romantisch verklärt

Moment, ich muss meine Chromatiden zusammenbauen

Es ist ja bereits viel über die Entfernung von avenidas an der Fassade der Alice Salomon Hochschule Berlin gesagt worden. Meist wurde das Unbehagen der Student*innen abgeschmettert mit Gedichtsinterpretationen, die die Unverfänglichkeit des Textes sowie die vermeintliche Mimosen- und Banusenhaftigkeit der Kritiker*innen belegen sollten. Glücklicherweise aber gab es nicht wenige, die über die polemischen Anfeindungen gegenüber dem AStA entsetzt waren. Daher hat Max Wallenhorst zu einer Solidaritätsaktion mit dem AStA aufgerufen. Schaut selbst (Den danzugehörigen Text könnt ihr auf Youtube in der Box unter dem Video nachlesen)

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„Der Typ ist eine Volleule, aber lustig anzuschauen.“

Bei der gestrigen Automatendichtung hat mich jemand auf die Idee gebracht, jene Mail publik zu machen, die mir die Tür zu SuKuLTuR aufgeschlossen hat. Hier also eine Anleitung, wie man einen Job als Herausgeber*in in einem prestigeträchtigen Verlag bekommt.
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Hallo Marc Degens (Anmerkung der Red.: den Namen der/des* Programmleiter*in einfügen)

keine Angst, es folgt kein Manuskript, sondern zunächst einmal nur eine profane Frage. Vorab aber muss ich mich noch kurz vorstellen; ich heiße *****, präferiere es indes, Sofie (mit f) genannt zu werden — vornehmlich eigtl. nur, weil ich in der Untergrund-„Literaturszene“ (schon dieses Wort!) ausschließlich unter diesem Namen bekannt bin. Ich bin fünfundzwanzig Jahre und im Augenblick noch vom Jobcenter abhängig, das mich in ein Programm gesteckt hat, in dem die Teilnehmer, sagen wir, angehalten werden, ein Praktikum zu absolvieren — unbezahlt selbstverständlich. Da sich meine Sehnsucht, an einer Wursttheke den Verkäufer*innen beim Wiegen, Eintüten und Verpacken zu assistieren, in Grenzen hält, bin ich auf der Suche nach einer Stelle, die für mich ein wenig erbaulicher ist als das, was das Jobcenter verheißungsvoll wähnt. Aber langer Rede kurzer Sinn: Gäbe es im Sukultur-Verlag eine Möglichkeit für ein unbezahltes Praktikum?
Ich muss dazu erwähnen, dass ich mir für fast gar keine Arbeit zu Schade wäre, selbst wenn ich, sofern kein Reinigungspersonal vorhanden, die sanitären Anlagen der Redaktion säubern oder Absagemails an sich selbst maßlos überschätzende Schreibende verfassen müsste. Das einzige, was ich wirklich absolut nicht kann, ist Akkordarbeit — mehrmals versucht und immer zusammengebrochen (nie wieder Kaufland oder Kopierläden!)… falls es bei euch absolut keine Möglichkeit geben sollte, hättet ihr vllt. ein paar Tipps, an wen ich mich anderweitig wenden könnte? (Anmerkung der Red.: eine Frage zum Schluss ist optional)

Auf dass ich mit dieser Mail nicht für bodenlose Ermüdung gesorgt habe…
Mit besten Grüßen,

Sofie Lichtenstein

Und das hat Marc Degens seinerzeit geantwortet.

Ich schließe jetzt. Vielleicht findest Du in den Mülltonnen etwas Essbares.

Normalerweise mag ich die Kolumnen von Sibylle Berg sehr. Die akuelle jedoch betrachte ich als Entgleisung. In ihrem Text ruft Frau Berg dazu auf, Ungerechtigkeit, Beleidigungen, Herablassung usw. mit Humor zu nehmen und es, wie sie sagt, besser zu machen, weil sie dies als erhabene Haltung wähnt. Unvermittelt kamen mir folgende, aus den Zusammenhang gerissenen Zeilen von Shakespeare in den Sinn.

Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?
Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht?
Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht?
Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?

Ich weiß nicht, woher diese Einstellung rührt,  wilde Emotionen, egal in welchem Kontext, seien unschicklich und mithin unangebracht. Wenn einem jemand ins Gesicht spuckt, ist es für meine Begriffe jedenfalls kein Zeichen der Größe, seine Wut hinunterzuschlucken und mit einem Lächeln zu reagieren, statt seine Missbilligung darüber kundzutun und sich ggf. zu wehren. Über den Dingen zu stehen, indem man sich nichts anmerken lässt, ist reine Schimäre und fußt auf nichts weiter als ein christliches Dogma. Wut ist nicht gleich nörgeln oder gar armselig, sondern in vielerlei Hinsicht adäquat und notwendig als Motor für Veränderungen. Keine Bewegung, sei es die feministische, die queere, die der Afroamerikaner usf., hätte etwas bewirkt, wenn sie mit vermeintlicher Coolness und Emotionslosigkeit auf die Straßen gegangen wäre.

Das Ausagieren von Wut gilt in unserer Gesellschaft als unsexy. Mal ganz abgesehen davon, dass ich eine solche Geisteshaltung weitaus unattraktiver finde, als emotional auf haarsträubende Gegebenheiten zu reagieren, wäre es womöglich keine schlechte Idee, sich von dem überholten Anspruch zu verabschieden, jederzeit sexy zu sein. Wer immer nur darauf bedacht ist, sich unantastbar zu geben, versäumt es, selbst anzugreifen und gegen Misstände vorzugehen.

Das eine übereifrige taz-Journalistin einen schlechten Artikel über Thomas Fischer geschrieben – und dem Feminismus keinen Gefallen damit getan- hat, kann kein Anlass zum zweifelhaften Aufruf sein, sich Dinge gefallen zu lassen (indem man in resignatives Gelächter ausbricht), die unmöglich sind. Denn, nein, Frau Berg: Humor ist zwar unerlässlich zum Überleben angesichts himmelschreiender Ungerechtigkeit, nicht aber das Mittel der Wahl, um sich dagegen zu Wehr zu setzen und einen gesellschaftlichen Wandel zu bewirken. So sehe ich das zumindest.

Für die Schlampe ist alles ein Kinderspiel

Lesungshonorare für Kurzprosa. Ich weiß, ich stehe mit dieser Ansicht einsam da. Allerdings habe ich es als Schreibende weder früher noch heute für selbstverständlich und zwingend befunden, 100 Euro oder mehr für den Vortrag eines zehnminütigen Textes zu verlangen. Letztes Jahr in Österreich, als ich anlässlich der Lockstoff-Lesung in Wien war, berichtete ich anderen Autor_innen, dass es für mich, angesichts der mangelnden Zahlungskraft von Literaturzeitschriften und Lesebühnen, etwas Besonderes darstelle, ein Honorar zu erhalten, und ich große Dankbarkeit empfände, wann immer mir eines gezahlt werde. Ein Bekenntnis, das auf Fassungslosigkeit und Unverständnis stieß, denn  für meine Gesprächspartner_innen selbst kam es überhaupt nicht mehr infrage, unentgeltlich noch irgendwo aufzutreten. Mich befremdete diese Haltung. Bares zu erwarten, unabhängig davon, wie lange man liest und die finanzielle Situation einer Zeitschrift/eines Leseungsformats/whatever beschaffen ist, erscheint mir – drücke ich es so aus – sehr anspruchsvoll.
Zu schreiben ist für mich ein Privileg, das ich mir selbst herausnehme. Herausnehme, weil das gesellschaftliche Setting mir die Möglichkeit hierfür bietet. Früher, zu Grundschulzeiten, hat man das, was ich heute tue bzw. getan habe, Freiarbeit genannt. Das bedeutete, sich unter flexiblen und entspannten Bedingungen auf einer spielerischen Ebene auszuprobieren und im Idealfall etwas hevorzubringen, das gefällt; bedeutete, dass wir Verantwortung übernahmen und selbst entschieden, womit wir uns wie beschäftigten. Und genau das ist für mich Schreiben: ein Hobby, eine Freiarbeit, dem/der ich mich eigenverantwortlich zuwende; ein Luxus, wenn ich bedenke, dass man als Autor_in dank Sozialfürsorge immer weiterschreiben kann, ja keine existenziellen Ängste ausstehen muss, selbst wenn es mit der Schriftstellerkarriere nicht so läuft, wie erhofft.
Lädt mich eine Literaturzeitschrift, die meinen Text abgedruckt hat, ein, einen Text in der Länge von 10-15 Minuten vorzutragen, mithin also an Präsenz zu gewinnen, erscheint es mir vermessen, Geld von dieser zu verlangen. Viele Autor_innen argumentieren damit, dass auch eine Lesung Arbeit sei. Mir selbst hingegen kommt diese Aussage, sofern bloß von einem Kurzauftritt die Rede ist, ein wenig hochtrabend vor. Manchmal frage ich mich, ob ich die einzige bin, die keinen Kraftakt, geschweige denn Arbeit darin sieht, einen zehn- bis fünzehnminütigen Text – selbst wenn es der eigene ist – vorzulesen (ist es für mich einfach nicht. Null.), und welche Finanzstrategie schreibende Mütter und Väter wohl verfolgen, wenn sie ihren Sprösslingen eine kleine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen. 100, 200 Euro für zehn Minuten irgendwo lesen – Himmelarsch: ’ne Reinigungskraft träumt davon, so viel nach an einem Tag putzen zu verdienen.
Ich verstehe das Bedürfnis, vom eigenen Schreiben leben zu können. Zuweilen allerdings kommt es mir so vor, dass einige vergessen, wie groß und vor allen Dingen fordernd dieser Wunsch ist. Nicht wenige Autor_innen tendieren gar zu gerne zur Selbstgefälligkeit und vergessen infolgedessen, dass nicht nur die Literaturzeitschriften, Lesereihen, ja selbst Verlage diejenigen sind, die in den Genuss eines Privilegs kommen,  nämlich ihre Texte zu publizieren, sondern auch sie, die Autor_innen selbst, indem ihnen zu einer Leserschaft, Präsenz und Reichweite verholfen wird. Ich persönlich sehe darin bereits einen wahnsinnigen hohen Wert; einen nicht selbstverständlichen Wert, der aber sehr häufig verkannt wird. Die Kohle ist für mich daher nicht nur eine geile Zugabe für den Luxus, mich einer Freiarbeit, dem Schreiben, hingeben zu können, sondern darüber hinaus nichts, womit ich bei den ärmsten der Armen, den Zeitschriften und Lesereihen, ansetzen wollte. Die Verantwortung, das Verbreiten der eigenen Gedanken und Geschichten zu bezahlen, sehe ich vielmehr bei jenen, die daran auch verdienen, namentlich die Verlags- und Literaturhäuser.

Nicht selten beschleicht mich das Gefühl, dass Autor_innen in einem Honorar weniger eine Form der Anerkennung  sehen, als eine Art Schmerzensgeld für das Schreiben. Das ist verständlich, doch nicht unproblematisch, denn: Niemand zwingt einen, sich dem Leid des Schöpferischen auszusetzen. Es gibt keine_n Arbeitgeber_in, keine finanzielle Not im Nacken, der/die einem keine andere Wahl ließen. Für meine eigene innere Notwendigkeit, die ich empfinde, kann ich niemanden zur Verantwortung ziehen. Wie jemand, der selbstständig ist, bin ich allein dafür verantwortlich, mit dem auszukommen, was ich tue. Selbstfürsorge kann man nicht an andere delegieren. Wird nicht funktionieren.

PS – weil damit einfach zu rechnen ist: Ich sage nicht, dass Schreiben und Lesungen grundsätzlich keine Honoration bekommen sollten.

Junimond

Nach monatelangem Abwägen habe ich mich zu der Entscheidung durchgerungen, ein Kapitel meines Lebens abzuschließen und Literatur nur noch als Konsumentin, nicht aber mehr als Produzentin zu erfahren. Das Schreiben und alles, was mit ihm in Verbindung steht, kostet mich mehr, als ich von ihm profitiere. Und jetzt bin ich an einem Punkt, an dem ich merke: Es geht nicht mehr, weder psychisch noch physisch. Ich werde nicht jünger. Ich bin gerade dabei, mein Leben endlich in geordnete Bahnen zu bringen. Der ganze Schreibcrap stresst mich mittlerweile jedoch so sehr, dass dieses Unterfangen ernsthaft bedroht ist.
Schlaflosigkeit, Niedergeschlagnheit, allgemeines Unwohlsein, Benommenheit, Derealisation, Depersonalisation… die Liste geht noch so weiter.
Ich packe das nicht mehr, und offen gestanden bin ich auch nicht mehr bereit, das zu schultern. Ich muss mich entlasten.
Ganz abgesehen davon, merke ich auch: Ich bin leer. Ich habe mich bis zum letzten Tropfen ausgewrungen. Das heißt: Es gibt nichts mehr, das ich zu erzählen hätte. Alles, was ich wirklich zu sagen hatte, habe ich in Der Großen Glocke ausgesprochen. Und das ist gut. Ich habe die Möglichkeit genutzt, mich mitzuteilen.
Ich bereue nicht, zehn Jahre meines Lebens damit verbracht zu haben: Nicht nur weil ich als ehemalige Diktatversagerin nahezu fehlerfreies Formulieren gelernt habe, sondern auch, weil ich etwas entdeckt habe, womit ich nicht gerechnet habe: meine Liebe zur Sprache. Es war also keineswegs vergebens.
Danke an alle, die meine Texte gelesen, sie kommentiert, angehört und die unermüdliche Konfrontation mit meinen Selbstzweifeln ertragen haben. Es wird künftig alles etwas leichter werden. Nicht nur für mich. Ihr könnt daher aufhören, mich Sofie Lichtenstein zu nennen.