; natürlich allerdings nur wohldosiert, soll ihn doch niemand ernsthaft für nichts weniger halten als einen Doktor phil., der er nun einmal ist. In seine akademische Karriere hat er schließlich viel Herzblut gesteckt, wieviel Stunden er allein in der Universitäts-Bibliothek verbracht hat. Wäre doch zu schade, wenn sein großer Verstand nicht gesehen würde.
Tim sieht als Maximalprivilegierter kein Problem darin, sich am Lifestyle und der damit einhergehenden Distinktionsanwendungen der Arbeiter*innenkultur zu bedienen. Distinktionsanwendungen, auf die Prolet*innen bewusst zurückgreifen, um sich eben von jenem blasierten, auf sie intellektuell herabblickenden Dr. Tim abzugrenzen. Tim sieht in seiner Zuneigung und Aneignung ihrer Kultur schließlich ein Kompliment. Das, was Dr. Tim ulkig, unterhaltsam und auf morbide Art chic findet, pickt er sich aus der Kultur raus; den unangenehmen sowie uninteressanten Crap hingegen wie prekäre Verhältnisse, mangelnder akademischer Fame und Bedingungen, deretwegen Prolet*innen kein Abitur oder Erasmus in Thessaloniki machen können, darf seine mit Dünkel bewunderte Arbeiter*innenklasse für sich behalten.

Als Kind, das aus der Arbeitsklasse kommt, noch dazu aus dem Osten; miterleben musste, wie vor meiner Studi-Zeit Akademiker*innen intensive Gespräche mit mir abgebrochen haben, sobald sie erfuhren, dass ich kein Abitur hatte; darauf angewiesen war und es nach wie vor bin, eine spezifische Sprache und Attitüde zu haben, um mich von der Herablassung abzuschirmen, möchte ich Dr. Tim und seinesgleichen einfach nur mit einem gepflegten Augenrollen bedenken. Junge — Ihr könnt im Sandkasten spielen, ohne denjenigen, die weniger haben als ihr, die Schippe zu klauen. Danke, ihr Volleulen.

Jeder Pinselstrich ist erfüllt von dem bitteren Gefühl, dass dieses Gebäude eine unerträgliche Zumutung für die Realität ist

Ich bin nicht unglücklich, dass dieses Jahr endlich vorbei ist, denn: Es war ein Jahr zum Vergessen. Ein Jahr, das ich fast nicht überlebt hätte. Ein Jahr exorbitanten Scheiterns und der schlimmsten Krise, die ich jemals hatte. Ein Jahr, in dem ich nach langer Sterbebegleitung erstmals den Tod einer mir nahestehenden Person verkraften musste. Ein Jahr, in dem mehrere wichtige Beziehung zu bröseln angefangen haben oder mit einem Mal eingestürzt sind. Ein Jahr, in dem meine Oase, die Alpen, durch grenzüberschreitendes Verhalten mit schrecklichen Erinnerungen besetzt wurde. Ein Jahr, in dem das, was ich geschaffen habe, lediglich abgelehnt wurde. Ein Jahr, in dem meine Hypochrondrie, meine Depressionen und meine psychosomatischen Symptome Überhand genommen haben. Ein Jahr, das mir jede Hoffnung genommen hat. Ob man ohne Hoffnung leben kann oder nicht, werde ich 2019 sehen.
Da es aber auch kleine Blümchen gab, denen es gelungen ist, sich durch die Scheiße, unter der sie wachsen mussten, Bahn zu brechen, soll auf sie der Vollständigkeit halber ebenso gedeutet werden. 1. Ich habe das Abi endlich nachgeholt, den Vollsatz Bafög zugesprochen bekommen und endlich das zu studieren begonnen, was mich tatsächlich interessiert: Germanistische Linguistik und Gender Studies. 2. Mich hat es dank glücklicher Umstände nach Georgien verschlagen (ein ausführlicher Bericht dazu hier), wo ich wunderbare Menschen kennengelernt und zwei Personen besonders ins Herz geschlossen habe. 3. Bei SUKULTUR ist es mir gelungen, zwei Beitragende zu gewinnen, die für verlagsinterne Bestseller gesorgt haben (siehe Webseite). 4. Nachdem ich meinen Mac durch einen üblen Unfall geschrottet und eine Crowdfundingcampagne zur Datenrettung und Laptopbeschaffung (siehe Dankesvideo) gestartet habe, habe ich eine überwältigende Welle der Solidarität erfahren. Diese Solidarität war es schließlich auch, die mir ein gebrauchtes Macbook für lau bescherte (Liebe für dich, Steffi), sowie eine kostspielige Datenrettung abwenden konnte (Liebe für dich, Torsten). Ich konnte allen das gespendete Geld zurücküberweisen.

Zu guter Letzt: Ich habe dieses Jahr ein wenig mehr gelesen als die vergangenen Jahre zuvor. Meinem Anspruch, mir ein Jahr lang ausschließlich Autorinnen zu Gemüte zu führen, bin ich sogar beinahe gerecht geworden. Habe noch nie innerhalb eines Jahres so viele gute Bücher gelesen. Insofern: Noch so eine Blümchen, das sich durch den Scheißhaufen gekämpft hat.

Wie immer kopiere ich einfach bloß meine FB-Rezensionen hier rein. Los geht’s.

Theresia EnzensbergerBlaupause

Von meinem Bruder zu Weihnachten geschenkt bekommen. Hatte zunächst nicht vor, es zu lesen, das Buch allerdings doch aufgeschlagen, weil sich keine ansprechenden Lektüren im Hause meiner Eltern mehr befanden. Ein gelungenes Debüt, das wegen seiner feministischen Kritik bei mir offene Türen einrennt und sich gut liest. Nichts Überragendes, aber mein Gott, warum muss auch alles bis zum Erbrechen optimiert sein. Bücher wie diese, die weder bahnbrechend noch trivial sein wollen, tun einfach gut.

Yann MartelEin Hemd des 20. Jahrhunderts

Wieder ein Buch über den Holocaust? Ja – aber eins, das es so noch nie gegeben haben dürfte. Yann Martels Roman verhandelt die Frage, wie über den Holocaust geschrieben werden bzw. von ihm erzählt werden kann; und das in einer Weise, die so ungewöhnlich, tieftraurig und beklemmend ist, das ich das Buch nicht aus der Hand legen konnte. Vorbehaltlose Empfehlung.

BEATRICE: Gräuel, das ist noch besser. Die Gräuel. Mehrzahl. Gräuel, das klingt wie ein Schöpflöffel, der eine Suppe aus der Hölle löffelt, der das Undenkbare und Unvorstellbare aufkellt, die Katastrophe, die Feuersbrunst, den Schrecken und das Tohuwabohu.
VERGIL: Dann wollen wir es die Gräuel nennen.
BEATRICE: Gut.
(Pause.)
BEATRICE: Und wir reden wir nun über die Gräuel?

Ruth Klügerweiter leben

Warum zum Henker hat mir niemand von euch Ruth Klüger schon früher ans Herz gelegt? Wozu habe ich ’ne fucking Friendlist? Am liebsten würde ich euch alle dafür rausschmeißen, wenn mir das nicht zu aufwändig wäre. Von daher bloß folgende Aufforderung: Lest einfach dieses Buch. Es ist ein wahrer Genuss, den Reflexionen dieser Frau zu folgen. Und die Sprache, die Sprache, hach.

Svenja FlaßpöhlerDie potente Frau 

Einen ausführlichen Verriss zum Essay findet ihr hier.

Margaret AtwoodDer Report der Magd

Margaret Atwood ist so eine Autorin, deren literarische Qualitäten einem verdeutlichen, dass zwischen ihrem und dem eigenen Schreiben Dimensionen liegen. Ist auf der einen Seite natürlich deprimierend, auf der anderen Seite aber auch schön: nicht nur, weil man von ihr lernen, sondern sie auch bewundern kann.
Was ich am Roman beindrucken fand, war, dass er sich wie ein biografischer Text liest. Lässt Atwood ihre Erzählerin Desfred reflektieren und/oder das eigene Befinden auseinandersetzen, kommt es einem so vor, als sei das alles tatsächlich geschehen, so nachvollziehbar, so naheliegend beschreibt sie das, was in ihrer Protagonistin vorgeht. Es ist kein Buch, dass man einfach so wegliest — zumindest für mich nicht –, sondern die Aufmerksamkeit der Leser*innen einfordert. Zuweilen ist es sogar anstrengend; nichtsdestotrotz aber unbedingt lesenswert.

Jane AustenStolz und Vorurteil

Lange hat mich eine Lektüre nicht mehr so gefesselt wie „Stolz und Vorurteil“. Und es dürfte wohl das erste Mal in meinem Leben gewesen sein, dass ich ein Buch quasi wegen des ersten Satzes gekauft habe.
(„Es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, dass ein alleinstehender Mann im Besitz eines gewissen Vermögens auf der Suche nach einer Frau sein muss.“ Fischer-Ausgabe.) Ein erster Satz, der nicht, wie die meisten anderen, die ich gelesen habe, ein leeres Versprechen ist, sondern noch viel mehr bietet, als er in Aussicht stellt.
Austen kann so spektakulär unterhaltsam und einnehmend erzählen, dass ich mir beim Lesen immer wieder dachte „Scheiße man, ja, das ist Literatur, allergrößte Erzähl- und Beobachtungskunst. Genau da will ich später einmal selbst hin!“ Bisher die beste Liebesgeschichte, die ich gelesen habe. Und an die betont maskulinen Männer ringsherum: Da auch ihr Menschen seid und als solche ein Bedürfnis nach erfüllter Liebe habt, ist es keine Schande, das Buch nicht nur wegen seiner sprachlichen Perfektion und seiner großen Gesellschaftskritik zu mögen, sondern auch und vor allem wegen der Beziehung zwischen Lizzy und Mr. Darcy.
Nachtrag: Ich hab übrigens die Übersetzung von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié gelesen. Mir hat sie sehr gut gefallen!

Christa WolfKein Ort. Nirgends

Bildungslücke geschlossen und endlich etwas von Christa Wolf gelesen. Ein fiktives Treffen zwischen Günderode und Kleist. Sehr viele schöne Stellen, die ich mir habe makieren müssen. Wegen des teilweise assoziativen Stils, manieriert altmodischen Duktus und der Perpektivenwechsel, die nicht nur bei den Figuren, sondern auch hinsichtlich Innen und Außen stattfinden, ist das Buch allerdings nichts, was man mal eben schnell wegliest, obwohl es nur plus/minus hundert Seiten hat. Keine Angst: Die Mühe, die man beim Lesen eventuell empfindet, amortisiert sich. Daher: lesen.

Annemarie SchwarzenbachEine Frau zu sehen

Meist bin ich nicht unglücklich darüber, wenn ein Buch zu Ende ist, selbst wenn es mir gefallen hat. Bei Annemarie Schwarzenbach dachte ich mir allerdings, NEEIN, WIESO?!!1!
Queere, zumal lesbische, Literatur ist ja in der (deutschen) Bücherlandschaft nach wie vor extrem selten (wohl bemerkt: im Jahr 2018. Wie erbärmlich). Und es ist ja nicht so, dass, hat man mal eine Lektüre gefunden, literarische Qualität automatisch garantiert ist. Daher schmerzt es natürlich, dass „Eine Frau zu sehen“ so unfassbar kurz ist… denn es ist literarisch nicht nur ein Kleinod, sondern nachgerade mitreißend und magisch. Wer etwas zu Themen wie Sehnsucht lesen möchte, kommt an diesem Buch nicht vorbei. Eine menschliche Regung so gut zu versprachlichen, dass selbst einigermaßen empathielose Personen sich in die Figur, die diese schildert, einfühlen können, kann ja nun beleibe nicht jede*r. Lesen!

Margarete StokowskiUntenrum frei 

Dazu muss ich eigentlich nicht viel sagen. Für mich das deutschsprachige Standardwerk des Feminismus. Eines meiner Highlights dieses Jahr.

Peet ThesingFeministische Psychiatriekritik

Eine ausgesprochen empfehlenswerte Lektüre, obwohl ich nicht in allen Punkten beipflichte. Manche Vergleiche erschienen mir schief, einzelne Aussagen undifferenziert, ein, zwei Gedanken nicht zu ende gedacht. Insgesamt jedoch überwiegt die geistige Bereicherung, die mir dieses schmale Buch beschert hat. Es gibt einem zahlreiche wertvolle Denkanstöße sowie einen Einblick in eine herrschaftskritische Perspektive auf die Institution Psychiatrie und all das, was diese hervorbringt.

Bettina WilpertNichts, was uns passiert

Weiß nicht, wann ich zuletzt einen Roman an einem Tag durchgelesen habe. Ist zumindest einigermaßen lange her. Sehr gelungenes Buch darüber, welche Dynamiken sich innerhalb des sozialen Umfelds auftun, sobald Vergewaltigungsvorwüfe im Raum stehen. Vor allem literarisch überzeugt das Buch. Die Wiedergabe mündlicher Berichte war imho nicht nur sehr lesbar ausgeführt, sondern auch ästhetisch ansprechend. Inwiefern die Sprache daher sperrig oder holprig sein soll, wie einige Kritiker*innen dem Roman vorwerfen, erschließt sich mir nicht. Aber nu, Kunst ist ja dafür da, um sich darübr uneins sein zu können.
Von meiner Seite zumindest vorbehaltlose Leseempfehlung.

Goran Vojnović — Unterm Feigenbaum

Hab’s angelegentlich eines Abend der slowenischen Literatur, der in der Lettrétage stattfand, gelesen. Ein Familiengeschichten-Roman, der das große Thema Trennug verhandelt. Liest sich gut weg, aber zu viele Längen und teilweise so stark darum bemüht, große Literatur zu sein, dass es ins Pathetische geht. Männlich heterosexuelles Erzählen. Hätte darauf verzichten können.

Toni MorrisonGott, hilf dem Kind

Die zweite Lektüre dieses Jahr, die ich mir wegen des ersten Satzes gekauft habe („Ich kann nichts dafür.“ Und weiter: „Mir könnt ihr nicht die Schuld geben.“). Es ist mein erstes Buch von Morrison, und eine ganze Weile wurde mir nicht klar, worauf der Text hinauslaufen soll. Letztlich allerdings fügen sich die Teile passgenau zusammen, und man erkennt, dass man eine Geschichte über Kinder vor sich hat, die tiefe Verletzungen (sexueller Missbrauch, Rassismus, Verwahrlosung, Demütigungen etc.) erfahren mussten, und wie schwer es ist, selbst oder gerade als Erwachsene*r damit fertig zu werden. Leseempfehlung.

Johanna MoosdorfDie Freundinnen

Hatte mich sehr auf das Buch gefreut, weil es mit dem Label „lesbische Literatur“ beworben wurde. Eine lesbische Beziehung gibt es dann auch tatsächlich; allerdings geht es im Großen und Ganzen weniger um Homosexualität als um Herrschaftskritik. Eine Liebe, die sich widerständig gegen das Patriarchat zu behaupten versucht, auf Augenhöhe stattfinden soll, losgelöst von Geschlechterrollen und ihren damit verbundenen gewaltvollen Dynamiken. Klingt super, und eins vorweg: Wann immer Moosdorf zur konkreten gesellschaftlichen Analyse ansetzt, habe ich das Buch gerne gelesen (Fun Fact: Es muss wahrscheinlich nicht erwähnt werden, dass das Buch lange keinen Verlag gefunden hat.) Insgesamt aber habe ich mich mit dem Durchlesen schwer getan. Möglicherweise lag es an den großen erzählerischen Sprüngen, dem Hin und Her zwischen Gegenwart, Vergangenheit, Vorvergangenheit, wieder Gegenwart usw; oder an der Beziehung, die mir mehr als ein emotionales Abhängigkeitsverhältnis psychisch labiler Protagonistinnen erschien denn als Liebe; oder an der sperrigen Sprache, die mir zu häufig pathetisch und gleichzeitig oberarmstreichlerisch war; oder an den Ausflügen in die Mystik, für dich ich nie zu haben sein werde; oder who knows. Ich hoffe ja, es trifft alles zu. Mein Buch war es nicht. Wegen der gelungenen Kritik am Patriarchat bin ich dennoch nicht unglücklich, es gelesen zu haben.

Das war’s. Einen guten Rutsch!

 

 

Oh! You met the imposter – my evil twin!

Vor kurzem hat die Verlegerin, Herausgeberin und Autorin Christiane Frohmann anlässlich des Todestages von David Foster Wallace einen Text  verfasst, dessen Titel Bros, Bookishness & Bandana ja eigentlich schon deutlicht macht, dass weniger Literaturkritik geübt, als vielmehr eine bestimmte Rezeptionskultur zu DFW und dessen Oeuvre problematisiert wird, die nicht frei ist von einer gewissen Ignoranz gegenüber Literatur, die nicht weiß und cis männlich ist, sowie einer ermüdenden Dünkelhaftigkeit. Um aber keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, konkretisiert Frohmann ihren Hader sogar noch einmal wie folgt:

Meine Abneigung gilt einer bestimmten Rezeption seiner persona, in der Autor, Mensch, Werk, Bedeutung diffus ineinanderfließen. Über diese merkwürdige Rezeption, die mehr mit Image und Style als mit Literatur zu tun hat, gibt es eigene Texte und sogar Cartoons, es geht darum, dass bestimmte junge, irgendwann nicht mehr so junge Männer sich über ihre David-Foster-Wallace-Begeisterung so stark stilisieren, dass sie ihre Umwelt, insbesondere Frauen, damit nerven.

Auch die Teilüberschriften, die da unter anderem „Bro“, „Bro Generation“, „Bandanaisierung“, „Umsehen lernen“, „Team Murakami-Mädchen“ und „The End of Bromance“ lauten, akzentuieren noch einmal den Textgegenstand; der eben mitnichten eine Zitat Paul Brodowsky Generalabrechnung mit David Foster Wallace Zitatende darstellt, sondern mit jenen Bros, die um ihre Begeisterung über denselben einen intellektuellen Kult veranstalten, der einer Diversifizierung des Literaturkanons im Wege steht. Es ist so gesehen daher mehr als erstaunlich, wie verquer Brodowsky Frohmanns Text, der sachlich gewisse Diskurs-, Distinktions- und Rezeptionsphänomene problematisiert, statt mit einer Person abrechnet, liest, wenn er eine Literaturkritik moniert, die so nie stattgefunden hat.

Aber anders als bei Coyle, die sich mit Wallace differenziert auseinandersetzt und deren Einschätzungen ich nachvollziehen kann (wenngleich ich sie nicht alle unterschreiben würde), gibt es bei Frohmann eigentlich keine Argumente gegen die Texte von Wallace außer dem einen, den Autor von dem Rezeptions- und Distinktionsverhalten seiner dümmsten Leser her zu bewerten.

Nun, wahrscheinlich gibt es bei Frohmann keine konkreten Argumente gegen DFW, weil es ihr weder um die Person noch um das Werk noch um Literaturkritik geht. Doch genau das ist es, was Brodowsky offenbar nicht versteht. Und so adressiert er an die Autorin schließlich irrige Unterstellungen, die auf falschem Textverständnis fußen und daher nich mehr und nicht weniger sein können als unfair. Brodowsky scheint allerdings nicht nur bezogen auf den Textgegenstand einem Missverständnis zu unterliegen, sondern auch grundsätzlich Schwierigkeiten zu haben, Frohmanns Worte dergestalt zu verstehen, wie es die Semantik hergibt. Wenn er behauptet:

Das anderthalbte, mit dem ersten verwandte Argument, Wallaces Sätze seien zu kompliziert, weil sie Leser und Leserinnen außen vor halten, finde ich eigentlich noch ärgerlicher.

,obwohl die Autorin im Radiointerview tatsächlich bloß sagt

[…], der Einstieg ist ein sehr intellektueller. Es ist einfach so, dass er auf einem sprachlichen Niveau, in einer Kompliziertheit der Syntax und auch der Worte letztlich schreibt, die einfach die meisten Menschen auf diesem Planeten ausschließt, und insofern geht es sicher nicht um Emotionen.

haben wir es nicht mit einem frohmannschen Plädoyer zu tun für Texte, die alles tun sollen, bloß die Leserin nicht herausfordern, sondern lediglich mit einem schlechten Textverständnis desjenigen, der ihr das — dreisterweise, wie ich finde — vorwirft.

Ich glaube an Literatur als Herausforderung, nicht an Texte, die uns seicht beschallen.

Na gut, Bro, dass du dem Girl mangels Lesekompetenz selbiges nicht nur implizit absprichst, sondern auch noch mal klar stellst, welch hehres Literaturverständnis dir zu eigen ist.

Beinahe ist es ja schon wieder komisch, wie examplarisch Brodowskis Reaktion für das steht, was Frohmann im Text tatsächlich beschreibt. Aber leider nur beinahe.