romantisch verklärt

„Besteht der Außerirdische aus Kohlenstoff oder Silikon?“, „Eh, das zweite… Xyliphon.“

Wie ich gestern bereits erwähnt habe (das betrifft diejenigen, die in meiner Facebook-Friendlist sind), habe ich das erste mal seit 14 Jahren kotzen müssen. Die meisten werden denken, dass das kein Grund ist, um es mit einem Post zu bedenken und mit Bedeutung aufzublähen, stellt doch Kotzen für sich genommen nichts Außergewöhnliches dar. Das stimmt, allerdings nur insofern, als man kein Emetophobiker ist. Wer unter Emetophobie leidet, kriegt spontane Atemnot, sobald ihm mal etwas unwohl ist – oder seinen in unmittelbarer nähe befindlichen Mitmenschen. Wer unter Emetophobie leidet, möchte vor dem Kotzen weggrennen. Wer unter Emetophobie leidet, kann eine pathologische Angst vor dem Essen haben oder entwickeln.
Es ist nicht so, dass ich in all den Jahren keinen Brechreiz gehabt hätte. Den bekam ich sogar häufiger mal aus unterschiedlichen Gründen. Gleichwohl blieb es immer nur beim Würgen. Nie ist es mir tatsächlich aus dem Mund gekommen. Je häufiger ich diese Erfahrung machte, desto weniger Panik empfand ich beim Würgen. Irgendwann war sie sogar ganz weg; weil ich mich darauf verlassen konnte, dass mein Mageninhalt letzten Endes doch nicht hervorkommt; und weil ich darauf vertraute, dass man mit der Psyche, mit aboluten Willen bzw. Widerwillen, steuern kann, mit welchen Reaktionen der Körper einer Krankheit begegnet.
Seit dem ich Herrendorfs Blog gelesen und mich mithin mit Glioblastomen beschäftigt habe, macht mir der Gedanke schwer zu schaffen, wie abhängig unser Geist, unser Bewusstsein, unsere Klarheit von einem Klumpen Materie, dem Hirn, ist; wie ohnmächtig wir eigentlich sind; wie ausgeliefert. Es geschehen soviele Prozesse im Gehirn, von denen wir nicht das Geringste mitbekommen. Es hat uns ganz in der Hand. Es kontrolliert uns, nicht wir es. Und wehe, wehe, dieses fragile System ist irgendwelchen Erschütterungen ausgesetzt. Dann verlieren wir entweder unsere Sprache, unser Gleichgewicht, unser Sehvermögen, unser Gefühl, unsere Körperkontrolle, unsere Persönlichkeit, uns selbst.
In meiner vorletzten Kurzgeschichte Die Suche nach Satelliten, in der es um den Zusammneschluss von Deutschland und Österreich geht, schrieb ich einmal:

Ich schlürfe meinen Drink aus und bestell noch einen. Egal, wieviel ich heute bechern werde: Ich werde immer die Kontrolle behalten. Mit der Kraft des Willens werde ich mich gegen mein sich gehen lassendes Hirn auflehnen. Es kann nichts passieren, solange ich kein grünes Licht gebe. Wenn ich nicht will, dass Hypothalamus, Hypophyse und Eierstöcke meinen Ovarialzyklus vollkommen unbemerkt steuern, werde ich künftig nicht mehr menstruieren; wenn ich meiner Medulla oblongata Einhalt gebiete, werde ich nicht kotzen. Wenn ich nur will, werde ich nicht torkeln. Egal, wieviel ich trinke. Ich bin stärker als mein Hirn. Ich bin mehr als Materie.

Ich habe wirklich geglaubt oder zumindest gehofft, dass dieses möglich wäre oder zumindest in weiten Teilen; dass ich mit Willenskraft mich aus der Ohnmacht der Abhängigkeit von und der Kontrolle des Gehirns befreien könnte. Und so hatte ich auch, als ich letzte Nach die ersten Symptome bekam, als ich minütlich zum Klo rennen musste wie jemand, der zehn Einläufe auf einmal verpasst bekommen hat, zunächst keine Angst. Ja, okay, scheint ein härterer Infekt zu sein, dachte ich, aber hej, ich habe 14 Jahre lang nein gesagt, ohne dass mein Hirn dem etwas entgegensetzen konnte.
Als ich aber schließlich würgen musste, wusste ich auf einmal, dass es dieses Mal nicht dabei bleiben würde; dass ich dieses Mal wirklich kotzen müsste. Und so geschah es schließlich auch. Nicht einmal so viel, dass ich danach eine Erleichterung verspürt hatte, aber doch genug, um es aus dem Mund laufen zu lassen und die Säure im Rachen zu schmecken. Während ich kotzte, kippte ich mir einen Becher kalten Wassers über den Hinterkopf, um nicht vor der Schüssel zusammenzubrechen (war schon vollkommen dehydriert und einen Tag ohne Schlaf). Und nachdem ich die Schüssel ausgekippt und ausgespült hatte, legte ich mich wieder hin und dachte über das eben Erlebte nach. Mein erster Gedanke: Mein Gehirn hat sich gegen meinen Willen behauptet, hat gemacht, was ihm beliebte.
In diesem Augenblick wurde ich mir meiner eigenen Sterblichkeit und mithin Menschlichkeit bewusst. Ich fühlte nur noch  Ernüchterung.

no, truth doesn’t make a noise

Kann man noch bedenkenlos die Musik von jemanden hören, der mutmaßlich Kinder sexuell missbraucht hat?

Spätestens seit Michael Jacksons Tod dachte ich, ich würde nie wieder mehr mit dieser wenig erbaulichen Frage konfrontiert werden. Wenig erbaulich deshalb, weil MJ für mich einer der ganz Großen war. Jemand, der mit einem einzigen Video Geschichte geschrieben, der – frei nach Hesse – wie ein Vogel eine alte Welt, das Ei zerstört hat, um geboren zu werden.

Wir wissen, wovon ich rede. Ich rede von Thriller. Ich rede auch von all den gigantischen Hits, die danach kamen. Ich rede von dem Mann, über den man sagt, er hätte keine Kindheit gehabt. Ich rede von dem Farbigen, der weiß geworden ist. Ich rede von dem Kerl, der, angesichts seiner pluralistischen Botschaften und zunehmend zerbrechlichen Erscheinung, nie als solcher wahrgenommen wurde. Ich rede von dem Mensch, der eine Metamorphose zur Puppe gemacht hat. Ich rede von dem Star, mit dem ich aufgewachsen bin. Ich rede von der gebrochenen Person, die mehr tragisches Opfer einer perfiden wie skrupellosen Verleudmungsaktion zu sein schien als derjenige Täter, gegen den Anklage erhoben wurde. Ich rede von dem Künstler, dessen Schaffen mich zu Tränen rührt. Ich rede von demjenigen, der wohl der einzige Mann sein dürfte, bei dem ich trotz aller harten Indizien nicht glauben kann, dass er etwas Schreckliches, ja, Böses getan hat. Ich rede vom King of Pop, der für das Gute stand, in seinen Texten, seiner Wohltätigkeit, seiner öffentlichen Haltung, und uns alle damit erschreckt, dass auch er einen Schatten gehabt haben könnte.

In der Spiegel TV-Doku Gesichter des Bösen wird die Frage debattiert, ob es eine sogenannte Fratze des Bösen gibt. Die einhellige Antwort der befragten Journalisten, Schriftsteller*innen, Gerichtsreporter*innen und forensischen Psychiater*innen lautet erwartungsgemäß: Nein. Das Böse stecke in jedem, das Böse habe keine Fratze, an der man es erkennen könne.
Ich bin ja der Meinung, dass sich die These der Dokumentation um einen Terminus dreht, der aus sich heraus bereits ungeeignet für eine seriöse Problemfrage erscheint: böse. Ich kriege trotz langer Suche nicht mehr zusammen, wer Folgendes einmal formuliert hat (vielleicht de Sade?): Gut und Böse sind Vorurteile der Kirche. So jedenfalls betrachte ich es. Denken wir in derartigen Kategorien, frage ich mich, inwieweit uns noch etwas von der geistigen  Starre und Einfältigkeit von Verschwörungstheoretikern, Faschisten oder religiösen Fundamentalisten trennt. Es gibt keine Monster, Dämonen oder Teufel, genauso wenig wie es Engel und Feen gibt. Zielgerichtetes, bewusstes Handeln ist mir auf diesem Erdenrund nur von Menschen bekannt. Ein Mensch, wie ich es bin, ein Mensch, wie Hitler es war, ein Mensch, wie du es bist, ein Mensch, wie Fritzl es ist.
Niemand, der sich als gesittet und aufrecht begreift, möchte sich auf eine Stufe mit einem schweren Verbrecher/einer  schweren Verbrecherin gestellt wissen; möchte ihn/sie nicht einmal in seiner gefühlten Nähe haben. Ganz weit weg sollen sie sein, die Mörder*innen, die Sexualstraftäter*innen. So weit weg, dass sie am besten gar nicht mehr zur Spezies Mensch dazugerechnet werden. Dann wird aus dem Mensch ein Monster, Ungeheuer, Dämon usf. Und dann hat er mit uns nichts mehr zu tun; hat er mit mir nichts mehr zu tun und mit dir auch nicht. Weil: wir, du und ich, wir sind Menschen; die da hingegen, dort hinten, sind Monster, Abschaum, Ungeheuer. Dass wir damit einer Strategie folgen, derer sich bereits die Nationalsozialisten bedient haben, um ganze unliebsame Bevölkerungsstämme auszurotten, verdrängen wir mal getrost. Genauso wie wir ausblenden, dass wir uns damit selbst zu denjenigen machen, die wir verurteilen.
Wahrscheinlich ist genau das das Unbegreifliche an allem: das ein Mensch, wie ich es bin, fähig ist, Schreckliches zu tun; bedeutet es doch im Umkehrschluss, dass auch ich theoretisch imstande bin, Verbrechen zu begehen; dass auch ich einen Schatten habe.

Ich schreibe das so altklug daher und erwische mich im selben Moment dabei, wie ich mir Michael Jacksons Gesicht vorstelle und daran scheitere, die Vorwürfe mit ihm in Einklang zu bringen. Niemals. Ich glaube das einfach nicht. Dieses zerbrechliche, mittleiderregend aussehende Wesen kann unmöglich etwas getan haben, das vor dem Hintergrund sexualstrafrechtlicher Relevanz steht. Dieser Mensch war nicht böse, kein Unmensch. Kriege ich nicht hin, packe ich kognitiv nicht und emotional sowieso schonmal gar nicht. Und plopp, schon ist es passiert. Schon entmenschliche ich jemanden, um mich zu distanzieren, um die Scheiße vom Kitsch zu trennen, um den menschlichen Ursprung des Übels in meiner  unversehrten, heilen Welt wegzurationalisieren, um das Leben irgendwie zu ertragen.
Ich habe es erkannt und versuche, nicht mehr in diese Falle zu tappen. Mir wird es nicht immer gelingen, aber solange ich mir meine Dynamiken wieder und wieder bewusst mache, habe ich die Möglichkeit, die Dinge klar(er) und sozialer zu sehen, zu bewerten und mithin zu behandeln.

Michael Jackson hatte keinen Schatten, weil er unvorstellbar erscheint. Nicht nur für mich, sondern für Millionen andere auch. Es erscheint unvorstellbar, weil er eine Legende ist; weil er bekannt war für seine Friedensbotschaften und karitativen Verdienste; weil er keine Kindheit gehabt hatte; weil er liebevoll aussah; weil er am Ende so fragil und verletzlich  erschien, dass es einem fast das Herz zerriss. Ob die Anschuldigungen, die im Boulevard wieder aufgeflammt sind, stimmen, wissen wir nicht. Daher tut es auch wohl noch nicht Not, sich der moralischen Frage auszusetzen, ob man sich schmutzig macht, die Musik MJs zu hören.

Wie auch immer die Wahrheit aussieht: Michael Jackson war nicht in erster Linie King of Pop, Legende oder Gefallener, sondern ein Mensch. Wie wir, du und ich, wie die dort hinten, die wir am liebsten als Monstren bezeichneten. Es kann sein, dass er Kinder missbraucht hat. Vielleicht aber auch nicht. Ändern tut es nichts an folgendem, allzu bekanntem Gesetz: Alles, auf das die Sonne scheint, wirft auch einen Schatten. Die Dunkelheit ist daher allenthalben, auch bei mir und dir… und eben Michael Jackson.

Update 01.06.2016: An den Vorwürfen ist nichts dran. Danke, Perlentaucher, aufschlussreichen und seriösen Artikel.

Ach, leck mich doch am Fuß

Heute möchte ich mich mal wieder völlig unpolitisch geben und ein bisschen alten Zeiten nachhängen, indem ich berichte, was sich in den letzten Monaten zugetragen hat – ansonsten verstaubt mein Blog gänzlich.

Die größte Neuigkeit dürfte wohl sein, dass ich mein Buch, Die Große Glocke, tatsächlich zu Ende geschrieben habe. Konkret am 29. April. Acht weitere Tage brauchte ich für die Überarbeitung, sodass ich am 7 Mai meinen Agentinnen endlich das fertige Manuskript zuschicken konnte.
Dieser vorläufige Abschluss geht aus zweierlei Gründen mit einer gewissen Erleichterung einher. Zum einen gab es im Laufe der vier Jahre (von der Idee über die Konzeptänderung bis zum „Endergebnis“) immer wieder Phasen, in denen sich ernsthafte Zweifel auftaten, dass ich jemals zu Ende brächte, was ich begonnen hatte; zum anderen hat das Buch, insbesondere in den vergangenen Wochen und Monaten, sehr viel von mir abverlangt.

Wenn ich sagen müsste, was ich bei all der Arbeit am ergreifendsten gefunden habe, dann ist es die stilistische Veränderung, womöglich sogar Entwicklung – aber das nur unter Vorbehalt -, die Die Große Glocke durchgemacht hat.

2012 nahm ich die Arbeit auf. Grundgedanke war, dass ein paar Leute sich vornehmen, einen Berg wortwörtlich zu versetzen. Dafür herhalten sollten ursprünglich die Drei Zinnen. So lag der Arbeitstitel Von hinnen die Zinnen auch nicht fern.

Begonnen habe ich den Roman multiperspektivisch bzw. polyphon. Für mich war von Anfang an klar, rein intuitiv, dass meine Hauptprotagonist*innen Personen sein müssen, die von ihrem aktuellen Leben die Flucht ergreifen und folglich Heimatlose werden. Demnach wollte ich einem hundertseitigen Prolog erzählen – ambitioniert und selbstverliebt, wie ich war -, durch welche Umstände die Figuren zu den Drei Zinnen gelangen.

Wenn man die Drei Zinnen als Kulisse bestimmt, kommt man natürlich nicht drum herum, wenigstens einmal dort gewesen zu sein. Demzufolge war eine Reise in die Dolomiten unumgänglich. Da ich allerdings weder Führerschein noch Kapital noch Reisegefährten hatte, sah ich mich gewzungen, umzudenken. Mir war klar, dass ich, hielte ich an den Zinnen als Handlungsort fest, alles unnötig verkomplizieren würde; und dass es auf den Berg als solchen nicht ankam, sondern allein darauf, was mit ihm angestellt werden sollte. So erfand ich einfach einen Berg, der mir erzählerisch alle Freiheiten bot. Ein Name drängte sich mir glücklicherweise auch schnell auf : Die Große Glocke.

Der nächste Schritt war, abzuwägen, wie ich erzähle: welche Erzählperspektive wähle ich, wie muss der Erzählton sein, was muss direkt, was indirekt erzählt werden, was muss rein, was ist redundant. Und, was soll ich sagen: jede*r, die/der schreibt, weiß, dass das nur durch lästiges Probieren herausgefunden werden kann. Die erste Seite eines Buches schreibt man so häufig wie keine andere. Bei ihr gilt es, die Sprache der Geschichte zu finden. Das hat mich einige Versuche und Überlegungen gekostet, da es soviel Möglichkeiten gab und ich mit dem Prolog, den ich bereits angefangen aber noch nicht fertigeschrieben hatte, einen Ansatz hatte, mit dem ich hätte weiter arbeiten können. Ich entschied mich allerdings gegen die Polyphonie mit anschließendem Übergang in die Einstimmigkeit, sowie gegen einen satirischen, nachäffenden Erzählmove. Denn: wenn ich schon eine*n man-Erzähler*in bemühe, muss ich ihr/sein Potenzial gänzlich ausschöpfen. Und das ging in meinen Augen nur, wenn ich Distanz erzeugte.

Von José Saramago und später auch David Foster Wallace maßgeblich inspiriert, arbeitete ich die ersten 150 Seiten mit zahlreichen Hypotaxen, in denen ich Hochsprache mit Slang/Alltagssprech zusammenflocht, sowie mit direkten Reden, die ich im Text einbettete, statt sie durch Anführungszeichen oder Bindestrichen herauszustellen – ganz wie Saramago. Ich versuchte schlicht das umzusetzen, was ich selbst gerne lesen wollte. Den Sprachstil änderte ich im letzten Jahr jedoch grundlegend, weil mir auffiel, dass das, was ich bisher zu Papier gebracht hatte, entweder nicht aufging oder schlicht scheiße war. Aus den verschachtelten Hypotaxen wurde kleinere Hypotaxen oder Parataxen (beeinflusst von Carson Mccullers), aus dem Stilpotpurrie eine konstante, einheitliche Sprache der/des man-Erzähler*in, die/der sich fortan nicht mehr selbst konstrastieren, sondern nur noch dem Sound der direkten Rede gegenübergestellt werden sollte. Die Überarbeitung war sehr mühselig, weil ich schrecklich viel um-, zuweilen sogar neu schreiben musste. Die gescheiterten Genialitätsversuche anfang 2o-jähriger sind die, die beim Herausredigieren die meiste Zeit kosten. So habe ich auch bei der Endberabeitung am längsten an den ersten 150 Seiten gesessen – also denjenigen, die ich mit 22 bis 23 geschrieben habe -, während ich beim zweiten Teil, sprich den, den ich letztes Jahr angefangen und unlängst fertig gestellt habe, kaum Hand anlegen musste. Kurz gesagt, ist mein Buch stilistisch von einem Extrem zum anderen gewandert, vom Bayern zu Dortmund, von flüssig zu fest, von Mac zu Windows: War es vorher durch eine komplex-verschachtelte, mithin fordernde Stilistik charakterisiert, zeichnet es sich jetzt durch seine leichte und Zitat Kristine Listau magische Zitende Sprache aus.

Nun bin ich gespannt, was meine beiden Agentinnen vom Endergebnis halten, ob sie Chancen sehen und das Manskript im Idealfall sogar so groß rausbringen können, wie sein Titel klingt.

Soviel dazu.

Was ist zuvor noch geschehen? Susan Bindermann ist am 16 März 2016 unerwartet gestorben. Mir fällt es immer noch schwer, es zu begreifen, und es geht mir näher, als es wahrscheinlich sollte. Susan habe ich im letzten Jahr bei meinem Praktikum in der Literaturagentur, die mich nunmehr vertritt, kennenlernen dürfen. Zunächst hatte ich Angst vor ihr, weil sie auf mich wahnsinnig seriös und – ohne negative Konnotation – elitär wirkte. Ich fühlte mich automatisch unter einen Leistungsdruck gesetzt und zugleich unfähig, Anweisungen nachzukommen oder auch nur zu verstehen. Sobald ich allerdings allein mit ihr in der Agentur war, zeigte sich, dass Susan eine sehr liebe und soziale Frau war, die den Anspruch hatte – das kam bei unseren langen Gesprächen schnell heraus -, allen gegenüber fair und gerecht zu sein. Wir hatten sehr schöne, ab un zu auch intime Unterhaltungen, die ich gerne weitergeführt hätte, wenn die Zeit es zugelassen hätte. Statt sich unnahbar zu geben, zeigte Susan sich als ganzer Mensch, als Frau vom Fach und Privatperson. Etwas, was mich sehr berührt hat. Ich habe nach meiner Zeit in der Agentur oft an sie denken müssen und mich gefragt, wie es ihr geht. Es war mir ein großer Wunsch, sie wiederzusehen und mich mit ihr in Gespräche zu begeben. Dann allerdings erhielt ich die Nachricht von ihrem plötzlichen Tod. Es ist unfassbar traurig. So traurig, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie nicht mehr lebt. Ruhe in Frieden, Susan. Ich bin froh, dich kennengelernt zu haben.

Ich habe wahnsinnige Angst, mit den Jahren womöglich schön zu werden

Der Trend setzt sich fort. Von Jahr zu Jahr werden es weniger Beiträge. Doch nicht nur das: Auch die Länge meiner Posts wird immer überschaubarer. Schrieb ich seinerzeit halbe Novellen, schaffe ich es heute nur noch, einen zehnzeiligen Blocktext zu verfassen. Woran liegt das. Die Erklärung fällt genauso aus wie die Jahre zuvor: Der Geist ist willig, doch das Fleisch war rar, oder anders ausgedrückt: Mit fehlt die Zeit und Muße – nicht nur fürs Bloggen, sondern auch fürs Lesen, ihr werdet es gleich selbst feststellen. Und sie fehlt mir deshalb, weil ich immer mehr zu tun habe. Die Lotterjahre sind bald vorbei. Wie kommt’s? Es gab soviele unerwartete Entwicklungen, die einfach meine ganze Aufmerksamkeit erfordert haben. Entwicklungen indes, die in erster Linie positiv waren und mich merklich weitergebracht haben. So richtig Fahrt genommen hat alles, als ich von März bis Ende April im Verbrecher Verlag als Praktikanteuse – um es mal phonetisch exquisit auzudrücken – gearbeitet habe. Ja, tatsächlich, ich habe gearbeitet und keinen Kaffee gekocht, habe Pressearbeit gemacht, Manuskripte Korrekturgelesen, Einsendungen gesichtet und abgelehnt, mich rundum wohl gefühlt. Und nachdem ich mich von meinen geliebten Verbrechern verabschieden musste – um 5 Mio. Bücher reicher -, habe gleich ich, Kristine sei Dank, ein zweites Praktikum an einer Literaturagentur angeschlossen. Von derselben werde ich nunmehr vertreten. Usprünglich war es ein freundschaftlicher Dienst, den mir meine liebe Agentin erweisen wollte. Als sie schließlich aber zum ersten Mal in mein Manuskript Die Große Glocke reinlas, war sie wider erwarten vollkommen begeistert, um nicht zu sagen enthusiasmiert. Eine Reaktion, die mich maximal überrascht hat, hatte ich doch so herbe Zweifel, dass ich meine Agentin quasi anflehte, mir nach erster Lektüre ehrlich zu sagen, ob es sich amortisiert, daran weiterzuarbeiten. Und nun, da ich weiß, dass ich keinen absoluten Müll produziere, wenn nicht sogar an etwas sehr Vielversprechendem arbeite, zwinge ich mich Tag für Tag, zwei Seiten zu schreiben, um das Buch, das mich bereits 3 Jahre umtreibt, endlich zu beenden. Bedeutet: Meine Abende sind komplett fürs Buch verplant, mindestens für das kommende halbe Jahr.

Damit aber nicht genug. Denn seit Oktober bin ich (gemeinsam mit Moritz Müller-Schwefe) Herausgeberin bei, ich kann’s ja immer noch nicht ganz fassen, SuKuLTuR. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal auf den Verlag aufmerksam wurde. Meine Schwester hatte mir das Heft Endivien von David Wagner geschenkt, das ich im Zug nach Bremen las – siehe Jahresrückblick 2011. Halt, nein, stimmt gar nicht, es war noch früher. Zum ersten Mal von SuKuLTuR gehört habe ich im Zuge der Plagiatvorwürfe gegen Helene Hegemann. Da war das alles für mich, so in Neuruppin, noch ganz weit weg, Verlage, Literaturagenturen, Bücher. Ich dachte auch, wann immer ich mir die Seite SuKuLTuRs anschaute, das es für jemanden wie mich unmöglich ist, dort eine Zusage für eine Publikation zu bekommen. Und heute, lediglich ein paar Jahre später, habe ich nicht nur ein Heft in Überlänge dort veröffentlicht, sondern die Herausgeberschaft übernommen, nachdem Marc Degens mir die Nachfolge angeboten hatte. Erwarte das Unerwartete, und nichts kann dich mehr überraschen.

Wie kam es eigentlich dazu, dass ich ein Heft, namentlich Spontaner Trip nach Sachsenhausen, bei SuKuLTuR veröffentlicht habe? Es war mal wieder so zufällig, dass es an Absurde grenzte. Auf der Suche nach einem Praktikum mit geringstmöglichem Arbeitsaufwand zog ich sämtliche Independentverlage Berlins in Betracht. Meine erste Wahl war SuKuLTuR, glaubte ich doch, dass man sich ebenda als Praktikanteuse nicht totmachen müsse. Infolgedessen schrieb ich Marc Degens eine Mail, in der ich unverschämt ehrlich meine Situation dartat und zugab, was mich dazu veranlasse, bei ihm anzufragen. Marc, dem meine Nachricht gefallen hat, konnte mir zwar kein Praktikum anbieten, ermutigte mich dafür aber in einem P.S., ihm ein Manuskript zukommen zu lassen, wenn ich denn mal eins in der Schublade hätte. Ich sah das als meine große Chance und setzte mich unverzüglich ans Notebook, um darüber zu brüten, was mein Thema werden sollte. Nach ein paar Tagen warf ich zwecks Prokrastination einen Blick in meine Facebook-Alben und entdeckte das Album Spontaner Trip nach Sachsenhausen. Mir fiel der Kommentar eines Bekannten ein, der da schrieb großartiger Titel. Und da hatte ich meine Geschichte. Eine Geschichte, in der ich tatsächlich etwas zu sagen hatte. Marc gefiel der Text und machte schließlich ein Heft mit mir, obwohl die Story 20 Seiten zu lang war.

Ihr seht also, es ist eine Menge passiert und ich bekomme mit den Jahren nicht weniger zu tun. Neben der beharrlichen Arbeit an meinem Buch und dem aufwendigen Posten als Herausgebeberin haben sich auch privat viele Dinge so geändert, dass sie mich die nächsten Jahre nachhaltig beanspruchen werden. Obendrein kommen auch noch die zahlreiche Lesungen, die ich dieses Jahr absoviert habe. Besonders aufregend war dabei meine Reise nach Mainz, weil ich erstens noch nie dort gewesen bin und mich zweitens auf die Bahn verlassen musste – vergeblich natürlich.

Aber nun! Kommen wir endlich zu den Lektüren, dich ich mir 2015 zu Gemüte geführt habe. Ich glaube, ich habe nicht mehr als 9 Bücher geschafft. Weil, siehe oben. Anna Seghers wollte ich dieses Jahr noch zu Ende gelesen haben. Hab ich aber nicht, die Disziplin und Kraft hat mit dafür gefehlt. Dann muss ich die Rezi fürs Jahr 2016 eben mit Das siebte Kreuz eröffnen. Los geht’s.

Wolfgang Herrndorf – Tschick

Ein schönes Buch, es hat mich amüsiert. Halte die Glorifizierung und den Hype darum dennoch für überzogen – dezent zumindest. Aber so isses ja meistens. Ein toller Jugendroman, der funktioniert, weil der Autor wusste, wozu es bedurfte: Ausschaltung der Erwachsenen, große Reise, die brandenburgische Landstraßen (das Wasser wäre schließlich nicht glaubwürdig gewesen). Ziemlich gut, aber in meinen Augen auch nicht mehr als das.

Eva Ruth WemmeMeine 7000 Nachbarn

Im Verbrecher Verlag korrekturgelesen. Und es hat mich ziemlich fertig gemacht. Gleichzeitig aber auch Vorurteile, denen ich in Bezug auf Roma erlegen gewesen bin, beseitigt. Ein unheimlich wichtiges Buch, und ich bin froh, dass Eva Ruth Wemme es sich zur Aufgabe gemacht hat, über die Unsichtbaren zu schreiben, über die, die keine Stimme in dieser Gesellschaft haben. Läsen mehr Leute dieses, teilweise erschütternde, Buch, statt hetzerische, rechtschreibfehlerträchtige Blogs, Bildzeitung, Focus oder die Welt, ginge es in diesem Land wahrscheinlich ein wenig menschlicher zu. Danke, Eva Ruth Wemme, das du mir die Augen ein wenig geöffnet hast.

David Wagner, Johannes Brunnschweiler, Martina Frnka, Delia Imboden, Luc Oggier (Hg.) – Bernbuch

Musste es auch korrekturlesen. Womöglich für diejenigen, die in Bern leben oder mal in Bern gewesen sind, eine nette Lektüre. Für mich war es ein Buch voller Belanglosigkeiten, sowohl inhaltlich als auch erzählerisch. Klang für mich über weite Strecken nach Pop, der sich selbst zu sehr gefällt.

Hans Joachim SchädlichCatt.Ein Fragment

Und das hier auch. Jetzt weiß ich, wer Hans Joachim Schädlich ist. Sprache gefiel mir, weil atemlos, an den Text selbst aber kam ich nicht ran. Interessant dagegen das Nachwort von Krista Maria Schädlich, die erklärt, Zitat Webseite warum der Text nicht erscheinen konnte und Fragment blieb Zitatende, und gleichzeitig die privaten ost-westdeutschen Schriftstellertreffen beschreibt.

Benjamin SteinEin anderes Blau

Mehr oder weniger aus Versehen gelesen. Was ich damit meine? Einigen dürfte ja mittlerweile bekannt sein, dass ich der zeitgenössichen Lyrik und Poesie nicht gerade zugetan bin (Von ausnahmen wie z.B. Szymborska abgesehen). Genau das allerdings ist Ein anderes Blau: ein lyrisches Werk, dem die Form der Prosa zu eigen ist. Stein selbst will es sogar als poetologisches Manifest verstanden wissen. In dem Glauben, eine durchgehende Geschichte über ein Busunglück in den Händen zu halten, las ich das Buch. Ein Irrtum. Das Busunglück gibt nämlich nur einen Rahmen fürs polyphone Ich.
Hinsichtlich der poetologisches Aspekte halte ich mich mangels Kompetenz mit einer Wertung zurück.
Was die Polyphonie jedoch betrifft, schwächelt das Buch, wie ich finde, stark. Die Unterschiede der Stimmen sind nämlich allein inhaltlich zu erkennen, nicht sprachlich. Obwohl der Text wie eine Sonate konzipiert ist und sich an ein Musikstück anlehnen soll, in das man Zitat Stein immer wieder für ein paar Minuten hineinhören kann. Die Bezeichnung Prosa für sieben Stimmen drängte sich auf – wie etwa  Sonate für sieben ungleiche Instrumente Zitatende, ist der Sound weitgehend gleichbleibend. Für mich zu wenig, um das Individuelle der Wahrnehmung darzustellen. Positiv erwähnt sei indes das Nachwort Steins, das aufschlussreiche und sehr interessante Hintergrundsinformationen zum Buch gibt.

Carson MccullersDas Herz ist ein einsamer Jäger

Auf dringende Empfehlung Judith Zanders gelesen; Nein, halt, das ist so nicht ganz richtig. Eigentlich meinte sie nur, ich sollte mal irgendetwas von McCullers lesen. Wollte mir ursprünglich Frankie holen, allerdings gab’s bei Thalia – ich weiß, geht gar nicht – nur The Heart Is a Lonely Hunter. Habe etwas gebraucht, um es durchzulesen. Ich kann mit Parataxe-Sprache nicht soviel anfangen. Mir gefällt der Sound nicht – weil sie in meinen Ohren keinen hat. Und da liegt vielleicht auch das Problem. Die Figuren sowie die Geschichte sind an und für sich sehr toll. Irgendwo in einer kleinen hässlichen Stadt in den Südstaaten gibt es einen Taubstummen, Mr. Singer geheißen, zu dem sich 4 einsame Menschen begeben, um sich alles von der Seele zu reden. Der taube Mr. Singer nämlich scheint der einzige zu sein, der sie versteht. Soviel kurz zu Story. Und was soll man sagen? Toller Plott! Um aber wieder auf mein Problem zurückzukommen. Beim Lesen müssen mich die Figuren, die Geschichte und die Sprache mindestens mitziehen, im Idealfall eigentlich sogar mitreißen. Und Letzteres tat es nicht. Ich will damit keineswegs die Qualität des Romans in Abrede stellen. Die Sprache gefiel mir bloß nicht. Ich glaube, es bedarf durchaus einer Affinität für syntaktische Verdichtung, ums toll zu finden. Mir geht sie ab. Trotzdem nettes Buch.

Gisela ElsnerOtto, der Großaktionär

Nachdem ich die Inhaltsangabe gelesen hatte (siehe Link, werde es hier nicht wiedergeben) und die erste Seite, war ich voller Vorfreude. Möglicherweise ist Elsner eine Kandidatin, die einer meiner Lieblingsautor*innen wird, so meine leise Hoffnung. Ich wurde nicht unbedingt enttäuscht, allerdings auch (noch) nicht restlos überzeugt. Elsner hat eine ausgesprochene Affinität für komplexe hypotkatische Konstruktionen. Sie eignen sich hervorragend für humoristische Einbettungen, leiden teilweise aber auch stark unter ihren Redundanzen, die von der Autorin zwar mutmaßlich gewollt sind -, aber mehr „schaden“, als nützen, insofern sie eher stören, statt zu amüsieren. Der übergewichtigen, überachachtelten Sprache ist natürlich das Künstliche anzumerken. Bei nahezu jedem Satz wird mit aller Geisteskraft versucht, ihn möglichst in die Länge zu ziehen und zu verzieren. Das klingt nach harter Kritik, und dennoch will ich sie nicht derart verstanden wissen; womöglich deshalb, weil ich mit dem Stil sympathisiere und mich als Schreibende in der Sprache sowie in der Intention, die ich Elsner andichte, stark wiedererkenne. Ich glaube, das Buch wäre sehr, sehr gut geworden, hätte Elsner nicht jeden Satz überstrapaziert, sondern Hypotaxe und Parataxe – zumindest hin und wieder – abgewechselt. Das wäre in meinen Augen pointierter gewesen und hätte obendrein das Lesen etwas konsumfreundlicher gestaltet; so ist es für mich nur ein guter satirischer Roman mit einigen Lachern. Ich sage deshalb „nur“, weil ich da noch viel Potenzial gesehen hätte.

Marc Degens – Das kaputte Knie Gottes

Ich bin ja immer skeptisch, wenn Verlage ihre Bücher mit Attributen wie urkomisch, intelligent, spannend oder whatever labeln. Bei Das kaputte Knie Gottes ist von urkomisch die Rede. Tatsächlich habe ich mich beim Lesen gut unterhalten gefühlt. Was ich bloß nicht verstanden habe, war, wieso der Erzähler in dem erfolglosen und später erfolgreichen Bildhauer einen Freund sieht.

Philip MeinholdErben der Erinnerung

Nachdem ich bereits bei der Lesung Philip Meinholds im Kreuzbergmuseum zugegen und ganz begeistert gewesen war, hatte ich sehr große Erwartungen an das Buch. So große, dass ich Kazantzakis dafür (mal wieder) beseite gelegt habe; und absolut nicht enttäuscht wurde. Erben der Erinnerung ist die sehr persönliche Auseinandersetzung einer Familie mit dem Holocaust und wirft die Frage auf, wie angemessen an die Shoah erinnert werden könne. In einem halb erzählerischen, halb essayistischen Stil reflektiert und nähert sich Meinhold der eigenen Familiengeschichte und der Erinnerungskultur an. Ein ausgesprochen kluges und gut geschriebenes (!) Werk, das jedem dringend zu empfehlen ist. Mein Höhepunkt des Jahres – dessentwegen ich übrigens die Bücher, auf die es Bezug nimmt, auch noch bestellen muss. (weiter leben von Ruth Klüger, Ein Hemd des 20. Jahrhunderts von Yann Martel, etc.) I love Meinhold! Bitte mehr davon.

Nikos KazantzakisDie letzte Versuchung

Selten so froh gewesen, ein Buch durchgelesen zu haben. Was in der Regel nicht für das Buch spricht. Ein wenig Schade ist es schon: Nicht nur, weil ich mich ob meiner Affinität für umgeschriebene neutestamentarische Geschichten sehr auf die Lektüre gefreut habe; sondern auch, weil die Änderung zum Schluss, die Kazantzakis in Jesus Biografie vornimmt, an und für sich sehr gut ist. Besser als in Saramagos Sprachkunstwerk Das Evangelium nach Jesus Christus, in dem der Autor sich am Ende in platter Religionsverunglimpfung ergeht (Gott der Böse, der Jesus instrumentalisiert, um seine Macht zu steigern, der Teufel der eigentlich Nette). Was Saramagos Jesus-Geschichte der von Kazantzakis indes voraus hat, ist die Sprache. Eine Sprache, die nicht nur poetisch ist, sondern es auch vermag, historisch zu klingen, ohne zu behäbig zu sein und Distanz zu schaffen. Kazantzakis letzte Versuchung erscheint unfassbar lang. So lang, dass einem irgendwann vollkommen das Interesse abgeht, wie sich für Jesus die letzte Versuchung nun darstellt. Minutiös erzählt Kazantzakis vom Leben des Erlösers, wobei markante Änderungen allein am Anfang (Jesus zimmert die Kreuze, an dem die Menschen hingerichtet werden, hadert zunächst mit seinem Schicksal als Heiland) und am Ende vorgenommen werden. Das muss nichts Schlechtes sein. Kazantzakis allerdings tut damit seinen Lesern, oder wenigstens mir, keinen Gefallen. Denn er – und da kommen wir wieder auf den Verweis auf Saramago zurück – schreibt einfach so unfassbar behäbig und teilweise leider auch verkitscht, dass es sich, ganz platt gesagt, nicht gut liest. Ja, die Sprache klingt irgendwie alt, irgendwie so, wie man sich halt vorstellt, wie damals gesprochen wurde; aber bei ihm zündet es nicht. Den Sätzen fehlt etwas, und das nicht zu knapp. Und so schleppt man sich durch 400 Seiten, fragt sich, wann kommt die Pointe, das, worum es in dem Buch eigentlich gehen soll…. und findet’s schließlich auf den letzten 40-50 Seiten. Ganz ehrlich: Um an diesen Punkt zu kommen, diesen kleinen Punkt, der Traumsequenz der Versuchung, hätte man nicht hunderte Seiten lang in einer sehr mäßigen Sprache um den heißen Brei herumreden müssen. Zuviele Redundanzen, die ich dem Buch nur angesichts einer großartigen Sprache und Erzählweise hätte verzeihen können. Schade. Vielleicht ist Alexis Sorbas ja besser.

Don DeLillo – Körperzeit

Das erste Kapitel hat mich umgehauen. So sehr, dass ich lange Zeit Schwierigkeiten hatte, weiterzulesen. Jeder Satz war für mich eine Wucht. Ich stellte mich auf eine ähnlich großatige Lektüre wie Falling Man ein. Allerdings wird die Geschichte sehr konfus, was keine Kritik sein soll, mich selbst unterdessen bloß ein wenig überfordert hat. Stilistisch durch und durch brillant, dieses assoziative Erzählen ist kaum nachzumachen und für mich nicht nur inspirierend, sondern nachgerade stimulierend. Don DeLillo, ein Meister seines Fachs.

Joseph Roth – Spinnennetz

Habe völlig vergessen, bei Facebook eine Kurzrezension zu schreiben. Muss ich es jetzt kurz machen. Ein starker Plott vernlasste mich damals zum Kauf. Roth beschreibt den unaufhaltsamen Aufstieg der Nationalsozialisten aus Sicht eines Täters Schrägstrich Emporkömmlings. Die Entwicklung wird großartig dargestellt, was nicht zuletzt den Stakkato-Sätzen geschuldet ist. Gleichzeitig aber haben für mich eben diese Sätze das Lesen schwer gemacht. Es braucht absolute Konzentration, die mir teilweise abging. Hiob gefällt mir im Vergleich besser, in erster Linie sprachlich.

Jörg AlbrechtAber nicht überall

Ganz einfach gesagt: Es geht um Bill Murrays Gesicht. Denn auch Albrecht ist – wie soviele – diesem Mann erlegen. Ich habe es gerne gelesen, nicht zuletzt weil ich grundsätzlich ein gewisses Vergmügen dabei empfinde, mir Texte zu Gemüte führen, in denen Autor*innen sich in Details zeitgenössischer Schauspieler ergehen.

Das war’s. Endlich! Guten Rutsch und auf ein erfolgreiches sowie glückliches neues Jahr!

Ich muss meinen Karsten kratzen

Gestern im Waschsalon. Ich lese “Das siebte Kreuz”, als sich unvermittelt ein Mittfünfziger an meinen Tisch setzen will. Er bittet um Erlaubnis, ich finde es dezent merkwürdig, suche für mich nach möglichen Erklärungen, finde sie und gebe ihm mein Einverständnis. Er bestellt sich einen Kaffee und ist mir direkt zugewandt, wie ich aus meinem Sichtfeld erkennen kann. Ich ahne nichts Gutes und tue das einzig Sinnvolle: Mir den Anschein der Versunkenheit geben. Doch es nützt alles nichts. Er spricht mich nach ein paar Minuten an. Er stellt mir Fragen in gebrochenem Deutsch – Glauben Sie an Gott? -, ich antworte so einsilbig wie möglich – Nein. Er sei Russe oder Kasache, er wisse das nicht so genau, sein Name sei Egon. Aha. Weitere Fragen folgen. Ich verweise darauf, dass ich mein Buch weiterlesen möchte.  Er ignoriert’s und fragt, ob ich einen Freund hätte. Ich lüge. Ja. Warum sei ich dann alleine hier. Wegen der Wäsche. Ob ich einen Kaffee wolle. Nein. Cola. Nein. Er bezahle sie. Nein. Zuhause habe er Cola. Ich gehe heute nirgendwo hin, sage ich, ich will allein sein und in Ruhe mein Buch lesen. Er sei ein Engel – habe den Satz zunächst nicht verstanden. Er beharrt darauf, mir eine Cola zu kaufen. Ich beharre darauf, keine von ihm haben zu wollen. Er fragt nach meinen Namen, den er fünf Minuten zuvor bereits erfahren hat. Ich mache ihm etwa sechs Mal hintereinander klar, allein sein und mein Buch lesen zu wollen und meinen Platz zu wechseln, sollte er mich nicht in Ruhe lassen. Aber erst nachdem ich sage, Ich bin wirklich kurz davor, mich wegzusetzen, kapituliert er, steht auf und begibt sich hinter die Bar, außerhalb meiner unmittelbaren Reichweite. Und am Ende bringt mir die Kellnerin ein Glas Cola, auf das mich der Zitat Mann von da drüben Zitatende eingeladen hat. Ich rühre es nicht an.

Und ich glaube weder an Gott noch an Engel.