romantisch verklärt

Auf zum Atem

Normalerweise komme ich nicht raus. Besser gesagt, nicht über das hinaus, was ich kenne. Deutschland, Österreich, Schweiz, Norditalien. Mehr kannte ich bisher noch nicht. Mehr brauchte ich auch nicht. Und da ich noch nie zu denjenigen gehört habe — ich nehme es zumindest an –, die das vermissen, was sie nicht gesehen haben, hat mir nichts gefehlt. In ein Flugzeug bin ich das erste Mal 2016 gestiegen: Da war ich sechsundzwanzig Jahre alt. Ein guter Freund von mir meinte, unfreiwillig onkelhaft, er fände es süß, dass ich erst so spät mein Flugdebüt gehabt habe. Berücksichtigt man jedoch meine soziale Herkunft, ist es bloß eine logische Konsequenz, dass es bei mir etwas länger gedauert hat als bei Freund*innen. Ich komme aus einem ostdeutschen Working-Class-Haushalt. Meine Eltern sind keine AkerdemikerInnen, haben nicht einmal Abitur und sind in einem Repressiosstaat aufgewachsen. Einem Repressionsstaat, in dem sie eingesperrt waren. Die Ostsee galt ebenda bereits als Happening, mit dem man sich in Erlebniserzählungen profilieren konnte.
Wir waren nicht arm, aber weit von einem Lifestyle entfernt, bei dem weite Reisen mit dem Flugzeug ein Thema gewesen wären. Der Urlaub im Ausland war, ausgehend von meiner damaligen Kinderperspektive, den anderen, vermögenden Personen vorbehalten: den Sprösslingen von Rechtsanwält*innen, Ärzt*innen, Firmenchef*innen etc. Und es war ja auch Realität: eine Realität, die ich nicht nur beobachtet, sondern selbst erfahren habe. Ging es mir schlecht damit? Gewiss nicht. Das Ausland stellte für mich etwas Entferntes und mithin ganz und gar Abstraktes dar, dass ich kaum an seine organische Existenz glauben konnte. Skirurlaub in Tirol, Faulenzen in Spanien, Flanieren durch Rom stellten nicht mehr als Erzählungen dar — etwas also, das — sofern nicht selbst gesehen und erlebt — nicht mehr und nicht weniger als Fiktion ist.

Erst als ich nach Berlin zog, fiel mir auf, dass ich mit meinem Mangel an Auslandserfahrung — wie so oft — als Außenseiterin da stand, als Exotin, deren Lebensweg mein weitgereistes Umfeld schwerlich nachvollziehen und -empfinden konnte, insofern es irritierte. Als hätte man ganz vergessen, dass es Hintergründe wie den meinen gibt. Als wäre mein Backround genauso eine Erzählung respektive Fiktion für sie wie ihre Urlaubsberichte für mich. Aber außen vor und für die meisten einigermaßen uninteressant zu sein, stellt für mich keine Situation dar, an die ich nicht bereits gewöhnt gewesen wäre; also mach(t)e ich hieraus mal wieder eine trotzige Tugend. Wenn ich gesagt hätte Ich will euch nicht, wäre es glatt gelogen gewesen. Ehrlicher hingegen: Ich brauche euch nicht. Genau diese Diskrepanz stellt seit jeher eine der großen Redundanzen in mein Leben dar. Ich will die ganze Welt, obwohl ich nur einen kleinen Teil von ihr mag, obwohl ich nicht auf sie angewiesen bin. Bei genauerer Betrachtung liest sich das wie ein archetypisch kapitalistisches Bedürfnis.

Im Mai allerdings, einem Monat, in dem es mir dank körperlicher Beschwerden und einer Hypochondrie pathologischen Ausmaßes sensationell schlecht ging, kontaktierte mich Zoë Beck nach einem schönen Treffen mit Elisabeth Botros, kaum dass ich zur Haustür hereingekommen bin, via FB und machte mich auf einen Wettbewerb aufmerksam, der mit einer Reise nach Georgien verbunden war. Ich hatte bis dato noch nie etwas von ihm gehört, nicht zuletzt deshalb, weil er erst dieses Jahr international ausgerichtet wurde: Der Pen-Marathon. Die, nenne ich’s: Qualifikationsphase dauerte genau vierundzwanzig Stunden. Aufgabe war, einen Twittertext bzw. Text in Twitterlänge — optional etwas darüber hinaus — zu schreiben, der die politische Flucht einer Person nach Georgien verhandeln sollte. Ich war skeptisch und gab Zoë zu bedenken, dass ich angelegentlich meines Schreibens noch nie für irgendetwas Größeres nominiert worden und mein marodes Englisch mir viel zu peinlich sei. Zoë indes entzog mir jede Berechtigung zum Hadern, als sie mir versicherte, dass es DolmetscherInnen geben würde.  Da hatte ich den Salat. In sechs Stunden musste ich aufstehen wegen eines vermaledeiten Jobcenter-Termins, und jetzt, mitten in der Nacht, sollte ich auch noch einen wettbewerbstauglichen Text verfassen unter einem Themenschwerpunkt, der mir alles andere als lag. Jetzt musste es mal wieder der Feminismus richten — wie so oft.

Mein Erzeugnis kam mir einigermaßen platt vor, trotz Kill-Bill-Referenz, doch zu mehr war ich in der Kürze der Zeit außerstande. Nur zwei Tage später allerdings — die Texte wurden von den drei JurorInnen innerhalb von vierundzwandzig Stunden gelesen — erfuhr ich, dass ich als Finalistin ausgewählt wurde. Das war ergreifend. So ergreifend wie überfordernd. Georgien war keine Fiktion mehr, keine Aussicht, an die ich ohnedies nicht glaubte, sondern nahende Realität. Das Schreiben, Herausgeben und, damit einhergehend, Selbstinszenieren hatte mir schon viele  Privilegien verschafft. Dieses hier ist das bisher größte von allen.

Natürlich zweifelte ich prompt an meiner Nominierung; glaubte, ich hätte sie mir erschlichen durch das Wohlwollen eine der JurorInnen. Das Imposter-Phänomen ließ grüßen. Nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Frauen unter den Nominierten. Bei der Unfähigkeit, Erfolge zu internalisieren, kann angesichts der großen Verbreitung unter Frauen eigentlich keine Rede mehr von einem Phänomen sein. Da ich es aber gar nicht anders kenne, sann ich weniger darüber nach, inwieweit mein Text gut oder schlecht war, als mich über die einmalige Chance zu freuen, in den Kaukasus für umme zu reisen.

Doch so sehr ich mich auch über die Reise freute, so stark trieben mich auch meine Ängste um. Anlässlich meines übertriebenen Sicherheitsbedürfnisses sowie den sich daraus speisenden Neurosen war ich bereits vor der Reise derart unter Strom, dass ich eine ansonsten harmlose Infektion, auf die tiefer einzugehen ich an dieser Stelle verzichten möchte, aller hochdosierter medikamentöser Behandlungen zum Trutze nicht los wurde. Die Zeit wurde knapp und knapper, die Infektion und Beschwerden proportional dazu schlimmer, sodass ich am Sonntag, den 17. Juni, bereits fest davon ausging, nicht nach Georgien reisen zu können, ohne ein sehr großes gesundheitliches Risiko auf mich zu nehmen. Ein Risiko, das ich nicht eingehen wollte. Niedergeschlagen warnte ich daher einen der deutschen Organisatoren vor, daheim zu bleiben; es sei denn, der Arzt, den ich am Tag der Abreise noch einmal aufsuchen wollte, gäbe mir grünes Licht. Und was schreibe ich hier im Irreales, er hat es ja schließlich getan, also grünes Licht gegeben, es sei keine Infektion mehr zu sehen, weiß Gott, warum ich noch Beschwerden hätte. Also rannte ich glücklich nach Hause, packte schnell meine sieben Sachen zusammen und spurtete zum Flughafen, derweil ich einen Anruf von der Redakteurin von Wer wird Millionär beantwortete, die mir mitteilte, dass ich als Kandidatin ausgewählt wurde — doch das ist eine andere Geschichte.

18. 06. 2018: Die Anreise

#penmarathon

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

Ich treffe mich mit Sarah Berger am Flughafen Tegel. Ein wenig konsterniert suchen wir nach dem Check-In-Schalter und wissen nicht so recht, wie wir unsere Flugtickets erlangen können, waren es doch nicht wir selbst, die die Reisebuchung vorgenommen haben, sondern die georgischen Veranstalter*innen. In einer unerfreulichen langen Schlange, abseits der unseren, erkenne ich Lasse Kohlmeyer, der ebenfalls zu den FinalistInnen gehört. Sarah eilt zu ihm und erkundigt sich, ob wir richtig stünden. Wie sich herausstellt, hat alles seine Richtigkeit. Entnervt von der Länge der Schlange beschließen Sarah und ich noch eine zu rauchen und lassen uns über die langweiligen sowie politisch kalkulierten Texte aus, die bevorzugt bei großen Wettbewerben nominiert werden. Als wir wieder reinkommen, sehen wir auch schon Sophie Sumburane anstehen, ebenfalls Finalistin. Wir finden schnell ein Draht zueinander und kommen flugs auf das Thema Neuruosen zu sprechen, da nicht nur ich unter ihnen leide, wenn auch — vermutlich — mit Abstand am stärksten. Derweil ich mich unterhalte, mache ich mir immer wieder über meine Blase sorge, die zwickt, und versuche katastrophisierenden Vorstellungen mit beruhigenden Phrasen beizukommen. Klappt nur bedingt, die darauf folgenden Tage sogar noch schlechter.
Die Angst, dass vor Ort, also in Georgien selbst, etwas passieren könnte, ist ungleich größer als meine Angst vor dem Fliegen, und so erlebe ich nicht nur einen stressfreien, sondern halbwegs erbaulichen Flug mit Turkish Airlines, an deren Service ich mich labe, gibt es doch nicht nur für einen läppischen zweieinhalb Stundenflug bereits Fernsehen, sondern auch Essen. Essen, das essbar ist. Wir können den Service kaum glauben, und ich bin wild entschlossen, noch im Flughafen Istanbul, wo uns ein fünfstündiger Aufenthalt bevorsteht, die Airline über alle Social-Media-Kanäle zu verklären.
Am Flughafen angekommen, versuchen wir alle verzweifelt, kaum dass wir ausgestiegen sind, mit unseren Handys ins Internet zu kommen. Etwas, das nach einigen Anlaufschwierigkeiten funktioniert, allerdings mit dem Haken verbunden ist, dass man lediglich ein Kontingent von zwei Stunden zugesprochen bekommt, das eine ganze Woche lang gilt. Zwei Stunden sind bei einem fünfstündigen Aufenthalt drei zu wenig, und so grasen wir die Hallen nach einem Restaurant mit WiFi und Eurobezahloption ab. Gibt es tatsächlich, und der Kellner, der uns bedient, kann sogar Deutsch. Überhaupt bin ich während der ganzen Reise immer wieder überrascht, wieviele Menschen Deutsch zu sprechen vermögen, während die Fremdsprachenkenntnisse von uns FinalistInnen nicht über das Englische hinausgehen. Derweil wir zusammen im Restaurant sitzen, sind wir ungleich mehr mit unserer Social-Media-Präsenz beschäftigt, als miteinander, die wir fünf Tage zusammen verbringen sollen. Etwas, das wir natürlich schnell bemerken und uns einigermaßen amüsiert.
Nach und nach stoßen die anderen dazu, erst Jana Vollkmann (Wien), dann Thilo Dierkes (F.a.M.), dann Simona Harmeinecke (Bremen) und zuletzt Martin Spieß (Hannover). Daniel Stähr begegnen wir erst am Flughafen Tiflis. Nach Tiflis fliegen neben der deutschen Delegation obendrein das georgische Rugby-Team, das bei seiner Ankunft, mitten in der Nacht, bereits von zahlreichen Fans und Reporter*innen erwartet wird. Und wir dachten zunächst noch, bei den jolenden sowie singenden Männern handelte es sich um Hobbyfußballer, die ein Spiel in der hiesigen Kreisliga für sich entschieden haben! In Tiflis werden wir schließlich von Zaza Shengelia abgeholt, der uns im Auftrag des Diogene Verlags (größtes Verlagshaus Georgiens) während der gesamten Reise betreut. Nachdem uns bei einem Drink die Modalitäten des Wettbewerbs auseinandergesetzt werden, verlassen wir endlich den Flughafen und steigen in einen Transporter, der uns zum Hotel abseits der Stadt bringen soll. Wenn ich sage abseits der Stadt, klingt es, als gäbe es trotz aller Abseitigkeit noch irgendeine räumliche Beziehung zwischen Hotel und Hauptstadt. Tatsächlich allerdings ist die einzige Anbindung zwischen beidem lediglich eine neunzig kilometerlange Straße. Eine neunzig kilometerlange, mit Schlaglöchern übersähte Straße, über die unser Fahrer so heizt, dass uns ganz anders wird. Nach der Sprache identifiziere ich prompt den zweiten kulturellen Unterschied zwischen Deutschland und Georgien: das Fahrverhalten der Verkehrsteilnehmenden. Und ein dritter gesellt sich gleich dazu: der Zustand der auf dem Land befindlichen und singulär an den Straßen angesiedelten Häuser. Ein Zustand, der mich so faszniert wie erschreckt. In erster Linie natürlich deshalb, weil das bröckelige Gemäuer, der abfallende Putz, die verblassten Farben, die maroden Holzfenster, die instabil und zusammengebastelt anmutenden Balkone ein Epitom dessen darstellen, was in West-und Mitteleuropa zumindest nicht äußerlich zum Tragen kommt: die ausgesprochene Limitation, die begrenzten Mittel, die westliche Vergangenheit, die hier am Kaukasus noch Gegenwart ist. Armut. Eine Armut, die mich unsicher macht. Mich mit meinem exorbitanten Sicherheitsbedürfnis. Irgendwo in Timbuktu, umgeben von latent an Favelahütten erinnernden Häusern — ich will mir nicht vorstellen, wie es um die medizinische Versorgung bestellt ist. Und ich bitte zum lieben Gott, als wäre ich wieder acht Jahre alt, dass mich während der Reise kein Unstern heimsucht.

Anders als kommuniziert werden wir nicht in Tsinandali bzw. im Tsinandali Resort untergebracht, sondern im Hotel Marosheni, das im Dorf Bakurts’ikhe liegt. Als wir an den ärmlichen Häusern mit ihrer eigentümlichen Ästhetik des Verfalls vorbeifahren und im Dorf eintreffen — ich bin von einer kleinen Stadt ausgegangen –, versuche ich, nicht in Panik auszubrechen. Das Auto hält an, wir steigen aus, es ist etwa sieben Uhr Ortszeit, und wir schießen unverzüglich Fotos vom Kaukasuspanorama, das sich hinter dem Tal wie eine Illusion auftut.

#caucasus #kaukasus #penmarathon

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

19.06.2018: Tag 1

Moloko – sing it back #georgia #moloko #marosheni #tsinandali

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

Ohne wirklich geschlafen zu haben, dusche ich und gehe hinunter zu den anderen, die bereits am Tisch sitzen mit Maja Badridse (literarische Übersetzerin, während unseres Aufenthalts aber in der Funktion der Dolmetscherin), Judith Hoffmann (mediacampus frankfurt) und Christiane Schmidt (Lektorin). Wir stellen einander vor und diskutieren unter anderem über Sexismus und Rassismus. Eine einsame Stimme tadelt, inzwischen wünsche sie sich weniger politische Korrektheit unter jungen Menschen, womit der überwiegende Teil der Gruppe fremdelt. Anschließend geht es zum Essen, das in Georgien von außerordentlicher Beudeutung ist und fernerhin eine gustatorische Freude. Eigentlich habe ich keinen Hunger, aber aus Angst, die Georger*innen vor den Kopf zu stoßen, nehme ich trotzdem ein paar Bissen zu mir.  In Georgien schließen sich, zumindest was das Essen betrifft, Qualität und Quantität einander nicht aus. Ist der Tisch vollgestellt, werden auf den Speisen einfach weitere Speisen gestapelt. Ferner tritt mehrmals ein/e Kellner/in zu einem heran, um den benutzten Teller durch einen frischen zu ersetzen. Ich schaue in die so bescheidenen wie pflichterfüllten Mienen der KellnerInnen, und bin vor allem vom Antlitz desjenigen Kellners ergriffen, der Geschirr und Essen hinstellt, als seien sie fragile und kostbare Dinge, die man vorsichtig und würdevoll behandeln müsse. Wir essen und essen, doch die KellnerInnen hören nicht auf, weitere Speisen aufzutafeln. Als wir nach anderthalb Stunden endlich fertig sind, wird uns Angst und Bange vor dem Abendessen.
Nach dem Essen begeben wir uns zu einem von Christiane Schmidt initiierten Schreibworkshop, der weniger Workshop ist als ein Experiment zur Verständigung zwischen Autor*innen mit unterschiedlichem Sprachhintergrund. Maja Badridse wächst über sich hinaus und dolmetscht, wie sie vermutlich noch nie in ihrem Leben gedolmetscht hat. Und dennoch, eine gewisse Behäbig- und Zähigkeit, die sich wie Kaugummi durch die dreistündige Veranstaltung ziehen, lassen sich nicht vermeiden und setzen mir körperlich wie psychisch zu. Erschöpft gehe ich in mein Zimmer und ringe mit Wahrnehmungsstörungen. Wahrnehmungsstörungen, die in hypochondrischen Ängsten münden. Um mich runterzubringen und abzulenken, öffne ich auf Youtube eine Doku über Oliver Kahn, ohne dass sie die gewünschte Wirkung erzielt. Also stehe ich auf und gehe hinunter, um nicht meinem Psychoterror bzw. mir selbst ausgeliefert zu sein. Die Gesellschaft mit der anderen tut mir gut, es gelingt mir, mich zu regulieren, und ich genieße das Essen.
Danach findet das erste Saufgelage statt. Ein Saufgelage, dem ich zwar beiwohne, an dem ich aber nicht partizipiere. Mich sollte während des gesamten Aufenthalts die Trinkfestigkeit meiner lieben MitstreiterInnen beeindrucken, die pro Kopf und Abend minimum eine Flasche Wein tranken, teilweise sogar schon am Mittag mit dem Trinken begannen. Noch nie habe ich übelste Autor*innenklischees derart bestätigt sehen. Und noch nie habe ich sie so sehr Lügen strafen gesehen wie durch mich, die an keinem Tag einen Schluck Alkohol angerührt hat.
Mit der Zeit wird es lauter, bis die Leute, inzwischen besoffen, im Sekundentakt in lärmendes, anstrengendes Gelächter ausbrechen, einander nicht ausreden lassen und mithin versuchen, durch Brüllen das, was sie auszusprechen wünschen, auszusprechen. Typisch Besoffene eben, die sich untereinander gut verstehen. Ich fühle mich wie ein Fremdkörper, nicht nur weil ich nüchtern bin, konstatiere, dass es nicht nur ein Gefühl ist, und ziehe mich nach einer Weile in mein Zimmer zurück, nachdem ich meine Ängste, einen Apoplex zu bekommen, soweit reguliert habe, dass ich der Anwesenheit anderer nicht mehr zwingend bedarf. Schon jetzt sehne ich die Heimreise herbei, meine Ängste sind in der Kontuniutät und Intensität nur schwer auszuhalten.
Als Sarah und ich endlich schlafen wollen, dringt unvermittelt ein besoffener georgischer Teilnehmer in unser Zimmer ein. Ein #metoo-Moment, auf den ich schon wegen der unmenschlichen Uhrzeit hätte verzichten können. Wir kriegen Angst, scheuchen ihn wieder raus, und Sarah schließt die Tür ab. Nur wenige Minuten später schlägt und rüttelt er wie wild an unserer Tür. Schnell schlüpfe ich in meine Hose, gehe zum Balkon hinaus, der alle anderen in der ersten Etage befindlichen Zimmer miteinander verbindet, und klopfe beharrlich an Thilos und Daniels Balkontür. Zunächst öffnet mir niemand, dann kommt Thilo hinaus und berichtet mir, dass auch er vom Teilnehmer belästigt wurde. Wir beschließen, uns gemeinsam mit unseren Notebooks auf den Sitzsetzsäcken des Balkons niederzulassen. Als dann aber der übergriffige Autor plötzlich in Unterhose und in einer Decke gehüllt vor uns steht, um uns zuzusülzen, konstatieren wir, dass sein Zimmer direkt neben meinem und Sarahs liegt. Seelenruhiges Schlafen erschien mir nunmehr unmöglich. Nachdem der stockbesoffene Autor von seinem Zimmergenossen hineingerufen wurde, kommen Sophie und Jana aufgelöst zu uns heraus, denen gleichermaßen mit Klopfen und Türrütteln Angst gemacht wurde. So verbringen wir eine Weile gemeinsam auf den Balkon und unterhalten uns. Obwohl der Anlass, der uns zusammengeführt hat, ein unerfreulicher, ja beängstigender ist, empfinde ich die Situation, die daraus entstanden ist, als sehr angenehm. Die Solidarität innerhalb der deutschen Delegation ist schön und schafft eine familiäre Atmosphäre.

20.06.2018: Tag 2

#penmarathon #marosheni #georgia

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

Am Mittwoch beginnt der Wettbewerb. Da der Pen-Marathon zu den wichtigsten Literaturpreisen Georgiens gehört, erscheint das Fernsehen und dreht einen Bericht.  Die Initiator*innen halten eine Eröffnungsrede und laden uns sowie die Presse schließlich in den Konferenzraum ein, wo die deutsche und georgische Delegation die Aufgabe des Wettbewerbs erfahren soll. Sodann erhalten wir Tüten mit Schreibblock, Klemmbrett und Kugelschreiber und müssen unsere Laptops und Smartphones abgeben. Für vierundzwanzig Stunden sind wir von der Außenwelt abgeschnitten. Bis zum nächsten Tag soll ein Text entstanden sein, der ein Hamlet-Zitat („Der Lüge Köder fängt den Karpfen Wahrheit“) zur Grundlage hat. Alles per Hand geschrieben. Erst jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Pen-Marathon, Pen, Kugelschreiber, na klar! nicht P.E.N.. Dass ich nicht einen Augenblick an den Kugelschreiber gedacht habe, sagt viel über gegenwärtige Schreibgewohnheiten aus.
Natürlich leiden wir Social-Media-Opfer sehr unter den Wettbewerbskonditionen. Wahrscheinlich kann sich keine/r von uns mehr daran erinnern, wann er/sie im Erwachsenenalter zuletzt einen ganzen Tag lang weder Handy noch PC/Laptop angerührt hat. So sehr mich die Herausforderung reizt, so sehr stresst mich der Gedanke, kein Medium zur Verfügung zu haben, mit dem ich mich ablenken kann bei eventueller Übelkeit (leide unter Emetophobie, remember). Allerdings schaffe ich es, mich nicht von dem Gedanken vereinnahmen zu lassen, und mache mich sofort an die Arbeit. Den Tag des Schreibens habe ich von allen am meisten gemocht. Das einsame Schreiben, die Ruhe, das Bei-sich-sein, die Auflösung der Gruppe, der Austausch bar jeden kollektiven Spektakels, die Unterhaltungen über die eigene Textproduktion sind eine Wohltat.
Ich werfe mich in die Hängematte, um meinen begonnenen Text weiterzuschreiben, merke allerdings, dass ich angelegentlich meines Schlafdefizits außerstande bin, mich zu konzentrieren, und lege mich für zwei, drei Stunden in mein Bett. Zwei, drei Stunden, die mir wirklich gut tun. Als ich aufstehe, prokrastiniere ich das Schreiben und unterhalte mich mit den anderen, die es teilweise ähnlich handhaben. Dann mache ich mich wieder ans Werk, bis ich es plötzlich mit meiner Verdauung zu tun bekomme und Durchfälle habe, wie ich sie nur von Abführmitteln oder Magen-Darm-Infekten her kenne. Als ich die anderen mit meiner Angst vor dem Kotzen konfrontiere sowie mit meiner Befürchtung, mir einen Infekt der Hölle eingefangen zu haben — habe ich nicht, war leider dem köstlichen georgischen Essen geschuldet –, erklären sie sich rührenderweise dazu bereit, mir auf dem Balkon Gesellschaft zu leisten. Das war überhaupt etwas, das unsere Gruppe ausgemacht hat: die gegenseitige Fürsorge, das Aufeinanderaufpassen.
Unter widrigsten physischen und psychischen Bedingungen stelle ich in der Nacht schließlich meinen Text fertig. Mein Text, dessen Vorzug es ist, etwas zu wollen, sein Manko allerdings, dass es zuviel ist, als dass alle darin befindlichen rhetorischen Kniffe, Motive, Referenzen, angerissen Themen etc. miteinander hätten korrespondieren können. Aber drauf geschissen; hätte ich mir doch noch vor ein paar Stunden nicht einmal vorstellen können, einen Text zu beenden.

21.06.2018: Tag 3

Nach einer kurzen Nacht geben wir unsere Erzeugnisse ab. Unsere Erzeugnisse, bei denen wir nicht so recht wissen, was wir von ihnen halten sollen. Dann bekommen wir endlich Handy und Laptop wieder und stürzen uns ins Internet. Bis auf Thilo, der dreiundneunzig ungelesene Nachrichten erhalten hat, sind alle davon enttäuscht, der Welt nicht nennenswert gefehlt zu haben.
Am frühen Nachmittag schaue ich mir die in der Nähe befindlichen afrikanischen  (sic!) — tatsächlichen stammen sie aus Pakistan — Beetal-Ziegen an, die sensationell hässlich und anschmiegsam sind.

Danach schließe ich mich einem Ausflug nach Sighnaghi an. Sighnaghi, unter den Georgier*innen auch bekannt als Love City, liegt etwa über zweitausend Kilometer über dem Meeresspiegel und erinnert ähnlich wie Tiflis, wenn man von den zahlreichen Ladas absieht, an eine südeuropäische Stadt. So schön die Lage Sighnaghis aber auch ist, so enervierend ist es, die steilen Straßen auf und ab zu laufen, inbesondere bei über dreißig Grad Außentemperatur. Kopfschmerzen tun sich auf, Kopfschmerzen, die sich als ibu-resistent erwiesen. Ich will wieder ins Hotel, die anderen dagegen noch ein Bier in einem Restaurant kippen.

#sighnaghi #penmarathon

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

Zurück in Marosheni feiern wir zusammen mit den GeorgerInnen den letzten gemeinsamen Abend mit, wie sollte es anders sein, Alkohol und Musik. Doch auch an diesem Abend sind meine Kapazitäten hinsichtlich lauter, feuchtfröhlicher Gesellschaft schnell überschritten, und ich will mich ins Bett begeben; täte sich da nicht wieder meine Angst vor einem Apoplex auf. Überall meine ich taube Stellen zu spüren, Fingerspitzen, Zehen, Wange, unermüdlich bin ich damit beschäfigt, die Sensibilität meiner Extremitäten zu untersuchen. Das würde mir jetzt noch fehlen, kurz vor der Abreise einen Schlaganfall zu bekommen und dann in ein Krankenhaus zu landen, das mitteleuropäischen Standards nicht annähernd gerecht wird, während die anderen nach Hause reisen, ich also allein bleibe, tausende Kilometer von meiner vertrauten Umgebung entfernt.
Würde ich nicht derlei katastrophisierende Ängste hegen, hätte ich mich wohl auch nicht dem nächtlichen Spaziergang zu einem in der Nähe gelegenen Friedhof angeschlossen. Ebendort wird natürlich auch gesoffen. Ich mag Trinkgelage, nicht allerdings in montoner Tagtäglichkeit. Doch das war mein Problem.
Bald allerdings bin ich dem Krach und Gruppending derart überdrüssig, dass mir selbst ein eventueller Apoplex scheiß egal ist und ich mich mal wieder als erste schlafen lege, die Stille auskostend.

22.06.2018: Tag 4

#georgia #cows #penmarathon

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

An unserem letzten Tag haben die georgischen Veranstalter*innen etwas Besonderes für uns vorgesehen. Das Problem ist nur: Es bleibt nicht bloß bei Etwas.
Nachdem wir neuerlich eine waghalsige Busfahrt überstanden und an ausgebüchsten Kühen und ausgestrockneten Flüssen vorbeigefahren sind, werden wir in Tiflis ausgesetzt, um uns vier Stunden lang die Stadt anzuschauen. Sengende Hitze begleitet uns während unserer gemächlichen Sight-Seeing-Tour, und wir halten an jeder Ecke an, an denen Souvernirs und Plunder verkauft werden. Die Stadt ist nicht belebter als Berlin, aber um ein Vielfaches so laut angelegentlich der Fahrpolitik der Verkehrsteilnehmenden, die in einer Tour hupen.
Wieder treiben mich meine Apoplex-Wahnvorstellungen um: in Deutschland meinetwegen fünf Schlaganfälle hintereinander, hier aber bitte keinen, nicht in den letzten Stunden, idealerweise auch nicht im Flugzeug.
Das wirklich Traurige an der Stadt: Es gibt zahlreiche Straßenhunde, ebenso Bettler*innen, zumal alte Frauen, die sich teilweise mit schwersten gesundheitlichen Problemen herumplagen. Am erschütterndsten für mich ist die betagte Dame, die einen Säugling im Arm hält und um Geld fleht. Hätte ich auch nur einen Lari, würde ich ihr wohl sämtliches Bargeld geben. Ich fühle mich zerrissen.
In der Altstadt macht sich eine Frau einen Spaß daraus, ihren Hundewelpen wieder und wieder durch die Balustrade schlüpfen und auf dem Dach herumflitzen zu lassen. Etwas, womit sie gezielt Aufmerksamkeit zu erregen versucht. Mit Erfolg. Alle fotografieren und filmen den armen Hund für ein lächerliches Instagrampicture, mich eingeschlossen.

#georgia #tiflis #tbilisi #penmarathon #dog

A post shared by Sofie Lichtenstein (@ms.lightstone) on

Als wir wieder im Hotel ankommen, wo wir unsere Koffer und Taschen zwischengelagert haben, fahren wir entkräftet mit dem Bus nach Mzcheta, dem religiösen Hotspot Georgiens.  Ich habe Lust auf Nichts, von meiner vollkommen erschöpften Aufnahmefähigkeit ganz zu schweigen. Genervt und erschöpft schleppe ich mich in die Swetizchoweli-Kathedrale, durch die uns eine ältere, schwarzbekleidete und -behutete Frau führt, die in jedem Satz mindestens eine Jahreszahl nennt und das Wort Fresko benutzt. Ich sehne das Ende herbei. Was mich beinahe erleichtert, ist, dass nicht nur ich mich unangenehm berührt fühle von den Menschen, die mit gefalteten Händen vor einem Heiligenbild stehen oder sich gleich auf den Boden werfen. Mein Unbehagen ist unabhängig von Konfession und religiöser Zugehörgkeit zu verstehen. Grundsätzlich ist es mir ja einerlei, woran Menschen glauben; wenn es jedoch in eine Art Unterwürfigkeit kulminiert, schreckt es mich ab. Will man tatsächlich jemanden anhimmeln, der von einem Devotion erwartet?
Nach einer halbstündigen Bootstour, die sich anlässlich der fast vollständig untergegangenen Sonne nicht wirklich amortisiert hat, werden wir bei einem Restaurant abgesetzt, das wie ein Robin-Hood-Filmset anmutet. Es ist in einer Bergspalte gebaut. Brücken und Treppen verbinden Tanzfläche, Tischecken, Pavillons etc., umrahmt von Granit, Geäst und Blattwerk. Vergleichbares habe ich noch nie gesehen. Natürlich gibt es wieder Essen bis zum Umfallen, und in einem Toast spreche in Namen aller deutschen TeilnehmerInnen unsere tiefe Dankbarkeit aus. Denn tatsächlich: Die georgische Gastfreundschaft ist einmalig. Und wir alle haben eine Erfahrung fürs Leben gesammelt. Eine Erfahrung, die ich den Angehörigen meiner Working-Class-Familie nun voraus habe. Und dennoch: Die Welt zu sehen, wird für mich niemals selbstverständlich sein.

 

PS: Wer noch mehr Impressionen zum PenMarathon lesen möchte:

Sophie Sumburane und ihr #metoo-Erlebnis in Marosheni
Jana Vollkmanns Georgien-Tagebuch
Martin Spieß‘ Post-PenMarathon-Blues

Advertisements

Ugghhh! Was stellst du denn dar?

Erschreckend, wie schnell das Jahr und so weiter. Uuuahh. Mittlerweile fast dreißig, die Mimikfalten werden tiefer, das Ruhebedürfnis größer, mein Leben kürzer. To be honest: Ich habe gar keine Lust, meinen, nenne ich’s: Jahresendartikel zu schreiben. Da ich allerdings zwangshaft veranlagt bin, bleibt mir keine andere Wahl. Machen wir also das Beste draus. 2017. Ein Jahr, das für mich scheiße begann, im Sommer aber einen erbaulichen Plottwist bekam. Grund: Das erste mal seit 13 Jahren sah ich meine geliebten Alpen wieder. So rührig und schmerzhaft kann nur ein Wiedersehen sein, nachdem einem die Sehnsucht fast zerissen hatte. Als ich hinter dem Bodensee die Berge sich auftun sah, musste ich mit den Tränen kämpfen.

Was noch? Mein queerer Roman wächst und gedeiht. Mittlerweile ist mehr als die Hälfte geschafft. 151 Seiten. Ja, richtig gelesen. Ich schreibe wieder und kann es nach dem großen Tief, in dem ich im esten Quartal des Jahres steckte, schwerlich begreifen. Wie es dazu kam? Wenn man auf einmal etwas verabschiedet, dem man zehn Jahre lang Tag für Tag seine Aufmerksamkeit geschenkt hat, tut sich unweigerlich eine große Leere auf, die es zu füllen gilt – um nicht krank zu werden, versteht sich. Mir ist es nicht gelungen, und so hämmerte die Depression bereits an meiner Tür. Eine Entwicklung, der ich Einhalt gebieten musste. Mein Abschluss durfte nicht gefährdet werden. Also wendete ich mich wieder dem zu, das mich erst in diese Lage gebracht hatte: dem Schreiben. Keine Spur vom Autor*innenkitsch sogenannter innerer Notwendigkeit. Ich schrieb und schreibe, um meine gesellschaftliche Teilhabe durch Depressionen nicht zu gefährden.

Was noch? Es sind wieder viele schöne Hefte bei SuKuLTuR erschienen, unter anderem der Text Gender von Lann Hornscheidt, an dem ich mich exzeptionell – ich wollte schon immer einmal dieses Wort bentutzen – laben kann. Und wenn ich so ins kommende Jahr blicke, wird das Programm noch besser. Ich kann ohne jeden Anflug von Hybris sagen, dass ich ganz fantastische Texte für 2018 ausgesucht habe.

Was noch? Deutschland ist nun auch endlich in der Gegenwart angekommen und ermöglicht allen, nicht nur Heteros, die Ehe. Ein Stück mehr Gerechtigkeit. Da kamen mir die Tränen.

Was noch? Natürlich, die #metoo-Debatte. Was ich nicht mehr hören kann: Mimimi, es wird nicht mehr differenziert, alles in einen Topf geschmissen; mimimi, es wird nicht mehr zwischen Zoten und sexuellen Übergriffen unterschieden, mimimi. Für alle, die es immer noch nicht begriffen haben: Nein, #metoo ist keine Suppe, in die alles hineingeschmissen wird, sondern ein Maßband, das die Bandbreite von Sexismus abbildet. Es fängt mit überkommener Geschlechterperformance und Zoten an, die hinzunehmen Frauen* tagtäglich gezwungen werden, und endet im schlimmsten Fall beim sexuellen Missbrauch. Was nämlich zeigt uns die Debatte: Wie komplex sexistische, inbesondere misogyn patriarchale Strukturen sind, und dass erst eine distanz- und respektlose Haltung gegenüber Frauen*, die mit Anzüglichkeiten beginnt, den Weg zur sexuellen Belästigung und Vergewaltigung ebnet; wie krank und destruktiv also die Strukturen und Rollenbilder sind, mit denen wir aufwachsen. Es bleibt zu hoffen, dass die Debatte ein Umdenken auslösen wird. Und ich glaube dieses Mal wirklich, sie ist auf dem besten Weg dorthin. Liebe daher für alle Menschen, die von ihren Erfahrungen berichten, unmögliche Zustände aufzeigen und anprangern und alles dafür tun, damit die #metoo-Debatte nicht so unvermittelt verschwindet, wie sie sich aufgetan hat.

Nun zu den Büchern, die ich gelesen habe. Wieder nicht viel. Ist ja mittlerweile nix Neues mehr bei mir.

Gotthold Ephraim Lessing – Emilia Galotti

Hat man sich erst einmal intensiv mit diesem bürgerlichen Trauerspiel befasst, kann man eigentlich nur den Hut ziehen vor der Genialität Lessings. Nicht nur der exzellente Aufbau, sondern auch die Komplexität der Charaktere machen das Drama zu einem großen Stück Literatur. Besonders erbaulich hierbei ist Lessings Frauenbild und -darstellung, das, gemessen an der Zeit, als ausgesprochen fortschrittlich zu bewerten ist. Indes: Ich habe sehr lange gebraucht, um mit dem Werk warm zu werden; und müsste ich ein Stück Lessings empfehlen (und nicht mehr), würde ich eher zu Nathan der Weise raten als zu Emilia Galotti. Aber das ist nur eine Geschmacksfrage und nicht vermeintlichen Qualitätsunterschieden geschuldet. Wer das Drama übrigens schon gelesen hat, dem sei wärmstens Michael Talhemers Inszenierung im Deutschen Theater empfohlen, die man bei Youtube in voller Länge anschauen kann – Nina Hoss‘ Spiel als Gräfin Orsina ist berauschend. Textkenntnis ist hierfür allerdings notwendig! Ansonsten wird man nichts damit anfangen können.

Vladimir Nabokov  – Lolita

Ein Buch, das – wie ich annehme – vor allem viele Männer begeistert/begeistern wird, nicht zuletzt wegen seines typischen männlich, heterosexuellen Duktus. Ton, Haltung und Perspektive sind immer eine „Prise“ großspurig, welterkärend und dünkelhaft, mir war, als schaute ich jemandem dabei zu, wie er zu seiner eigenen Belesenheit und Fingerfertigkeit masturbiert, statt zu dem, wovon er behauptet, besessen zu sein. Es ist so ermüdend.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich die Darstellung – oder zumindest das in-den-Raum-stellen – des Mädchens als kleines Luder, das den pädophilen Erzähler dreist verführt, nicht nur bodenlos geschmacklos, sondern auch höchst alarmierend finde. Weltliteratur mein Arsch. Ich bin bloß zu Tode gelangweilt.

Virginia Woolf – Ein eigenes Zimmer

Empfehlung meiner Ex-Seelenklempnerin. Letztes Jahr bestellt, unlängst (Stand: April) ausgelesen. Nach Mrs. Dalloway, das mich seinerzeit unberührt gelassen hat, ging ich mit gewissen Vorbehalten an das Buch ran, aber… oh my goodness, es ist fantastisch – und eine eine wahre Wohltat nach Nabokovs ‚Lolita‘. Wie klug, objektiv und überlegt Woolfs Analysen sind, stets gehen sie über den Tellerrand hinaus, so sehr sogar, dass sie auch heute noch, trotz dem Zahn der Zeit, kaum an Aktualität eingebüßt haben. Der Gedanke daran, dass dieses Buch bereits 1929 erschienen ist, rührte mich beim Lesen immer wieder stark. Ein Highlight meines Bücherjahrs ’17. Kaufen und lesen.

Jenny ErpenbeckGehen, ging, gegangen

Hätte ich den Titel nicht seit jehr wundervoll gefunden, hätte ich mir das Buch wohl nie gekauft; nicht unbedingt, weil es schlecht ist, sondern einfach, weil das Interesse daran nicht vorhanden war. Wie der Plot bereits vermuten lässt, verschreibt sich der Roman ganz einem didaktischen Anspruch. Wie ist die Situation von Geflüchteten beschaffen? Was läuft falsch und wie kann man als Einzelperson dem Problem begegnen. Der eremitierte Prof. Richard entscheidet sich für eine unmittelbare und beharrliche Auseinandersetzung mit den Geflücheteten. Und wie natürlich zu erwarten ist, sagt er sich von seiner anfänglichen Ignoranz und völligen Selbstbezogenheit los und wird zum leidenschaftlichen Altruisten, der nicht nur einem Geflüchteten ein Haus in seinem Heimatland kauft, sondern auch Refugees bei sich einziehen lässt. Natürlich ist das alles pädagogisch und politisch einwandfrei arrangiert. Aber die Figuren, uh, die sind dann doch arg holzschnittartig geraten. Sprachlich ist die Geschichte nicht schlecht; allerdings hätte der Plot ein paar Spannungsbögen durchaus vertregen können. Literarisch hat es mich also nicht ergriffen. Aber uninteressant ist das Buch wenigstens wegen der guten Recherchen nicht.

José Saramago – Der Doppelgänger 

Wie einige wenige vielleicht mitgeschnitten haben, gehört Saramago zu meinen literarischen Vorbildern. Bisher habe ich jedes Buch, das ich mir von ihm zu Gemüte geführt habe, genossen. Beim Doppelgänger unterdessen brauchte ich sehr lange zum Warmwerden. Vielleicht deshalb, weil die Handlung ob des saramago-typischen Exkurse mit all ihren konjuktivischen Überlegungen und Vorausdeutungen, Tempuswechseln, Beurteilungen usw. nur sehr langsam voranschreitet; viel langsamer, als ich es vom Autor gewohnt bin, trotz seiner charekteristischen atemlosen Sprache, für die ich ihn seit jeher liebe. Wie großartig und kunstfertig seine Erzählweise ist, lässt eine schöne Anlyse auf Wikipedia durchblicken, die ich besser nicht vornehmen könnte. Das Buch gehört nicht zu meinen Favoriten, ist aber nichtsdestotrotz wenn, man mich fragt, lesenswert… nur vielleicht nicht unbedint als Einstieg.

Georg BüchnerWoyzeck 

Literarisch äußerst gehaltvoll, aber nicht meins.

César AiraDer Beweis 

Von einer Agentin drauf aufmerksam gemacht worden.
Das rundliche sowie depressive Mädchen Marcia bekommt es mit zwei nihilistischen Punkerinnen, Mao und Lenin, zu tun, die ihm verfallen sind. Zwischen dem Wunsch, sich den beiden zu entziehen, und dem Bedürfnis, mehr über ihre Welt zu erfahren, hin- und hergerissen, vebringt Marcia Zeit mit ihren Verehrerinnen. Doch das ganze Gerede erweist sich als unergiebig, denn: Die Liebe zeigt sich in Taten, nicht in Worten. Was wäre als Liebesbeweis daher naheliegender als ein Überfall auf einen Supermarkt, der in einer Splatter-Orgie kulminiert?
Das erste Mal seit Jahren habe ich beim Lesen wieder in schallendes Gelächter ausbrechen dürfen, in erster Linie dank der deftigen Beleidigungen, die die Protagonistinnen vom Stapel lassen. Wer aber nun denkt, lediglich der Plot sei abgefahren, irrt, denn: Auch sprachlich sowie philosophisch schwingt stets ein eigenwilliger Zauber mit, der sich in nahezu jeder Beschreibung, jedem Satz, jedem Gedanken offenbart. Kenne bisher niemanden, der Explosionen so außergewöhnlich beschreiben kann wie Aira. Eine große Entdeckung, fernab jeglicher anämischer Mainstreamscheiße.

Gerhart HauptmannDie Ratten 

Unwartet gut. Der Parallelstrang zur Muttertragiöde, in dem die Schreibkonzepte der Vertreter des Klassischen Dramas und des Naturalismus in saririschen Streitgesprächen verhandelt werden, ist ganz fantastisch. „Ich habe Ihnen schon zehnmal gesagt, dass Ihr pueriles bisschen Kunstanschauung nichts weiter als eine Paraphrase des Willens zum Blödsinn ist“.  Hach.

Christian KrachtFaserland 

Puh. Warum dieses Buch derart hochgejazzt wird, wird mir wohl verborgen bleiben. Der Ich-Erzähler war für mich kaum zu ertragen, die Beobachtungen schrecklich banal, das beherzte Schwadronieren zuviel des Guten. Empathie mit den Figuren wollte sich ebenso wenig einstellen. Wer – sei es fiktiv oder real – dann auch noch Queens „I want to break free“ als Zitat schlimmste Zumutung der Popgeschichte Zitatende bezeichnet, ist bei mir eh unten durch. So etwas sagt man nicht mal aus Spaß. Sehe daher keinen Anlass, das Buch weiterzuempfehlen. Hoffe, „Imperium“ gibt mehr her.

Daniel KehlmannRuhm. Ein Roman in neun Geschichten

Hätte ich von meiner Lehrerin nicht den Parteiauftrag erhalten, dieses Buch zu lesen, hätte ich schön die Finger von Kehlmann gelassen. So allerdings wurden meine Feiertage durch eine schlechte Lektüre getrübt. Ein Buch, das neun Geschichten vereint, die vage miteinander zusammenhängen. Eine Episode war dabei dermaßen peinlich geschrieben (Kehlmann versucht, den Duktus eines Internetsüchtigen zu reproduzieren, indem er jeden Satz mit Anglizismen und Solözismen volldonnert), dass ich mich für die weitgehend positive Besprechung des Buches schämen muss.

 

Einen guten Rutsch!

Moment, ich muss meine Chromatiden zusammenbauen

Es ist ja bereits viel über die Entfernung von avenidas an der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin gesagt worden. Meist wurde das Unbehagen der Student*innen abgeschmettert mit Gedichtsinterpretationen, die die Unverfänglichkeit des Textes sowie die vermeintliche Mimosen- und Banusenhaftigkeit der Kritiker*innen belegen sollten. Glücklicherweise aber gab es nicht wenige, die über die polemischen Anfeindungen gegenüber dem AStA entsetzt waren. Daher hat Max Wallenhorst zu einer Solidaritätsaktion mit dem AStA aufgerufen. Schaut selbst (Den danzugehörigen Text könnt ihr auf Youtube in der Box unter dem Video nachlesen)

„Der Typ ist eine Volleule, aber lustig anzuschauen.“

Bei der gestrigen Automatendichtung hat mich jemand auf die Idee gebracht, jene Mail publik zu machen, die mir die Tür zu SuKuLTuR aufgeschlossen hat. Hier also eine Anleitung, wie man einen Job als Herausgeber*in in einem prestigeträchtigen Verlag bekommt.
_

Hallo Marc Degens (Anmerkung der Red.: den Namen der/des* Programmleiter*in einfügen)

keine Angst, es folgt kein Manuskript, sondern zunächst einmal nur eine profane Frage. Vorab aber muss ich mich noch kurz vorstellen; ich heiße *****, präferiere es indes, Sofie (mit f) genannt zu werden — vornehmlich eigtl. nur, weil ich in der Untergrund-„Literaturszene“ (schon dieses Wort!) ausschließlich unter diesem Namen bekannt bin. Ich bin fünfundzwanzig Jahre und im Augenblick noch vom Jobcenter abhängig, das mich in ein Programm gesteckt hat, in dem die Teilnehmer, sagen wir, angehalten werden, ein Praktikum zu absolvieren — unbezahlt selbstverständlich. Da sich meine Sehnsucht, an einer Wursttheke den Verkäufer*innen beim Wiegen, Eintüten und Verpacken zu assistieren, in Grenzen hält, bin ich auf der Suche nach einer Stelle, die für mich ein wenig erbaulicher ist als das, was das Jobcenter verheißungsvoll wähnt. Aber langer Rede kurzer Sinn: Gäbe es im Sukultur-Verlag eine Möglichkeit für ein unbezahltes Praktikum?
Ich muss dazu erwähnen, dass ich mir für fast gar keine Arbeit zu Schade wäre, selbst wenn ich, sofern kein Reinigungspersonal vorhanden, die sanitären Anlagen der Redaktion säubern oder Absagemails an sich selbst maßlos überschätzende Schreibende verfassen müsste. Das einzige, was ich wirklich absolut nicht kann, ist Akkordarbeit — mehrmals versucht und immer zusammengebrochen (nie wieder Kaufland oder Kopierläden!)… falls es bei euch absolut keine Möglichkeit geben sollte, hättet ihr vllt. ein paar Tipps, an wen ich mich anderweitig wenden könnte? (Anmerkung der Red.: eine Frage zum Schluss ist optional)

Auf dass ich mit dieser Mail nicht für bodenlose Ermüdung gesorgt habe…
Mit besten Grüßen,

Sofie Lichtenstein

Und das hat Marc Degens seinerzeit geantwortet.

Ich schließe jetzt. Vielleicht findest Du in den Mülltonnen etwas Essbares.

Normalerweise mag ich die Kolumnen von Sibylle Berg sehr. Die akuelle jedoch betrachte ich als Entgleisung. In ihrem Text ruft Frau Berg dazu auf, Ungerechtigkeit, Beleidigungen, Herablassung usw. mit Humor zu nehmen und es, wie sie sagt, besser zu machen, weil sie dies als erhabene Haltung wähnt. Unvermittelt kamen mir folgende, aus den Zusammenhang gerissenen Zeilen von Shakespeare in den Sinn.

Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?
Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?
Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?

Ich weiß nicht, woher diese Einstellung rührt,  wilde Emotionen, egal in welchem Kontext, seien unschicklich und mithin unangebracht. Wenn einem jemand ins Gesicht spuckt, ist es für meine Begriffe jedenfalls kein Zeichen der Größe, seine Wut hinunterzuschlucken und mit einem Lächeln zu reagieren, statt seine Missbilligung darüber kundzutun und sich ggf. zu wehren. Über den Dingen zu stehen, indem man sich nichts anmerken lässt, ist reine Schimäre und fußt auf nichts weiter als ein christliches Dogma. Wut ist nicht gleich nörgeln oder gar armselig, sondern in vielerlei Hinsicht adäquat und notwendig als Motor für Veränderungen. Keine Bewegung, sei es die feministische, die queere, die der Afroamerikaner usf., hätte etwas bewirkt, wenn sie mit vermeintlicher Coolness und Emotionslosigkeit auf die Straßen gegangen wäre.

Das Ausagieren von Wut gilt in unserer Gesellschaft als unsexy. Mal ganz abgesehen davon, dass ich eine solche Geisteshaltung weitaus unattraktiver finde, als emotional auf haarsträubende Gegebenheiten zu reagieren, wäre es womöglich keine schlechte Idee, sich von dem überholten Anspruch zu verabschieden, jederzeit sexy zu sein. Wer immer nur darauf bedacht ist, sich unantastbar zu geben, versäumt es, selbst anzugreifen und gegen Misstände vorzugehen.

Das eine übereifrige taz-Journalistin einen schlechten Artikel über Thomas Fischer geschrieben – und dem Feminismus keinen Gefallen damit getan- hat, kann kein Anlass zum zweifelhaften Aufruf sein, sich Dinge gefallen zu lassen (indem man in resignatives Gelächter ausbricht), die unmöglich sind. Denn, nein, Frau Berg: Humor ist zwar unerlässlich zum Überleben angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit, nicht aber das Mittel der Wahl, um sich dagegen zu Wehr zu setzen und einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. So sehe ich das zumindest.