romantisch verklärt

Nichts ist mir wichtiger als die Gesundheit meiner Freaks: Du gehst sofort zum Tierarzt!

Ich bin kurz nach dem Fall der Mauer in einer brandenburgischen Kleinstadt geboren und aufgewachsen. Die DDR-Anbauwand, die in meinem Zimmer stand, bis ich achtzehn Jahre alt war, erinnert mich rückblickend nicht nur an eine Zeit, die ich nur aus Erzählungen kenne, sondern auch an unser begrenztes ökonomisches Kapital, das es nicht erlaubte, sich der Vergangenheit ohne Weiteres zu entledigen. Meine Kindheit verbrachte ich entweder vor dem Fernseher, um den ganzen Nachmittag RTL 2 zu gucken, vor meinem Super Nintendo oder mit meiner Cousine. Meine Eltern beschäftigten sich mit mir und meinen Geschwistern nicht weiter, wir hatten uns allein zu unterhalten. Ich fand es normal, bei meinem Cousin oder meiner Cousine war es nicht anders. 

In der Schule wusste ich, ich bin ein Kind, das irgendwo dazwischen ist. Nicht so leistungsstark und durch Kunsthochschule, Saxophonunterricht usw. dauervereinnahmt wie meine Freundinnen aus gutem Hause, um die alle Aufmerksamkeit kreiste; aber auch nicht so bedürftig und schlecht wie die Mädchen, mit denen abzuhängen für mich keinen Anreiz darstellte, weil ich durch sie keinen Glanz abbekam wie etwa durch Maria, die Rechtsanwaltstochter, oder Franziska, die Geige spielte und im Kanuverein war. Wenn mir Maria und Franziska von ihren Ski-Urlauben erzählten, tat sich eine Welt vor meinem geistigen Auge auf, die, weil mein Vorstellungsvermögen an seine Grenzen stieß, voller Klischees und gleichzeitig vage war. Es fiel mir schon immer schwer, mir Dinge vor Augen zu führen, die jenseits meines Erfahrungshorizont liegen, die so fern sind, dass ich meine Fantasie vollständig in Anspruch nehmen muss. Neid habe ich beim Anhören dieser kostenintensiven Erlebnisberichte nie empfunden, erfüllt mich doch nur das mit Neid, das ich prinzipiell auch haben könnte, mir im weitesten Sinne erreichbar scheint. Ski-Urlaub, Flugreisen, Musikunterricht, Kanuverein usw. waren das allerdings nicht: erreichbar. Also interessierte es mich nicht. Ich wusste, wo Marias und Franziskas Platz war, und vor allem wusste ich, wo meiner war: vor dem Fernseher, vor meinem geliebten Super Nintendo, durch den ich lernte, Biss zu entwickeln, nicht aufzugeben, mich nicht selten sogar durchzuquälen, bis es geschafft war. Ich wusste, wo mein Platz und dass die Welt scheinbar unbegrenzter Möglichkeiten nicht in meiner Reichweite war; aber ich war davon überzeugt, dass ich durch die vielgepriesene eigene Willensstärke und Begabung einmal aufsteigen würde. Nicht nur zu Flugreisen, sondern zur großen Berühmtheit, dort, wo die Anerkennung auf einen wartet, die ich als Kind, dessen Mutter Hausfrau und Vater einfacher Angestellter war, nicht bekommen konnte.

Später ging ich auf ein Gymnasium, das jene gefühlten Versager*innen besuchten, die von den hiesigen renommierten Schulen abgelehnt worden waren. Hatte ich mich an meiner alten Schule wohlgefühlt, gab es für mich bereits nach den ersten Wochen am Gymnasium genügend plausible Gründe, es zu hassen. Auf einmal spielte es eine große Rolle, sich Geschlechterstereotypen anzupassen, was für mich, die gender-nonconfirming war, wie man heutzutage sagen würde, fast einer Art Todesurteil in puncto Ansehen gleichkam. Die männlichen Mitschüler, die insgeheim fasziniert von mir waren, liebten es, mich zu erniedrigen und verbal zu dehumanisieren. Suggeriert zu bekommen, eine Versagerin zu sein, hinterließ natürlich schnell Spuren bei mir. Die Lehrer*innen sahen es mir an: Ich strahlte alles aus, bloß keinen Erfolg. Doch statt mir bei meinen Motivations- und Mobbingproblemen zu helfen, wurde ich entweder aufgegeben oder mit der zusätzlichen Verachtung der Lehrkörper bestraft, die sich von Leistungsschwäche offenbar persönlich angegriffen fühlten. Meine Klassenlehrerin wies meine Mutter häufig auf meine schulischen Unzulänglichkeiten hin, woraufhin letztere, ohne akademischen Hintergrund oder didaktisch-pädagogische Kompetenzen, nur mit stumpfem Anschiss, wie ich es damals nannte, reagierte und mir Konsolenverbot verordnete. Da mir in der Schule täglich unmissverständlich klar gemacht wurde, dass ich personifiziertes Scheitern bin, nahm ich diese Identität, die mir zugewiesen wurde, irgendwann an. Mir fiel schließlich kein Argument mehr ein, dass der allgemeinen Überzeugung, dass ich eine Versagerin sei, widersprochen hätte.  

Als im Jahrgang eine extrem kostspielige Reise nach London anstand, sind alle bis auf ein paar Jugendliche, deren Eltern keine 800 Euro aus dem Stand bezahlen konnten, mitgefahren. Zu ihnen gehörten ich und nicht zuletzt auch die Kinder mit sogenanntem Migrationshintergrund. Es war eine angenehm unaufgeregte Woche. Dass ich nicht nach London mitkonnte, stimmte mich nicht traurig, im Gegenteil. Ich war erleichtert, auch wenn es trotz Kreditfantasien meiner Englischlehrerin keine realistische Aussicht gegeben hat, daran teilnehmen zu können. Ich war erleichtert, weil mich die Reise in eine Welt, die den Marias und Franziskas vorbehalten und in der mir nichts vertraut ist, verunsichert hätte. Ich war nie weit weg und hatte auch nicht den Wunsch danach, etwas daran zu ändern.

Das Mobbing ließ irgendwann nach, in erster Linie auch deshalb, weil ich mich mehr anpasste, weiblich konnotierte Dinge tat wie etwa Schminken, Bein rasieren und Haare färben. An meinem Standing bei den Lehrer*innen konnten derlei Maßnahmen trotzdem nicht mehr rütteln, einmal Versagerin, immer Versagerin. Mit 17 war ich, der Pubertät sei Dank, vorlaut und selbstbewusst genug, um zu sagen, dass ich das nicht länger mit mir machen lasse und das Abitur abbreche. 

Nach abgebrochenem Abitur laborierte ich lange an psychischen Problemen, die nicht zuletzt ihren Ursprung in der gewaltvollen häuslichen Situation hatten, in der ich zu leben gezwungen war. Ich entdeckte das Schreiben für mich und brachte mich mit den Jahren der Übung und dem sich Festbeißen am Selbstverständnis als Schriftstellerin auf ein Niveau, auf dem ich Texte anderer lektorieren konnte. In der Schule hatte ich ehedem Vieren und Fünfen für Diktate bekommen. Dass ich kein Abitur hatte, bedauerte ich spätestens, als ich mir über soziale Netzwerke und Foren neue Welten erschloss. Fast alle, die ich bewunderte, studierten, ohne dass ich ihnen intellektuell als Schulabbrecherin und Provinzlerin „unterlegen“ gewesen wäre. Es gab keinen Ausbildungsberuf, der mich reizte, für alles, das mich interessierte, bedurfte es eines Studiums. Ich lebte einige Jahre mit Hartz 4 bei gleichzeitiger Ungewissheit, wie es mit mir auf kurz oder lang weitergehen soll. Bis mir schließlich die Idee kam, das Abitur nachzuholen. Zunächst versuchte ich es via Fernstudium, bis ich herausfand, dass ich mich auch trotz nicht vorhandener abgeschlossener Berufsausbildung an einem Kolleg bewerben kann. Drei Jahre ging ich regelmäßig zur Schule, dieses Mal jedoch unter vollkommen anderen Voraussetzungen. Ich lebte nicht mehr zuhause, tat es nur für mich, erlebte keine Erniedrigung mehr, sondern erfuhr im Gegenteil Wertschätzung und Respekt. Zuweilen habe ich mir die Frage gestellt, ob eine Begegnung auf Augenhöhe zwischen Kindern/Jugendlichen und Erwachsenen überhaupt möglich ist, und falls nicht: ob das System Schule schon allein deswegen zum Scheitern verurteilt ist. Unmittelbar nach dem Abitur habe ich mein Studium begonnen, wodurch mein soziales Prestige spürbar gestiegen ist. Mich zurechtzufinden, fiel mehr schwer, und das tut es heute sogar immer noch. Es gehört zum Uni-Leben dazu, dass das meiste vorausgesetzt wird, ohne dass es jemals eine Person gegeben hätte, die einen unterweist oder auch nur Kleinigkeiten erklärt, die, wenn man sie weiß, so vieles einfacher machen. Wenn ich darüber nachdenke, wer mich bei meinem sogenannten sozialen Aufstieg unterstützt hat, fallen mir staatliche Hilfen wie das elternunabhängige Bafög ein, das ich während der Zeit meines Abiturs bezogen habe, mein Kolleg und möglicherweise noch meine Therapeutin. Dieses Privileg genieße ich vor allem wegen meines deutschen Passes. Gleichzeitig fehlen mir familiäre Vorbilder, die für mich die Uni hätten greifbar werden lassen. Wegen meiner Kompetenz, zwischen sprachlichen Registern hin- und herzuwechseln, kann ich gut verhehlen, dass ich aus der Arbeiter*innenklasse komme. Das hat mir damals geholfen, und auch heute ziehe ich daraus noch großen Nutzen. Anerkennung hängt, wie ich spätestens an der Uni und im Literaturbetrieb gelernt habe, eng damit zusammen, sich in gegebene Strukturen einzufügen, um nicht zu sagen sich zu assimilieren. Wie wenig erstrebenswert das ist, merkt man immer dann, wenn man nicht zu den Maximalprivilegierten gehört.

Der rechtsextremistische Rekurs auf die Lingua Tertii Imperii (LTI)

Eine kleine Retrospektive: Im September 2019 hatte der ZDF-Journalist David Gerbhard den Fraktionsvorsitzenden der AfD für den Thüringer Landtag, Björn Höcke, in einem aufsehenerregenden Interview mit dessen Rekurrieren auf NS-Begriffe konfrontiert. Höcke inszenierte sich erwartungsgemäß als Opfer eines einseitigen Journalismus, den die AfD bereits beklagt, seitdem sie nicht nur als rechtspopulistisch, sondern adäquaterweise als rechtsextrem gelabelt wird, und bat, unglücklich mit dem Gesprächsverlauf, um eine Wiederholung des Interviews. 
Gerbhard kam dieser Bitte nicht nach. Gottlob. 
Wer an die AfD denkt, assoziiert entweder Rassismus, Antifeminismus, Klimaleugner*innen und Tabubrüche oder einen heroischen Kampf gegen das Establishment, den Gender-Irrsinn, die Bedrohung aus Afrika und Sprechverbote. Ob so oder so: Weshalb ist der Eindruck, den die AfD hinterlässt, in jedem Fall nachhaltig? Wenn wir der These Victor Klemperers folgen wollen, dass zur Zeit des Nationalsozialismus insbesondere die stereotype Wiederholungen von Begriffen und Narrativen die Bevölkerung am stärksten beeinflusste, liegt die Antwort auf der Hand: Die AfD arbeitet sich im politischen Diskurs nicht an gegenwärtigen Problematiken im In- und Ausland ab, sondern gibt diese selbst mantraartig vor: Migration, Einschränkung der Redefreiheit, gesteuerte Medien, die traditionelle Familie, Windräder. Und bei jedem dieser Themen etabliert sie eigene Schlagworte und Kampfbegriffe: Messermänner, Sprechverbote, Lügenpresse, Staatsfeminismus, Klimahysterie. 
Dass die AfD auf das nationalsozialistische Sprachregister referiert: geschenkt. Allerdings: Inwiefern tut sie es? Um eine Antwort darauf zu finden, habe ich mich näher mit Klemperers LTI befasst, ein Buch, das der Autor selbst mit dem Untertitel „Notizen eines Philologen“ bedachte. Anders als das Lexem Notizen vermuten lässt, ist die Publikation als nichts Geringeres anzusehen denn als eine bemerkenswerte Analyse der Sprache des Dritten Reiches entlang der rhetorischen Struktur und nicht zuletzt lexikalischen Ebene. 
Auf Grundlage der Klemperschen Analysen möchte ich daher einen Vergleich anstreben, der nicht arbiträr, sondern einer bestimmten Systematik untergeordnet ist, die ich in den folgenden Kapiteln auseinandersetzen werde. 

2. Charakteristika der LTI

Die Sprache des Nationalsozialismus ist unter anderem durch eine Vielzahl von Akronymen wie etwa BDM (Bund deutscher Mädel), HJ (Hitlerjugend), KdF (Kraft durch Freude) oder DAF (Deutsche Arbeitsfront) gekennzeichnet. In sarkastischer Anspielung darauf wählte Klemperer den Titel LTI. 

„Ein schönes gelehrtes Signum, wie ja das Dritte Reich von Zeit zu Zeit denn volltönenden Fremdausdruck liebte: Garant klingt bedeutsamer als Bürge und diffamieren imposanter als schlechtmachen. (Vielleicht versteht es auch nicht jeder, und auf den wirkt es dann erst recht.) LTI: Lingua Tertii Imperii, Sprache des Dritten Reichs.“  (Klemperer 1975: 15)

Das Zitat offenbart bereits eine bemerkenswerte Eigenschaften des nationalsozialistischen Registers: die Bedeutungsaufladung. Sie fand nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Selbsterhöhung sowie der Emotionalisierung der Bevölkerung statt und bildete die Grundlage der Gigantismen, die der nationalsozialistischen Lexik inhärent sind wie etwa Komposita der Gattung „welthistorisch“ oder das Adjektiv „fanatisch“ zur „Übersteigerung der Begriffe tapfer, hingebungsvoll, beharrlich, genauer: eine glorios verschmelzende Gesamtaussage all dieser Tugenden […]“ (Ebd.: 64). 
Als weiteres Merkmal der Sprache des Dritten Reiches ist die Biologisierung zu nennen, die auf der einen Seite wortwörtlich, auf der anderen Seite aber auch figurativ gebraucht wurde. So wurde etwa der essentialistische Begriff der Rasse genetisch begründet, während der „Volkskörper […], der durch Parasiten, Bakterien, Schmarotzer (meist werden damit Juden gemeint) erkrankt“ (Braun 2004) eine beängstigende – mithin also emotionalisierende – Metapher darstellt. Biologismen wie diese dienten dem Propaganda-Apparat rund um Joseph Göbbels als probates Mittel des Othering, insbesondere weil er um die diskursive Wirkmächtigkeit der Naturwissenschaft wusste. Letztlich war es auch die Biologisierung, die die sprachliche Dehumanisierung erst ermöglichte. So schreibt Adolf Hitler in Mein Kampf:

„[Der Jude] ist und bleibt der typische Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet, sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt. Die Wirkung seines Daseins gleicht ebenfalls der von Schmarotzern: wo er auftritt, stirbt das Wirtsvolk nach kürzerer oder längerer Zeit ab.“ (Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus 2015)

Jüd*innen galten gemäß der nationalsozialistischen Rhetorik also nicht als menschliche Wesen, sondern als Schädlinge, die vitale menschliche Körper, wie sie den sogenannten Ariern zu eigen waren, zerstörten. Mit derlei Biologismen gelang dem Nationalsozialismus nicht nur eine Abgrenzung von Jüd*innen, sondern auch die Illustration einer Bedrohung durch dieselben. Darüber hinaus psychologisierte der Propaganda-Apparat der LTI den sogenannten Juden mit negativ aufgeladenen „Eigenschaftsworten wie gerissen, listig, betrügerisch, feige“ und würdigte seine äußere Erscheinung ebenso pauschal als „plattfüßig, krummnasig“ und „wasserscheu“ (Klemperer 1975:190) ab. Mit der Trias aus Biologisierung, Psychologisierung und phänotypischer Markierung schufen die Nationalsozialismus des Konzept des sogenannten Juden bzw. einer sogenannten jüdischen Rasse, von der sich das Dritte Reiche strikt distanzieren konnte.

„Alles und jedes in dem den Juden geltenden Teil der LTI ist darauf abgestellt, sie ganz und unüberbrückbar weit vom Deutschtum abzusondern. Bald werden sie als das Volk der Juden, als die jüdische Rasse zusammengefaßt, bald als die Weltjuden oder das internationale Judentum bezeichnet; in beiden Fällen kommt es auf ihr Nichtdeutschtum an.“ (Ebd.:189)

Veranderung bzw. Othering stellte eine elementare sprachliche Strategie dar, um die Bevölkerung zu emotionalisieren und mithin zu lenken. 
Dem gegenüber stand die Heroisierung, mit sich der NS-Staat selbst erhöhte. Bezeichnend an ihr war der archaische Charakter des Physischen (Vgl. ebd.: 8). So wurde von Hitler etwa in der „körperliche[n] Ertüchtigung“ (Ebd.: 9)  die denkbar wertvollste Tugend gesehen, nicht zuletzt in militaristischen Zusammenhängen. Erkennbar wurde dies bereits, als Hitler etwa die „Kampftüchtigkeit“ (Ebd.:9) der SA glorifizierte, die nichts weniger tat, als auf dessen Versammlungen mit roher Gewalt politische Gegner*innen zu attackieren und aus dem Saal zu werfen. In diesem Zusammenhang wurde auch „kämpferisch“ eine zentrale Vokabel, die aus einem Wortschatz hervorging, der „ausschließlich auf kriegerischen Mut, auf verwegene todverachtende Haltung in irgendeiner Kampfhandlung angewendet worden ist“ (Ebd: 10). Einen drastischen Höhepunkt markiert hierbei die Posener Rede vom Reichsführer SS Heinrich Himmler, die er bei der SS-Gruppenführertagung am 4. Oktober 1943 hielt. Ungewohnt offen spricht Himmler darin über den Holocaust, den er gegenüber seinen Generälen als „niemals genanntes und niemals zu nennendes Ruhmesblatt“ (claus1x23g11 2008: 03:03-03:09) verklärt. Bemerkenswert an dem Heroismus, den Himmler seinen Gauleitern attestiert, ist die mit ihm einhergehende Euphemisierung. Verbrechen gegen die Menschheit werden zu militärischen Heldentaten stilisiert und ihre Grausamkeit mithin verschleiert, während gleichzeitig zur vollkommenen Geheimhaltung ermahnt wird. Die NS-Führung war sich also wohl darüber im Klaren, ethisches Unrecht zu begehen, glorifizierte dieses jedoch zur Tarnung. Das an die Körperlichkeit gekoppelte Heldentum diente den Nationalsozialisten daher nicht nur der Selbsterhöhung, sondern auch der Verschleierung der Verbrechen, die gegen all diejenigen, die nicht in das Konzept der Herrenrasse passten, begangen wurden. Eng mit den Heroismus verknüpft war außerdem die Sakralisierung. Klemperer merkt dazu an: „Daß die LTI auf ihren Höhepunkten eine Sprache des Glaubens sein muss, versteht sich von selber, da sie auf Fanatismus abzielt.“ (Klemperer 1975: 117) Gleichzeitig ist die Verwendung der sakralen Sprache jedoch insoweit bemerkenswert, als sie sich stark an die des Katholizismus lehnte, den der Nationalsozialismus „bald offen, bald heimlich, bald theoretisch, bald praktisch, aber von allem Anfang an bekämpft“. (Ebd.:117) Eine besondere Vokabel im LTI-Lexikon stellt hierbei das Adjektiv „ewig“ dar, das nicht nur über den gleichen superlativischen Charakter verfügt wie etwa (welt)historisch, fanatisch oder einmalig, sondern auch ebenso häufig gebraucht wurde. Die Bedeutung von ewig geht unterdessen über die Tatsache, das ein Maximum lexeminhärent und eine sinnvolle Deklination daher ausgeschlossen ist, noch hinaus. Ewigkeit ist ein metaphysisches, konkret: religiöses Konzept, das über das Jenseits und mithin menschliche Leben hinaus verweist. Das Dritte Reich offenbarte eine besondere Affinität für das Ewige, nicht zuletzt weil es sich damit selbst und seinen Führer in andere Sphären, genauer gesagt: in die Allmächtigkeit versetzen konnte. Ein Zitat von Robert Ley, dem Reichsleiter der NSDAP, verdeutlicht dies:

Adolf Hitler! Wir sind dir allein verbunden! Wir wollen in dieser Stunde das Gelöbnis erneuern: Wir glauben auf dieser Erde allein an Adolf Hitler. Wir glauben, daß der Nationalsozialismus der allein seligmachende Glaube für unser Volk ist. Wir glauben, daß es einen Herrgott im Himmel gibt, der uns geschaffen hat, der uns führt, der uns lenkt und der uns sichtbar segnet. Und wir glauben, daß dieser Herrgott uns Adolf Hitler gesandt hat, damit Deutschland für alle Ewigkeit ein Fundament werde. (Grebing 1964: 71)

Die Bemerkung Robert Leys illustriert nicht nur den berüchtigten Führerkult, sondern gleichsam eine Religion, die Hitler um seine Persona kultiviert hatte und mittels derer er die Kreuzzüge der SS und der Wehrmacht als „heilige[n] Krieg“ bzw. „heiligen Volkskrieg“ (Klemperer 1975: 122) sowohl heroisierte, als auch euphemisierte. 
Das nationalsozialistische Sprachregister verfügt freilich noch über zahlreiche andere Eigenschaften, die einer Auseinandersetzung bedürfen, allerdings den Rahmen des Artikels sprengen würden, so etwa die Hierarchisierung oder das Prinzip Masse statt Individuum. Die Sprache der AfD soll aus diesem Grund nur auf jene Eigenschaften hin untersucht werden, die ich im weiter oben bereits thematisiert habe.

3. Medial schriftlich: Wahlplakate der AfD

Die Slogans, mit denen die AfD wirbt, zielen vor allem darauf ab, die deutsche Kultur von der islamischen zu trennen.

Die Abbildungen sind Themenplakate zur Landestagswahl 2018 der AfD Bayern und auf der Seite derselben einsehbar. Allen Postern gemein ist das Bekenntnis zur eigenen nationalen Identität, die Distanzierung vom Islam und der doppelte Gebrauch des Imperativs. Auf Abbildung 1 wird die Ablehnung gegenüber den Islam durch die postulierte Verbannung eines ihm innewohnenden kulturellen Codes (Kopftuch) zum Ausdruck gebracht und der Überschrift Frauenrechte schützen! gegenüber gestellt, die drei zentrale Implikaturen beinhaltet: Erstens, dass das Tragen des Kopftuchs und weibliche Selbstbestimmung einander grundsätzlich ausschließen; zweitens, dass der Schutz der Rechte der Frauen ein spezifisches Anliegen der AfD und ein Merkmal der deutschen Kultur ist; und drittens, dass die Ausübung islamischer Bräuche eine Missachtung des Rechtes und damit konsequenterweise eine kriminelle Handlung darstellt. 
Bei Abbildung 2 setzt die Partei auf eine ähnliche sprachliche Strategie. Erneut wird ein kultureller Code des Islams den Normen, die die AfD postuliert, gegenübergestellt. Darüber hinaus wird mit den Personalpronomina wir und unsere eine klare Grenzen zwischen Deutschland und den Islam gezogen. Beachtlich ist in diesem Zusammenhang die Determinansphrase Unser Land, die implikatiert, dass Frauen, die die Burka tragen, unabhängig ihrer Staatsangehörigkeit kein Teil von Deutschland sind, oder allgemeiner formuliert: dass niemand den Deutschen angehört, der islamische Bräuche ausübt. Die Parallele zum Dritten Reich ist offensichtlich, denn auch die Nationalsozialisten haben Nation und Glaubenszugehörigkeit, konkret also Deutsche und Jüd*innen, klar von einander geschieden, wie etwa Boykott-Plakate der Ausführung „Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden“[1] belegen. Sowohl der NS-Staat als auch die AfD begründen dies essentialistisch. Während die Grundlage des Otherings durch die Nationalsozialisten jedoch eine rassenideologische war, wendet die AfD im Zuge eines rechten Modernisierungsprozesses Kulturalisierungstrategien (Vgl. Benthin 2004: 51) an, wie die Verweise auf islamische Kleidercodes in Abbildung 1 und 2 offenbaren. 
Abbildung 3 lehnt sich ob der provozierten phonologischen Assoziation zum nationalsozialistischen Schlagwort judenfrei noch stärker als Abbildung 1 und 2 an die LTI. Berücksichtigt man zusätzlich, dass es zum Weltwissen gehört, dass Jüd*innen in der Zeit des NS-Regimes der Besuch von öffentlichen Schulen aufgrund der Nürnberger Gesetze untersagt wurde, ist von einem bewussten Tabubruch auszugehen. Der Literaturwissenschaftler Heinrich Detering schreibt zu diesem Phänomen:

„‘Vogelschiss‘, ‚Entsorgung‘ und ‚Messermänner‘ sind Beispiele für eine Verhexung des politischen Diskurses durch Wörter, genauer: durch Schlagwörter und Kampfvokabeln, kalkulierte provozierende Verstöße gegen Höflichkeitsregeln und Taktempfinden, die sich die Verstoßenen als Trophäen ihres vorgeblichen Kampfes gegen Denkschablonen und Sprechverbote einer allgegenwärtigen political correctness ans Revers heften. […] [E]s geht seinen Verursachern nicht um argumentative Überlegenheit, sondern um die Erschließung und Besetzung diskursiver Felder. Um das Abstecken von claims geht es, um den Ehrgeiz, mit Reizvokabeln ‘die Grenzen des Sagbaren auszuweiten‘, um die Steuerung der öffentlichen Aufmerksamkeit.“ (Detering 2019: 7)

Dass die AfD also „islamfreie Schulen“ fordert und mithin für alle ersichtlich auf die LTI rekurriert, ist die Folge einer Emotionalisierungslogik, bei der sprachliche Grenzen mit Kalkül überschritten, Aufmerksamkeit generiert und der politische Diskurs infolgedessen insoweit gelenkt werden, als die AfD die Themen vorgibt, über die der Bundestag und die Bevölkerung diskutiert. 

4. Medial mündlich: Höckes Tabubrüche in exemplarischen Zitaten

Es ist also offenkundig, dass sich die AfD sprachliche Tabus, die sich im Nachkriegsdeutschland vor dem Hintergrund des industriellen Massenmords an den Jüd*innen etabliert haben, zu Nutze macht. So werden Wähler*innen unter dem Vorwand emotionalisiert, die Meinungsfreiheit sei ob der political correctness eingeschränkt, während die Partei sich gleichzeitig als tapfere und hingebungsvolle Opposition inszeniert, die aller Widerstände zum Trutze gegen Sprechverbote aufbegehrt. Wir können hier das Motiv des Heroismus erkennen, das Klemperer im gleichnamigen Vorwort der LTI thematisiert. Interessant, und natürlich auch den differenten politischen Gegebenheiten geschuldet, ist, dass die AfD anders als der NS-Staat sich jedoch nicht in einem militaristischen, sondern geistigen Sinne als Held*innenbewegung darstellt. Das „[K]örperliche“ (Klemperer 1975: 8), das für Hitler als Basis des Heldentums galt, kommt nicht durch den Wortlaut zur Geltung, sondern ist metaphorisch als Widerstand codiert. Insofern sind die Opfernarration und der eng mit ihr zusammenhängende Tabubruch als elementare sprachliche Strategien der AfD anzusehen. 
Die Grenzen des Sagbaren wurden schon von allen Größen der Partei überschritten, wobei kaum überraschen dürfte, dass Björn Höcke als herausragender Protagonist einer besonderen Erwähnung bedarf. So hat er bereits im Oktober 2015, als Leitmedien die AfD noch mit der vorsichtigen Bezeichnung rechtspopulistisch anstatt rechtsextrem bedachte, laut einer Meldung von n-tv auf einer Partei-Demo in Magdeburg gerufen: 

Ich will, dass Magdeburg und dass Deutschland nicht nur eine tausendjährige Vergangenheit haben. Ich will, dass sie noch eine tausendjährige Zukunft haben, und ich weiß, ihr wollt das auch“ („Höcke: Deutschland soll tausendjährige Zukunft haben“ 2016)

Der Rekurs auf die LTI ist offensichtlich. Das Adjektiv „tausendjährig“ ist einer der bekanntesten, sakralen Gigantismen der nationalsozialistischen Lexik. Verwendet wurde es von der NS-Propaganda als alternative Bezeichnung für das Dritten Reich, vermutlich auch in Anlehnung an die innerhalb des Christentums verbreitete Überzeugung von der Wiederkunft Jesu und dessen darauffolgende tausendjährige Herrschaft (Millenarismus). Höcke greift also sowohl ein nationalsozialistisches, als auch religiöses Schlagwort auf, das zwei, aus demokratischer Sicht, gegensätzliche Konnotationen beinhaltet. So steht das Tausendjährige Reich auf der einen Seite für ein im weitesten Sinne ethonpluralistisches, unverwüstliches Deutschland, auf der anderen Seite hingegen für das prophezeite Friedensreich von Jesus Christus. Frieden geht nach rassistischer Logik also notwendigerweise mit einer strikten Form der Reinhaltung bzw. Abgrenzung einher oder anders formuliert: Ethnische Reinhaltung ist der Garant für den Frieden und ein Reich, das ewig Bestand hat. 
Womöglich weniger bekannt aber deswegen nicht weiter von der LTI entfernt, ist eine Rede Höckes, die er am 17. Januar 2017 bei der Jungen Alternative (JA) in Dresden gehalten hat. Die rechtsextremistische und verschwörungsideologische Zeitschrift Compact hat die Rede auf Youtube hochgeladen. In dieser heißt mitunter:

Ich weise dieser Partei einen langen und entbehrungsreichen Weg. Aber es ist der einzige Weg, der zu einem vollständigen Sieg führt, und dieses Land braucht einen vollständigen Sieg der AfD und deshalb will ich diesen Weg – und nur diesen Weg – mit euch gehen, liebe Freunde!” (COMPACTTV 2017: 1:26:42-1:27:05)

Das Zitat ist auf mehreren Ebenen bemerkenswert, angefangen mit dem Verb weisen. Zerlegt man es in seine Morpheme, erhält man als Wurzel weis und das Suffix -en. Weis beinhaltet die Bedeutung Wissen. Wer weise ist, besitzt ein Wissen, das er anderen voraus hat. Nicht anderes impliziert auch weisen. Nur diejenige Person, die über einen Wissensvorsprung verfügt, kann seine Mitmenschen weisen. Interessant ist allerdings die Aktivität, die in dem Lexem steckt und im Kontrast zur Weisheit steht, die passiv erworben wird. Jemand, der den Weg weist, übernimmt die Führung, respektive handelt. Spricht Höcke also davon, der AfD den Weg zu weisen, greift er nicht nur das Führer-, sondern auch das Jesusmotiv auf, was nicht zufällig mit der Determinansphrase im zweiten Satz der einzige Weg korrespondiert.
Wie bereits festgestellt wurde, hängen Heroismus und Sakralisierung eng miteinander zusammen. Daher verwundert es nicht, dass Höcke die Sportmetapher des Siegens aufgreift, für die Hitler und Goebbels – insbesondere im Zusammenhang mit dem Boxen – eine große Affinität hatten (Klemperer 1975: 244-249). Bemerkenswert an der Nominalphrase Sieg ist darüber hinaus das Adjunkt vollständig, das, ebenso typisch für die LTI, eine Idee der Maximalisierung zum Ausdruck bringt. Ein vollständiger Sieg wäre also ein Kampf, der ohne Schaden auskommt, ein Kampf mit maximalem Gewinn. Das allerdings steht in einem logischen Widerspruch mit dem „entbehrungsreichen Weg“, der dem anvisierten vollständigen Sieg vorausgehen soll. Auffallen dürfte dieses Paradox den Anhänger*innen Höckes unterdessen nicht, ist doch die emotionalisierende Kraft, die in den mit Pathos aufgeladenen Phrasen stecken, allzu mächtig. 
Als letztes möchte ich ein Zitat aus dem Jahr 2015 betrachten, indem sich Höcke entlang von Rassenideen essentialistisch äußert und somit den Kurs der oben erwähnten Kulturalisierungstsrategie verlässt, die der Politikwissenschaftler Rainer Benthin bei der Rechten identifiziert. So sagte Höcke 2015 in einem Vortrag laut einem Artikel in der WELT:

„Im 21. Jahrhundert trifft der lebensbejahende afrikanische Ausbreitungstyp auf den selbstverneinenden europäischen Platzhaltertyp“ („Björn Höcke in Zitaten“ 2017)

Wenngleich Höcke von Typen und nicht von Rassen spricht, enthält seine Formulierung einen Biologismus, der kaum zu übersehen ist. Er steckt im Erstglied des Determinativkompositums Ausbreitungstyp. Der Begriff der Ausbreitung ist vor allem in der Epidemiologie gebräuchlich und findet Verwendung, wann immer das Ausmaß einer Epidemie oder einer Infektion innerhalb eines Organismus beschrieben wird. Gepaart mit dem Zweitglied „Typ“ werden sämtliche Afrikaner*innen dergestalt essentialisiert, dass sie ihrem Wesen nach eine Krankheit sind. Damit rekurriert Höcke eindeutig auf die Schädlingsmetapher, mittels derer Jüd*innen in der LTI dehumanisiert wurden. Noch deutlicher wird dies in der Gegenüberstellung zum erwähnten „Platzhaltertyp“. Mit Platzhalter meint Höcke nicht das Konzept der Linguistik oder Informatik, sondern seine ursprüngliche Bedeutung: ein Person, die jemandem einen Platz freihält. Der Platzhalter ist also kein Abstraktum, sondern ein Mensch. Zusammengeführt werden Schädling (Afrikaner*innen) und Mensch (Europäer*innen) mit dem Verb „trifft“. Europäer*innen sind gemäß dem Sprachbild also bereits kontaminiert

Fazit

Die AfD setzt wie der NS-Staat auf eine Strategie der Emotionalisierung. Zwar ist Emotionalisierung für sich betrachtet eine Eigenschaft, die in der Natur der politischen Rede liegt und insoweit mitnichten als Alleinstellungsmerkmal rechtsideologischer Sprache angesehen werden kann; allerdings lässt sie sich anhand der Methoden, durch die sie hervorgerufen, und der Priorität, die ihr verliehen wird, klar einem politischen Lager zuordnen.
Ich habe auf Grundlage von Klemperers Analysen wenn nicht alle, so doch wesentliche Merkmale der LTI beschrieben und gezeigt, dass diese nicht nur zum Teil stark miteinander korrelieren, sondern eine Symbiose eingehen.  Dabei habe ich folgende Charakteristika in den Blick genommen und klassifiziert: Emotionalisierung → Selbsterhöhung (Sakralisierung, Heroisierung, Gigantismen, Euphemisierung, Essentalisierung) und Othering (Essentialisierung → Biologisierung, Psychologisierung, phänotypische Markierung). 
(Da Klemperer das Lexikon der LTI am intensivsten betrachtet hat, habe ich den Registervergleich in erster Linie entlang der lexikalischen Ebene vollzogen.)
Sowohl in den Wahlplakaten, als auch in den Zitaten Björn Höckes gibt sich eine Othering-Logik zu erkennen. Während bei den Plakaten jedoch eine Essentialisierung zum Vorschein kommt, die auf einen vagen Kulturbegriff basiert, nimmt Höcke diese vermittels jener dehumanisierenden Schädlingsmetaphorik vor, wie sie in der LTI auf die jüdische Bevölkerung angewandt wurde. 
Die Themenposter und Höcke-Zitate offenbaren darüber hinaus die Absicht sprachlicher Tabubrüche durch phonologische Assoziationen zu und Reproduktion von LTI-Vokabeln wie judenfreitausendjährig und Sieg. Im Höcke-Zitat aus dem Jahr 2017 trafen gleich mehrere Merkmale der LTI zusammen, nämlich die Heroisierung, Sakralisierung und Superlativierung. Die von mir ausgewählten Beispiele zeigen nicht nur, dass es einen eindeutigen Rekurs auf die LTI gibt, sonder auch, dass derselbe nicht zufällig, sondern beabsichtigt ist. Heinrich Detering erkennt darin den Versuch, nicht nur die Sprache, sondern auch die Aufmerksamkeit zu lenken und die Themen des politischen Diskurses vorzugeben. Die Taktik, Emotionalisierung durch Tabubrüche und Opfergestus hervorzurufen, ist hierbei als größter Unterschied zwischen der Sprache der AfD und der LTI anzusehen. Während es im Dritten Reich keine sprachhistorischen Tabus gab, die die Nationalsozialisten hätte brechen und infolgedessen ausnutzen können, steht der AfD vor dem Hintergrund der Shoah ein beträchtliches lexikalisches Inventar zur Verfügung, um zu skandalisieren. Und sie tut es. Mit großem Erfolg. Leitmedien müssen sich daher endlich die Frage stellen, wie sie den Tabubrüchen begegnen können, wenn sie der AfD einerseits nicht jene Aufmerksamkeit zuteil kommen lassen möchten, auf die sie spekuliert, und andererseits sprachmoralische Grenzüberschreitungen benennen und verurteilen müssen. 

Literatur

  • AfD Bayen (2018): „Dafür steht die AfD!“, in: afdbayern.de, [online] https://www.afdbayern.de/wahlen-2018/themenplakate/ [29.09.2020]
  • Benthin, Rainer (2004): Auf dem Weg in die Mitte: Öffentlichkeitsstrategien der Neuen Rechten. Frankfurt am Main: Campus
  • Deterich, Heinrich (2019): Was heißt hier „wir“? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten. Leipzig: Reclam Verlag

„Du bist ein Klempner mit vielen Talenten“

Pandemie. Was sollte ich dazu noch großartig schreiben? Jeder Mensch auf diesem Planeten weiß, was 2020 definiert hat, da COVID-19 unser aller Alltag bestimmt. Und noch weiter bestimmen wird. Kein Präsenzunterricht, keine Lesungen, keine Feiern, keine Barbesuche, keine Sex-Dates. Für genusssüchtige Personen war das ein Jahr, das einen so unbefriedigt zurücklässt wie alkoholfreier Wein.  Immerhin: Es ist kein Verzicht, an dem man verrecken kann.
Für mich selbst hatte 2020 seine guten Momente, wobei die Enttäuschungen, die damit verbunden waren,  überwiegen. Wenigstens habe ich jedoch einen Weg gefunden, einen Nutzen daraus zu ziehen. 2021 werdet ihr im Programm des Frohmann Verlags sehen, inwiefern. Nur so viel sei verraten: Noch nie habe ich so wenig Schreibzeit für ein Buchprojekt benötigt. Das liegt einerseits natürlich daran, dass das aktuelle Manuskript rund 200.000 Zeichen schmaler ist als etwa Die Große Glocke (ca. 500.000 Zeichen), andererseits aber auch daran, dass ich noch zügiger arbeite als sonst. Mein aktuelles Buch ist wie eine schriftstellerische Fingerübung, ein Urlaub von so abenteuerlichen und handwerklich komplizierten Unterfangen wie meine queere Bibel übers Bergeversetzen. Was mit der Großen Glocke nun eigentlich ist?
Nun, die liegt in der Schublade und wird dort noch eine Weile verweilen. Die Suche nach einem geeigneten Verlag gestaltet sich erwartungsgemäß als schwierig, obwohl ich zu Hundertprozent von dem Buch überzeugt bin. Es ist fantastisch geworden, die Geschichte ist großartig und das sprachliche Handwerk sowieso. Ich weiß es einfach, weil ich mir selten einer Sache so sicher gewesen bin.
2020 hat mir darüber hinaus auch gezeigt, dass die Anschaffung der Nintendo Switch eine meiner weisesten Entscheidungen der letzten Jahre war. Super Mario Maker 2 und Zelda: Breath of the Wild sind Spiele, die mein Leben bereichert haben. 
Und wie steht’s mit dem Lesen? Es ist ja nichts Neues, dass ich kaum noch dazu komme, mir Bücher zu Gemüte zu führen. Dennoch will ich auch 2020 meine Tradition fortsetzen, eine Zusammenfassung sämtlicher Lektüreerlebnisse zu veröffentlichen. Los geht’s.

Viktor KlempererLTI – Notizbuch eines Philologen

Darüber muss nicht mehr viel geschrieben werden. Wer Sprache als Mittel zur Wahrnehmungssteuerung vestehen will, kommt an Klemperer nicht vorbei. Hab’s für meine Hausarbeit über den Rekurs der AfD auf die LTI gelesen.

Manja PräkelsAls ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Meinen Büchergutschein eingelöst, um mir endlich Präkels vielfach prämierten Roman anzuschaffen – nicht, dass Preise irgendeinen Einfluss auf meine Kaufentscheidung hätten. Ich habe zuweilen sehr gelacht und mit gefiebert … und dennoch nie einen richtigen Zugang zum Buch gefunden. Ich kann nicht sagen, woran es lag. Irgendetwas an der Art des Erzählens hat mich ermüdet. Mein Hader ist unterdessen ein ganz persönlicher und nicht als Qualitätsurteil zu verstehen. Von daher: Lest dieses Buch.

Virginie DespentesKing Kong Theorie 

King Kong Theorie ist einer der empowerndsten Texte, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Vor allem von Despentes sprachlicher Wucht war ich sehr angetan. Kritisieren lässt sich vielleicht die Essentialisierung in Hinblick auf angeblich „männliche“ und „weibliche“ Eigenschaften (ein ausdrücklicher Verweis auf Sozialisation wäre wünschenswert gewesen) und die doch überwiegend binäre Analyse (könnte dem Alter geschuldet sein, 2006 hatten Genderdiskurse noch kaum Präsenz). Nichtsdestotrotz noch ein sehr aktueller und starker Essay. Habe ihn sehr gerne gelesen.

Mika MursteinI’m a queerfeminist cyborg, that’s okay.

Wer sich über Ableismus, Klassismus und Merfachdiskirminierung informieren möchte, dem sei Mika Mursteins „Backsteinbuch“ wärmstens empfohlen. Das Buch ist zunächst einmal groß und schwer, liegt daher also nicht unbedingt gut in der Hand; das fällt allerdings nicht weiter ins Gewicht, wenn man einen Blick hineinwirft: Murstein hat sich im Sinne der Barrierefreiheit nämlich für eine besonders große Schrift entschieden und erklärt im Weiteren alle grundlegenden Begriffe, die im queerfeministischen Diskurs wie selbstverständlich gebraucht werden – fand ich, obwohl ich selbst Gender Studies im Nebenfach studiere, sehr hilfreich. Man bekommt Einblicke in Mursteins Biografie –  sehr interessant, aber auch bedrückend –, in Diskurse über Ableismus – der, wie sich beim Lesen schnell herauskristallisiert, stets mit anderem Ismen verwoben ist – und Gedankenspiele, wie disablesierte Menschen den gleichen Platz in der Gesellschaft behaupten können wie ablesierte Personen, ohne auf herkömmliche Inklusionsstrategien zurückzugreifen.
Einen kleinen Kritikpunkt bekommt der Text für die umständliche Art des Genders, die das Bemühen, barrierefrei zu sein, hier und da konterkariert. Es wäre möglich gewesen, einfacher zu gendern, ohne Abstriche bei der Inklusion machen zu müssen. Aber okay, Murstein ist kein_e Linguist_in.
Auch hätte ich mir für dieses Buch ein besseres Lektorat gewünscht. Mir ist unterdessen bewusst, dass die Lektüre in einem Verlag (edition assemblage) erschienen ist, der aktivistisch unterwegs ist und sich den Luxus, eine_n erfahrene_n Lektor_in zu beschäftigen, nicht leisten kann. Von daher lässt sich darüber hinwegsehen. Alles in allem habe ich beim Lesen dieses Buches wahnsinnig viel gelernt. Daher wünsche ich mir sehr, dass es mehr Sichtbarkeit bekommt, denn der Text sowie das Thema an sich, das, wenn überhaupt, maximal stiefmütterlich von Verlagen behandelt wird, haben es verdient. Mehr als das sogar.

Katja PetrowskajaVielleicht Esther

Es war einfach nicht mein Buch. Dabei habe ich mich im Vorfeld sehr auf die Lektüre gefreut. Was mich genau gestört hat, kann ich nicht genau benennen. Vllt. war es diese bemühte Gleichzeitigkeit von Berichterstattung/Reportage und Narration, die für mich nicht funktioniert hat – und ja, ich weiß, die meisten werden mir an dieser Stelle schlagartig widersprechen, allerdings lässt sich ein Gefühl ja auch nicht einfach wegargumentieren; oder schlicht nur jene altbackene Sprache, die hochliterarisch klingt, nach meinem Dafürhalten aber nicht allzu weit entfernt davon ist, manieriert zu sein. Was auch immer es letztlich gewesen sein mag … ich musste mich durch den Text kämpfen – und das bei einer Thematik, die mich eigentlich so sehr bewegt. Da ich unterdessen weiß, dass meine Meinung nicht viele teilen werden, muss man auf sie möglicherweise nicht viel geben. Von daher: Schlagt zu.

Miriam ToewsDie Aussprache

Ein Buch, dem ich ambivalent gegenüberstehe. Basierend auf einer wahren Geschichte beraten sich innerhalb von 48 Stunden die mennonitischen Frauen aus Molotschna, die von den Männern der Kolonie betäubt und missbraucht wurden (nicht einmal die Kinder blieben verschont), wie sie mit den Vorfällen umgehen. Sollen sie bleiben und weitermachen, als wäre nie etwas passiert? Oder gegen die Männer kämpfen? Oder Molotschna verlassen und ein neues Leben in der Fremde wagen ohne Männer?
Es ist ein wenig so, als läse man ein Theaterstück. Formal und wegen der Eigenwilligkeit des Erzählens fühlte ich mich zuweilen an Yann Martels „Ein Hemd des 20. Jahrhunderts erinnert“ (Englisch: Vergil and Beatrice). Beide Romane haben wegen ihrer Dominanz der Dialoge etwas ausgesprochen Bühnenhaftes. Während es bei Martel allerdings nicht zuletzt um die Metaebene geht (Wir kann man über den Holocaust sprechen?) und er mithin ein Theaterstück in die Rahmenhandlung einbettet, fußt die Dialogstruktur in Toews Buch auf der Form eines Protokolls, das der Erzähler August Epp auf Wunsch der Frauen führt – sie selbst sind dazu wegen ihres Analphabetismus nicht imstande. Ich mochte diese Art der Narration, der Text hatte dadurch nicht nur etwas Eigenwilliges, sondern auch gewissermaßen Wundersames an sich.
Gleichzeitig liegt in der Protokoll- und männlichen Erzählperspektive ein großer Schwachpunkt, wenn man den Text vor dem Hintergrund feministischer Diskurse kontextualisiert. Zwar gibt die Binnenlogik des Romanes durchaus her, einen Typen Bericht erstatten zu lassen; und dennoch ist die Entscheidung unglücklich wegen seines unfreiwilligen Subtext, der da lautet: Es braucht (mal wieder) einen Mann, der den Frauen eine Stimme gibt, sie lesbar und zugänglich macht für die Rezipient*innen. Ohne ihn erführe niemand ihr Schicksal, ja sie existierten gar nicht. Sie werden, während er ihnen Gehör verschafft, in dessen Abhängigkeit geschrieben, womit das biblische Motiv, das Eva aus Adams Rippe geschaffen wurde, einmal mehr reproduziert wird. Obendrein ist da auch noch dieses unnötige Thematisieren seiner romantischen Gefühle für eine der Protagonist*innen, das nicht nur keinen adäquaten erzählerischen Beitrag zum Kern der Geschichte leistet, sondern auch ablenkt von dem Verbrechen, das im Roman verhandelt werden soll.
Meine zweiter Kritikpunkt beinhaltet möglicherweise einen Spoiler (Von daher: Obacht ab hier!), wobei im Roman bereits sehr früh klar wird, welcher der drei oben erwähnten Optionen die Molotschna-Frauen zugetan sind; und das ist das Verschwinden und Neubeginnen. Schnell sind sie sich einig, dass bleiben und über die Vorfälle hinwegsehen keine reale Alternative darstellt. Bliebe noch die Option zu kämpfen. Doch bis auf eine bärbeißige Protagonistin verwerfen auch diesen Gedanken alle Frauen recht schnell wieder. Kampf bedeutet schließlich Gewalt, und Gewalt ist unvereinbar mit ihrer Religion. Ich fühlte beim Lesen eine ziemliche Ernüchterung, auch wenn an dieser Stelle die Binnenlogik des Romans neuerlich greift. Nach dem Unrecht, das den Frauen widerfahren ist, wäre ein Aufbegehren ihrerseits durchaus nicht unangebracht gewesen. Schließlich wissen doch zumindest alle, die strukturelle Gewalt erfahren, dass lieb bitte, bitte sagen in der Regel nichts bewirkt, sondern nur Widerspruch, Wut und Revolution. In der Geschichte allerdings wird Kämpfen fast von vornherein als Möglichkeit ausgeschlossen. Ihre Religion gebiete Vergebung, keine Gewalt und Rache. Und somit wird das christlich-abendländische Dogma, selbst bei furchtbarsten Taten drüber zu stehen, zu ertragen, ja zu vergeben und bloß keinen Funken abgründigen Hass zu empfinden, reproduziert. Schwierig. Hätte man trotz des Mennonit*innenkontext sicher besser lösen können.
Es muss jedoch erwähnt werden, dass das Zusammenkommen, gemeinsame Beratschlagen, Abstimmen und die selbstbestimmte Aneignung der Zukunft wiederum sehr emanzipatorisch ist. Ich sagte ja: Ich bin zwiegespalten. Aus literarischer Sicht ist „Die Aussprache“ sehr interessant und gelungen; aus feministischer Perspektive jedoch tappt Toews in einige allzu bekannte Fallen. Lest es allerdings selbst, es lohnt sich.

Oyinkan BraithwaiteMeiner Schwester, die Serienmörderin

War, glaube ich, das erste Mal, dass ich ein Buch wegen seines Covers gekauft habe. Und es war kein schlecht investiertes Geld. Ob man’s unbedingt als teures Hardcover haben muss, sei dahingestellt. Habe mich aber zumindest sehr gut unterhalten gefühlt. Wer allerdings feministische Lektüre erwartet, wird enttäuscht werden, ist doch der Roman ein klassisches Beispiel dafür, wie Verlage aus Marketingerwägungen Bücher vor dem Hintergrund politischer Trendthemen verschlagworten, sei’s drum, ob’s passt oder nicht.

Ottessa MoshfeghMein Jahr der Ruhe und Entspannung

Das Buch scheint schon seit längerem in aller Munde zu sein. Aufgefallen ist mir das allerdings erst, als ich es selbst bereits las. Story: Eine Frau beschließt, einen Quasi-Winterschlaf zu halten, indem sie sich ein Jahr lang mit Pillen sediert. Moshfegh stellt sich also der so großen wie spannenden Herausforderung, Stillstand zu erzählen. Dramaturgisch löst sie das klassischerweise dadurch, dass sie Filler aus Erinnerungen, Analysen und Komik verwendet. Restlos überzeugt hat mich das nicht, und dennoch hat dieses Buch eine so starke Sogkraft, dass ich es gerne und schnell durchgelesen habe. Habe nicht selten sogar gelacht, obwohl oder gerade weil die Erzählerin sensationell unsympathisch ist. Von daher: Anschauen lohnt sich!

Anke StellingSchäfchen im Trockenen

Sprachlich ist das Buch gut gemacht, inhaltlich ein wenig fragwürdig. Eine Frau, die sich von Klassismus maximal betroffen sieht, weil sie nicht mehr in Prenzlauer Berg wohnen kann und ihre Freund*innen bescheuerte Snobs sind … faktisch bekommt sie natürlich Standesdünkel zu spüren, doch das Ausmaß ihres Lamentos kann Menschen, die es bezüglich des ökonomischen Kapitals und Klassenhintergrund weitaus schwerer getroffen hat als sie, nur den Kopf schütteln lassen. Wohlstandsgejammere über Leute, die noch mehr Wohlstand haben.

Katja OskampMarzahn, mon amour

Woran mich das Buch mal wieder erinnert hat: Vertraue keinem Hype. Mit großer Vorfreude an die Lektüre gegangen und enttäuscht beendet. Marzahn, mon amour ist eine Ansammlung von Miniaturbiografien, in denen die an sich aufregenden Geschichten der einzelnen Protagonist*innen lediglich oberflächlich umrissen werden. Nacherzählt werden sie von einer schriftstellenden Fußpflegerin, die sich zu manch bedenklicher Formulierung hinreißen lässt, etwa wenn sie den Zitat geistigen Tiefflieger Zitatende dem Zitat Akademiker Zitatende gegenüberstellt oder eine ihrer gebeutelten Kund*innen für ihre Mentalität lobt, keine Schmerzen zu beklagen und „dem Staat nicht auf der Tasche zu liegen“. Die Perspektive einer Fußpflegerin finde ich an sich ausgesprochen interessant; die Geschichten selber lasen sich für mich unterdessen wie literatisierte Wikipedia-Bios mit Einlulleffekt.

Helene AdlerDie Infantin trägt den Scheitel links

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erinnert mich die Infantin an mein junges schriftstellerisches Selbst, das sich an Sprache labte und experimentierfreudig ohnegleichen war. Leider ist mir Letzteres nicht erhalten geblieben. Vielleicht freue ich mich deswegen so, dass eine Autorin sich dieses Vergnügen am Ausloten der Sprache bewahrt hat. Ich kann alle verstehen, die sagen, sie seien von der Lektüre genervt gewesen, ging es mir hin und wieder doch ähnlich. Zugegeben: Die Infantin besticht weniger durch Handlung als durch Bildsprache. Eine Bildsprache, die nicht selten für den Bäm-Effekt überstrapaziert wird, ja insgesamt einigermaßen bemüht erscheint – so ist das eben beim Experimentieren. Beinahe jeder Satz wirkt so, als versuchte er etwas Besonderes zu sein. Klingt abschreckend? War es beim Lesen auch fast. Allerdings kreiert Helene Adler halt auch viele herausragende und teilweise saukomische Bilder, weshalb ich das Buch trotz seines Artifiziell-seins sehr geil fand. Ja, es ist bemüht; aber gleichzeitig auch gewagt und eine wohltuende Abwechslung zu erzählerischer Anpassung. Helene Adler hat Mut gezeigt und wie schön Begeisterung für Sprache aussehen kann.

„Sie spricht über ihre Eroberung, als wäre er längst ihr Ehemann oder ein soeben heimgekehrter Kriegsveteran. Sie nennt ihn Little Boy, als habe er ihr ein persönliches Hiroshima im Hirn beschert.“

Meena Kandasamy Schläge

Endlich „Schläge“ gekauft und gelesen. Und es ist ein extrem gutes Buch, wenn auch nichts für schwache Nerven. Kandasamys Protagonistin erzählt von einer Ehe, in der körperliche und sexuelle Gewalt an der Tagesordnung stehen. Freiheit in einer Situation der Enge und Ausweglosigkeit kann sie sich allein durch Kreativität und Imagination verschaffen. Ihre gedanklichen cinematografischen und literarischen Ausflüchte helfen ihr dabei nicht nur, die maximale Unterdrückung des Ehemannes zu überleben, sondern auch, sich selbst zu ermächtigen und ihre Identität als Schriftstellerin zu bewahren. Gleichzeitig ist der Roman auch als Kritik an die gesellschaftliche und politische Ordnung Indiens verstehen, in der Frauen, die von Misshandlung betroffen sind, keinen Schutz von der Justiz erwarten können, sondern bei einer Anzeige stattdessen mit Ächtung und Ausgrenzung rechnen müssen. Ein wichtiges, sprachlich überzeugendes Buch.

Anne WeberAnnette, ein Heldinnenepos

Gibt es einen Epos, der gleich zu Anfang mit einem schöneren Satz aufwartet als „Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie/Falls es ihn gibt, so hat er sie gemacht.“? Weber hat der bemerkenswerten Anne Beaumanoir, auch genannt Annette, ein literarisches Denkmal gesetzt. Und was für eins. Diese Form gefunden zu haben, die dem außerordentlichen Leben der mutigen und idealistischen Anne Beaumanoir tatsächlich gerecht wird, ringt mir tiefen Respekt ab. Dass Weber allerdings das N-Wort verwendet, selbst wenn es „nur“ einmal vorkommt, nehme ich ihr extrem übel.

Lasst es euch gut gehen und bleibt gesund!

Was will ich mit Sprache machen?

Um meinen Blog wieder etwas mehr Leben einzuhauchen, aber auch, um etwas aufzuklären, könnt ihr unten meine Hausarbeit zum generischen Maskulinum und geschlechtergerechter Sprache einsehen. Konkret habe ich mich mit den spezifischen Potenzialen aber auch Limitationen auseinandergsetzt. Daher auch der Titel: Potenziale und Limitationen des generischen Maskulinums geschlechtergerechter Sprache.
Natürlich bildet die Arbeit aufgrund ihres Formats nicht sämtliche Probleme ab. Auf zentrale Aspekte wird allerdings eingegangen.

1. Einleitung

In meiner Hausarbeit möchte ich untersuchen, über welche Potenziale, aber auch Limitationen sowohl das generische Maskulinum, als auch mögliche Formen geschlechtergerechter Sprache verfügen. Die Bearbeitung dieser Frage erscheint mir insoweit angezeigt, als sich ein wachsendes Sprachbewusstseins innerhalb der Bevölkerung abzeichnet und Forderungen vor allem junger links-aktivistischer und/oder akademisch sozialisierter Menschen laut werden, in öffentlichen Kontexten eine Sprache zu etablieren, die sowohl inklusiv ist, als auch etwaige Diskriminierung in Bezug auf Gender, Race, Class und Ability vermeidet. Zwar hat sich Heide Wegener bereits 2017 mit den Grenzen geschlechtergerechter Sprache befasst; allerdings lag ihr Fokus vor allem darauf, die Zukunft des generisches Maskulinums zu prognostizieren. Meine Hausarbeit soll der Versuch sein, die Frage umfassender zu beantworten. Einerseits möchte ich ein größeres Spektrum sprachlicher Diversität untersuchen, andererseits nicht nur auf Grenzen, sondern auch auf Vorteile unterschiedlicher Referenzmethoden eingehen.
Um das, was geschlechtergerechte Sprache leisten kann, zu eruieren, werde ich unterschiedliche linguistische Strategien, um auf Geschlecht zu referieren, betrachten, angefangen beim generischen Maskulinum über spezifische Schriftzeichen zwischen Wortstamm und Movierungssuffix hin zu neutralisierenden partizipialen Formen. Zwangsläufig werden sich bei der Betrachtung der jeweiligen formalen Potenziale und Limitationen zwei mögliche Perspektiven auf diese eröffnen. Zum einen wäre das freilich der linguistische Blickpunkt, geht es doch um konkrete sprachliche Formen, zum anderen aber auch der moralische, der den Ausgangspunkt der Sprachhandlung markiert. Die Besonderheit meiner Problemfrage, wenn nicht sogar der gendergerechten Sprache per se sehe ich darin, dass sich die linguistische und moralische Dimension überlappen, oder anders formuliert: ob ihrer engen Abhängigkeitsbeziehung nicht voneinander entkoppelt werden können. Insofern werde ich die Möglichkeiten und Grenzen der gendergerechten Sprache zwar einer linguistischen und keiner moralphilosophischen Analyse unterziehen, jedoch unter Berücksichtigung der moralischen Intention, die den inklusiven Sprachanwendungen zugrunde liegen.

2. Sprachliche Formen

2. 1 Das generische Maskulinum

>Gisela Klann-Delius definiert das generische Maskulinum wie folgt: „Unter generischem Maskulinum werden Formen maskuliner Nomina und Pronomina verstanden, die sich auf Personen mit unbekanntem Geschlecht beziehen, bei denen das Geschlecht der Personen nicht relevant ist, mit denen männliche wie weibliche Personen gemeint sind oder mit denen eine verallgemeinernde Aussage gemacht werden soll.“ (Klann-Delius 2005: 26)

Jeder möchte einmal Lotto-Gewinner sein.
Einige Verbrecher wurden bis heute nicht gefasst.

Der Anspruch, der dem generischen Maskulinum also zugrunde liegt, ist die Abstraktion vom natürlichem Geschlecht.
Aus sprachökonomischer Perspektive ist das generische Maskulinum allen bisher im Umlauf befindlichen Alternativen, um auf Personen zu referieren, überlegen. Dies ist nicht zuletzt dem „Prinzip natürlicher Sprachen“ (Wegener 2017: 285) zu verdanken, bei dem generische Formen stets unmarkiert sind, das heißt also, eine unterspezifizierte Semantik besitzen und damit einhergehend einen unterspezifizierten morphologischen Aufbau.

unmarkiert (merkmallos)

markiert (merkmalhaltig)

sauber

un•sauber

Mensch

Mensch•en

Friseur

Friseur•in

Wirft man einen Blick auf Tempusformen von Verben, ist es das Präsens, das analog zum generische Maskulinum unmarkiert ist. Das Präsens kann nicht nur auf die Gegenwart, sondern in Verbindung mit Temporaladverbien wie morgen oder gestern auf Vergangenheit („Da gehe ich gestern ins Kino und sehe Kathrin“) und Zukunft („Morgen gehe ich ins Kino“) verweisen. Markierte Tempusformen wie Präteritum und Futur können dagegen keinen Bezug auf die Gegenwart nehmen.
Das generische Maskulinum ist ebenso unmarkiert und hat zumindest in der Theorie die Fähigkeit, auf alle Individuen unabhängig ihres Geschlechts Bezug zu nehmen. So ist das Genus von Studentzwar maskulin, laut Wegener allerdings merkmallos hinsichtlich der Kategorie Sexus; während bei Studentindas Movierungssuffix -in dem semantischen Basisinhalt Individuum, das studiert eine Information in Bezug auf das Geschlecht hinzufügt. Wie an diesem kurz umrissenen Beispielen zu erkennen ist, sind unmarkierte Formen grundsätzlich simpler, was nicht nur einen unkomplizierten, ökonomischen Kommunikationsfluss ermöglicht, sondern Sprachlerner*innen, Menschen mit Lese-Rechtschreibschwäche oder Behinderungen vor weniger Barrieren stellt, die sich etwa durch Affigierung, Flexion und Sonderzeichen auftun können.
Warum sieht sich das generische Maskulinum dennoch mit soviel Kritik konfrontiert? Eine mögliche Erklärung könnte in der formalen Kongruenz zu sehen sein, die zwischen dem generischen Maskulinum, das vom Geschlecht abstrahieren und alle mitmeinen soll, und nicht-generischen Maskulinum besteht, das auf männliche Individuen referiert. Die Folge dieser Kongruenz offenbart sich darin, dass Maskulina bei Personenbezeichnungen Archilexeme sind, wodurch sich der Eindruck aufdrängt, dass Männer als Maßstab und Norm gesetzt werden bzw. Männlichkeit das zugrundeliegende Konzept von Begriffen wie Arzt, Student, Lehrer, Handwerker etc. ist. Das generische Maskulinum ist daher dafür prädestiniert, die gesellschaftliche Fixierung auf das Männliche zu reproduzieren – Lann Hornscheidt spricht in diesem Zusammenhang auch von „Andro-Genderung“. (Wenn auch nicht geklärt ist, ob die Ursprünge des generischen Maskulinums in einer androzentrischen Ordnung zu suchen oder durch andere sprachhistorische Entwicklungen zu erklären sind.) Das ist insofern problematisch, als „in den Sprachen […] unsere grundlegenden Wertvorstellungen kodifiziert sind“. (Pusch 1986: 35). Pusch versucht 1986 eben diese Vorstellungen linguistisch aufzudecken, indem sie untersucht, zu welchen Oppotisionspaaren Archilexeme existieren und zu welchen nicht. Bei Personenbezeichnungen sind, wie bereits erwähnt, Maskulina Hyperonyme.

Bei Nutztieren wird anscheinend das nützlichere Geschlecht zum Archi: HUHN/Hahn, GANS/Gänserich, ENTE/Enterich, Erpel, KUH/Stier, Ochse, ZIEGE/Ziegenbock. Bei den Raubtieren der männliche Gegner des Mannes (das starke Geschlecht?): LÖWE/Löwin, WOLF/Wölfin, BÄR/Bärin, TIGER/Tigerin, LEOPARD/Leopardin. Bei den relativen Adjektiven wird dasjenige zum Archi, das das Mehr der jeweiligen Dimension bezeichnet: Wie GROSS/? klein, LANG/? kurz, BREIT/? schmal, DICK/? dünn, ALT/? jung, SPÄT/? früh ist es? (Ebd. 1986: 35)

Puschs Oppositionspaar-Betrachtung legt den Schluss nahe, dass Hyperonyme das „jeweils Wichtigere, Größere, Positivere“ (Ebd. 1986: 35) bezeichnen. Insofern kann das generische Maskulinum kritisch gesehen werden und Unbehagen bei all jenen auslösen, die nicht der Kategorie männlich angehören; nicht zuletzt wenn man einen Blick auf eine Reihe (gute bis eher durchwachsene) psycholinguistische Studien wirft, die darauf hinweisen, dass generische Maskulina mehrheitlich nicht generisch interpretiert werden. Das ihnen zugrunde liegende Postulat, vom Geschlecht zu abstrahieren, scheint sich nicht mit der Wahrnehmung von Sprecher*innen zu decken. Eine der bekanntesten und methodisch besten Assoziationsstudien, die zur Interpretation von Maskulina durchgeführt wurde, stammt aus dem Jahr 2008 von Gygax et al. So wurden die Proband*innen, deren Muttersprache entweder Deutsch, Englisch oder Französisch war, auf einem Monitor mit folgendem Satz konfrontiert.

(1) Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof.

Danach wurde ihnen zweiter Satz angezeigt, der entweder die Form von (2) oder (3) hatte.

(2) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere Frauen keine Jacke.
(3) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Männer keine Jacke.

Die Proband*innen mussten via Tastendruck angeben, ob sich der zweite Satz, der auf ihrem Monitor erschien, dem ersten Satz anschließt oder nicht.
Da viele Berufe mit Geschlechterklischees besetzt sind, haben die Autor*innen der Studie jeweils 12 neutrale sowie stereotyp männlich und weibliche Professionen ausgewählt. Somit konnte der Einfluss von Berufsstereotypen und vom Genus unterschieden werden. (Vgl. Gygax et al 2008: 471)
Wegen des Nichtvorhandenseins eines grammatischen Geschlechts im Englischen haben englische Muttersprachler*innen bei der Konfrontation mit einem stereotyp männlichen/weiblichen Beruf im ersten Satz den zweiten Satz dem Klischee gemäß bewertet.
Im Französischen und Deutschen dagegen hat sich vor allem der Einfluss des Genus durchgesetzt. Wurden Proband*innen die Variante (3) des zweiten Satzes angezeigt, wurde diese wesentlich schneller und häufiger als Fortsetzung des ersten Satzes bewertet als Variante (2). Selbstverständlich haben nicht alle von einer generischen Interpretation abgesehen. Allerdings wurde selbst bei denjenigen, die sich für eine generische Lesart entschieden haben, eine längere Reaktionszeit gemessen, wenn ihnen Variante (2) auf dem Monitor erschien. Das bedeutet also, dass die generische Interpretation nicht intuitiv erfolgte, sondern eine zusätzliche Reflektionsleistung verlangte. (Vgl. Ebd. 2008: 479)
Es ist nicht bewiesen, dass das generische Maskulinum nicht generisch interpretiert werden kann. Allerdings haben das Experiment von Gygax et al. sowie andere psycholinguistische Studien eine Vielzahl an Hinweisen dafür geliefert, dass Versuchspersonen beim generischen Maskulinum zunächst an Männer denken und erst nach einem messbaren Zeitraum zu einer Interpretation kommen, die Frauen mit einschließt. Es scheint insoweit irrelevant, welche Kategorie sprachhistorisch abgeleitet wurde, ob also das Sexus oder das Genus der Ursprung vom jeweils anderen ist, wenn in der gesellschaftlichen Realität eine bestimmte Lesart vorherrscht, die Einfluss auf die Wahrnehmung der Sprecher*innen hat – selbst wenn die Gleichsetzung von Genus und Sexus ursprünglich aus dem misogynen 18. und 19 Jahrhundert stammen sollte (Vgl. Leiss 1994).

2.2. Geschlechtergerechte Formen: Geschlechterneutralisation & Geschlechterspezifikation

Hinter den Bemühungen, alle Menschen unabhängig des Geschlecht sowohl anzusprechen, als auch zu repräsentieren, lassen sich zwei grundsätzliche Strategien erkennen. Die eine besteht in der Konkretisierung, die andere in der Neutralisation.

2.2.1. Geschlechterneutralisation

Zu den neutralisierenden Referenzpraktiken gehören bspw. Partizipien, attributierte Genrika („die betroffene Person“, „das stimmberechtigte Mitglied“),
Abstratkionen („Lehrkräfte“ statt „Lehrer“) oder im weitesten Sinne auch die von Hornscheidt vorgeschlagenen ex-Formen. Durch Geschlechtsneutralisation soll auf die Akzentuierung einzelner Genera verzichtet werden, sodass das Konzept Mensch in den Vordergrund tritt und nicht das Konzept Geschlecht.
Die bekannteste und geläufigste Methode der Geschlechtsneutralisation dürften substantivierte Partizipien sein wie etwa Studierende, Lehrende, zu Fuß gehende und dergleichen mehr. Sie werden bevorzugt in amtlichen, seltener auch in journalistischen Texten verwendet und haben Einzug im Duden gehalten. Partizipien gelten insoweit als anerkannte Formen einer geschlechtssensitiven Sprache.
Sofern sie pluralisch verwendet werden – was in der Regel auch geschieht – , sind sie nicht signifikant unökonomischer als das generische Maskulinum. Dies ändert sich jedoch, sobald sie im Singular stehen: Im Deutschen sind Substantive an Artikel gebunden, die wiederum ein spezifisches Genus besitzen. Da Nomen und Artikel in Numerus, Genus und Kasus kongruieren müssen und diese Kongruenzen über Satzgrenzen hinaus und auch für Pronomen erforderlich sind, ist eine Geschlechtsspezifikation vonnöten, die dem ursprünglichen Ansinnen der Neutralisation zuwiderläuft (Vgl. Wegener 2015: 281): Der/die Studierende hat seiner/ihre Bachelorarbeit mit einer unterschriebenen Eigenständigkeitserklärung abzugeben.
Problematisch ist auch, dass nominalisierte Partizipien, insoweit sie singularisch benutzt werden, Gefahr laufen, sich „zu einem neuen generischen Maskulinum zu entwickeln: Nach bestandenem Examen erhält der Studierende.“ (Ebd. 2015: 281) Insoweit ist deren Gebrauch nur dann geschlechtsneutralisierend und -inklusiv, wenn sie im Plural stehen. Die Praxis dagegen zeigt, dass Partizipien des Öfteren im Singular verwendet werden. Es bedarf daher Reflexion und sprachliches Differenzierungsvermögen, um sich mit ihnen tatsächlich und nicht bloß scheinbar neutral auszudrücken.
Ein häufiges Argument, das gegen die Verwendung von nominalisierten Partizipien ins Feld geführt wird, ist das semantische Paradox, das bei bestimmten Formulierungen provoziert wird. Der Autor Max Goldt schrieb dazu:

Wie lächerlich der Begriff Studierende ist, wird deutlich, wenn man ihn mit einem Partizip Präsens verbindet. Man kann nicht sagen: In der Kneipe sitzen biertrinkende Studierende. Oder nach einem Massaker an einer Universität: Die Bevölkerung beweint die sterbenden Studierenden. Niemand kann gleichzeitig sterben und studieren. (Goldt 2002: 56)

Tatsächlich allerdings müssen sich nominalisierte Partizipien nicht ausschließlich auf Tätigkeiten beziehen, die im Augenblick des Sprechens vollzogen werden, wie die Beispiele Vorsitzende/r, Anwesende/r, Reisende/r und dergleichen mehr belegen (Vgl. Stefanowitsch 2018: 16-18). Es ist nicht auszuschließen, dass auch Studierende, zu Fuß gehende etc. einen Lexikalisierungsprozess durchlaufen werden – sofern Studierende nicht ohnehin bereits im Lexikon der Sprecher*innen vorhanden ist.

2.2.2. Geschlechtsspezifikation

Bei der Geschlechtsspezifikation wird die Geschlechtszughörigkeit grammatisch kenntlich gemacht. Im Deutschen existieren dafür drei Subsysteme: das Lexikon, die Derivation (Suffigierung mit -in) und die Genera Maskulinum und Femininum. Das Lexikon bietet die Attribute weiblich und männlich an sowie Begriffe, bei denen der Sexus lexeminhärent ist wie Mutter, Tochter, Vater, Bruder usw. Sowohl bei den lexeminhärenten Geschlechtsspezifikationen als auch bei movierten Wörtern lässt sich eine Korrelation mit der Kategorie Genus feststellen. (Vgl. Pusch 1986: 50-52) Durch die Betonung desselben wird, anders als bei der Neutralisation, das Konzept Geschlecht in den Fokus gerückt. Eine der bekanntesten Methoden der Geschlechtsspezifikation ist der Gebrauch des Majuskel-I. Frauen werden durch Motion vom männlichen Wortstamm abgeleitet: Inhaber•in, Professor•in, Schüler•in, Handwerker•in.
Da non-binäre Geschlechtsspezifikationen mittels Asterikus, Unterstrich und Doppelpunkt als Weiterentwicklung des Majuskel-I gesehen werden können und mittlerweile sogar häufiger anzutreffen sind, möchte ich mich bei meiner Untersuchung vor allem auf diese konzentrieren.
Anders als das Majuskel-I lassen sich gegenderte Formen mit Platzhaltersymbolen in der mündlichen Sprache realisieren. So werden Asterikus/Unterstrich/Doppelpunkt durch einen Glottalplosiv – wie etwa in [ʃylɐʔɪn] – markiert, der eine Veränderung der Syllabierung voraussetzt: Schü.le.rin → Schü.ler.in, Pi.lo.tin.nen → Pi.lot.in.nen.
Die Diversität der Geschlechter lässt sich also auch mündlich darstellen. Allerdings gibt es hier und dort phonetische Barrieren, die entweder mit Paraphrasen oder Splitting umgangen werden müssen.
Da wären etwa Indefinitpronomen wie jeder, die sich zwar problemlos mit Platzhaltern gendern lassen (jede_r, jede*r, jede:r); allerdings kann der glottale Verschlusslaut im Deutschen weder vor einem vokalisierten R [ɐ], noch vor Konsonanten realisiert werden, was eine Aussprache unmöglich macht und mithin Umformulierungen erfordert.
Des Weiteren ist, sofern personenbezogene Nomina im Singular stehen, wie bei den nominalisierten Partizipien ein ähnlicher Flexionsaufwand, respektive Splitting notwendig, um das Gebot der Kongruenz innerhalb eines Satzes und über Satzgrenzen hinaus einzuhalten: Der*die Student*in hat seine*ihre Bachelorarbeit mit einer unterschriebenen Eigenständigkeitserklärung abzugeben.
Entgegen geläufiger Meinungen gibt es eine Möglichkeit, diesen und ähnlich geartete Sätze in der mündlichen Sprache umzusetzen. So wird der Asterikus zwischen zwei Artikeln oder (Possesiv-)Pronomen nicht als einzelner Phon realisiert, sondern als Sternchen mitgesprochen: [dɐ ʃtɛʀnçn diː ʃʈudɛntʔɪn], [za͜ɪnə ʃtɛʀnçn iːʀə bætʃəlɚʔaʀba͜ɪt]. Es ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, dass derlei singularische Konstruktionen sich im Schriftgebrauch zwar umsetzen lassen, spätestens in der gesprochenen Sprache jedoch als umständlich, kompliziert und unökonomisch erweisen. Eben jener Störfaktor ist laut Verfechter*innen der Geschlechterspezifikation intendiert, und zwar insofern als mit sprachlichen Mitteln auf das obsolete Konzept Geschlechterbinarismus sowie auf Geschlechterdiversität aufmerksam gemacht soll. Sprecher*innen sollen bewusst über die phonetisch und graphematisch konstruierte „Hürde“ zwischen den Morphemen stolpern und infolgedessen zur Reflexion angeregt werden.
Dass eine geschlechtergerechte Sprache die Wahrnehmung von Sprecher*innen ebenso beeinflussen kann wie etwa pejorative oder aufwertende Sprache (z.B. Nationalsozialismus – siehe Viktor Klemperer –, Werbung usw.), Register (z.B. berufliches Setting vs. familiäres Umfeld), Stile (z.B. Kiezdeutsch) und dergleichen mehr, demonstriert eine Studie von Bettina Hannover und Dries Vervecken, die untersucht haben, ob und inwiefern geschlechtergerechte Sprache die kindliche Wahrnehmung von Berufen beeinflusst (Vgl. Vervecken & Hannover 2015: 76-92) und die Wirkung von Geschlechtsstereotypen aushebeln kann.
Dazu haben Hannover und Vervecken zwei Studien mit 591 Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren aus deutschen und belgischen Schulklassen durchgeführt. Den Kindern wurden Berufsbezeichnungen entweder als Paarformen vorgelesen oder als pluralisch verwendetes generisches Maskulinum. Wie auch bei beim Experiment von Gygax et al. wurden sowohl neutrale, als auch stereotyp männliche und weibliche Berufsbilder ausgewählt. Mittels Fragebogen gaben die Kinder schließlich an, wie sie die Verdienstchancen, die Wichtigkeit und den Schwierigkeitsgrad beim Erlernen und Ausführen des jeweiligen Berufs einschätzten und ob sie sich selbst zutrauten, ihn zu ergreifen. Die Studie ergab mitunter, dass Kinder, die Paarformen zu hören bekamen, den jeweiligen genannten Beruf für zugänglicher hielten als Professionen, die in Gestalt des generischen Maskulinums präsentiert wurden.
Eine weitere Studie, die die Politikwissenschaftler*innen Efrén O. Pérez und Margit Tavits an der University of California via Online-Befragung mit 3.303 Versuchspersonen mit Schwedisch als Muttersprache durchgeführt haben, zeigte, dass das geschlechtsneutrale Pronomen hen unmittelbar Einfluss auf die Wahrnehmung von Geschlechterrollen hat. (Vgl. Pérez & Tavits 2019) Die Proband*innen wurden zunächst nach dem Zufallsprinzip einer von drei Gruppen zugeordnet. Danach bekamen sie eine Zeichnung präsentiert, auf der eine neutrale Figur mit einem angeleinten Hund abgebildet war. Die Versuchspersonen sollten das Bild beschreiben. Gruppe eins hatte die Vorgabe, die Abbildung ausschließlich mit dem Pronomen hen zu beschreiben, Gruppe zwei dagegen mit hon („sie“) und Gruppe drei mit han („er“). Anschließend hatten die Proband*innen eine Geschichte zu verfassen, die von einer Person handelt, die für ein politisches Amt kandidiert.
Im dritten und letzten Teil wurden die Versuchspersonen mit Fragen zu ihrer Einstellung gegenüber Frauen in der Politik und der LGBTIQ-Community konfrontiert. Die Studie zeigte, dass Teilnehmer*innen, die die Vorgabe hatten, das neutrale hen oder das weibliche hon zu gebrauchen, in den Geschichten häufiger Frauen oder Personen mit einem geschlechtsneutralen Namen beschrieben. Dieselben Versuchspersonen hatten auch positivere Ansichten gegenüber Frauen in der Politik und der LGBTIQ-Community. Tavits und Pérez schlossen aus diesem Ergebnis, dass Sprache direkten Einfluss auf die Wahrnehmung und Vorstellung von Geschlechterrollen hat und der Gebrauch geschlechtsneutraler Pronomen wie hen Vorurteile gegenüber Frauen in öffentlichen Ämtern und LGBTIQ-Angehörigen abbauen können (Vgl. ebd. 2019).
Betrachtet man die von mir zitierten Studien, stellt sich die Frage, ob es tatsächliche Kontexte im öffentlichen Raum gibt, in denen sich die Kategorie Sexus als irrelevant herausstellt, oder treffender formuliert: der Gebrauch einer geschlechterinklusiven Sprache entbehrlich ist. Ebenso müssten Untersuchungen klären, ob nominalisierte Partizipien und geschlechtsspezifizierende Personenbezeichnungen mit Platzhaltersymbolen den ihnen zugrundeliegenden Anspruch, Sprecher*innen ein breiteres und vielfältigeres Wahrnehmungsspektrum zu eröffnen, tatsächlich gerecht werden. Wenngleich Asterikus und Unterstrich ihren Ursprung in der queeren Subkultur haben, sind immer wieder einzelne Stimmen von trans und non-binären Personen zu hören, die sich durch derlei Symbole nicht adäquat repräsentiert fühlen. Auch Pusch steht der Entwicklung hin zu Gendergap/-star tendenziell kritisch gegenüber. Ihre Bedenken entsprechen dabei jenen, die sie gegenüber dem Majuskel-I geäußert hat, da das Prinzip, vom männlichen Wortstamm abzuleiten, erhalten bleibt und somit auch Hierarchien hinsichtlich der Repräsentation. Männer werden in diesem Sinne durch den die Semantik konstituierenden Wortstamm abgebildet, während non-binäre Personen den zweiten und Frauen den letzten Platz zugewiesen bekommen (Vgl. Pusch: „Gendern – gerne, aber wie?“ in neues-deutschland.de, 2019). Sie schlägt daher eine Fusionierung des Majuskel-I und Asterikus vor, bei der das i-Tüpfelchen durch den Asterikus ersetzt und das Auseinanderreißen des Wortes vermieden wird. Phonetisch hätte dies wohl zur Konsequenz, dass der Glottalplosiv wieder entfällt: [leʀɐɪnən], [demɔnstʀantɪnən], [ʃtudɜntɪnən]. Dagegen lässt sich jedoch einwenden, dass eben das Zerreißen von Personenbezeichnungen, respektive des sprachlichen Geschlechterbinarismus beabsichtigt ist und eine typografische Tilgung des Störfaktors die dem Asterikus zugrundeliegende Intention verfehlen würde. Nicht zuletzt deshalb steht etwa auch der Doppelpunkt, der als Alternative zu Genderstar und -gap Verbreitung findet und den Vorteil hat, von Screenreadern fehlerfrei ausgegeben werden zu können, in der Kritik: durch die angepasste Zeichenhöhe entbehrt er der typografischen Störkraft.
Die Geschlechtsspezifikation unter Zuhilfenahme von Platzhaltern entpuppt sich insoweit als Medaille mit zwei Seiten: Einerseits vermag sie auf gesellschaftliche Strukturen und Geschlechtervielfalt aufmerksam zu machen; andererseits erzeugt sie in dem Bestreben nach Inklusionen wiederum Ausschlüsse, von der weniger kompetente Sprecher*innen des Deutschen betroffen sind.

3. Zusammenfassung

Die Potenziale und Grenzen des generischen Maskulinums und gendergerechter Sprache hängen vom Maßstab ab, den Sprecher*innen an die Sprache anlegen. Ist das Anliegen an Kommunikation ein rein ökonomisches, ist das generische Maskulinum das Mittel der Wahl. Die Sprachökonomie ist dem von Wegener geheißenen Prinzip natürlicher Sprachen zu verdanken, bei der generische Formen gleichzeitig unmarkierte Formen sind und deshalb zusätzlicher Morpheme, die zur Spezifikation notwendig sind, entbehren. Je simpler Wörter aufgebaut sind, desto intuitiver und leichter können Sprecher*innen diese rezipieren und produzieren. Dies ist insbesondere für diejenigen Personen von Bedeutung, die hinsichtlich der Sprachrezeption und/oder -produktion behindert sind. Gleichzeitig scheint der Anspruch der Geschlechtsabstraktion, den das generische Maskulinum zur Grundlage hat, das eine, die tatsächliche Interpretation vieler Sprecher*innen jedoch eine andere zu sein, wie die von mir zitierte Studie von Pascal Gygax und Kolleg*innen nahe legt. (In der Sprachwissenschaft wird daher auch darüber diskutiert, ob aus psycholinguistischer Sicht überhaupt ein generisches Maskulinum existiert.)
Ist der Anspruch an Kommunikation dagegen vor allem moralischer Natur, ist eine geschlechterinklusive Sprache geeigneter als das generische Maskulinum. Die Möglichkeiten des Genderns habe ich nach dem Vorbild von Pusch in zwei Strategien unterteilt. Auf der einen Seite gibt es die Geschlechtsspezifikation, auf der anderen Seite die Geschlechtsneutralisation. Die Geschlechtsspezifikation mit Asterikus/Unterstrich/Doppelpunkt hat das Potenzial, Sprecher*innen über Personenbezeichnungen stolpern und sowohl auf die Vielfalt der Geschlechter, als auch auf überholte Binaritätskonzepte, die in der Sprache kodifiziert sind, aufmerksam zu machen. Ich habe Studien herangezogen, die wie das Experiment von Gygax et al. bestätigt haben, dass die Wahrnehmung von Geschlechterrollen von der sprachlichen Form, mit der Sprecher*innen konfrontiert werden, beeinflusst wird. Gleichzeitig habe ich gezeigt, welchen sprachökonomischen Aufwand und phonetische Herausforderung insbesondere singularische Formulierungen erfordern. Dies ist zwar der Intention, zu stören, äußerst dienlich, daneben aber auch dazu prädestiniert, Menschen mit Behinderungen bezüglich der Sprachrezeption und -produktion auszuschließen. Kritisch ist außerdem die Ableitung vom männlichen Wortstamm zu betrachten, der dem emanzipatorischen Grundsatz zumindest teilweise entgegensteht. Insofern kann Geschlechterspezifikation einen wichtigen Zwischenschritt markieren, die Vielfalt der Geschlechter überhaupt erst bewusst zu machen und Sichtbarkeit zu schaffen, was die hypothetische Einführung einer geschlechtsneutralen Sprache vor dem Hintergrund einer androzentrischen (Sprach-)Geschichte möglicherweise nicht aus dem Stand heraus bewirken kann. Als Langzeitlösung erachte ich wie Pusch die Formen der Geschlechtsneutralisation jedoch als erstrebenswert. Sie ist nicht nur partiell, sondern in jeder Hinsicht inklusiv, erfordert nicht notwendigerweise einen Eingriff in die Sprache, verstößt im poetischen Gebrauch nicht gegen allgemeine Maßstäbe des Ästhetik und verfügt angefangen bei nominalisierten Partizipien über Funktionsbezeichnungen bis hin zu Beschreibungen über ein großes Repertoire an Formen, die kreativ miteinander kombiniert werden können. Selbstverständlich sind auch die bisher geläufigen Formen der Geschlechterneutralisation dem generischen Maskulinum hinsichtlich der Sprachökonomie unterlegen; allerdings müssen sich neutrale Formulierungen nicht signifikant aufwändiger darstellen und können als Kompromiss gesehen werden für diejenigen, denen sowohl Sprachökonomie als auch Inklusion ein Anliegen ist.“

Literatur:

Barthels, Inga (2019): „ Geschlechtergerechte Sprache wirkt“, in: tagesspiegel.de, URL: https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/studie-aus-schweden-geschlechtergerechte-sprache-wirkt/24906988.html (Letzter Zugriff am 29.12.2019).

Goldt, Max (2002): Wenn man einen weißen Anzug anhat. Ein Tagebuch-Buch, Reinbek: Rowohlt.

Gygax, Pascal, Ute Gabriel, Oriane Sarrasin, Jane Oakhill und Alan Garnham (2008): „Generically intended, but specifically interpreted: When beauticians, musicians, and mechanics are all men“, in: Language and Cognitive Processes 23(3), 464–485

Klann-Delius, Gisela (2005): Sprache und Geschlecht, Stuttgart: Verlag J.B. Metzler.

Leiss, Elisabeth (1994): „Genus und Sexus. Kritische Anmerkungen zur Sexualisierung von Grammatik“, in: Linguistische Berichte 152, S. 281-300

Pérez, Efrén O. & Margit Tavits (2019): „Language Influences Public Attitudes toward Gender Equality“, in: The Journal of Politics 81, no. 1, 81-93.

Pusch, Luise F. (1986): Das Deutsche als Männersprache. Aufsätze und Glossen zur feministischen Linguistik, Berlin: Suhrkamp.

Pusch, Luise F. (2019): „Gendern – gerne, aber wie?“, in: neues-deutschland.de, URL: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1127581.gendern-gendern-gerne-aber-wie.html (Letzter Zugriff am 29.12.2019)

Stefanowitch, Anatol (2018): Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen, Berlin: Duden Verlag.

Stefanowitch, Anatol (2015): „Geschlechtergerechte Sprache und Lebensentscheidungen“, in: sprachlog.de, URL: http://www.sprachlog.de/2015/06/09/geschlechtergerechte-sprache-und-lebensentscheidungen/ (Letzter Zugriff am 30.12.2019)

Vervecken, Dries. & Bettina Hannover (2015): „Yes I can! Effects of gender fair job descriptions on children’s perceptions of job status, job difficulty, and vocational self-efficacy“, in: Social Psychology, 46, 76–92

Wegener, Heide (2017): „Grenzen gegenderter Sprache – warum das generische Maskulinum fortbestehen wird, allgemein und insbesondere im Deutschen“, in: Antje Baumann/André Meinunger (Hg.): Die Teufelin steckt im Detail: Zur Debatte um Gender und Sprache, S. 279-293, Berlin: Kulturverlag Kadmos

missgünstig vor Rührung

Und jährlich grüßt der Rückblick. 2019 hatte seine beschissenen Momente, war insgesamt jedoch so arm an dramaturgischen Höhepunkten, dass ich nicht allzu viel zu berichten weiß. Am interessantesten dürfte vielleicht noch sein, dass ich – mal wieder – die Große Glocke komplett neu schreibe und infolgedessen – endlich! muss man sagen – begriffen habe, dass man dem deutschsprachigen Literaturbetrieb so wenig wie möglich zutrauen sollte.
Ansonsten relativ promisk gelebt, was mir enttäuschende und ärgerliche Momente beschert hat. Werde ich es also bleiben lassen? Nein. Weil ich’s nicht kann.
Ansonsten weiß ich beim besten Willen nicht, was ich mir in Hinblick auf dieses Jahr noch aus den Nägeln saugen soll. Vielleicht sollte ich es einfach dabei belassen, bevor es schlimmer wird, und zu meinen Kurzrezensionen überleiten (mal wieder alles aus Facebook heraus kopiert). Habe für meine Verhältnisse dieses Jahr relativ viel gelesen – 3 Bücher allerdings nur wegen meines Seminars zu Exilautorinnen. Von daher:  Mexico! wie Super Mario sagen würde.

Anatol Stefanowitch – Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen

Eine kurze und knackige Streitschrift, in der Stefanowitsch – erwartbarerweise kann man fast sagen – unaufgeregt und schlüssig erklärt, weshalb PC notwendig ist, und mithin die argumentativen Lücken derjenigen, die PC ablehnen, aufdeckt. Trockene, todlangweilige Sprachanalysen gibt es keine – was mich als Linguistin muy triste gemacht hat -, stattdessen wird auf sprachphilosophischer Ebene argumentiert. Absolute Leseempfehlung (zumal es bloß 63 Seiten sind).

Lisa Kränzler – Export A

Nachdem mich ‚Nachinein‘ extrem begeistert hat und mir von allen Seiten gesagt worden war, dass „Export A“ noch besser sei, bin ich mit großen Erwartungen an das Buch herangegangen. Lisa Kränzlers überbordernde Prosa ist in guten Momenten ein Bilderrausch, der auf den Punkt genau seinen Gegenstand beschreibt, in weniger guten Momenten dagegen – und das habe ich bei ‚Nachinein‘ nicht so erlebt – um Bedeutung und Eindringlichkeit derart bemüht, dass es mich mürbe gemacht hat. So wird mir das „to-get-fucked-up“ der Hauptprotagonisten gar zu sehr überstrapaziert. Immer wieder von ihren Drogeneskapaden und mithin collagenartig aneinandergereihten Triperfahrungen zu lesen, die bildsprachlich stets ähnlich anmuten, hat mich schnell angestrengt sowie gelangweilt — ganz davon abgesehen, dass ich inmitten vieler guter Bilder einige Metaphern auch sehr schief fand. Nicht zuletzt deshalb habe ich nach 70 Seiten für ein dreiviertel Jahr mit dem Lesen des Buches pausiert. Allerdings [AB HIER SPOILERALARM]: Das Buch gewinnt für mich dramaturgisch deutlich an Qualität, als die Hauptfigur unverhofft vergewaltigt wird und aus dem bis Dato gemeinen Coming-of-Age-Roman eine Geschichte über Trauma, Selbstjustiz und Schuld wird. An dieser Stelle halte ich auch das Abdriften in Alkoholismus und Drogenmissbrauch für wesentlich besser platziert. Natürlich gibt es da zunächst den Ausgangskonflikt ‚Wildes Leben vs. Gottesehrfurcht‘, bei dem die angebliche Lasterhaftigkeit angemessen als Gegensatz zur religiösen Hingabe konstruiert werden muss. Es hätte dafür allerdings nicht gleich die Drogenkarte gebraucht, die ja im zweiten Teil des Romans passenderweise gespielt und hinlänglich ausgereizt wird. Ich kann mich also der positiven Besprechung insofern nicht anschließen, als behauptet wird, ‚Export A‘ sei „Nachinein“ qualitativ überlegen. Im Gegenteil: Meiner Ansicht nach ist „Nachinein“ sowohl in dramaturgischer als auch sprachlicher Hinsicht ausgeklügelter, besser getimed und reifer als seine Vorgängerin. Nichtsdestotrotz — auch wenn es sich nicht so liest — ist ‚Export A‘ ein empfehlenswertes Buch und weitaus besser als die meisten Debüts, die sich im Literaturbetrieb hervortun — was zuvorderst dem guten Plottwist zu verdanken ist.

Leslie Feinberg – Stone Butch Blues

Einer der sogenannten Klassiker (Übersetzung: Claudia Brusdeylins) der sehr überschaubaren lesbischen Literatur (Fuck you cis-hetereosexistischer Literatur- und Kulturbetrieb). Und eins vorab: Ein großartiges Buch, das nicht bloß für Lesben lesbar ist. Wann immer ich von der unerträglichen Gewalt las, die Butches, trans Personen und Genderqueers tagtäglich erfahren haben (Zeitraum 60er – 80er), kam ich nicht umhin, zu denken: Der Mensch ist ein widerliches Stück Scheiße. Vor allem die männliche Gewalt, zumal der Polizei (!), die im Buch dargestellt wird und auf realen Erfahrungen basiert, kennt keine Grenzen — und ist umso erschreckender, als sie allenthalben lauert. Wieviel Schaden das Patriarchat angerichtet hat (und nach wie vor anrichtet), ist nicht in Worte zu fassen. Eine (Butch)-Lesbe, trans oder schwule Person zwischen den 60er bis 80er zu sein, war akut lebensgefährlich. Nicht umsonst ist in dem Buch immer wieder davon die Rede, „irgendwie zu überleben“, selbst wenn das bedeutete, Hormone zu nehmen, um als Mann durch- und mithin Schläge, Trittte und Vergewaltigungen zu entgehen.
Wenn es in dem Buch neben all der beschriebenen Brutalität nicht auch die kleinen Momente tiefer Schönheit gäbe, etwa wenn Situationen des Zusammenhalts und der Nähe geschildert werden, hätte ich die Lektüre womöglich nicht verkraftet. Insofern kaum auszudenken, dass es diese und ähnliche Leben vielfach gegeben hat. Dass Menschen wie Jess Goldberg – die (semi)biografisch angelegt ist – existierten, die mehrfach durch cis-männliche Gewalt traumatisiert wurden, psychisch immer wieder dem Ende nahe waren, täglich ums Überleben kämpfen mussten und trotz allem noch so etwas wie Lebensmut empfinden sowie die Kraft aufbringen konnten, für eine bessere Welt einzustehen, ist so bewundernswert und berührend, dass sich die Limitation von Worten offenbart.
Es ist eine Frage des Anstands, Leuten wie Leslie Feinberg zutiefst dankbar zu sein. Leuten, die unter widrigsten Umständen überleben mussten und sich dennoch ihre Menschlichkeit bewahrt haben; Leuten, die Scheiße gefressen haben und allen Grund gehabt hätten, sich zu erschießen; stattdessen aber noch für eine bessere Welt kämpften, damit wenigstens nachrückende Generationen es besser haben als sie selbst. Es wird oft vergessen, dass die Freiheit, die wir heute besitzen, das gemachte Netz, in dem wir sitzen, nichts ist, das es seit jeher gegeben hat, sondern bloß durch viele erbitterte Kämpfe und Leidensgeschichten hervorgehen konnte – ob es nun die Civil Right Movement betrifft, den Feminismus, die LGBTIQ-Bewegung usw. usf…
Und dass auch heute noch Leute gegen die rassitisch-patriarchalen Windmühlen von Hass und Ignoranz aufbegehren – Leute, deren Aktivismus entweder öffentlich oder hinter vorgehaltener Hand als nervig und überzogen abgetan wird. Think about it.

Markus Liske & Manja Präkels (Hg.) – Vorsicht Volk

Bin zu spät dran mit der Lektüre, wenn man berücksichtigt, dass das Buch bereits 2015 erschienen ist. Daher war mir das ein oder andere, was ich gelesen habe, nicht mehr neu. Nichtsdestotrotz ein gutes Buch, das aus sehr unterschiedlichen Perspektiven (Essay-Anthologie) auf Bewegungen wie Pegida, HoGeSa, Reichsbürger etc. blickt – der Titel lässt bereits tief blicken – und deren Ursprünge & Binnenlogiken untersucht.

Carolin Emcke – Wie wir begehren

Zu Emcke kann ich vermutlich nichts sagen, was die Welt nicht bereits wüsste. Aber einerlei. „Wie wir begehren“ hat mich vor allem ob meines persönlichen Bezugs zur Thematik interessiert. Habe das Buch unheimlich gerne gelesen, nicht nur, weil Emcke m.E. sehr gut zeigt, dass Sexualität weniger determiniert/statisch ist als vielmehr ausgesprochen dynamisch; sondern auch wegen seiner literarischen Qualität. Tolles Buch. Ehrlich.

Siri Hustvedt – Ein Sommer ohne Männer

Da Siri Hustvedt mit einer Reihe anderer Autorinnen (Annie Ernaux, Chimamanda Ngozi Adichie, Zadie Smith etc.) in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren sehr stark rezipiert wird und in quasi jeder Buchhandlung vertreten ist, war es nur eine Frage der Zeit, bis ich mir irgendwann einmal ein Buch von ihr zulegen würde. „Damals“, das aktuell nur als Hardcover zu haben ist, war mir zu teuer. Von daher bin ich auf „Der Sommer ohne Männer“ ausgewichen, das zu kaufen mich einige Überwindung kostete angelegentlich der hochgradig beleidigenden und ermüdend sexistischen Worte der FAZ („Ein exzellentes Frauenbuch“), mit denen das Werk auf dem Buchrücken beworben wird. Der Anfang der Geschichte las sich vielversprechend. Mir gefiel die Art des Erzählens sowie der Ton. Je mehr ich mir von dem Buch allerdings zu Gemüte führte, desto häufiger zwickte mich die Frage, worauf die Story eigentlich hinaus laufen soll und warum xy erzählt wird (werden muss). Schön waren die feministischen Auslassungen, die ich nicht zuletzt deshalb mit großem Interesse las, da Hustvedt in einem Kapitel am Beispiel des Corpus Callosums auf idiologische Biologie eingeht (Bad Science), der sie mit Methodenkritik a lá Anne Fausto-Sterling begegnet — genau damit hatte ich mich im letzten Semester in meinem Seminar zu „Gender in den Naturwissenschaften“ aueinandersetzen müssen, und es würde mich angesichts der frappierenden Hirnbrücken-Parallele nicht wundern, wenn Hustvedt nicht auf „Sexing the Body“ referiert hätte. Insgesamt allerdings ist „Der Sommer ohne Männer“ kein Buch, das mir lange in Erinnerung bleiben wird. Möglicherweise deshalb, weil mir die Dringlichkeit des Erzählten fehlte.

Luise F. Pusch – Das Deutsche als Männersprache

Endlich ein Buch, das nicht nur aus politischer, sondern auch linguistischer Perspektive das generische Maskulinum in die Mangel nimmt. Obwohl die Textsammlung in den 80ern erschienen ist, hat sie bedauerlicherweise an Aktualität nicht eingebüßt. Lesenswert fand ich insbesondere die Aufsätze, die mitunter sehr genaue linguistische Analysen zur Asymmetrie von Maskulinum und Femininum beinhalten. Für Laien möglicherweise nicht immer nachvollziehbar (es wird natürlich eine bestimmte Fachterminologie verwendet), im Großen und Ganzen allerdings trotzdem verständlich – wenn man mehrmals genau nachliest. Die Aufsätze mochte ich wegen der sprachwissenchaftlichen Argumentation mehr als die Glossen, die gewisse Phänomene nur benennen und durch den Kakao ziehen – was, zugegeben, aber durchaus witzig ist. Wegen des Alters der Publikation kommt der Asterikus bzw. Gender-Gap natürlich noch nicht vor. Wer allerdings einen Einblick in die patriarchale Struktur des Deutschen bekommen möchte, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen.

Leslie Kaplan – Fever

Wollte es seit langem lesen. Habe es mir schließlich nach dem Ablegen meiner Prüfungen gegönnt. Natürlich gebraucht. In „Fever“ verhandelt Leslie Kaplan den Mord an eine junge Frau, den zwei Abiturienten scheinbar ohne ein Motiv begangen haben. Zentrale Fragen des Buches lauten Zitat War der Zufall, durch den sie sich vor Entdeckung geschützt glaubten, doch nicht so zufällig? Hatte das blonde Opfer nicht große Ähnlichkeit mit der verehrten, aber unerreichbaren Philosophielehrerin? Und liegt in ihrer Familiengeschichte nicht ein Muster vor, dem sie unbewusst folgten? Pierres Großvater Elie, ein galizischer Jude, hat seit Jahren das Schweigen gewählt, und Damiens Großvater Rene arbeitete für Vichy in der Kollaboration. Vererben sich verdrängte und verschwiegene historische Verbrechen weiter? Zitatende
Das Buch lebt nicht nur von seiner musikalischen Sprache, die mir sehr gut gefallen hat, sondern auch von seinen philosophischen Referenzen. Eine besondere Bezugsquelle ist Arendts „Eichmann in Jerusalem“, das einerseits wieder und wieder Erwähnung findet und zitiert wird, andererseits auch als Parallele herangezogen wird, um die Ähnlichkeiten der Tätermotive abzubilden. Besonders spannend fand ich die Misogynie der jungen Mörder, ohne dass sie konkret ausbuchstabiert wird. Als schwierig dagegen erachte ich, dass einer der beiden Mörder jüdischer Herkunft ist. Warum eine solche Entscheidung von Kaplan getroffen wird, wird zwar im narrativen Konzept ersichtlich; allerdings frage ich mich, ob es wirklich keine besseren Lösungen gab.
Insgesamt ein lesenswertes Buch, das über Mojoreads leider noch nicht bestellt werden kann.

Mithu M. Sanyal – Vergewaltigung

Ein Buch, das sich unheimlich differenziert mit Vergewaltigung auseinandersetzt. Selten soviel gelernt und aus einer Lektüre mitgenommen. Bestellt es! (nicht bei amazon, sondern bei eurer Lieblingsbuchhandlung oder über Mojoreads) Absolut lesenswert. Sei’s drum, ob man der Autorin beipflichten oder in allen Punkten widersprechen mag.

Hannah Arendt – Wir Flüchtlinge

Hannah Arendt hat ja immer großartige Texte geschrieben. Es ist daher eigentlich nicht nötig, Werke von ihr zu empfehlen. Ich tue es trotzdem und lege euch den Essay „We Refugees“ bzw. „Wir Flüchtlinge“ ans Herz, der vor dem Hintergrund ihrer Exilerfahrung entstand, aber auch heute noch erschreckend aktuell ist. Liest sich schnell weg, und das Nachwort von Thomas Meyer ist auch schön.

Irmgard Keun – Kind aller Länder

„Das Kunstseidene Mädchen“ habe ich abbrechen müssen, weil ich es kaum lesbar fand. Hatte deshalb etwas Bedenken, als wir Studis im Seminar zu Autorinnen im Exil aufgefordert wurden, uns Keuns „Kind aller Länder“ zu beschaffen. Zu Unrecht. Es ist lange her, dass ich ein Buch, das in eine so tragische Handlung eingebettet ist, dermaßen witzig fand. Überall finden sich Sätze und Dialoge, die ich am liebsten abfotografiert und gepostet hätte. (Auf Instagram gibt es zumindest eine kleine Kostprobe.) Und man mag kaum glauben, wie vielschichtig dieses Stück Kinder-und Jugendliteratur ist (durfte mich in meinem Seminar noch einmal davon überzeugen); vor allem vor dem Hintergrund der Exilerfahrungen von Frauen. Es stimmt daher mitnichten, dass das Buch, wie es auf 54books heißt, Zitat kein besonders gutes Zitatende sei oder Zitat Eine denkbar schlechte Wahl für den Start einer Neuauflage wider das Vergessen dieser wichtigen Autorin Zitatende. Ich möchte sogar sagen, dass diese Kritik grober Unfug ist.
Daher: Lest dieses Buch, es ist wirklich fantastisch – und meiner bescheidenen Meinung nach auch um Längen besser als „Das Kunstseidene Mädchen“.

Anna Seghers – Der Ausflug der toten Mädchen

Anna Seghers und ich, das ist eine Beziehung, die beim besten Willen nicht funktioniert. Das hat sich schon bei „Das siebte Kreuz“ angedeutet und offenbart sich gegenwärtig bei der Lektüre „Transit“, die ich mir nur wegen der Uni zu Gemüte führe. Verglichen mit diesen beiden Romanen allerdings ist „Ausflug der toten Mädchen“ noch eine der weniger ermüdenden Erzählungen. Wieder viel Beschreibungsprosa, aber immerhin: die Wechsel der Zeitebenen stellen einen netten, interessanten Kniff dar.
Ansonsten mag ich ungern Bücher empfehlen, die mir selbst nicht zusagen. Indes ist mir bewusst, dass Anna Seghers von vielen geschätzt wird und das vermutlich auch zu Recht.

Anna Seghers – Transit

Was mir spätestens nach der Lektüre von Transit klar geworden ist: Ich werde in diesem Leben keine weiteren Texte mehr von Seghers lesen. Wenn man sich zum Lesen eines Buches zwingen muss, ist das kein gutes Zeichen. Seghers Sprache klingt ganz groß, liest sich aber so verdammt behäbig und blutleer, dass ich nicht mal eine Minute brauche, um mich maximal gelangweilt zu fühlen. Wenn es dann auch noch ein Bürokratieroman ist, um die treffenden Worte meiner Dozentin zu bemühen, ist das mentale Einschlafen vorprogrammiert. Viele, zuweilen sogar elementare Sachen sind während der Lektüre an mir vorbei gegangen, weil meine Aufmerksamkeit, obwohl ich Wort für Wort gelesen habe, schon nach den ersten Seiten von hochliterarisch schwerfälliger Beschreibungsprosa in die Flucht geschlagen wurde. Meine ketzerische Meinung in einem Satz zusammengestampft: Wenn das Motto #frauenlesen heißt, werde ich allerlei Autorinnen empfehlen – bloß nicht Seghers.

Maria Kjos Fonn – Kinderwhore

Kinderwhore war noch einmal ein regelrechtes literarisches Highlight zum Abschluss des Jahres. In dem Buch geht es um Charlotte, die von ihrer Mutter vernachlässigt und von einem ihrer wechselnden Liebschaften etliche Male sexuell missbraucht wird. Von den Ereignissen schwer traumatisiert ringt das junge Mädchen um eine Sprache, ohne sie zu finden, und erlebt seinen Körper als verdinglichte Masse. Während Einrichtigungen wie Psychiatrien und Jugendämtern nicht mehr vermögen, als die Persönlichkeit Charlottes in Diagnosen und Epikrisen zu verklausulieren, sieht sie als einzigen Ausweg die Vernichtung desjenigen Körpers, der ihrem Gefühl nach nicht ihr gehört. Maria Kjos Fonn hat einen so poetischen wie bedrückenden Roman geschrieben, der nicht nur gut recherchiert ist, sondern auch stark an authentische Berichte über sexuellen Missbrauch und seinen Auswirkungen erinnert. Habe nicht oft Bücher gelesen, die aufzeigen, wie fatal es ist, keine Sprache für das Unausprechliche zu haben – inbesondere dann, wenn man ein Kind ist. Empfehle das Buch daher dringend.

Das war’s! Wir lesen uns 2020!