Ich hoffe, dass ist nur therapierbarer Wahnsinn

Mai 17, 2012 - Schreibe eine Antwort

2012 ist das mit Abstand schrecklichste Jahr meines Lebens…

Das Schaf bricht sein Schweigen

April 25, 2012 - 2 Antworten

Wie dem Beitrag von Canada.com zu entnehmen ist (und unlängst vermutet wurde in meinem editierten Artikel), handelt es sich bei Rezais und Maternes Experiment lediglich um eine beabsichtigte künstlerische Provokation, das nicht in der Enthauptung eines Schafes gipfeln wird.

A spokeswoman for the university also said that the two artists had assured the school that their guillotine project was intended as an “artistic provocation” and their had no plans to kill the lamb.

Auch auf der Facebook-Seite des Guillotine-Projekts wendeten sich die Künstler gestern persönlich an die Gegner und Befürworter. So heißt es:

Die von der Öffentlichkeit eingegangenen Reaktionen stellen eine umfangreiche Reflexion unserer Gesellschaft dar.

Diese ist im Begriff, sich durch die Vielschichtigkeit der eingegangenen Kommentare zu präsentieren. Nun steht der Spiegel direkt vor euch. Durch einen distanzierten Blick auf den Aufbau des Experiments und die verbreiteten Meinungen/Reaktionen erschließen sich für Jedermann die Missstände unserer Gesellschaft bzw. des politisch-moralischen Systems. Das Experiment verläuft zu vollster Zufriedenheit.

Tierschützer dürfen bis auf weiteres aufatmen. Was ist jedoch mit dem getäuschten Mob? Die Reaktionen reichen von Erleichterung und nachträglichen Lobesbekundungen zu wüsten Beschimpfungen und pathologischen Urteilen. So gibt es unter anderem wütschäumende User, die Drohungen laut werden lassen, zur psychiatrischen Zwangseinweisung auffordern, fließbandartig Beschimpfungen loswerden und dergleichen mehr – viele glauben nach wie vor, dass das Schaf hingerichtet wird. Unter den Getäuschten gibt es allerdings auch Nutzer, die sich im Nachhinein für das Experiment aussprechen und anerkennend äußern; ebenso wie (gesittete) Kritiker, die Mängel in der Durchführung der Provokation sehen, Geschmacklosigkeit unterstellen oder darauf hinweisen, dass eine derartige Provokation kein Neuland in der Kunst ist und bereits besser verwirklicht worden sei. Interessant ist auf alle Fälle, welche Themen sowohl gezielt als auch unbeabsichtigt in diesem Experiment angesprochen wurden.  So ist daraus nicht nur eine Diskussion bezüglich der o.g. Misstände in unserer Gesellschaft entstanden, sondern auch in Hinblick auf die Bigoterrie der Fleischkonsumenten, den Tierschutz und die Frage, wie frei die Kunst verstanden werden sollte.

Ich muss gestehen, dass ich die Missbilligung all derjenigen Personen nachvollziehen kann, die mehr oder weniger zum Narren gehalten wurden; zumal ich dazu gehöre. Bei mir hat dieses ganze provokative Schauspiel ein übles Gefühl hinterlassen; nicht zuletzt weil ich – sowie viele andere auch – reingelegt wurde (was ich äußerst kompromittierend finde und unnötig), allein um der Welt Erkenntnisse abzuliefern, die hinlänglich bekannt und bereits zuhauf in der Kunst dargeboten worden sind – inbesondere in den 60ger – 70ger Jahren. Ich hätte mir bei einer derart grenzwertigen Provokation – die nicht nur Bigotterie, Intoleranz, Aggressionen sowie unreflektiertes Konsumieren und Verurteilen entlarvt, sondern auch mit den Emotionen der Menschen tolldreist und unbesonnen spielt, als handele sich um einen Abenteuerspielplatz  - ein originelleres und wohlerwogeneres Konzept gewünscht, das nicht so einfallslos wie aggressiv vorgeht wie seine schimpfenden Rezipienten und ohne entwürdigende Publikums-Täuschungsmanöver ins Ziel trifft. Ansonsten weiß ich nicht, ob ich das noch angemesssen finden kann… was ich an derart provokativer Kunst vor allem kritisch finde, ist, dass auf moralischen Verfall mit moralisch fragwürdigen Mitteln hingewiesen wird. Da beißt sich natürlich die Katze in den Schwanz und jedwede heroische Note geht mithin verloren. Womöglich jedoch wollen die beiden nicht um jeden Preis besser sein …

Trotzdem ist es ganz ergreifend, wie sich die Heuchelei wie von selbst herausdestilliert hat. Neeeeeein! Doch nicht das Schaf! Was ist mit euch los! Ich… warte, muss kurz von meinem McChicken abbeißen…. hmmmmm!…. also, ihr verdammten Kanackenarschficker, ihr…! Für mich ist diese Enttarnung der Scheinheiligkeit die Essenz des Experiments – obschon die Künstler etwas anderes beabsichtigten. Als Bloßstellung aller frömmelden Fleichkonsumenten wäre es ein in meinen Augen ein brillantes Unterfangen gewesen.  Wie dem aber auch sei.  Woran liegt es, dass man  die vorgeblichen Scha(r)fsrichter Rezai und Materne auffordert, sich selbst mit ihrer schillernden Eigenbau-Guillotine hinzurichten, kurz darauf jedoch die Henker der Massentierhaltung sponsort, in dem man ein Big-Mac-Menü bestellt? Der einzige Unterschied ist die Art und Weise, wie erstere und letztere an uns herantreten. Wir sehen die Wurst als fertiges Produkt, als vollendete optische Distanzierung vom Urheber Tier; es blutet nicht, es atmet nicht, es bewegt sich nicht, hat weder Arme noch Beine, es ist nur eine flache rosarote Scheibe mit weißen punkten, die nicht die geringste Assoziation zu diesem Schwein hervorrufen könnte. Obwohl wir wissen, dass der überwiegende Teil der Tiere unter KZ-ähnlichen Verhältnissen für die Bequemlichkeit und Wollust unserer Geschmacksknospen stirbt, stürmen wir nicht aus dem Aldi, um den Massenmord aufzuhalten.  Rezai und Materne schockten nicht, weil sie das Schaf enthaupten wollten, sondern weil sie es öffentlich insznierten. Und dann wagten sie es auch noch, es unter dem Deckmantel der Kunst zu tun! Dabei benutzen Fleischesser selbst regelmäßig den Vorwand des Naturgegebenen. Der unerfahrene Vegetarier weiß zunächst nicht, was er entgegnen soll, wenn der Fleischesser sagt: “Es liegt nun einmal in der Natur der Dinge. Wir sind Allesfresser, die Natur hat uns das eingegeben und das nicht ohne Grund, also warum soll ich dann ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich Fleisch esse? Du verurteilst doch auch keinen Tiger, der sich an einem Hirsch vergeht. Ich achte ja auch schon immer darauf, dass die Tiere glücklich gestorben sind.” Das ist amüsant. Wir erheben uns über die Tiere und Suchen die Distanz zu ihnen, in dem wir unsere Kultivierung mit Sätzen wie “friss nicht wie ein Schwein; ich bin doch kein Tier usw.” betonen, stellen uns dann jedoch schnellstmöglich auf diesselbe Stufe mit ihnen, sobald wir uns genötigt sehen, unser Essverhalten zu rechtfertigen. Aber gerade das ist es doch, was uns von ihnen unterscheidet. Raubkatzen fressen Fleisch, weil es für ihr Überleben unerlässlich ist. Sie haben keine andere Wahl sowie jedes andere Fleisch/Alles/Pflanzenfressende Lebenswesen auch. Sie töten , um zu essen, morden aber nicht, um besser zu essen (halb zitiert von Cicero); Der Mensch hingegen schon, obwohl als er nicht darauf angewiesen ist. Er kann bereits ohne Fleisch auf ein Ernährungsspektrum zurückgreifen, das keinem Tier ansatzweise vergönnt ist. Warum also ein Tier, das nicht weniger kostbar ist als das Leben eines einzelnen Menschen, schlachten?  Eine Bitte nur an all diejenigen, die Fleisch essen: Urteilt nicht über Leute, die sich an Tieren vergreifen, wenn ihr sie selbst esst und die Massenhaltung finanziert.

Die Freiheit der Kunst darf nicht über Leben und Tod eines Lebenwesens stehen

April 23, 2012 - 5 Antworten

Es gab da mal ein Interview bzgl. Tierschutz mit Ingrid van Bergen, das ich ganz bemerkenswert fand. Im Laufe der Sendung erzählte sie von diversen Menschen, die ihr Vorhaltungen machten, weil sie sich um Tiere statt um hilfebedürftige Menschen kümmere. Mitunter musste sie sich Fragen gefallen lassen wie Warum spendest du nicht für die armen Kinder in Afrika?. Leider weiß ich nicht mehr, was sie geantwortet hat. Ich bedauere das wirklich.
Somit liegt es an mir, Stellung zu beziehen. Also, wie denke ich darüber? Man ahnt es bereits. Ich halte das für eine ungeheuerliche Anmaßung. Unglaublich. Wo soll man da anfangen? Die Frage überfordert mich gerade ungemein.
Was fällt dieser Schurkin eigentlich ein?! Widmet sie sich kackdreist Tieren, die sonst in Tötungsanstalten ermordet oder in Auffangstationen eingegangen wären! Oh, die armen Afrikakinder!  Soll ich mich dann auch gleich schlecht fühlen, weil ich ausschließlich für Tiere gespendet habe? Das jämmerlichste daran ist, dass die Leute, die daran Anstoß nehmen, gleichzeitig diejenigen sind, die weder Tieren noch hungernden Menschen die geringste Gnust zukommen lassen – aber am beflissensten die Krokodilstränen rausdrücken, sobald sie über die schrecklichen Zustände in dieser Welt sprechen. Bigotterie der übelsten Sorte lässt grüßen. Da tut jemand mal etwas – zweifellos Sinvolles und Ehrenhaftes -, und irgendwer, der selbst nur rumsitzt, hat nichts Besseres zu tun, als das Engagement schlechtzureden. Das kommt Leuten gleich, die nicht gewählt haben, aber dann über die Regierung meckern – die Phrase, es sei bei den Parteien ohnedies nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, mag zwar stimmen, legitimiert jedoch kein exzessives Schimpfen über die Regierung. Pfui Teufel! ich möchte kotzen. Soviel dazu, so kurz und bündig wie möglich. Es gibt da allerdings noch was…
Was soll der postulierte Vorzug von Menschen gegenüber Tieren bedeuten? Setzt eine derartige Forderung nicht die Grundannahme voraus, dass das (würdevolle) Leben der Menschen kostbarer ist als das der Tiere? Oder worauf sonst will die Kritik “Wieso Tiere statt Afrikakinder?” hinaus? Was verleitet einen zu dieser Annahme? Weil unsere Psyche und unser Verstand komplexer ist? Weil wir die Macht haben, zu unterdrücken? Ich bitte um Antworten. Ich verachte all diejenigen Menschen, die sich an der Unschuld vergreifen. Ein Tierquäler sollte keine geringere Strafe befürchten müssen als ein Raubkopierer oder Kinderschänder; denn das menschliche Wohlbefinden ist nicht wichtiger als das eines anderen Geschöpfs. Die meisten sehen das allerdings nicht so. Wie Rouven Materne und Iman Rezai

Sie entsetzen neuerdings jeden halbwegs anständigen Menschen. Die beiden Kunstudenten wollen ein Schaf mit einer Guillotine enthaupten. Auf ihrer Internetpräzens kann jeder für oder gegen die Köpfung votieren. Der Wahlzeitraum beträgt 24 Tage. Und ich bin erschüttert, dass bislang mehr als die Hälfte für die Ermordung des Schafs gestimmt hat. Rouven Materne rechtfertigte dieses Unterfangen damit:

Das, was getan werden muss, wird dir diktiert von der Kunst, von deinem Unterbewusstsein

Und Iman Rezai:

Ich habe eine Pflicht, das muss gemacht werden, da gibt’s nicht mehr warum, weshalb

Ferner berufen sich Rezai und Materne auf das Grundgesetz, wo in Artikel 5, Absatz 3, die Freiheit der Kunst garantiert wird – als Antwort auf Paragraph 17 des Tierschutzgesetzes, wonach derjenige eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren erhält, der ein Wirbeltier ohne vernünftigen Grund tötet (da stellt sich mir wieder die Frage: kann es bei einem Menschen auch einen vernünftigen Grund geben, ihn zu töten?), aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden zufügt.
Quelle: Berliner Kurier

Die Freiheit der Kunst darf nicht über Leben und Tod eines Lebewesens stehen. So einfach ist das. Und wenn Rezai und Materne das nicht genauso beurteilen sollten, werde ich mich umgehend zu ihnen begeben und sagen:” Ich werde euch jetzt für mein Kunstprojekt enthaupten, und das ist kein Vergehen, denn die Freiheit der Kunst legitimiert’s ja. Mein Unterbewusstsein, mein künstlerischer Impuls diktiert mir soetwas zu tun. Es ist meine Pflicht, euch zu köpfen und meine künstlerische Freiheit, die das Grundgesetz garantiert”. Wie würden Rezai und Materne mir wohl begegnen, ohne sich selbst Lügen zu strafen?

Was ich vor allem pervers finde, ist dieses Voting. Ich zitiere Lumpfi:

Ich finde die oberste Perversion ist, dass sie eine Webseite haben, wo man abstimmen soll. Damit erheben sie sich zu den Regelmachern, geben dem Pseudovolk die Möglichkeit, und natürlich weiß niemand, wie die Technik aussieht, es ist null transparent, und pervers genug, dass sie entscheiden, auf welche Art und Weise das Schicksal eines Lebewesens entschieden wird.

Ich hoffe inständig, dass man Rezai und Materne mit rechtlichen Schritten Einhalt gebieten wird. Sie wollen ein Verbrechen begehen: töten. Die Freiheit der Kunst darf nicht so wichtig sein, etwas Derartiges zu gestatten.

Nachtrag: Ich hatte bereits gestern meine Zweifel, ob man diese Ankündigung tatsächlich für bare Münze nehmen kann. Wahrscheinlich steckt dahinter eine Art “Milgram-Experiment-Inspiration”. Köpfe werden womöglich keine Rollen, selbst wenn der Pöbel dafür votiert. Falls die Wahlen tatsächlich nur ein Spiegel für-was-auch-immer sein sollten und keiner der beiden tatsächlich beabsichtigt, das Schaf zu enthaupten, atme ich erleichtert auf; ein ganz cleverer Versuch wäre es gewiss, wenn auch nicht so innovativ, wie es manchen vllt. dünkt. (Bemerkenswert ist übrigens die rassistische Note, die in der Massenempörung mitschwingt – obgleich absehbar. Reflexion gibt’s offenbar nur in kostspieliger, limitierter Ausführung. Das schreckt ab. Warum teuer wenn es auch billig geht?)

(den Post habe ich bereits vor anderthalb Wochen begonnen und immer ein kleinwenig weitergeschrieben. Er sollte vor allem noch die Massentierhaltung aber auch den militanten Vegetarismus und Veganismus  hinterfragen. Es wäre sehr lang ausgefallen. Ich überlege noch, ob ich’s hinzufüge oder einen separaten Beitrag dazu schreibe. Ersteres behagt mir eher. Als ich gestern allerdings den Bericht über die Guillotine auf einer Tierschutzseite fand, erschien es mir wichtig, schnell zu reagieren. Nun ja, aber, wie bereits erwähnt, siehe Nachtrag. Ich glaube, es geht hierbei vornehmlich darum, die Leute aus der Reserve zu locken; Gewaltbereitschaft und Willkür zu demonstrieren. Who knows.)

Nachtrag Nr. 2: Ich kriege alles zu spät mit. Aber immerhin habe ich nun etwas über die Motive der Künstler erfahren – nachdem ihr Video im Grunde nichts ausgesagt hat. So haben die Wahlen vor allem das Ziel, den aktuellen Stand der Demokratie abzubilden und über die Menschlichkeit nachdenken zu lassen. Unklar ist immer noch, ob das Schaf, im Falle der merheitlichen Bejahung, tatsächlich daran glauben muss. Wie ich vorhin bereits vage anmerkte, ist dieses Experiment keineswegs innovativ – ich verweise auf den Wiener Aktionismus - “Über drastische Ausdrucksweisen und aggressive Tabuverletzung sollen einerseits Mechanismen offener und vor allem versteckter (unterdrückter) Grausamkeit und Perversion in der bürgerlichen Gesellschaft dargestellt werden, andererseits soll eben diese Gesellschaft damit schockiert werden”. Dem Resultat wird letztlich keine Überraschung inhärent sein – es ist nun wirklich kein Geheimnis, wieviel Gewaltbereitschaft im einzelnen steckt. Braucht man für diese Demonstration also tatsächlich ein Schaf, das den Kopf dafür hinhalten muss? Viel interessanter wäre es doch, künstlerisch die Ursachen der Wut -und sonst dergleichen-, die mit der Ausübung von Gräueltaten zusammenhängt, zu ergünden; vor allem auch weniger abgedroschen. Interessant ist allein die Reaktion, die hervorgerufen wurde… allerdings auch kein Geniestreich, wenn man die Mittel berücksichtigt, derer sich Rezai und Materne bedient haben. Einzig die Guillotine finde ich ob des dargstellten Kontrasts wirklich gelungen. Stünde es für sich allein, ohne der ganzen Effekthascherei mittels Enthauptung und Voting, gefiele es mir sogar.

Heute ist es zu spät. Aber morgen wird sich eine gewaltige Sonne am Horizont zeigen!

März 15, 2012 - Schreibe eine Antwort

Ich gräme mich ja so, im Februar nichts gepostet zu haben. Seit Gründung meines Blogs habe ich jeden Monat mindestens einen Artikel veröffentlicht. Und jetzt gibt es da diese Lücke. Die Serie hat einen Riss. Es kommt mir vor wie eine unfertige Brücke oder wie neu anfangen. Vielleicht hat ein Neuanfang auch sein Gutes, who knows. Wenn’s aber nun doch kein Neuanfang ist? Jedenfalls schmeckt mir diese Lücke so gar nicht, und nachtragen kann man ja leider auch nichts. Meine Neuruose schlägt Alarm, aber genug davon.

Heute möchte ich euch einen Anime vorstellen, der in puncto Witz und Charme unübertroffen ist. Die Rede ist von Golden Boy! Golden Boy lief damals, wie einige sich vllt. erinnern, auf MTV – als der Sender noch einigermaßen gut war- im Spätabendprogramm. Eigentlich habe ich Lumpfi mehr oder weniger befohlen, etwas über die Serie zu schreiben; doch wie das immer so schön bei ihm ist, wollte er zunächst alles recherchieren und bedenken (da kommt mir unvermittelt ein Zitat aus Nathan der Weise in den Sinn: Wer überlegt, der sucht Beweggründe, nicht zu dürfen). Solange kann und will ich nicht warten – darüber hinaus ist es ein gutes Thema (meine Ansichten zum Tierschutz möchte ich lieber später ausführlich auseinandersetzen). Aber fangen wir endlich an. Golden Boy ist (leider, leider) eine sehr kleine Animeserie, die sich nur über sechs Episoden erstreckt und dem gleichnamigen Manga zugrunde liegt. Sie handelt von dem 25-jährigen Kintaro Oe, der nach seinem Jurastudium durch Japan radelt, um von der sogennanten “Schule des Lebens” zu lernen. Er weiß, was er nicht will; was er jedoch will, versucht er herauszufinden, indem er sich in allerlei Berufen ausprobiert. Dummerweise hat Kintaro es allerdings nie einfach: in jeder Folge erliegt er nämlich der Schönheit einer Frau und er scheint absolut unfähig ob seiner erotischen Anfälligkeit, keine dämliche Figur vor derselben zu machen. Was ihm dafür umso besser gelingt, ist, die Damenwelt völlig zur Weißglut zu bringen und den Eindruck eines Widerlings bzw. einer Witzfigur zu erwecken. Doch da Golden Boy ein modernes Erwachsenenmärchen ist, wird am Ende natürlich alles gut. So stellt jede Frau zum Schluss, und leider zu spät, hingerissen fest, wie tugendhaft und klug Kintaro in Wahrheit ist.

Kintaro ist der womöglich sympathischste Antiheld der Anime-Welt. Auf der einen Seite ist er ein dauergeiler Lüstling, der keine Kosten und Mühen scheut, den Frauen nahe zu sein – verlangt z.B. keine Bezahlung für seine Arbeit – und deren köperlichen Reiz genaustens zu begutachten; auf der anderen ein herzensguter Mensch, der sich nicht nur hilsbereit zeigt sondern auch respektvoll und herrlich devot. Stets nimmt er den Damen gegenüber eine ehrgebietige Haltung ein; bekundet unter anderem, glücklich zu sein, wenn sie ihn bespucken oder – ich zitierte- auf ihn herumtrampeln wie auf einen alten Fußabtreter. Allerdings strebt er nie, obwohl er sich stets in sexuellen Fantasien ergeht, einen ernsthaften Annäherungversuch an. Dabei fehlt es ihm gewiss nicht an Mut. Vielmehr zieht er dergleichen nicht in Betracht, diese Idee kommt ihm schlicht nie. Weder flirtet er noch provoziert er Körperkontakt noch konfrontiert er die Frauen mit seinen Gefühlen. Stattdessen verhält er sich stets höflich, unterwürfig und pflichtbewusst – wenn er gerade mal keine schlechte Figur macht. Sein Blick auf die Frauen, sowie die Serie als solche, ist durchaus sexistisch und trotzdem kann man nicht an sich halten, laut loszulachen, ist doch Kintaro, der ehrliche Anti-Macho, so lächerlich theatralisch. Und letztlich ist nicht die leichtbekleidete Frau mit den riesigen Brüsten, sondern Kintaros ausgeprägter Hang zum Pathos das schillernde Schmuckstück der Serie – beispielsweise wenn er eine dramatische Kampfansage macht und seine Grimassen ins – Zitat- abstoßend Realistische umschlagen oder im geistigen Monolog die Qualen und Freuden beschreibt, welche die Reize der Frauen ihn ihm auslösen. Ich kann diese Serie nur wärmstens empfehlen und bin auch schon dabei, sie jedem aufzudrücken. Es lohnt sich wirklich, garantiert.

Meines Erachtens stellt übrigens die erste Episode alle weiteren in den Schatten.

Golden Boy kann man sich komplett auf Youtube ansehen.

Der Widerstand der Zinnen

Januar 31, 2012 - Eine Antwort

Bevor ihr den Artikel lest, wäre es zweckmäßig, das Video anzusehen.

Ich möchte in dieses Video kotzen wie in einen Eimer. Dummerweise geht’s nicht, weil digitalisiert. Also muss doch der Boden her. Ungerecht das. Denn der arme Boden kann ja nun beleibe nichts für diesen visuellen Auswurf. Bitte, versteht doch: es ist derart platt und Klischee-trächtig, dass das nicht mehr lustig ist. Wo fange ich an?  Arbeiten wir uns vor, von außen nach… außen – dieses Video entbehrt ja schließlich eines Innenlebens, einer Seele. Da sieht man ein offenbar spartanisch und mithin chic eingerichtetes Zimmerchen – aber ach, es ist nicht mal diese ultra künstlerische Bauhaus-Jugendstil-Melange, die sich bei allen 0815-Ästheten großer Beliebtheit erfreut, sondern Ikea, zonk! Alles perfekt chic: das Licht, die Sättigung der Töne und natürlich – ein ganz großes natürlich sogar – der Schleier. Im Hintergrund jault ein ach so verruchtes Gittarrengedudel, das die armselige Szenerie gleichsam zelebriert. Nun, Gitarre ist das Stichtwort, denn es geht ja um die Klampfe – und wie sollte es anders sein, Fender freilich -, die das Symbol schlechthin für Sex ist. Dann kommt so eine Ische rein, Kaliber Vanity Fair-Model. Sie trägt das, was mit der im Zimmer befindlichen, konstruierten Farbgebung, die geistloser nicht sein könnte, vollkommen harmoniert. Ein langes Schlabberhemd, weiß-grau gestreift, und einen schwarzen Slip. Es ist klar, dass das Weib lange Haare hat, die sie in den folgenden Einstellungen versiert zu schwingen und anzutatschen versteht. Und ja freilich, sie hat volle, sinnliche Lippen sowie eine perfekte Figur. Alles in allem unheimlich öde angesichts der zahlreichen aneinander gereihten Stereotypen. So erstmal die Optik der Szenerie.
Jetzt strebt sie auf die Klampfe zu, indes sie dauernd an ihr Schlabberoberteil ganz – soll das sexy sein? – zuppelt. Sie legt die Fender aufs Bett und setzt sich rittlings drauf. Sodann reitet sie dieselbe und man fragt sich, was zum Bemmel macht die Alte da mit der Gitarre? Was sollen die chicen Möbel, was soll der chice Weißschleier und das chice gesichtslose “Sexssymbol”, das – ja, was macht es denn eigentlich? – offenbar die Gitarre fürs Masturbieren zweckentfremdet? Und dann ist alles weiß, dieses typische Weiß und dieses typische Licht, diese typische Ausstattung, diese typische Musik, diese typischen Schnitte, diese typische Abbildung, was vermeintlich erotisch und sexy ist. Und die Leute finden das auch alle ganz gut gemacht, erotisch und sexy und sie schreien jucheeeeeee, stöhnen oder gröhlen. Warum wohl? Weil man sich einfach der plattesten, einfallslosesten, aber immerhin wirksamen, Mittel der Ästhetik bedient hat. Das Thema ist Erotik und Wollust und es wurde mit banalen Männerträumen und ästhetischen Stereotypen beantwortet – und wir wissen, Stereotypen funktionieren prinzipiell, solange der Konsument geschmacklos ist; das kommt einer Abbildung Rosamunde Pilchers zum Thema Liebe gleich. Und dergleichen soll dann der Maßstab sein: eine abgenutzte, triviale, weltfremde Darstellung von Wollust und Schönheit. Erotik ist stets künstlerisch, sie sieht allein dann gut aus, wenn sie inszeniert wurde. Aber denkt denn jemand ernsthaft, er mute “sexy” an, wenn er hemmungslos sein Geschlecht kitzelt oder sich beim Sex ganz ungeniert auslebt? Is’ bei mir jedenfalls nicht der Fall.
Ich habe gestern eine Faustregel aufgestellt, die recht zutreffend sein dürfte: Ein Werk ist nichts Besonderes oder gar schlecht, sobald man erahnen kann, wie der Kunstler, der dahinter steht, aussieht. Ich sehe hinter dem Video einen Kerl, der bestens gekleidet ist, nicht zu durchgestylt aber stilsicher, die passenden Accessoires trägt sowie einen Dreitagebart und – womöglich noch – eine Nerdbrille. Er wohnt in einem Loft oder in einem Penthaus, sofern er sich dergleichen bereits leisten kann, reist in die angesagtesten Städte wie New York – und dann auch nur Manhatten -, Paris, London oder Rom, um daselbst irgendwelchen hippen Veranstaltungen beizuwohnen und vorwiegend im Epizentrum des Tourismus und der Sehenswürdigkeiten zu verweilen, statt sich mit Ort und Kultur ernsthaft auseinanderzusetzen. Er liest womöglich Nick Hornby und andere moderne Geschichten und behauptet infolgedessen, sich für Literatur zu interessieren. So oder so ähnlich.
Ich meinerseits bin schlicht angewidert und traurig ergriffen, wie viele Leute darauf anspringen. Es wird keine Schönheit und Erortik abgebildet, sondern lediglich die Illusion dessen.

Schön ist etwas anderes, nämlich der Anfang von Lars von Triers Melancholia. Ein ganz sagenhafter Film, zuletzt habe ich viele Leute davon sprechen hören und gestern sogar eine Empfehlung meiner Mitbewoherin erhalten. Und, wow, unglaublich, einfach scheiße wundervoll. Wenn ein Film bereits so anfängt, wie im Video zu sehen, kann er nicht mehr schlecht sein, nie und nimmer. Allein der überwältigende Tristan-Akkord, der den ganzen Film gewissermaßen trägt, zerreißt einem das Herz. Kirsten Dunst brilliert übrigens in ihrer Rolle, eine mitreißende darstellerische Leistung. Ursprünglich war ja Penelope Cruz für die Rolle der Justine vorgesehen, aber ich bin froh, dass es doch die Dunst geworden ist.
Natürlich komm’ ich nicht umhin, den Eklat um Lars von Trier bei den Filmfestspielen von Cannes anzusprechen. Keine Frage, der Trier hat etwas sehr Blödes gesagt, doch kommt mir mal wieder das Kotzen, wenn nur ich einen Blick auf die Reaktionen werfe. Also bitte, bleibt doch alle mal auf dem Teppich, ihr gnadenlosen, widerlichen, bigotten Gutmenschen! Was soll man z.B. zu einem Franc Tausch noch sagen, der in seiner Video-Review  saublöde Bemerkungen wie diese (siehe unten) gleichsam ausdünstet:

Ganz ehrlich, ich halte Lars von Trier für einen guten und sehr interessanten Filmemacher, rein menschlich, nach seinen hinreichend publizierten, mmmmmmhmmmm, geistigen Verdauungsstörungen in Cannes jedoch für einen profilneurotischen Vollidioten. Das scheint er ähnlich zu sehen, denn, äh, er hat gestern bekannt gegeben, wegen besagter Hilter(-Rest versteh ich nicht), nie wieder Interviews zu geben, denn anscheinend traut er seinen eigenen Gedankengängen selbst nicht mehr so ganz. Ich wollte den Film seinetwegen nicht mögen, doch dann

Geht’s noch?!!! Sich vorzunehmen, ein Werk a priori scheiße zu finden, weil man den betreffenden Künstler nicht mag, ist schlicht minderbemittelt und armselig. Dann ist der Künstler halt ein Idiot, was allerdings hat das mit der Qualität des Erzeugnisses per se zu tun? Soll man ihn meinetwegen scheiße finden, wie man will, aber bitte, lehnt wegen einer x-beliebigen persönlichen Aversion das Schaffen nicht ab, wenn ihr es noch nicht einmal kennt. Diffrenzieren, sich abgrenzen… ja, das ist offenbar eine Tugend, eine Tugend, die allem Anschein nach nur demjenigen vorbehalten ist, der über den Tellerand zu blicken imstande und nicht der unlauteren politicial correctness anheim gefallen ist. Das wäre die eine Sache. Die andere, die mich regelrecht aggressiv macht, ist die, wie schnell man offenbar in die Verlegenheit kommt, den ersten Stein zu werfen. Die Bibel, das bestgeschriebenste Buch aller Zeiten, hat ihre guten Zitate: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Haben wir nicht alle mal etwas ganz Blödes gesagt, etwas Verletztendes, etwas Schmähliches? Haben wir nicht alle mal einen bescheuerten Holocaust-/Nazi-Witz gemacht oder uns selbst als Nazi bezeichnet? Wenn sich keiner schuldig bekennen will, dann tue ich es. Ja, ich habe – und das nicht nur einmal – gesagt, ich sei ein Nazi. Ja, ich habe ganz üble Holocaust-Witze gemacht – und es ist nicht unwahrscheinlich, dass mir solche auch in Zukunft hin und wieder entschlüpfen werden (und dabei ist es kein Geheimnis, dass mich die Shoa ungemein bewegt, siehe meine Blogartikel). Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich sogar schon  weitaus schlimmere Sachen geäußert und getan. Lars von Triers Fehler bestand lediglich darin, dass ihm diese Blödelei öffentlich rausgerutscht ist. Und ja, es war schrecklich dumm. Aber mein Gott, ihn gleich als Menschen durch und durch schlecht zu reden und zu verurteilen wegen einer Bemerkung, wie es der unreflektierte Franc Tausch zu tun pflegt, ist schlicht ein Armutszeugnis erster Güte.

Zuletzt möchte ich noch mitteilen, dass mir heute doch das geschehen ist, wovor ich mich so gefürchtet habe. Die letzte Hoffnung und Aussicht ist versiegt. Ich habe heute bei der UdK angerufen und mir sagen lassen: Die, die weiter sind, haben ihre Zusagen bereits erhalten und wenn Sie (also ich) noch auf Antwort warten, ist es wahrscheinlich, dass Sie abgelehnt wurden.
Ich war am Boden zerstört und bin es immer noch. Der Boden ist auch zerstört. Es hing für mich einfach alles dran… wer die Umstände und meine Voraussetzungen kennt, weiß, wie beschissen es jetzt für mich aussieht. Ich rief meine Schwester völlig verheult an, kaum sprechen könnend, und teilte ihr das mit. Danach sagte ich bei der Arbeit ab.

Ende

Der öde Nachgeschmack von Gülle.

Januar 25, 2012 - Eine Antwort

Womöglich ist das ja alles nicht so wichtig. Ich sehe mir Höhenbergsteigen an. Und diese Leute, ihr werdet es sehen, ich hab’s eingebettet, stehen buchstäblich über den Wolken und keuchen sich die Lunge aus dem Leib. Meine Gedanken sind momentan zusammenhangslos. Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal, ob sie, ich meine die Gedanken, tatsächlich zusammenhanslos sind, oder nicht doch eher meine Bedürfnisse. Ich wünscht mir gerade eine Erkenntnis und mache darum keine. Dostojewskijs Böse Geister liegen hier so rum, dabei sage ich mir doch immer wenn nicht fünfzig dann wenigstens zwanzig, komm schon. Ich würde gerne über den Wolken stehen aber ich will nicht abheben und größenwahnsinnig in so einem Augenblick sein. Das ist eine sehr große Sehnsucht, einen Giganten zu besteigen. Der so groß ist, das man selbst gar nicht auffällt, Nichts ist, der dich verzehren kann, so richtig aufessen. Mich fesselt das einfach, dieses Übermächtige, das Überragende, und alles davon ist hunderttausend Mal größer als man selbst. Und es bewirkt schlicht beispiellose Ehrfurcht. Was ich damit sagen will. Ich glaub’, heute will ich gar nichts sagen.

Ich glaub’, ich bin zu alt….

Bei Ihnen ist es schmutzig. Sie wird für Reinlichkeit sorgen, für Ordnung, und alles wird spiegelblank sein! – eine Mail an Tante Erkner.

Januar 18, 2012 - Schreibe eine Antwort

Neulich stellte ich ein Zitat online. Von Hannah Arendt. Weil ich mich verlesen hatte.

Das den Nürnberger Prozessen zugrunde liegende Londoner Statut hat […] die »Verbrechen gegen die Menschheit« als »unmenschliche Handlungen« definiert, woraus dann in der deutschen Übersetzung die bekannten »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« geworden sind – als hätten es die Nazis lediglich an »Menschlichkeit« fehlen lassen, als sie Millionen in die Gaskammern schickten, wahrhaftig das Understatement des Jahrhunderts.

Ich habe das “lediglich” vor “an Menschlichkeit fehlen lassen” übersehen. Mithin dachte ich, wow, wie großartig. Als ich dieses “lediglich” aber beim abermaligen Lesen entdeckte, war ich ziemlich ernüchtert. Frau Arendt, das kann doch nicht Ihr ernst sein…
Den Nazis fehlte es nicht an Menschlichkeit sondern an Unmenschlichkeit. Hannah Arendt. Sie hat natürlich recht.
Dass die Übersetzung fehlerhaft ist.
Es waren Verbrechen gegen die Menschheit, jedoch keine gegen die Menschlichkeit. Nein. Der Menschlichkeit würde viel mehr Genüge getan.
Die Shoah war eine Zeit der Wahrheit.
Infolgessen eine schreckliche Zeit.
Die Menschlichkeit bestand eben in der Vernichtung, in all den Dingen, die wir lasterhaft heißen.
Menschlichkeit hat doch nichts mit Mitgefühl, Selbstaufgabe, Philanthropie, Sittsamkeit gemein… diese Regungen sind nicht menschlich, also nicht naturgegeben, sondern anerzogen, um die Welt bzw. den Mensch zu erhalten.
Darum sind Kinder ja so herrlich unmenschlich.
Das geht ihnen aber schnell ab. Wissen wir ja.
Genauso wie ihre Physis an einem Entwicklungsprozess gebunden ist, ist es ihre natürlich wahre Menschlichkeit/Lasterhaftigkeit auch.
Heißt: Kommt früher oder später alles noch. Eher früher als später.
Und dann, wenn es darauf ankommt, wird ein jeder von uns abschlachten oder das Abschlachten mit einem Einverständnis billigen.
Wenn’s alle machen, hört es schließlich auf, ein Verbrechen zu sein. Aber Verbrechen hin oder her. Es ist im Grunde einerlei. Die innere Notwendigkeit ruft. Dann ist alles egal. Und dann zeigt die holde Menschlichkeit ihre wahre Fratze. Eine deformierte Ekelfresse, vor der alle wegrennen würden, wenn sie dieselbe bei Tageslicht sähen. Zumal soviel gebündelte Wahrheit niemand aushält.
Dieses Unsägliche, das Menschliche, das ist uns allen zu eigen. Hänge ich mich zu weit aus dem Fenster raus?
Bitte ein Blick in die Geschichte.
Auschwitz geschiet immer wieder, wenn auch in kleineren Dimensionen. Auschwitz ist nichts Einmaliges. Auschwitz ist beständig. Es gibt viele, die sagen: Hätte mich nie angeschlossen, hätte die Nazis bekämpft.
Und wenn man entgegnet, man könne soetwas nie wissen, kriegt man was zu hören.
Ich hätte die Vernichtung bestimmt gebilligt. Oder mich sogar aktiv an ihr beteiligt.
Es ist schlicht unglaublich. Ein Mann/Eine Frau entscheidet, Soldaten irgendwo hinzuschicken. Der/Die ordnet also an, zu töten. Und ich denke nur Hallo?! mein Gott, was IST nur mit euch los?!!!!
Das ist Menschlichkeit.
Ich kann Menschen sehr schwer ertragen momentan. Ich sehe in ihnen all das menschliche Potenzial, den Vernichtungswillen.
Dann möchte ich mich erbrechen.
Ich mag keine Menschen. Aufrichtig das. Sie machen mich so unsagbar traurig.
Wenn ich unmenschlichen Menschen begegne, bin ich gerührt. Und bereit, sie zu mögen.
Es zieht mich in die Verlassenheit der großen Gebirgsketten. Himalaya. Karakorum. Hindukusch. Karakorum.
Ich sollte auch mal Vögel musizieren hören.
Wirklich schön das.
Und was ist folglich die Schlussfolgerung in meinem Buch. Fröne allen Lastern, so lange du einen Nutzen daraus schöpfen kannst. Und das meine ich ernst. So ernst wie die Primäraussage: lebe, dann bist du im Himmel.
Sei nicht moralisch. Moralisten richten das größte Unheil an.
Seit jeher.
Verzichte auf Werturteile. Auf Gut und Böse.
In solchen Dimensionen denkt die Schöpferin nicht. Die Natur.
Bejahe, statt zu verneinen.
Ich finde meine Sprache nicht. Das sagte ich einer Größe.
In aller Ausführlichkeit. Und ich forderte sie auf. Helfen soll sie mir.
Ich verschlage mir selbst die Sprache.
Meine Sätze sind Collagen. Ausgeschnitten und zurechtgelegt.
Dann frage ich die Sprachkoryphäe die Größe. Und die Größe antwortet, es sei sinnvoll, auf Satzzeichen zu verzichten, wenn das Gesagte eine Enheit bilde. Riesenwörter seien unerträglich zu lesen und bewirken Müdigkeit. Man müsse sich mal meinen Textkorpus angucken. Und dann merke ich: Ich habe Sprache nicht verstanden.
Ich habe das völlig anders eingeschätzt. Ich traue mich nicht, der Sprachkoryphäe das zu zeigen. Meine Sprachcollage. Das Höllenbuch. Weil Kyrophäe, entlarvt sie mich ohne Mühe. Da gibt’s nichts vorzumachen. Dann bin ich so furchtbar eingeschüchtert. Und ich habe kein Selbstvertrauen mehr.
Die anderen lassen sich bestimmt zum Narren halten. Und ich höre ja auch hie und da o, wie toll!!
Aber die wissen es ja nicht besser. Weil sie die Sprache auch nicht kennen. Und wenn sie die Sprache nicht kennen, erkennen sie auch kein Schlitzohr.
Letztlich steht die Größe für all jene, die ich in erster Linie begeistern will.
Die Koryphäen. Leute, die die Maßstäbe kennen. Das elitäre Pack.
Sie können dich in den Himmel heben. Aber auch zu Grunde richten.
Sie machen mich traurig. Aber von Traurigkeit wollen sie nichts wissen. Denn sie sind darüber erhaben. Traurigkeit nervt und sie sagen o Gott o Gott, nee. Sie sind so erhaben, dass sie sich nicht hängen lassen. Wer beständig bedauert und trauert, ist untragbar.

Ich glaube, wenn mein Höllenbuch irgendwann mal fertig werden sollte, wirst du die erste sein, die es liest. Und ich binde dir das Manuskript mit Leim. Du wirst dich wenigstens freuen.

Ich würde meine Arbeit mögen. Wenn es da nicht meine Vorgesetzten/Kollegen gäbe. Zwei sind ganz toll. Lustigerweise sind sie studiert. Der eine ein Diplom in Politikwissenschaften, der andere bewandert in Soziologie und Philosophie.
Gerne würde ich die Fragen stellen, warum sie denn in einem Kopierladen festangestellt sind.
Je kleiner der Verstand meiner Kollogen ist, desto harscher, unfreundlicher, unbelastbarer sind sie. Und mit ihnen komme ich nicht zurecht, sie machen mich völlig unsicher.
Verängstigen mich gar.
Gestern hat mir der Politikwissenschaftler gezeigt, wie man eine Leimbindung anfertigt. Ich habe mich sehr gefreut, das endlich mal zu lernen.
Bindungen zu machen, bereitet ein gewisses Vergnügen.
Häufig sehe ich mir beim Anfertigen einer Ringbindung das Material an. Wenn es mich interessiert und der Laden halbwegs leer ist, spreche ich den Kunden unverzüglich darauf an. Und dann verliere ich mich in Gesprächen.
Das schöne am Binden ist das Anfertigen und das Bündeln. Man bündelt Informationen, man bündelt Fragmente der Kunst, man bündelt eine Partitur. Und weiter. Man bündelt nicht nur, man bündelt schön.
Ich mag auch kassieren. Den Vorgang des Eintippens.
Leimbindungen sind für mich die schönsten Bindungen. Ich muss diese auch anfertigen können. Sonst kriege ich nur wieder Anschiss. Aber ich freue mich auch. Nunmehr in der Lage zu sein, etwas mit Leim zu bündeln. Vorher waren es nur Ringe aus Plastik und Metall. Gestern machte ich nur ein Probestück. Doch vllt. kommen bald Dissertationen, Masterarbeiten etc.

Tut mir Leid, dass ich dir soviel Unsinniges geschrieben habe.
Bitte fühle dich nicht genötigt, zu antworten.
Mir war nur grad danach.
Fühl dich gedrückt. Ganz feste.

Eine Mail an meine allerliebste Tante Erkner. Ich dachte, der Inhalt passt ganz gut hierher. Namen habe ich enfernt und mit bezeichnenden Begriffen ersetzt.

Ich esse Bücher doch gar nicht zum Frühstück, du Gesichtsmogli!

Dezember 30, 2011 - 2 Antworten

Erinnern wir uns, dass ich Ende letzten Jahres alle Bücher kurz und knapp rezensiert hatte, die ich 2010 gelesen.  Unabhängig davon, ob gelesen oder nicht, dürfte es kein Geheimnis sein, dass ich die schlechteste Rezensentin der Welt bin. Meine einfallslose Phrase schlechthin: treffende Passagen! Ich kann mich halt einfach nicht gut ausdrücken. Ich hab’ im Grunde eine konkrete Meinung, ein Gefühl, kann es aber nicht mit Worten präzisieren und greifbar machen. Womöglich sollte ich das Schreiben aufgeben? Natürlich sollte ich das, allerdings bin ich doch stur ohnegleichen.  Und dennoch, ich finde es nach wie vor ganz schön, daraus eine Tradition zu machen, d.h. am Ende des Jahres ein kurzes Statement zu jenen Büchern abzugeben, die ich mir zu Gemüte geführt habe. Dieses Jahr sind es noch weniger als 201o, doch es sei mir angesichts der zahlreichen Entwicklungen, die stattgefunden haben, Resignationserscheinungen und Pflichten verziehen – Natürlich bin ich mir wohl darüber im Klaren, dass mein eigentliches Bestreben darin liegt, meine Leseträgheit vor mir selbst zu rechtfertigen. Aber ich will dieses Mal nicht so lange rumlabern. Fangen wir an.

Lew Nikolajewitsch TolstoiAuferstehung

Und schon wieder begann mein Jahr mit einem Russen. Einen Großteil hatte ich in Bremen durchgelesen, wo ich zwei Wochen bei meiner Schwester verweilte. Mit einer üblen Magen-Darm-Grippe kehrte ich in die Heimat zurück, um am nächsten Tag mit Fieber, Blasenentzündung, Übelkeit und Dünschiss nach Weißensee zu fahren. Der Tag war trotzdem schön – Winke, Winke Rokoko. Offengestanden sind meine Erinnerungen an Auferstehung recht vage. Es zieht sich ganz schön, ist nicht todlangweilig aber auch kein ultra Entertainment. Auf Facebook hieß ich es rührselig, weil ja mit nahezu kindlicher Unschuld um Humanität und Selbstaufgabe gefleht wird. Was mich an Tolstoi allerdings anstinkt, ist dieses penetrante christliche Gedöns – teils vertritt der vermeintliche Philanthrop sehr krasse und fragwürdige Ansichten. Und eben darum vermag er Dostojewski nicht das Wasser zu reichen. Einerlei.

Mario Vargas LlosaDie Geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoberto

Eins vorweg: vorher bitte Lob der Stiefmutter lesen, ehe sich den geheimen Aufzeichnungen zugewandt wird – ist nämlich der Vorgänger. Allerdings funktioniert der Nachfolger als eigenständiges Werk völlig und ist überdies auch wesentlich umfangreicher. Das Buch kam eher zufällig. Am 23.12.2010 kaufte ich mit meiner Schwester Weihnachtsgeschenke ein. Wir verirrten uns irgendwie in die Wohltat-Buchhandlung und da sah ich schließlich beim Stöbern dieses Buch mit dem gottgleichen Titel, Das Fest des Ziegenbocks, an dem ein fetter signalroter Sticker Nobelpreis für Literatur 2010 haftete. Nobelpreis klingt immer gut, zumal ich ihn selbst einmal verliehen bekommen möchte. Der Titel allein lockte mich zum Kauf, gleichwohl weigerte ich mich notgedrungen ob meiner damaligen Armut, mehr als zehn Euro für ein Buch zu bezahlen – das Hadern dauerte weitaus länger, als die knappen Zeilen erahnen lassen. Zu den Aufzeichnungen per se: Schön! Keine fünf aber immerhin vier Sterne. Llosa hat generell einen vortrefflichen Humor, zumindest was seine (Tragik)Komödien anbelangen. Der Aufbau ist so interessant wie unterhaltsam. Bei Wunderlich könnt ihr nachlesen, ich muss das ja nicht wortwörtlich wiedergeben.

Lewis CarrollAlice im Wunderland

Den Disney-Film finde ich besser. Mehr fällt mir auch nicht ein.

José SaramagoDie Stadt der Blinden

Wie ich im Jahresüberblick 2o10 anlässlich Das Evengelium nach Jesus Christus groß getönt habe, bin ich ja Saramago wegen seiner Stilistik und seines Humors verfallen. Die Stadt der Blinden soll wahrscheinlich eher ernst sein, zumindest nehmen es viele ernst, ich jedoch nicht. Die Geschichte muss nicht erklärt werden, zumal ich’s auch verlinkt habe. Sprachlich hat mir Das Evangelium nach Jesus Christus besser gefallen, weil die Formulierungen gemäß der beschriebenen Zeit gehobener und anmutiger waren – liegt also nicht zwingend an der Übersetzung (nehme ich an), sondern an der Anpassung an die Erzählung. Die Figuren sind namenlos und werden lediglich Die Frau des ersten Blinden, Mädchen mit der dunklen Brille, Frau des ArztesMann mit Augenklappe usw. geheißen. Da packt der großartige Saramago auch gleich die Gelegenheit beim Schopfe und bettet das bisweilen humoristisch ein. Wer wissen will, inwiefern, soll es doch lesen, ich bin zu faul, das jetzt darzuelegen. Immer wieder amüsant sind übrigens die freimütigen Bekenntnisse des Erzählers zu Wissenslücken  – diese treffende Formulierung ist nicht von mir-, welche für Saramagos Werke charakteristisch sind und dieselben mithin lesenswert machen.

Friedrich NietzscheDer Antichrist

Großartig, verdammt. Nietzsche ist mein größter Einfluss. Ich könnte das ganze Werk zitieren. Relativ leicht geschrieben und voller Offenbarungen. Das einzige, worüber sich m. E. vllt. streiten lässt, ist seine verwegene Polemik. Zu Weihnachten habe ich mir dann auch gleich Jenseits von Gut und Böse gewünscht und bekommen – vom Weihnachtsmann, hab’ ihn jedoch verpasst, was ‘n Zonk! Und noch einmal, wenngleich es mittlerweile allen zum Halse raushängen dürfte: Nietzsches Atheismus geht nicht daraus hervor, dass er keinen Gott in der Welt wiederfindet, sondern aus der Henkersphilosophie und Sklavenmoral der großen Weltreligionen – vom Buddhismus abgesehen, der vergleichsweise gut wegkommt.

Stefan ZweigVerwirrung der Gefühle

Mein Bruder hat mir vor zwei Jahren einen Büchergutschein im Wert von 10 Euro geschenkt. Als ich denselben einlösen wollte, fand ich ihn nicht mehr und er war über Monate lang verschollen. Irgendwann entdeckte ich ihn aber wider Erwarten in meinem Zimmer oder sonst wo und dackelte nach meinem erfreulichen Fund natürlich gleich zur Bücherei. Wegen meiner Unaufmerksamkeit ist mir nicht aufgefallen, dass ich keinen Roman sondern einen Erzählband abgegriffen hatte. Dementsprechend angekotzt war ich, als ich dessen schließlich gewahr wurde. Allerdings sollte sich mein Missmut als beknackt entpuppen. Eine Sprache, die einen geifern lässt, unglaublich. Obwohl ich nichts von fatalistischen Äußerungen halte, aber: der Mann wurde geboren, um zu schreiben. Seine Stilistik lebt von einer anmutigen, schöpferischen Sprachpräzision, die ihresgleichen noch sucht.

VoltaireCandide oder der Optimismus

Kurzweilige, durchaus amüsante Novelle, die Leibniz Theorie Die beste aller möglichen Welten durch den Kakao zieht und fernerhin Kritik am damaligen Zeigeist übt. “Optimismus? Was ist das?“, ” Ach, das ist die Sucht, alles wunderschön zu finden, wenn es einem hunsmiserabel geht!

Franz KafkaDer Process

Mir ist immer noch schleierhaft, warum alle so derbe auf Kafka abfahren. Ich komm’ an ihn einfach nicht ran. Vor drei Jahren habe ich mich an dem Buch erstmalig versucht und bin rasch gescheitert. Ich schob es darauf, dass bei den wörtlichen Reden keine Absätze bestehen und bestellte mir infolgedessen die Ausgabe des Suhrkamp Verlags, in der Hoffnung, es sei dort anders gegliedert. Tja, rausgeschmissenes Geld, thaha. In Wirklichkeit lag es womöglich einfach an meinem sprachlichen/intellektuellen Niveau. Ich kann mich an das Buch kaum erinnern. Schon im Juni, als ich dasselbe zu Ende gelesen hatte, hab ich kaum etwas darüber geschrieben. Ich find’s nicht schlecht, aber noch ein Buch von Kafka muss in nächster Zeit nicht sein.

Hermann HesseDas Glasperlenspiel

Uuuppff! was habe ich mich damit abgemüht. Ganz am Anfang dachte ich, wow, wie toll, wenn das jetzt so weitergeht, wird das dein Hesse-Favorit schlechtin. Weit gefehlt, es ist vielmehr ins Gegenteil umgeschlagen. Mal ganz abgesehen davon, dass es völlig hölzern, referatähnlich geschrieben ist, zerrt die beständige Anämie dieses Romans total an den Nerven. Natürlich ist das alles beabsichtig, jedoch war’s für mich kaum auszuhalten. Allein die drei Lebensläufe am Ende haben mir wenigstens sprachlich zugesagt – inhaltlich wiederum nicht. Wie durch ein Wunder habe ich weniger als drei Wochen dran gesessen.

Blaise CendrarsMoravagine. Der Moloch

Erinnern wir uns, wie ich einstmals im Juli mit meiner Moravagine-Errungenschaft geprahlt hatte. Es war anders als erwartet, aber gut. Die Sprache hat mir sehr gefallen. Hätte mir nur mehr Moloch als Abenteuerroman gewünscht – auf letzteres steh’ ich nicht so. Den Mann behalte ich gleichwohl im Auge, die Sprache, wie gesagt…

Mario Vargas Llosa – Tante Julia und der Kunstschreiber

Ein wenig langatmig fand ich es insgesamt schon, dafür wurde ich allerdings mit herzhaftem Lachen entschädigt. Wie gesagt: Llosa hat einen ganz fantastischen Humor, seine Komödien sind wirklich großartig. Bereits die Inhaltsangabe verheißt großes Amüsement.

Max FrischStiller

Ich bin nicht Stiller! So, dass musste natürlich sein. Seinerzeit, vor etwa drei Jahren, angefangen und nach einem Drittel abgebrochen. Vor zwei Monaten nahm ich einen neuen Anlauf und fand’s grandios. Inhalt und Sprache top!

Milan KunderaDas Buch der lächerlichen Liebe

Ein Erzählband, das auf unterschiedlichste Weise die Liebe ironisch/tragisch-komisch thematisisert. Lesenwert sowieso, da Kundera das verfasst hat.  Wie immer brilliert er mit psychologischem Weitblick.

Thomas MannSchwere Stunde

Für einen angehenden Schriftsteller ist Schwere Stunde selbstverständlich besonders lesenswert, da die Schreibkrise Schillers, als er Wallenstein verfasst hat, ganz großartig und greifbar beschrieben wird. Identifikationsfreiräume sind schon was Feines und werten alles auf, einerlei, wie schlecht das Werk beschaffen ist.

Thomas Mann – Der Tod in Venedig

Ich kopiere einfach mal meine Facebook-Rezi rein: Lies Thomas Mann und dann weißte, wie’s anmutet, wenn jemand mit Sprache umzugehen versteht. Ist erstmal überwältigend, ähnliche – nicht die gleiche!- dichterische (!) Präzision wie man sie mitunter auch bei Zweig findet. Darüber hinaus imponierender psychologischer Weitblick! Hab’s mal wieder prokrastiniert, die guten Stellen zu markieren und finde sie jetzt nicht mehr – Zonk! Zur Novelle: Die formschöne Sprache hat über die stinklangweilige Dramaturgie hinweggeholfen, zumindest hin und wieder mal.

David WagnerEndivien

Ist ein Nachtrag (hab’ das nämlich bei meiner Rezension ausgelassen, weil vergessen). Ein Automatenbuch (bzw. Heftchen – Diminutiv olé!) des Sukultur-Verlags, das sich meine Schwester, weißt Gott, wann, irgendwo mal in Berlin gezogen hat. Gelesen hat sie es, glaube ich, nie. Irgendwann ging meine Tasche kaputt und ich fragte Sarah, ob sie denn eine für mich hätte. Sie schickte mir einen Rucksack, den ich schon immer ganz toll fand. Daselbst befand sich das kleine Heftchen mit einer Botschaft – ein paar ermunternde Worte, weil ich ja dauernd in einem Tief bin.  Als ich dann die Feiertage schließlich nach Bremen zu meiner Schwester fuhr, las ich Endivien im Zug schnell durch. Ist okay, für die Zugfahrt reicht’s allemal.

Elfriede JelinekDie Klavierspielerin

Mein letztes Buch in diesem Jahr. Bei der guten Frau muss ich jetzt allerdings aufpassen, nicht total in Reflexionen zu versinken. Es heißt ja, die Jelinek sei ja ach so provokant und weiß der Geier, und au weia, wie anstößig und zänkisch doch erst Die Klavierspielerin ist! Ich bin immer wieder erstaunt, dass Provokation heutzutage noch möglich ist, zumal diejenigen, dich sich provoziert fühlen, mir komisch, abstrakt erscheinen. Provokation? Tut mir Leid, die ist offenbar völlig an mir vorbeigegangen. Ich nehme an, es geht da um diesen Mann-Weib-Konflikt/Rollenbilder… ach was weiß ich, warum sich die bekloppten Feuilletonisten wieder ins Hemd scheißen! Ich glaub’, nein, ich unterstelle der Jelinek, dass sie eine Feministin ist – hat nicht mal zwingend was mit der Geschichte zu tun, einfach so. Ich hab’ nichts gegen Feminismus, es ist wohl sogar ganz gut, dass er existiert. Ich bin nur leider so gar kein Herdentier – Herdentier konnotiere ich ausnahmsweise mal nicht negativ -, und Feminismus, Maskulinismus oder was auch immer bedingen die Herde, weil sie politisch sind. Herden sind gut, irgendwer muss ja die Welt erhalten, und Feministinnen tun das auf ihre Weise, nämlich indem sie gegen die Windmühlen des Nach-zweierlei-Maß-messen kämpfen. Unglücklicherweise ist mir das Talent, Dinge zu erhalten, nicht zu eigen. Ferner bin ich auch total unpolitisch, weil egozentrisch. Und toll, ich bin mal wieder total abgedriftet. Komm’ ich endlich zum Buch: Tausend mal schon darauf gestoßen, tausend mal davor geflüchtet, weil soviele sagten, es sei so schwierig zu lesen, ja, unlesbar! Was sollte ich anderes denken als, das verstehste eh nich. Meine abermalige Lehre, aus der ich nie lerne: Man sollte nicht auf andere hören, sonst entgeht einem etwas.  Jelinek erzählt ihre Geschichte unheimlich aggressiv, sie verspottet ihre Figuren ohne Unterlass; und man merkt, was sie da aus ihrem Geist hervorgeholt hat, findet sie derart zum Kotzen, dass eine Überdosis bitterer Humor vonnöten ist, um die Übelkeit irgendwie auszuhalten – genau das kam bei mir rüber. Die bildhafte Sprache ist imponierend, z.B.  wenn ich an die Redensarten- und wendungen denke, die genial eingebettet und so treffend und teils originell in die Beschreibungen eingeflochten sind, dass man sich einfach nur darin wiederfinden kann. Bei keinem Buch war mir bereits nach knapp einem Drittel klar, dass es einen Platz in meiner Favoritenliste findet – bis jetzt. Das ist insofern bemekenswert, als man bedenkt, dass ich den Schluss relativ scheiße fand. Die Entwicklung der Figuren wird mir am Ende allzu abstrakt, es artet in eine groteske Komödie aus.

Das war’s. Guten Rutsch!

Fratzenfasching is immer visuell, alter…

Dezember 12, 2011 - 2 Antworten

Nach fast einem Jahr habe ich mich endlich wieder dazu durchringen können, einen neuen Song zu visualisieren. Und – ganz schwer – ratet mal, wer neuerdings dafür her hielt: richtig, Pogo natürlich. Dazu kann man aber auch einfach toll schneiden. Bis zum Endergebnis war es eine Tortur ohnegleichen. Umso euphorischer bin ich, dass es wider erwarten doch geklappt hat. Seht hin und mögt es.

 

“Fahr’ mich in die nächste Stadt und zwar plötzlich, du abgenudelter Hurenbock!”

November 29, 2011 - Eine Antwort

Ich finde die Art und Weise, mit der man die Neo-Nazi-Hohlbirnen zu bekämpfen versucht, total unzweckmäßig und infolgdessen leicht… ich spreche es mal lieber nicht aus. Zuletzt gab es einen großen Aufmarsch – man höre und staune – in meiner Heimatstadt, Neuruppin. Das erste und letzte Mal, als ich an einer Anti-Nazi-Demo teilnahm, war mit elf Jahren. Ich weiß noch, dass ich nach der Demonstration mit zwei Freundinnen in einen Mobilfunkladen ging, um ein paar Dotwins mitzunehmen. Kennt ihr die noch? Die Dotwins? Das waren kleine kreisförmige Pappviecher, die man oben rechts – wahlweise oben links – auf den Bildschirm kleben musste, wann immer ein entsprechendes Symbol angezeigt wurde. Es handelte sich also um ein Gewinnspiel, bei dem man angeblich 100 000 DM gewinnen konnte. Ich hatte bedauerlicherweise nie das Vergnügen, mich an derlei Gewinnen zu ergötzen, da ich meine Dotwins nie weggeschickt habe – thaha. Aber kommen wir wieder zu dieser Nazi-Demo-Geschichte zurück. Na ja… hinsichtlich des Fest der Super-Linken-Freunde, das vor knapp elf Jahren mal stattgefunden hat, habe ich eine bestimmte Szene/Äußerung bis heute nicht vergessen: Die Leute hörten zu marschieren auf und ein bärtiger Mann schnappte sich das Mikrophon und sprach zur Menge: “Wir sagen alle Nazis raus! Ja, aber wohin denn?”
Ich weiß nicht, ich finde es ja bezeichnend – für was auch immer. Die Nazi-Vergangenheit ist ein gefundenes Fressen für Idealisten, Moralisten und Gelangweilte – also für die Jugend. Um ein paar (nicht alle) zu nennen: Da gibt es z.B. einen (Pseudo-)Punk, der von seinen Freunden “Absturz” geheißen wird. Absturz trägt Springerstiefel, geflickte Karohosen, Lederjacken mit zahlreichen Aufnähern (hier und da ein paar Buttons) und einen rot-grünen Irokesen. Unter seinem Shirt versteckt sich eine Hausratte und seine Hände sind häufig damit beschäftigt, eine Zigarette zu drehen. Gar nicht so weit weg steht Joey bei ihren Freunden, mit denen sie abchillt und über… ja, über was denn… übers Töpfern redet. Joey kauft ihre Klamotten nur in Second-Hand-Läden ein, mag Früchte des Zorns, schnorrt selbstgedrehte Zigaretten, ist möglicherweise gepierced und Vegetarierin und trägt selbstverständlich Dreads. Und unweit entfernt sitzt Jenny mit ihren Kumpels Bier trinkend im Park und gröhlt lauthals Ärzte-Songs. Auch Jenny dreht sich ihre Zigaretten selbst. Was haben Absturz, Jenny und Joey gemein, die auf den ersten Blick doch so grundverschieden anmuten? Ihr soziales Engagement und ihre ach so uneingeschränkte Toleranz. Man muss ja was tun! Man darf nicht wegsehen! Man muss sich auflehnen! Wenn ihnen jemand sagt, er nehme an irgendeiner Gutmensch-Aktion nicht teil, weil es auf einen mehr oder weniger nicht ankomme, erwidern sie “Wenn alle so denken, gäbe es gar keinen Widerstand!”
Wie pflegt man Nazi-Aufmärsche heutzutage zu bekämpfen? Indem man einen riesen Wind drum macht, eine Gegendemo veranstaltet, die um ein vielfaches größer ist als der Nazi-Aufmarsch selbst, und demselben folglich eine willkommene Bühne/Aufmerksamkeit bietet. Das ist ja die einzige wirksame und notwendige Methode, um gegen den braunen Mob zu rebellieren. Eben nicht. In meinen Augen verschlimmert es die ganze Problematik sogar mehrfach. Mich dünkt, dass die Leute von einer anhaltenden Paranoia verfolgt werden, die ihnen glauben macht, dass ein zweites Drittes Reich entstehe oder die NPD zumindest in den Landtag einziehen werde, wenn man aus dem Kampf zwischen Rechts gegen Links kein Großereignis mache. Ein politisches Statement soll ja Durchschlagskraft haben, weil nur so die Leute erreicht/getroffen werden können. Deswegen käme auch niemand auf den Trichter, die Zweckmäßigkeit des Schrei-lauter-als-der-Feind- Prinzips zu hinterfragen. Aber eben das finde ich falsch. Schreien ist sowohl ein Not- als auch Warnsignal. Es ist nicht nur der Schreiende, der auf sich aufmerksam macht, sondern der Feind, dem Aufmerksamkeit durch die penetranten Klagelaute geboten wird. Was wollen denn die brauen Vollgurken? Die wollen ‘ne Bühne, herrje! Man, Leute… die lachen sich tot, freuen sich wie kleine Schulmädchen, wenn ihr so einen Wirbel um sie macht. Ihr macht ihnen die Aufmerksamkeit, die sie keinesfalls bekommen dürften, zum Geschenk und spitzt die Lage zu. Was heißt denn Demo? Demo heißt ich bin gegen dich/das – wahlweise mit dem Zusatz der Aufforderung zu Veränderungen. Diese Nazi-Gegen-Demos verändern gleichwohl nichts… absolut nichts… null. Ihr schreit lediglich im Kollektiv “Ich find’ dich scheiße, raus mit dir, du Nazi-Nutte!” und macht auf die besagten Nazi-Nutten, die raus sollen, aufmerksam. Die Glatzkopfneandertaler, so beschränkt sie auch sein mögen, kennen ihre Feinde, wissen, wer gegen sie ist: im Grunde die ganze Gesellschaft, von den braunen Hirnpygmäen selbst und einigen CSU -CDU- Wählern/Politikern mal abgesehen. Man kann ein demonstratives politisches Statement machen, ohne die gleichen Methoden der Rechten zu benutzen. In jedem Haus/Gebäude die Jalousien und Rollos runterziehen und nicht die eigenen vier Wände  verlassen, solange die Rechten marschieren… dann nämlich streifen die Nazis gleichsam durch ein Niemandsland und sind so allein wie Kevin McCallister seinerzeit zu Haus – oder in New York.

aber ich mach mir ja keine Hoffnungen…
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